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Fabian Lichters Economy Class

Meinung vs. Meinung

"Wir lassen uns die Meinung nicht verbieten", posaunte die Bild in Anlehnung an das Ergebnis einer Allensbach-Umfrage unlängst von der Titelseite, und Promigrimassen wie Kristina Schröder und ausgerechnet Hendrik Streeck klagten ihr Leid, das unbestritten das derzeit liebste Leid der Deutschen ist. Denn: "Jeder zweite Deutsche traut sich nicht mehr, offen seine Meinung zu sagen …" Und man darf in diesem Fall ausnahmsweise einmal auf steigende Zahlen hoffen.

Es ist und bleibt, das belegt die Aktion unfreiwillig gleich mit, eben ein doch recht konstruiertes Problem. Allein schon, weil man das alles bereits so unendlich oft gehört hat, sei es zum Thema Gender, dem Islam oder eben auch Corona. Nicht nur in Bild konnte z.B. Streeck, der sich diffamiert fühlt, seinen Sermon schließlich über ein Jahr lang gegen die Mehrheitsmeinung aus der Forschung in die Öffentlichkeit kippen. Und das ist natürlich dann auch sein Dreh: "Dabei gibt es nicht 'die' Wissenschaft", so Streeck. "Wissenschaft ist ständiger Widerspruch, ist das Ringen um Erkenntnisse. Fortschritt entsteht gerade dann, wenn der Konsens durchbrochen wird." Und man möchte selbst einfach nur noch brechen. Es eilten keine dunklen Herrschaften herbei, um ihn eines Nachts abzuholen, es gab lediglich Gegenmeinungen und Kritik, nicht zuletzt aus der Wissenschaft. Nein, nein, das ist nicht der Meinungs-Faschismus.

Totalitär ist da eher schon das zwanghafte Abwägen und Ausmitteln qua Medienmacht, wo längst überwiegende Einigkeit, wenn nicht Klarheit herrscht, nur, um Lobbyarbeit für seine eigenen Interessen zu betreiben. Sei es in der Causa Corona oder beim Klimawandel. Wo leider Gottes eben eine wissenschaftliche Mehrheitsmeinung bestand bzw. seit Jahrzehnten besteht, zu der man sicher nicht ohne Auseinandersetzung gekommen ist, gegen die man hierzulande aber dennoch gerade immer wieder diesen einen Suppenkasper in die Talkshow setzen muss, der anderer Meinung ist. Alles, um ein Entweder-Oder zu inszenieren, ein falsches 50:50-Verhältnis zweier vermeintlich gleichwertiger Standpunkte. Wir haben uns ja auch irgendwann von der mittelalterlichen Säftelehre verabschiedet und muss man jetzt hinter jedem Selbstdarsteller noch einen neuen Galilei vermuten?

Die Irrationale auf der Straße freut's. Ein dialektischer Treppenwitz, dass man nicht müde wird, ausgerechnet derlei Schmu immer wieder mit den schweren Geschützen von Aufklärung und Demokratie zu rechtfertigen. Blinder kann gar kein Positivismus sein. Nichts ist derzeit schließlich ein markanteres Resultat der Aufklärung als der Pieks in den Arm und das ein oder andere Leben, das auf dem Weg dahin geschützt wurde. Und wer dieser Tage nicht schon wieder im Biergarten oder im Café sitzt, sondern in der (Meinungs-)Diktatur, der hat sich eindeutig verirrt.




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Briefe an die Leser

 Ah, »Galileo«!

Über die Arbeit von Türsteher/innen berichtest Du: »Viele Frauen arbeiten sogar als Türsteherinnen«. Wir setzen noch einen drauf und behaupten: In dieser Branche sogar alle!

Schmeißen diese Erkenntnis einfach mal raus:

Deine Pointen-Bouncer von Titanic

 Clever, »Brigitte«!

Du lockst mit der Überschrift »Fünf typische Probleme intelligenter Menschen«, und wir sind blöd genug, um draufzuklicken. Wir lernen, dass klug ist: wer mehr denkt, als er spricht, wer sich ungeschickt im Smalltalk anstellt, wer sich im Job schnell langweilt, wer sich mit Entscheidungen schwertut, wer bei Streit den Kürzeren zieht und wer ständig von Selbstzweifeln geplagt wird.

Frustriert stellen wir fest, dass eigentlich nichts von alledem auf uns zutrifft. Und als die Schwachköpfe, die wir nun einmal sind, trauen wir uns fast gar nicht, Dich, liebe Brigitte, zu fragen: Waren das jetzt nicht insgesamt sechs Probleme?

Ungezählte Grüße von Deiner Titanic

 Verehrte Joyce Carol Oates,

da Sie seit den Sechzigern beinah im Jahrestakt neue Bücher veröffentlichen, die auch noch in zahlreiche Sprachen übersetzt werden, kommen Sie vermutlich nicht dazu, jeden Verlagstext persönlich abzusegnen. Vielleicht können Sie uns dennoch mit ein paar Deutungsangeboten aushelfen, denn uns will ums Verrecken nicht einfallen, was der deutsche Ecco-Verlag im Sinn hatte, als er Ihren neuen Roman wie folgt bewarb: »›Babysitter‹ ist ein niederschmetternd beeindruckendes Buch, ein schonungsloses Porträt des Amerikas der oberen Mittelschicht sowie ein entlarvender Blick auf die etablierten Rollen der Frau. Oates gelingt es, all dies zu einem unglaublichen Pageturner zu formen. In den späten 1970ern treffen in Detroit und seinen Vorstädten verschiedene Leben aufeinander«, darunter »eine rätselhafte Figur an der Peripherie der Elite Detroits, der bisher jeglicher Vergeltung entkam«.

Bitte helfen Sie uns, Joyce Carol Oates – wer genau ist ›der Figur‹, dem es die elitären Peripherien angetan haben? Tragen die Leben beim Aufeinandertreffen Helme? Wie müssen wir uns ein Porträt vorstellen, das zugleich ein Blick ist? Wird das wehtun, wenn uns Ihr Buch erst niederschmettert, um dann noch Eindrücke auf uns zu hinterlassen? Und wie ist es Ihnen gelungen, aus dem unappetitlich plattgedrückten Matsch zu guter Letzt noch einen »Pageturner« zu formen?

Wartet lieber aufs nächste Buch: Titanic

 Aha bzw. aua, Voltaren!

Das wussten wir gar nicht, was da in Deiner Anzeige steht: »Ein Lächeln ist oft eine Maske, die 1 von 3 Personen aufsetzt, um Schmerzen zu verbergen. Lass uns helfen. Voltaren.«

Mal von der Frage abgesehen, wie Du auf die 1 von 3 Personen kommst, ist es natürlich toll, dass Du offenbar eine Salbe entwickelt hast, die das Lächeln verschwinden lässt und den Schmerz zum Vorschein bringt!

Gratuliert salbungsvoll: Titanic

 Rrrrr, Jesus von Nazareth!

Rrrrr, Jesus von Nazareth!

Im andalusischen Sevilla hast Du eine Kontroverse ausgelöst, der Grund: Auf dem Plakat für das Spektakel »Semana Santa« (Karwoche) habest Du zu freizügig ausgesehen, zu erotisch, ja zu hot!

Tja, und wie wir das besagte Motiv anschauen, verschlägt es uns glatt die Sprache. Dieser sehnsüchtige Blick, der kaum bedeckte anmutige Körper! Da können wir nur flehentlich bitten: Jesus, führe uns nicht in Versuchung!

Deine Dir nur schwer widerstehenden Ungläubigen von der Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Gute Nachricht:

Letzte Woche in der Therapie einen riesigen Durchbruch gehabt. Schlechte Nachricht: Blinddarm.

Laura Brinkmann

 Im Institut für Virologie

Jeder Gang macht krank.

Daniel Sibbe

 Die wahre Strafe

Verhaftet zu werden und in der Folge einen Telefonanruf tätigen zu müssen.

Fabio Kühnemuth

 Frage an die Brutschmarotzer-Ornithologie

Gibt es Kuckucke, die derart hinterhältig sind, dass sie ihre Eier anderen Kuckucken unterjubeln, damit die dann fremde Eier in fremde Nester legen?

Jürgen Miedl

 Immerhin

Für mich das einzig Tröstliche an komplexen und schwer zugänglichen Themen wie etwa Quantenmechanik, Theodizee oder den Hilbertschen Problemen: Letztlich ist das alles keine Raketenwissenschaft.

Michael Ziegelwagner

Vermischtes

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Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
23.05.2024 Bielefeld, Theaterlabor Max Goldt
24.05.2024 Dresden, Buchladen Tante Leuk Thomas Gsella
30.05.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst »POLO«
30.05.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst Hans Traxler: »Die Dünen der Dänen«