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Fabian Lichters Economy Class

Keinen Plan

Es muss schon einigermaßen schlimm um die Wahrnehmung der Leute stehen, wenn ein Faktencheck der Tagesschau notwendig wird, um zu klären, dass die Grünen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die Planwirtschaft einführen werden. Denn das ist bekanntlich der Grundton u.a. im AfD-Umfeld, aber eben auch darüber hinaus. Auch Christian Lindner, man erinnert sich, raunte 2019 noch, die Grünen würden den Klimawandel nutzen, um "mit Planwirtschaft die Industrie umzubauen und Menschen umzuerziehen". Und man fragt sich, wo bloß die unsichtbare Hand bleibt, die den Mann einmal sorgsam aber bestimmt des Platzes verweist.

Bei einer Umfrage unter Wirtschaftsvertretern zur präferierten Kanzlerin kam Annalena Baerbock kürzlich jedenfalls noch auf 26,5 Prozent der Stimmen. Entweder ist man neuerdings an den Hebeln der Macht überraschend offen für ökonomische Experimente, oder aber man traut den Grünen in rechten Kreisen zu viel zu. Fragt sich nur: Wie weit müssen sich die Grünen noch in Richtung Wirtschaft und Altparteien bewegen, damit der Spuk in rechten Hirnen endlich ein Ende nimmt? Und wie um Himmels willen sollte so ein Übergang zum – dann eben grünen – Sozialismus aussehen? Wird es Bananensmoothies geben?

Wer im jüngst erschienen Wälzer "Schriften zu Planwirtschaft und Krise" von Friedrich Pollock Antwort sucht, stellt fest, dass es ihm zumindest 1929 (nach einer Forschungsreise nach Moskau für das Frankfurter Institut für Sozialforschung) tatsächlich möglich schien, dass eine Planwirtschaft, heißt eine Planung aller (!) Wirtschaftsbereiche, innerhalb einer Volkswirtschaft im Westen funktionieren könnte. Nur eben aller Voraussicht nach nicht im Einvernehmen mit den Eigentümern der Produktionsmittel. Man kann sich nun spaßeshalber ausmalen, wie Baerbock, Habeck und Co. ein solches Vorhaben 2021 Industrie und Bankenwesen schmackhaft machen würden. Ob das Habeck-Lächeln da ausreichte?

Seit den Tagen wissenschaftlichen Arbeitens zur Planwirtschaft und den realen Versuchen folgten eben doch noch einige Jahrzehnte Wirken und Walten des Kapitalismus, Globalisierung und Neoliberalismus (hierzulande nicht zuletzt salonfähig gemacht durch die Grünen). Und wer nun ausgerechnet in diesen Grünen die neuen Geburtshelfer der klassenlosen Gesellschaft sieht, dem kann man eigentlich wirklich nur noch gute Besserung wünschen. Es ist dann natürlich schon eindeutig dem Wahnhaften zuzuordnen, was da von rechts auf diese Partei hereinprasselt, und – das dürfte ein mindestens gleichrangiges Problem sein – von allerlei anderen Stimmen dankend aufgenommen und weitergesponnen wird, solange sich damit nur Stimmung gegen jedwede Idee von Regulierung vom Tempolimit bis selbst zum nachhaltigen Kantinenplan machen lässt. Da wünscht man sich doch schon beinahe wieder, es wäre nur ein klein wenig was dran, an den Geschichten.

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Meinung vs. Meinung

"Wir lassen uns die Meinung nicht verbieten", posaunte die Bild in Anlehnung an das Ergebnis einer Allensbach-Umfrage unlängst von der Titelseite, und Promigrimassen wie Kristina Schröder und ausgerechnet Hendrik Streeck klagten ihr Leid, das unbestritten das derzeit liebste Leid der Deutschen ist. Denn: "Jeder zweite Deutsche traut sich nicht mehr, offen seine Meinung zu sagen …" Und man darf in diesem Fall ausnahmsweise einmal auf steigende Zahlen hoffen.

Es ist und bleibt, das belegt die Aktion unfreiwillig gleich mit, eben ein doch recht konstruiertes Problem. Allein schon, weil man das alles bereits so unendlich oft gehört hat, sei es zum Thema Gender, dem Islam oder eben auch Corona. Nicht nur in Bild konnte z.B. Streeck, der sich diffamiert fühlt, seinen Sermon schließlich über ein Jahr lang gegen die Mehrheitsmeinung aus der Forschung in die Öffentlichkeit kippen. Und das ist natürlich dann auch sein Dreh: "Dabei gibt es nicht 'die' Wissenschaft", so Streeck. "Wissenschaft ist ständiger Widerspruch, ist das Ringen um Erkenntnisse. Fortschritt entsteht gerade dann, wenn der Konsens durchbrochen wird." Und man möchte selbst einfach nur noch brechen. Es eilten keine dunklen Herrschaften herbei, um ihn eines Nachts abzuholen, es gab lediglich Gegenmeinungen und Kritik, nicht zuletzt aus der Wissenschaft. Nein, nein, das ist nicht der Meinungs-Faschismus.

Totalitär ist da eher schon das zwanghafte Abwägen und Ausmitteln qua Medienmacht, wo längst überwiegende Einigkeit, wenn nicht Klarheit herrscht, nur, um Lobbyarbeit für seine eigenen Interessen zu betreiben. Sei es in der Causa Corona oder beim Klimawandel. Wo leider Gottes eben eine wissenschaftliche Mehrheitsmeinung bestand bzw. seit Jahrzehnten besteht, zu der man sicher nicht ohne Auseinandersetzung gekommen ist, gegen die man hierzulande aber dennoch gerade immer wieder diesen einen Suppenkasper in die Talkshow setzen muss, der anderer Meinung ist. Alles, um ein Entweder-Oder zu inszenieren, ein falsches 50:50-Verhältnis zweier vermeintlich gleichwertiger Standpunkte. Wir haben uns ja auch irgendwann von der mittelalterlichen Säftelehre verabschiedet und muss man jetzt hinter jedem Selbstdarsteller noch einen neuen Galilei vermuten?

Die Irrationale auf der Straße freut's. Ein dialektischer Treppenwitz, dass man nicht müde wird, ausgerechnet derlei Schmu immer wieder mit den schweren Geschützen von Aufklärung und Demokratie zu rechtfertigen. Blinder kann gar kein Positivismus sein. Nichts ist derzeit schließlich ein markanteres Resultat der Aufklärung als der Pieks in den Arm und das ein oder andere Leben, das auf dem Weg dahin geschützt wurde. Und wer dieser Tage nicht schon wieder im Biergarten oder im Café sitzt, sondern in der (Meinungs-)Diktatur, der hat sich eindeutig verirrt.

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Das ist alles vom Polizeigesetz gedeckt

"Alle Bullen sind Schweine" – das sei natürlich leicht gesagt, heißt es gerne, wenn man nicht einmal einen, geschweige denn alle kenne, womit man übersieht, dass es meist einfacher wird, wenn man dann tatsächlich einmal Bekanntschaft mit ihnen macht. Sei es bei der Gegen-Demo zu beliebigem braunen Auflauf oder wenn gar das Grußkärtchen vom NSU 2.0 daheim hereingeflattert kommt. Da möchte man dann eben auch nicht mehr unbedingt gemeinsam Käffchen trinken.

Mag schon sein, dass es ohne sie scheußlich zugehen würde, nur mit ihnen eben auch. Da ist Racial Profiling nur eine Baustelle von vielen: "Im deutschen Rechtssystem kommt man nicht gegen die Polizei an", sagt der Hamburger Altenpfleger John H. der taz, der von drei Polizisten vom Rad gerissen und fixiert wurde, auf den bloßen Verdacht hin, er handle mit Drogen. Ein anonymer Tipp und die falsche Hautfarbe reichen dafür offensichtlich aus. Die drei Täter – muss man es erwähnen? – kommen straffrei davon.

Parolen hin oder her: Man gibt sich in Polizeikreisen reichlich Mühe, die Aussage mit den berühmten vier Buchstaben wasserdicht zu machen. "Hessens Innenminister löst SEK Frankfurt auf", konnte man beim Spiegel lesen, nachdem u.a. gleich 18 Nazis dummerweise durch den psychologischen Test zur Aufnahme in eine Spezialeinheit gerutscht sind – mit Erfolg, versteht sich. Denn wenn sich ein Nazi in Deutschland nicht gleich selbst als Nazi vorstellt, muss er sich schon sehr dumm anstellen, um nicht auch noch Karriere zu machen.

Mindestens ein wenig schlecht getimt ist es dann schon, wenn man am selben Tag an derselben Stelle liest, was sich in Sachen Überwachungsgesetz so tut. Dass nämlich Bundespolizei und Nachrichtendienste neuerdings im Verdachtsfall via Bundestrojaner auf Smartphone und Computer mitlesen dürfen, präventiv also. Und was soll da schon bitte schiefgehen?

Es reicht neuerdings aber auch schon, in der SPD zu sein, was Martin Dulig, SPD-Vorsitzender Sachsen, erfahren durfte. Dem nämlich radikales Gedankengut dergestalt durch den Kopf spukte, dass die CDU eventuell nicht ganz unschuldig am Naziproblem sei, immerhin habe man 25 Jahre lang verharmlost und relativiert. Das fand der Verfassungsschutz dann doch zu interessant, um sich nicht einzuschalten, man weiß ja um die radikale Sprengkraft der Sozialdemokratie. Gerade im Osten. Wie gut, dass jemand aufpasst.

 

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Zeit und Verschwendung

Wahrheit hat ihren Zeitkern, und dass Haltungen, Anschauungen, Geschmäcker und Formen der Ästhetik plötzlich "aus der Zeit gefallen wirken", ist nicht zuletzt diesem Umstand geschuldet und eben nicht das Werk finsterer Meinungsmächte oder gesteuerter Diskursverschiebungen. Das kann man einsehen oder man wird Welt-Leser.

Es war leicht, beispielsweise noch mit ein paar Jahrzehnten Puffer zu den ersten Katastrophen in Sachen Weltklima das Anliegen von Umwelt- und Ökologiebewegungen als lächerlich abzutun. Statt vor dem Weltuntergang fürchtete man sich lieber vor den Achselhaaren der Ökos, und der Applaus war einem sicher. Man muss gar nicht geschmäcklerisch daherkommen, um das als verstaubt abzutun, nicht einmal sonderlich moralisch; Achselhaare sind nun mal einfach nicht mehr unser größtes Problem.

Ein Drittel aller Hitzetoten, meldet u.a. die Taz, geht längst auf das Konto der Erderwärmung, und wo früher Eisberge waren, löst sich fröhlich das Quecksilber. Wie es hier nur in fünfzehn Jahren aussehen wird, mag sich schon keiner mehr ausmalen. Die lässige Haltung zu Themen wie diesen ist folglich futsch, desavouiert durch nichts Geringeres als die Realität selbst. Sie wird niemandem verboten, allein sie langweilt schrecklich. Kunst, Politik und ein Leben, das nicht vollkommen den Draht zur Außenwelt verloren hat, versucht Tatsachen wie diese zu integrieren, sonst wäre die ganze Welt Bayreuth.

Was zum Schlachtfeld "politische Korrektheit" führt: Wenn Präsidenten, ins Parlament gewählte Parteien und die Nachbarn längst wieder menschenverachtender sprechen als jede "Kunstfigur" aus Comedy und Kabarett es je getan hat – muss ich das dann auch noch tun? Und für wessen Freiheit noch mal genau? Der Freiraum, in dem man sich einst so heldenhaft bemühte, Grenzen auszuloten, ist eben gewachsen, heißt, es wird nicht mehr einzig unter sich ausgehandelt, mit wie viel Schweinskram man noch durchkommt. Und wer Witze über Müslis oder Aische von nebenan nicht mehr originell findet, hat vielleicht auch einfach mehr Humor als Jan Fleischhauer.

Deswegen muss man noch lange nicht glauben, Hegels Weltgeist sei in Form der sogenannten Woke-Culture ans Werk gegangen: Dass autoritäre Charaktere und die Schrebergärtner des Geistes auch im Namen des Guten ihre Selbstgerechtigkeiten in die Welt hämmern, weil sie aus irgendeinem Zufall eben nicht in einer puritanischen Kirchengemeinde oder der Jungen Union gelandet sind – geschenkt. Wer leugnet, dass es ein Zuviel des Guten gibt, hat höchstwahrscheinlich einen rege genutzten Twitter-Account oder eben nicht. Wo werdenden Eltern schon mal geraten wird, sie sollten nicht auf ein gesundes Kind hoffen, das impliziere Geringschätzung an einem kranken Kind. Sprachkritik direkt aus der Hölle.

Die Polarisierung mitzumachen, heißt, die Stumpfheit weiterzutragen. Wer darauf auch noch die nächsten zehn Jahre Lust hat, wird weiterhin seine Zeit dort verplempern, wohin sich Gehirne zum Sterben zurückziehen und dafür herzen. Möge die Rache der nächsten Generation fürchterlich sein.

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Im Zentrum des Wahnsinns

Neuerdings hört man wieder öfter von ihr: der Mitte. Anzustreben sei sie, zu erhalten. Persönlich, im Sinne der allgemeinen Gelassenheit, vor allem aber politisch – als gesicherter Raum eines Koordinatensystems der Werte und Anschauungen, Sphäre einer Klientel, die vernünftig und abwägend handele, stabil und friedenssichernd wirke. Anders als die "Spinnerten" (J. Gauck, neckisch über Bruder Querdenker) an den Rändern, dabei ist man in der Mitte auch nur auf seine eigene Art und Weise spinnert. Ob nun die neueste Prenzelberg-Esoterik oder akademischer, zwischen Banalität und Idiotie gelagerter Unsinn wie die Welt sei Text (Letzteres möge der derart denkende Mensch bitte einmal dem Kind in der Kobaltmine erklären, das gerade den Rohstoff für seinen nächsten Handy-Akku aus dem Boden holt) – wer will es heute schon konkret?

Als schick galt es in der Mitte lange Zeit, sich ein paar "unerklärlichen Dingen" offen gegenüber zu zeigen, um nicht kleingeistig und borniert zu wirken, Heilpraktiker und Vertreiber von Homöopathika leben nach wie vor gut davon. Man lässt sich von nach dem Burnout in der Agentur zu Heilern umgeschulten Mittvierzigern das Genick umdrehen, die Knochen knacken und die Hände auflegen, aber ist schon aus Ausgewogenheitsgründen erst mal skeptisch, wenn ein Virologe einem mit Zahlen kommt. Man meditiert für die Work-Life-Balance und wer kein Kapital hat, glaubt durch Ratgeber und das richtige Mindset – also Kraft seiner Gedanken – trotzdem noch irgendwie Millionär werden zu können.

Neben all dem Lifestylemumpitz steht eine pseudokritische und salbungsvoll raunende engagierte Mitte, heißt: Man liest Carolin Emcke und ihren neuen Jargon der Eigentlichkeit ("Ich empfinde dieses Vakuum als Dissonanz", Emcke über den Tod, was sonst?) oder lauscht Phrasenschwein Joachim Gauck, um sich noch bei der Befassung mit den Problemen dieser Zeit möglichst weit von ihnen weg zu bewegen. Dann doch lieber Knochenknacken.

Die größte Lebenslüge der Mitte, sie sei das Bollwerk gegen den Faschismus, ist historisch nicht minder unhaltbar als der verdrehte Quatsch, der den Verschwörungstheoretikern aus den Telegram-Gruppen durch die Hirne brummt. "Der Nationalsozialismus in Deutschland wurde nicht von einer bürgerlichen Mitte verhindert, sondern massgeblich von ihr mitgetragen" (Max Czollek, woz.de). Und noch heute will man vor allem die Schäfchen in die Mitte integrieren, die ihr – um im falschen Bild zu bleiben – nach rechts davonlaufen. Da kann der topintegrierte Einwanderer noch so viel Pluspunkte sammeln, es wird ihm nie das Verständnis entgegenwehen, das ein grenzpsychotischer Impfskeptiker mit Hitlerknacks erhält. Trümmerhaufen Mitte.

Laut Wolfgang Pohrt ist der Mensch modernen Zuschnitts nicht einmal mehr zur Ideologie fähig. Das Ich fragmentiert, ein heilloser Flickenteppich aus Anschauungen und Reaktionen, erschüttert und gespalten durch die gesellschaftlichen Widersprüche und Widrigkeiten. Und genau so sieht es dann auch aus: Nicht nur auf der Querdenkerdemo schaffen es die Leute heute mühelos links, rechts und liberal, Opfer, Täter, dafür und dagegen gleichzeitig zu sein. Ein Amoklauf der Rationalisierung.

Die moderne Welt formt sich die Menschen nach ihrem Anspruch. Ein Leben lang flexibel, kreativ und bereit zu sein, sich jederzeit neu zu erfinden – das kann nichts anderes heißen, als einen kompletten Dachschaden zu haben. Wie redet man mit denen, mit denen man nicht mehr reden kann? Fragen sich die, die nichts zu sagen haben. Willkommen im Vakuum.

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Anlage, Anlage, Anlage

Man muss sich nur fünf Minuten mit dem Immobilienmarkt beschäftigt haben, um auf der Stelle Kommunist werden zu wollen. Oder eben Eigentümer, aber es soll hier nicht um Charakterfragen gehen. Letzteres dürfte jedenfalls selbst für die vermeintlich saturierte Mitte bald so weit entfernt sein wie die freie Gesellschaft, also warum nicht gleich aufs Ganze gehen?

Wer jetzt keinen Mietvertrag hat, der kriegt auch keinen mehr. Das schwant einem zumindest, wenn man liest, dass die Wohnungskonzerne Vonovia und Deutsche Wohnen AG die Fusionierung planen. Es wäre nur ein weiterer Beleg dafür, dass man auf dem Immobilienmarkt noch mit jeder Schweinerei durchkommt.

Warum jemandem rund eine halbe Million Wohnungen gehören dürfen, wo andere kein Dach über dem Kopf haben, weil eben ein paar Mal zu viel Pech gehabt, fragt man besser ohnehin nicht oder eben bitte doch einmal. Mietendeckel? Schon zu viel Utopie für eine deutsche Verfassung. Vonovia ist, falls es wer noch nicht erlebt hat, übrigens bekannt dafür, dank des "Schlupflochs" Modernisierungsumlage die Mieter aus ihrem Mietverhältnis regelrecht herauszusanieren.

Das alles muss eine Demokratie aushalten, wenn man keine Investoren verschrecken möchte. Denen gehört dann aber bei genauerem Hinsehen ohnehin schon so ziemlich alles, da auch Gemeinden und Städte im Überschwang der letzten Jahre entdeckt haben, dass man aus Grund und Boden immer noch ein wenig mehr rausholen kann, und in Goldgräberstimmung verjubelt haben, was nur ging. Jetzt darf gnädigerweise zurückgekauft werden, Eigentum verpflichtet ja.

Nach Brecht kommt die Schwärmerei für die Natur von der Unbewohnbarkeit der Städte, die sich jetzt noch einmal ganz neu darstellen dürfte. Wer nun denkt, eine Wohnung im Grünen sei zur Not immer noch drin, wenn ein St. Pauli voller Zahnärzte und ein Kreuzberg der Anlageberaterinnen endgültig keinen Spaß mehr machen, irrt. Denn auch dort ist’s längst dasselbe in – na ja – grün.

Man braucht nicht viel Phantasie, um zu erahnen, wie das alles in naher Zukunft aussehen wird. Wohin also flüchten, wenn eines Tages auch Eisenhüttenstadt eine einzige Anlage geworden ist, die durch voreilige Mieterfüße nur Wertverlust erfahren würde? Ein Flug ins All mit Jeff Bezos liegt derzeit bei knapp 3 Millionen Dollar. Dafür kriegt man in zehn Jahren vielleicht aber auch noch ein schönes Zimmer in Bockenheim.

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Meine Freiheit, deine Freiheit

Ein zuverlässiger Indikator fürs Idiotentum ist die kleinkindhafte Auflehnung gegen Verbote, und seien es behauptete oder halluzinierte. Man erinnert sich schmerzlich an Christian Lindners Angst um das Schnitzel, das ihm die Grünen angeblich rauben wollten. Dass Verbote durchaus ihre Berechtigung haben können und weitaus mehr als nur Gängelung und Bevormundung bedeuten, muss eben mit allen Mitteln im Unterbewussten gehalten werden, denn nur dann sind Menschen durch derlei Gepöbel in Stimmung für noch jede Schandtat zu bringen, etwa ein Kreuz bei der FDP zu machen. 

Das Fundament jeder Kultur bedeutet, sich Verbote (moralischer Art oder in Gesetze gegossen) aufzuerlegen, sei es, um mit Freud zu beginnen, das Verbot, den anderen totzuschlagen. Auf dieser simplen Affektbeherrschung ruht das zivilisierte Zusammenleben, aus der schlichten Erfahrung heraus, dass es einen Vorteil für das Individuum und auch die Gruppe bedeutet. Ein weiterer Vorteil könnte es sein, künftig auf einem Planeten zu leben, der noch bewohnbar ist. Nicht mehr und nicht weniger stellen nicht zuletzt die in den Raum, die aller Voraussicht nach noch eine Weile auf ihm verbringen werden. Einigermaßen beunruhigend, zu wissen, dass, wenn es denn nur reichen würde, diesen Vorteil zu gewährleisten, ein Großteil der Menschen dennoch zu trotzig wäre, dafür auch nur auf ein Schnitzelbrötchen zu verzichten.

Das nach rechts um Beifall schielende Granteln gegen vermeintliche Verbotsparteien, Fridays-for-Future-Demos und das Gequatsche von Fremdenangst beim Bäcker hat Lindner keine nennenswerten Sympathiepunkte gebracht. Und das muss man – Respekt! – auch erst einmal hinbekommen, den Leuten derart nach dem Mund zu reden und trotzdem auf Ablehnung zu stoßen. Manch einer ist eben noch zu dumm, sich dumm zu stellen.

Nun war es ausgerechnet die Pandemie, die der FDP wieder Aufwind gegeben hat (11% laut Umfragewerten), denn auch die wurde in weiten Teilen der Gesellschaft vor allem als Kränkung erlebt, als Zumutung, sich einschränken zu müssen. Für andere. Ein Zug, auf den die FDP nur zu gerne aufsprang. Denn auch für sie meint Freiheit im Ernstfall nun mal vor allem die Freiheit, andere über die Klippe springen zu lassen, ohne, sich dafür verantwortlich fühlen zu müssen.

Das ist dann auch das Programm, das hinter den Wahlkampfkloppern der FDP liegt (Cannabis-Legalisiserung, Aktienrente, ÖR-Kürzungen): Dass all dieser Unsinn auf ewig so weitergehen möge, und rette sich, wer kann. Eine Denke, die den Leuten dann doch vor allem anderen einzuleuchten scheint. Das schreit doch eigentlich nach Parteiverbot.

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Warum, Internet?

Täglich ermöglichst Du Meldungen wie diese: »›Problematisch‹: Autofahrern droht Spritpreis-Hammer – ADAC beobachtet Teuer-Trend« (infranken.de).

Warum greifst Du da nicht ein? Du kennst doch jene Unsichtbar-Hand, die alles zum Kapitalismus-Besten regelt? Du weißt doch selbst davon zu berichten, dass Millionen Auto-Süchtige mit Dauer-Brummbrumm in ihren Monster-Karren Städte und Länder terrorisieren und zum Klima-Garaus beitragen? Und eine Lobby-Organisation für Immer-Mehr-Verbrauch Höher-Preise erst verursacht?

Wo genau ist eigentlich das Verständlich-Problem?

Rätselt Deine alte Skeptisch-Tante Titanic

 Hello, Grant Shapps (britischer Verteidigungsminister)!

Eine düstere Zukunft haben Sie in einem Gastbeitrag für den Telegraph zum 75jährigen Bestehen der Nato skizziert. Sie sehen eine neue Vorkriegszeit gekommen, da sich derzeit Mächte wie China, Russland, Iran und Nordkorea verbündeten, um die westlichen Demokratien zu schwächen. Dagegen hülfen lediglich eine Stärkung des Militärbündnisses, die weitere Unterstützung der Ukraine und Investitionen in Rüstungsgüter und Munition. Eindringlich mahnten Sie: »Wir können uns nicht erlauben, Russisch Roulette mit unserer Zukunft zu spielen.«

Wir möchten aber zu bedenken geben, dass es beim Russisch Roulette umso besser fürs eigene Wohlergehen ist, je weniger Munition im Spiel ist und Patronen sich in der Trommel befinden.

Den Revolver überhaupt vom eigenen Kopf fernhalten, empfehlen Ihre Croupiers von der Titanic

 Hey, »Dyn Sports«!

Bitte für zukünftige Moderationen unbedingt merken: Die Lage eines Basketballers, der nach einem Sturz »alle Viere von sich streckt«, ist alles Mögliche, aber bestimmt nicht »kafkaesk«. Sagst Du das bitte nie wieder?

Fleht Titanic

 Grüß Gott, Businesspäpstin Diana zur Löwen!

Du verkaufst seit Neuestem einen »Anxiety Ring«, dessen »bewegliche Perlen« beim Stressabbau helfen sollen. Mal abgesehen davon, dass das einfach nur das hundertste Fummelspielzeug ist, kommen uns von ihren Nutzer/innen glorifizierte und zur Seelenerleichterung eingesetzte bewegliche Perlen an einer Kette verdächtig bekannt vor.

Ist für Dich natürlich super, denn auch wenn Du Deinen treuen Fans skrupellos das Geld aus der Tasche ziehst, in die Hölle kommst Du zumindest für diese Aktion sicher nicht.

Auch wenn dafür betet:

Deine Titanic

 Ganz schön kontrovers, James Smith,

was Du als Mitglied der britischen Band Yard Act da im Interview mit laut.de vom Stapel gelassen hast. Das zu Werbezwecken geteilte Zitat »Ich feiere nicht jedes Cure-Album« hat uns jedenfalls so aufgewühlt, dass wir gar nicht erst weitergelesen haben.

Wir mögen uns nicht ausmalen, zu was für heftigen Aussagen Du Dich noch hast hinreißen lassen!

Findet, dass Provokation auch ihre Grenzen haben muss: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Back to Metal

Wer billig kauft, kauft dreimal: Gerade ist mir beim zweiten Sparschäler innerhalb von 14 Tagen die bewegliche Klinge aus ihrer Plastikaufhängung gebrochen. Wer Sparschäler aus Kunststoff kauft, spart also am falschen Ende, nämlich am oberen!

Mark-Stefan Tietze

 Gebt ihnen einen Lebenszyklus!

Künstliche Pflanzen täuschen mir immer gekonnter Natürlichkeit vor. Was ihnen da aber noch fehlt, ist die Fähigkeit zu verwelken. Mein Vorschlag: Plastikpflanzen in verschiedenen Welkstadien, damit man sich das Naserümpfen der Gäste erspart und weiterhin nur dafür belächelt wird, dass man alle seine Zöglinge sterben lässt.

Michael Höfler

 Altersspezifisch

Ich gehöre noch zu einer Generation, deren Sätze zu häufig mit »Ich gehöre noch zu einer Generation« anfangen.

Andreas Maier

 Finanz-Blues

Wenn ich bei meiner langjährigen Hausbank anrufe, meldet sich immer und ausnahmslos eine Raiffeisenstimme.

Theobald Fuchs

 Vom Feeling her

Es hat keinen Sinn, vor seinen Gefühlen wegzulaufen. Man muss sich schon auch mal hinter einem Baum verstecken und warten, dass die das nicht merken und an einem vorbeiziehen, sonst bringt das ja alles nichts.

Loreen Bauer

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
23.05.2024 Bielefeld, Theaterlabor Max Goldt
24.05.2024 Dresden, Buchladen Tante Leuk Thomas Gsella
30.05.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst »POLO«
30.05.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst Hans Traxler: »Die Dünen der Dänen«