Inhalt der Printausgabe

Die PARTEI informiert


Martin Sonneborn (MdEP)
Bericht aus Brüssel
Folge 13

»Man soll nur von Europa sprechen, denn die deutsche Führung ergibt sich ganz von selbst.«

Außenpolitisches Amt der NSDAP

Brüssel, Plenum

Es wird nicht langweilig im Plenum. Während links von mir mein alter polnischer Freund Korwin-Mikke längst eine feste Größe geworden ist, wechseln die Kollegen zu meiner Rechten des öfteren.


Sachdienlicher Hinweis der »Welt«

Janusz Korwin-Mikke lehnt ein aktives Wahlrecht für Frauen ab, er beschreibt sie als Zwischenform zwischen Mann und Kind.


Ein paar Sitzungswochen lang habe ich Herrn López Aguilar neben mir, einen höflichen und gut gekleideten Spanier. Der ehemalige Justizminister, der sich zu seiner Zeit für Frauenrechte und »Null Toleranz«-Gesetze gegen häusliche Gewalt eingesetzt hatte, war aus der S&D-Fraktion ausgeschlossen worden und zu uns Fraktionslosen gekommen, weil er sich vor Gericht mit dem Vorwurf auseinandersetzen mußte, seiner Frau ein blaues Auge verpaßt zu haben. Die Anzeige wird wenig später zurückgezogen, weil es sich um einen »Unfall im Haus« gehandelt habe. Ein weiteres Verfahren schließt sich an, lt. spanischer Presse wegen »körperlicher und seelischer Gewalt« und eines »kleinen Brandes im Haus«. Bei uns bleibt López Aguilar friedlich. Gerade habe ich mich an den stillen Banknachbarn gewöhnt, da werden die Ermittlungen wegen Unglaubwürdigkeit seiner Exfrau eingestellt, und er verschwindet wieder in seiner Fraktion.

Aguilar
Soru

Das Gastspiel von Alessandra Mussolini, Enkelin des Duce, ist deutlich kürzer; danach steht lange der Name Renato Soru im Sitzplan, aber der Platz neben mir bleibt durchgehend frei. Als ich Büroleiter Hoffmann frage, weiß er zu berichten, daß es sich bei Soru um einen sehr reichen Italiener handelt. Eine Google-Recherche ergibt, daß es sich um einen sehr, sehr reichen Italiener handelt, den reichsten Italiener überhaupt. Der Gründer des Internet-Providers Tiscali verfügt über ein Privatvermögen von rund vier Milliarden US-Dollar sowie eine fundierte Anzeige wegen Steuerhinterziehung inklusive eines Urteils, das ihm für drei Jahre einen sicheren Sitzplatz in einer weniger überstaatlichen Einrichtung garantiert. Kein Wunder, daß Soru wenig Lust verspürt, seine letzten freien Tage zwischen uns Spinnern in den hinteren Reihen des EU-Parlaments zu verbringen.

Merkwürdige Situation eigentlich: Ich sitze in der einzigen demokratisch gewählten Volksvertretung der EU, links von mir stimmt der reichste polnische Politiker ab, rechts von mir der reichste Italiener. Die einst von Christoph Schlingensief propagierte Idee der attischen Demokratie, Volksvertreter künftig auszulosen, wird mir immer sympathischer.

Brüssel, Parlament

»Wir werden dieses Land unregierbar machen!« drohte Jo Leinen 1983, heute trägt er Hut.

Auf dem Weg zum Büro stehe ich vor dem Aufzug. Als die Türen sich öffnen, sehe ich Jo Leinen (163) im Aufzug stehen, die Taste für Stockwerk eins leuchtet. »Ah, die SPD auf dem Weg nach unten!« Ich drücke für Stockwerk fünf, Leinen ist überrascht: »Oh, die PARTEI nur ein Stockwerk unter der SPD…« – »Ja, der Abstand schwindet, gute Fahrt!«

Kürzlich hatte mir der Sozialdemokrat noch versichert, daß die von ihm und der konservativen Polin Hanuta Hübner verantwortete Wahlrechtsänderung für Europa auf dem besten Wege sei, im Rat einfach durchgewunken zu werden. Büroleiter Hoffmann tobt, als er das hört: »Das EU-Parlament hat das Initiativrecht bei Wahlrechtsangelegenheiten nicht zufällig. Es hat den Auftrag, ein wirklich europäisches Wahlrecht zu schaffen, welches aus dem Parlament der Nationalstaaten ein echtes Europäisches Parlament machen soll. Ein Armutszeugnis, daß Leinen als Berichterstatter dieses wichtige Recht dazu mißbraucht, eine Wahlrechtsreform um eine Drei-Prozent-Hürde herum zu konstruieren, damit die deutschen Kleinparteien bei der nächsten Wahl wieder aus dem Parlament fliegen.«

Straßburg, Parlament

Eine Woche später organisiert Hoffmann ein Treffen mit der Vertretung Maltas. Malta führt derzeit die Präsidentschaft im EU-Rat und bestimmt die Themen, die bei den Sitzungen auf die Tagesordnung kommen. Nach einem 30minütigen Gespräch wissen wir, daß die Wahlrechtsreform von Jo Leinen praktisch tot ist. Die Malteser signalisieren, daß es durchaus Interesse für eine Reform gebe, daß die vorliegende Version aber inhaltlich ungenügend sei und lediglich den Deutschen zupaß käme. Im Moment gebe es in der EU wahrlich andere Prioritäten… Sympathische Malteser!

Büroleiter Hoffmann, zurückhaltende Malteser

Brüssel, Plenum

Eine Sozialdemokratin meldet sich zu Beginn der Sitzung und moniert, daß bei der Besetzung des Europäischen Rechnungshofes wieder kaum Frauen berücksichtigt wurden, obwohl der Rat das Parlament in dieser Frage konsultieren muß: »Nur drei Frauen unter den 28 Rechnungsprüfern.« Zwischenruf Korwin-Mikke: »How many Homosexuals? How many?!«

Brüssel, Büro

Unsympathische Malteser! Der »Süddeutschen Zeitung« muß ich entnehmen, welche Prioritäten die Malteser setzen: »Im Kampf gegen die Steuervermeidungstricks von Konzernen geben sich Malta, Luxemburg und andere kleine EU-Staaten zurückhaltend. Die EU solle das Tempo in der Steuergesetzgebung drosseln, um Unsicherheiten für Unternehmen zu vermeiden, fordert die maltesische Ratspräsidentschaft.«

Schon ein lustiger Verein, diese EU! Anstatt auf die existentielle Kritik, die der Brexit der doofen Briten nun mal darstellt, mit einer veränderten, sozialeren und weniger skrupellos wirtschaftlich orientierten Politik zu reagieren, behält die Steuerbefreiung für Konzerne Priorität. Anstatt auf ein Urteil des EuGH* zu reagieren, das Juncker attestiert, 3,2 Millionen Unterschriften der Europäischen Bürgerinitiative gegen TTIP und CETA wider geltendes Recht ignoriert zu haben, wird gerade relativ lautlos ein in den kritischen Punkten identisches Freihandelsabkommen mit Japan geschlossen. Anstatt auf die bevorstehende Eskalation der Flüchtlingskrise mit einer fairen Handelspolitik gegenüber Afrika zu reagieren, plant die EU, mit ungeheuren Summen eine Armee aufzubauen.

Die überzeugendste Aktion zur Rettung Europas, die ich im Parlament beobachten darf, ist eine Grundsatzrede des EVP-Vorsitzenden Manfred Streber (CSU). Der irre Franke will zur Rettung der EU jedem Jugendlichen zum 18. Geburtstag ein freies Interrail-Ticket schenken. Eine brillante Idee, gerade für südliche Länder mit einer Jugendarbeitslosigkeit von bis zu 50 Prozent. »Dann lieber ein ›Unfreiwilliges Europäisches Jahr‹«, wirft meine Europapolitische Beraterin ein: »Die arbeitslosen jungen Spanier schicken wir nach Österreich, die Italiener nach Finnland, Rumänen nach Belgien etc. – das bringt echte Völkerverständigung.«

Brüssel, Tagungsraum im Parlament

Die »Delegation für die Beziehungen zur Halbinsel Korea« tagt. Aus Gründen bin ich Mitglied, also tage ich mit. Heute ist der nordkoreanische Botschafter aus London angereist, um sich einem Austausch zu stellen. Gleich zu Beginn wird darauf verwiesen, daß es sich um ein sogenanntes »In-camera-Verfahren« handelt, daß also außer mir niemand darüber berichten darf. Nach einigen Höflichkeiten ergreife ich in der Fragerunde die diplomatische Initiative: »Herr Botschafter, die slowenische Band Laibach ist vor einiger Zeit in Nordkorea aufgetreten. Bedeutet das eine Öffnung für einen kulturellen Austausch und dürfen wir mit weiteren Konzerten westlicher Künstler in Ihrem schönen Land rechnen?«

Helene-Fischer-Fans (v.l.n.r.)

Als der Diplomat, dessen Namen ich nicht nennen darf, bejaht, mache ich Nägel mit Köpfen: »Herr Botschafter, wir haben in Deutschland die sehr, sehr gute Sängerin Helene Fischer, die wir gern auf eine sehr, sehr, sehr ausgedehnte Nordkorea-Tournee schicken würden. Würden Sie dieses Unterfangen unterstützen?« Der Botschafter bejaht und ist von der Idee offenbar angetan, auch wenn er als Asiate seine Freude nicht so zeigen kann. Nach dem offiziellen Ende der Delegationssitzung kommt er zu mir, um mich zu einem Gespräch in London einzuladen, Kulturaustausch sei eine wichtige Sache. Ich bedanke mich, auch wenn mir London derzeit gefährlicher erscheint als Pjöngjang, und nehme mir vor, alsbald Kontakt zum Helene-Fischer-Management aufzunehmen. Möglicherweise kommt Helene die Idee einer kleinen Auszeit ganz gelegen. In Korea ertragen die uniformierten Zuschauer Konzerte für gewöhnlich klag- und regungslos, ausgepfiffen wird hier selten.

Straßburg, Parlament

Das Plenum ist fast leer, die Debatte zum »Gender Pay Gap« plätschert ohne rechte Höhepunkte dahin, bis Korwin-Mikke Rederecht erhält: »Do you know which was the place in the polish theoretical physics olympiade, the first place of women? I can tell you: 800! You know how many women are in the first 100 of Chess Players? I tell you: no one! And of course women must earn less than men – because they are weaker, they are smaller, they are less intelligent and they must earn less. That’s all…« Am nächsten Tag schickt die Kollegin Matera (vgl. Folge 12) eine offene Mail mit sehr vielen Ausrufezeichen an ihren Parteifreund, den Parlamentspräsidenten Antonio Tajani, und fordert eine Bestrafung Korwin-Mikkes.

Brüssel, Büro

Der Enthüllungsreporter des »Stern«, Tillack, fragt an, wie wir unsere Büropauschale ausgeben, und bittet knapp um Zusendung sämtlicher Belege per Post. Ich beantworte seine Anfrage entsprechend.


Sachdienlicher Hinweis des »Stern«

Der Abgeordnete Martin Sonneborn von der satirischen PARTEI beantwortet die »Stern«-Anfrage auf Facebook so: »Wir haben aus Spaß gerade 1000 vollkommen überflüssige T-Shirts produzieren lassen, um sie interessierten Bürgern zur Verfügung zu stellen.«


Allerdings vergißt die Hamburger Illustrierte, das abgebildete T-Shirt zu zeigen. Es handelt sich um ein Qualitäts-Shirt mit Druckfehlern, produziert aus Mitteln der EU. Trotzdem fanden die ersten 1000 Shirts derartigen Absatz, daß wir nachproduzieren; wenn Sie auch gern eins hätten, mailen Sie bitte an martin.sonneborn@europarl.europa.eu, Betreff »Truck Fonald Dump« (bitte Wunschgröße vermerken, L oder M) – wir verlosen noch ein paar hundert.

Auch ein gutes Paßwort bei US-Reisen: TruckFonaldDump

Straßburg, Plenum

Der halbseidene Berlusconi-Freund Tajani eröffnet die Sitzung mit einer kurzen, an Korwin-Mikke gerichteten Ansprache: »Ich werde solches Verhalten nicht dulden, besonders von jemandem, von dem erwartet wird, daß er seine Pflichten als Vertreter der Völker Europas mit der nötigen Würde erfüllt!« Für seine Äußerungen zum Thema Einkommensunterschiede werden dem Polen 30 Tagegelder gestrichen – insgesamt 9210 € –, er darf zehn Tage nicht an Aktivitäten des Parlaments teilnehmen und dieses ein Jahr lang nicht gegenüber anderen Institutionen vertreten.

Eine interessante Entscheidung, die das Rederecht im Parlament ganz neu bewertet. Als Tajani endet, klatscht Korwin-Mikke Beifall, sein Nachbar Bruno Goldfisch** vom Front National ruft laut in den Saal: »Warum nicht gleich die Todesstrafe? Hängt ihn!«

In der Pause stoße ich den Polen an und frage ihn, ob er sich nicht beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beschweren will. Der Monarchist denkt kurz nach, grinst dann und sagt, ja, genau das werde er tun, er habe ja jetzt zehn Tage Zeit.

Seine Rede können Sie übrigens im Netz*** nachsehen, aber das ist für die Zukunft keine Selbstverständlichkeit mehr. Nach einer kürzlichen Änderung der Geschäftsordnung kann der Parlamentspräsident die Liveübertragung bei Plenardebatten unterbrechen und die Bilder im nachhinein aus dem Internet entfernen.


Sachdienlicher Hinweis aus dem PARTEI-Programm

Um die fruchtlose Debatte zum »Gender Pay Gap« in Führungsriegen zu beenden, werden Managergehälter zukünftig an die BH-Größe gekoppelt.


Brüssel, MEP-Bar

Fast hätte ich übersehen, daß eine Abstimmung zum Thema Massentierhaltung ansteht, gerade noch rechtzeitig erinnern mich rund 13000 Mails mit der Betreffzeile »Bitte stimmen Sie am 14. für die Kaninchen!« daran.

Ein Vertreter der Kleinparteien, der engagierte Tierschützer Stefan Eck, hat einen Initiativbericht gegen die Batteriehaltung von Kaninchen auf den Weg gebracht. Der Initiativreport ist die beste Waffe der Parlamentarier. Wenn er durch das Parlament geht, muß sich die Kommission damit beschäftigen und einen Gesetzesvorschlag ausarbeiten. (Der allerdings noch mal glattgeschliffen werden kann bei seiner Wiedervorlage oder im Zusammenspiel von Rat und EU-Kommission.)

Unter unserem alten Chef Chulz, zu Zeiten der großen Koalition im Parlament, wäre dieser Report niemals durchgegangen. Aber jetzt geschieht das Undenkbare, die konservativen Änderungsvorschläge, die den Report in sein Gegenteil verkehrt hätten, werden in den Abstimmungen deutlich zurückgewiesen, ein großer Teil der Sozialdemokraten stimmt mit Linken und Grünen und dem einen oder anderen Monarchisten, Nazi, Liberalen, Kommunisten für die Sache der Kaninchen. Für die anschließenden One-minute-speeches hat mein (depressiver) Redenschreiber mir eine kleine Rede geschickt.


Sachdienlicher Hinweis aus dem Ordner »Nichtgehaltene Reden I«

Sehr geehrte Damen und Herren! Ich verlese eine Erklärung im Namen der Betroffenen des Verbots der Käfighaltung von Kaninchen: »Das heute zur Abstimmung stehende Gesetz ist eine Farce. Es bringt den Betroffenen nur scheinbare Verbesserung. Nicht nur die Käfighaltung, jede Unfreiheit muß ein Ende haben. Hunderte Millionen von Kaninchen in ganz Europa sind bereit, für ihre Freiheit zu kämpfen und den Menschen ihre Greuel mit gleicher Münze heimzuzahlen. Dies ist unsere letzte Warnung. Als Zeichen ihrer Verhandlungsbereitschaft fordern wir, daß ein EU-Parlamentarier, am besten Jo Leinen, öffentlich in einem Käfig ausgestellt und gemästet wird, bis er platzt. Sonst wird unsere Rache maßlos und blutig sein. Wir fangen mit euren Kindern an, die finden uns niedlich. Hochachtungsvoll, die Kaninchen.« Vielen Dank.


Tierschützer Stefan Eck (5. oder 6. von links oder rechts)

Straßburg, Plenum

Donnerstag, 11.55 Uhr, mehrfaches gellendes Klingeln treibt die Angeordneten in den Plenarsaal. Nur Minuten trennen uns jetzt noch vom Wochenende, die Stimmung erinnert stark an den letzten Schultag vor den Sommerferien.

Vizepräsident David-Maria Sassoli, ein sympathisch verwirrter Italiener, leitet die Sitzung. Obwohl die Arme in der ersten Abstimmung noch diszipliniert nach oben gehen und das Ergebnis relativ deutlich ist, sagt er: »Das überprüfen wir noch mal.« Gelächter. Ein Zeichen von Schwäche gleich am Anfang, das verspricht eine unruhige Sitzung. Die elektronische Abstimmung ergibt: Der Antrag wurde mit 545 gegen 26 Stimmen angenommen. Egal, worum es jetzt geht, die Lage der Rohingya in Myanmar, Behindertenrechte, Lebensmittelvorschriften: Ab sofort wird jede Handzeichenabstimmung von »Check!«-Rufen begleitet, so klar sie auch ausgeht. Die Lust am Krawall überwiegt selbst das Bedürfnis, hier schnell fertig zu werden. Udo Voigt (NPD) erklärt den rechtsradikalen Griechen neben mir: »Dämmokratti iß not soo isi!« Um 12.26 Uhr resigniert der Italiener vorne und winkt die letzte Abstimmung durch: »Ich glaub, der Antrag ist eh angenommen …«

Über 700 Abgeordnete reißen ihre Stimmkarten aus den Geräten und stürmen in Richtung Ausgang. Herbert Reul, Fraktionsvorsitzender CDU/CSU, ist einer der ersten, obwohl er relativ weit vorn sitzt. Er legt die 50 Meter zu den Aufzügen in neuer Rekordzeit zurück, triumphierend blitzt es in seinen Äuglein, als ein Klingeln den ankommenden Aufzug signalisiert. Reul drängt gegen die sich öffnende Fahrstuhltür – und prallt zurück: Büroleiter Hoffmann, wie immer in gutem Tuch und mit Reisegepäck nicht von konservativen Abgeordneten zu unterscheiden, tritt aus der Tür: »Bitte erst aussteigen lassen!« Mit waidwundem Blick weicht der Rheinländer zurück, alle Körperspannung ist aus ihm gewichen, ungläubig schüttelt er den Kopf, schimpft vor sich hin: »Wie schaffen die das nur? Wie kann der jetzt schon mit Taschen hier unten sein?«

Brüssel, Place du Luxembourg

Wie jeden Donnerstagabend ist die »Place Lux« für den Verkehr gesperrt. Während fast alle Abgeordneten sich auf dem Weg in ihre Heimatländer befinden und sich Elmar Brocken (179 kg CDU) am Bahnhof in Duisburg gerade die Brieftasche entwenden läßt, formiert sich vor dem Parlament eine unabhängige, überparteiliche und durststarke Bewegung junger Europäer, um ihrer Begeisterung für die EU, unbezahlte Praktika oder extrem privilegierte Arbeitsplätze Ausdruck zu verleihen, für frühlingshafte Temperaturen, Maes-Bier und Gin Tonic. Praktikantin Rosa und ich sind natürlich dabei, und unser neues Büro-Banner haben wir auch mit.

Konkurrenz für die eher neoliberal orientierte »Pulse of Europe«-Veranstaltung

* Das Urteil des EuGH wurde Mitte Mai verkündet und in deutschen Medien nicht thematisiert.

** Der Name »Gollnisch« wurde vom Korrekturprogramm korrigiert. Smiley

*** www.europarl.europa.eu/ep-live/en/plenary/video

Achtung, Durchsage: Dieser Bericht wurde aus Mitteln des Europäischen Parlamentes finanziert und zeigt möglicherweise ein Zerrbild desselben.

 

 

Bilder Aguilar, Soru: © Europäische Union, [2017] – Quelle: Europäisches Parlament

ausgewähltes Heft

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Ganz schlimm, Toni Kroos,

fanden Sie ja das Interview des ZDF-Reporters Nils Kaben nach dem Fußball-Champions-League-Finale mit Ihnen. Erst waren Ihnen »zwei so Scheißfragen« zum Spiel nicht genehm. Schon aus dem Bild gehopst, brüllten Sie dem Reporter auch noch zu: »Du stellst erst drei negative Fragen, da weißt du schon, dass du aus Deutschland kommst.«

Wir begehren nun nicht nur zu erfahren, welche von den insgesamt ungefähr sechseinhalb Fragen an Sie denn die drei negativen Fragen waren. Und welche wiederum davon die zwei Scheißfragen. Wir wüssten auch gern, ob Ihnen das Herkunftsland des Reporters nicht schon bei den auf Deutsch vorgetragenen Erkundigungen ein wenig deutsch vorkam. Aber Sonnenliege-Reservierungs-Handtuch drüber!

Fraglos ist doch viel wichtiger: Was ist das eigentlich für eine Scheißfrisur, die Sie tragen und in der Sie bei der Fragerei rumgestrichen haben?

Es bittet um eine positive Antwort, Ihre in allen Stilfragen stets auskunftsbereite Titanic

 Ihr, Busreiseanbieter Avanti und Sulli’s Reisen,

hattet beide dieselbe schöne Idee für einen Werbeslogan: »Die Welt ist viel zu schön, um darüber hinwegzufliegen.«

Und Ihr habt ja so recht! Die wahre Schönheit dieser Welt lässt sich doch erst richtig erschließen, wenn man im Autobahnstau eingekesselt ist, wenn man die Mittagshitze zwischen Sanifair und Burgerking genießt, wenn die Bordanlage irgendwelche lokalen Schlagersender durch den Bus plärrt.

Da kann man mal den Geruch von Ammoniak und Erbrochenem aus der Toilette richtig tief einsaugen und die Aussicht auf die Designeroutlets, Snowdomes und vorstädtischen Industriegebiete auf sich wirken lassen!

Hupt zum Abschied dezent: Titanic

 Oppositionsführer Friedrich Merz,

Oppositionsführer Friedrich Merz,

auf die Frage, ob ein 66jähriger Mann denn die richtige Person für die Modernisierung der CDU sei, antworten Sie rätselhaft: »Ich kann möglicherweise Dinge bewegen, ohne dabei gleich den Verdacht zu erwecken, nur im eigenen Interesse zu handeln.«

Was meinen Sie denn damit, Merz? Dass Sie ohnehin nicht mehr so lange »haben«? Dass Sie in Ihrer Parteikarriere nebenbei genug gescheffelt haben und die eigenen Interessen somit schon befriedigt sind, Stichwort »gehobener Mittelstand«? Und welche Dinge wollen Sie überhaupt bewegen und wohin? Ihren Privatflieger vors Kanzleramt?

Will nicht den Verdacht erwecken, sich ernsthaft für Sie zu interessieren: Titanic

 Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen!

Wenige Tage vor der Einführung des Tankrabatts zitierte der Spiegel Deinen Chef Wolfgang Schuldzinski (Grüße an den Weltgeist!) wie folgt: »Weil am 1. Juni Engpässe drohen, sollte niemand seinen Tank davor fast komplett leer fahren.«

Ach, wirklich, den Kraftstoff besser nicht restlos aufbrauchen, ja? Wenn wir solche »Tipps« hören, glauben wir bisweilen fast, der Sprit sei knapp, weil manche das Zeug saufen! Aber gut, dann versuchen wir uns jetzt eben auch mal als Verbraucherschützer mit ähnlich qualifizierten Hinweisen. Erstens: Vor dem Autofahren am besten einsteigen! Zweitens: Den Motor nicht laufen lassen, wenn man duschen geht! Und drittens wie gesagt: Besser Bier denn Benzin schlucken!

So machen’s jedenfalls die Schuldzinskis von Titanic

 Rätselhaft, Alpro!

Auf Deinem neuen Haferdrink steht geheimniskrämerisch flüsternd »Shhh… This is not molk«, wobei das »o« in »molk« durch einen Tropfen weißer Flüssigkeit, vermutlich das beworbene Produkt, ersetzt wurde. Dabei ist die große Frage für uns weniger, ob es sich bei dem vorliegenden Getränk um Molk handelt, sondern eher, was denn Molk bitte schön sein soll.

Nun könnten wir Dein Getränk, Alpro, eigentlich beruhigt zu uns nehmen, da es ja explizit versichert, keine Molk zu sein. Aber ist das nicht genau das, was Molk von sich behaupten würde?

Verbarrikadieren zur Sicherheit den Kühlschrank:

Deine Milchmädchen von der Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Zeitungsherbst

Eine Meldung, die für ein bisschen Abwechslung in der Schlagzeilenödnis sorgen würde: Leichensammler findet lange vermissten Pilz.

Theobald Fuchs

 Früh übt sich

Im Kindergarten meines Neffen wird jetzt gegendert: Die Jungs werden gehänselt, die Mädchen gegretelt.

Patrick Fischer

 Güteklasse Aaaaaah!

Bei Rückenschmerzen setze ich grundsätzlich nur auf solche aus eigener Fehlhaltung!

Burkard Niehues

 Zottenreißer

Wenn der Vermieter auch Heilpraktiker ist, reicht dann eine Darmsanierung als Kündigungsgrund?

Viola Müter

 Selbstoptimierung

Mit Stolz habe ich festgestellt, dass ich mittlerweile zur Entspannung und Freizeitgestaltung auf Hobbys, Literatur und Kultur verzichten kann und mir ein einfaches Smartphone reicht.

Schmonnie Mücke

Vermischtes

Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKatz & Goldt: "Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?"
Stephan Katz und Max Goldt: Ihr monatlicher Comic ist der einzige Bestandteil von TITANIC, an dem nie jemand etwas auszusetzen hat. In diesem Prachtband findet sich also das Beste aus dem endgültigen Satiremagazin und noch besseres, das bisher zurückgehalten wurde. Gewicht: schwer. Anmutung: hochwertig. Preis: zu gering. Bewertung: alle Sterne.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURFriedemann Weise: "Die Welt aus der Sicht von schräg hinten"
Laut seiner Homepage ist er der "King of Understatement" und der "lustigste Mensch im deutschsprachigen Internet". Er ist aber auch Gitarrenmann, Viralblogger (15000 Follower!), Gagautor und Promiexperte mit Diplom. Die Rede ist von Friedemann Weise, dem Mann mit dem Namen! Der Mann, der den "Satiropop" erfand. Und jetzt auch noch ein Buch vorlegt. Ob das gutgeht? Ordern Sie diese Prämie und teilen Sie Ihr vernichtendes Urteil bitte zeitnah der TITANIC-Redaktion mit.
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Das schreiben die anderen

  • 08.06.:

    Christian Y. Schmidt lehrt bei Arte Karambolage Wissenswertes über den Gießkannenhalter auf deutschen Friedhöfen.

  • 19.05.:

    Herausgeberchefin Ella Carina Werner verrät im Fragebogen vom Medium Magazin ihre Zukunftsideen für TITANIC.

  • 11.05.: Der Falter mit einer kleinen Blattkritik zur Maiausgabe
  • 02.03.: TITANIC-Herausgeber Tim Wolff bei Übermedien über Satire in Kriegszeiten
  • 03.02.: Der hr präsentiert den üppigen Humor-und-Satire-Dreiteiler "Radikal Komisch" mit Ella Carina Werner, Oliver Maria Schmitt, Martin Sonneborn u. v. v. a. m., mit 100 schönen TITANIC-Titeln – und in Teil 3 tauchen auch noch Hintner, Burmeier, Eilert und Martina Werner auf – live in der ARD-Mediathek.
Titanic unterwegs
01.07.2022 Aschaffenburg, Kunstgarage Thomas Gsella
01.07.2022 Berlin, Tor218 Artlab »Die Anton-Hofreiter-Ausstellung«
17.07.2022 Aschaffenburg, Mainufer Thomas Gsella
25.09.2022 Bernried am Starnberger See, Buchheim Museum Rudi Hurzlmeier: »Das weite Feld der Unvernunft«