(Was bisher geschah)

"Null", gab Kurtchen zu verstehen.

"Ich auch nicht", fragte Petra. "Ich hab's meinen Eltern versprechen müssen. Hab dann immer Geld fürs Taxi gekriegt. Oder jedenfalls im Prinzip. Und hab mir das Trampen dann auch im Urlaub nicht recht angewöhnen können. War ja auch meistens billig, da, wo man war."

"Trampen in Thailand", sagte Kurtchen versuchsweise, weil Petra so aussah wie jemand, der schon mal in Thailand war.

"Zum Beispiel", sagte Petra reizend.

"Wahrscheinlich fahr ich gar nicht", machte Kurtchen, der den Gesprächsfa­den nicht reißen lassen wollte, weiter. "Ich weiß auch gar nicht wohin. Ich weiß auch gar nicht, mit wem."

"Gernolf?" fragte Petra nur und zog die Stirne kraus, weil Kurtchen da nicht selber drauf gekommen war.

"Eher nicht. Unsere Rhythmen sind zu verschieden. Wir haben das mal pro­biert, Italien. Er war um sieben Uhr auf und hat dann zwei Stun­den gewartet, bis ich, zwei Stunden vor meiner eigentlichen Urlaubsaufsteh­zeit, ihm zuliebe aus dem Bett bin."

"Was macht man denn um sieben Uhr früh in Italien", fragte Petra solida­risch.

"Cappuccino trinken. Vögel beobachten. Frag ihn." Kurtchen zeigte freundlich mit dem Kopf in Richtung Freund, der gerade ohne erkennbaren Widerstand ein Ir­gendwie-Trommelfeuer aushielt. "Aber er hat ja recht. Wenn ich nicht auf­stehen muß, dann tu ich's nicht, und tu ich's dann doch, ist der Tag immer schon halb vorbei."

"Und? Verpaßt man was?" fragte Petra, und Kurtchen fiel auf, daß er immer noch nicht wußte, was sie nun eigentlich trieb, den lieben langen Tag.

"Immer", sagte er. "Man verpaßt immer irgendwas." Das war ein prima Satz, den mußte er so stehenlassen, auch wenn er gerne noch erklärt hätte, daß er sich frage, ob ihn nicht die Angst im Bett halte und ob langes Schla­fen, so wie er es mit Leidenschaft betreibe, nicht ein Zeichen für allgemeine Lebensuntauglichkeit sei. Der frühe Vogel fange den Wurm, der späte schaue den andern bei der Mahlzeit zu. So was.

"Na Gott sei Dank", sagte Petra. "Wenn ich denke, wie oft ich als Kind im Dunkeln zur Schule mußte, und wie pervers ich das damals schon fand. Das hätte ich allerdings gern verpaßt."

"Aber dann fällt man im Sommer früh um fünf durch die Stadt, weil man von einem Fest oder aus sonst einem Sumpf kommt, und es ist bereits hell, und man hört die Vögel, mitten in der Stadt. Vielleicht ist sogar Sonntag, und kein Mensch ist auf der Straße, und alles ist ganz... nahbar. Und man fühlt sich wie eine Eichen­dorff-Figur. Eine betrunkene Eichendorff-Figur. Aber trotzdem." Eine Erin­nerung kreuzte Kurtchen; er schwieg und blickte unter sich. (wird fortge­setzt)

(Was bisher geschah)

Der Nachmittag zockelte weiter, bald lustig und lärmend, bald still und fast erschöpft; der Himmel blaute fahl, Winde strichen und legten sich, und wie die Figur eines Glockenspiels kam der Kellner und ging und kam und ging; noch einmal roch's nach Pflasterstein, nach Bier und Holz und alter Farbe, und die Konturen wurden breit, und die Flächen glitten ineinander, und in den Pausen, nach einem Gelächter, einem Mißverständnis oder der Pointe eines ahnungssatten Vortrags (Heiner: "Der Kommunismus war doch ir­gendwie, war doch echt jetzt mal nur was für die herrschenden Kreise") spürte Kurt­chen dieses eigentümliche Mit- und Ineinander von Gelöstheit und Wehmut, weil alles verschwamm und die Verschwommenheit das Ver­gehen schon ab­bildete, in Echtzeit, und es war fast egal, wie es weiter­ging, denn es ging weiter, immer weiter, und das war schön und schauerlich. Petra saß und trank beherzt, die Augen groß und voller Gier, auf diesen Quatsch und dann den nächsten; sie war wie Maos Fisch im Wasser, und Kurtchen kam sich vor wie ein betrunkener Angler, der die Angel bloß noch braucht, um sich an ihr festzuhalten. Es war nicht von der Hand zu weisen, daß alles ihm bekannt vor­kam, und auch Freds Erzählung, wie er als junger Mensch durch die USA getrampt war und dabei tatsächlich einmal Teller gewaschen hatte (Gernolf: "Keller gewaschen! Also, gefegt jetzt, oder was?" Heiner: "Gekärchert!"), stellte, so schön und gut erzählt sie war, genau das vage deprimierende Nachspiel vor, das eine stringente, seriöse Geschichte aus­nahmslos vorstellen mußte, wenn sie im Spätoktober des Kneipen­abendjahrs, nach Rausch und Krach und Atemnot erzählt wurde. Als ginge man nach dem Rummelplatz ins Theater.

"Und? Warst du schon im Urlaub? Oder fährst du noch?" fragte Petra Kurt­chen, während Fred und Heiner Tramperlebnisse austauschten und Gernolf, von dem Kurtchen wußte, daß er nie getrampt war, aufmerksam und, wie Kurtchen vorkam, ein biß­chen melancholisch zuhörte. Sie hatte die Stimme etwas gedämpft, was der Frage etwas Intimes verlieh; und Kurtchen horchte in sich hinein, ob deswe­gen irgend etwas rauschte oder wenigstens rumpelte; aber es blieb ruhig. Was immer das nun wieder zu bedeuten hatte.

"Vielleicht trampe ich einfach", sagte er, und obwohl nichts rauschte noch rumpelte, kam ihm dieser Dreh ins plänkelnd Lautproduzierende unange­messen vor, zumal der Abend über diesen Punkt auch längst hinaus war.

"Und wohin?" Kurtchen entging nicht, daß Petra die Frage so betonte, als bereue sie, gefragt zu haben; sie hatte etwas angeboten, er hatte es ausge­schlagen. Es tat ihm leid.

"Offenbach. Weiter würde ich mich gar nicht trauen." Er lächelte, gerade so offen, daß es nicht nach Taktik aussah.

"Keine Tramperfahrung?" fragte Petra wieder freundlich, und Kurtchen war erleichtert. (wird fortgesetzt)

(Was bisher geschah)

"Wenn der Kollege sich nicht wieder Zeit läßt", schränkte Gernolf lässig ein, und Petra sah Kurtchen immer noch an, und er hielt ihr stand. Sie grinste. Er grinste zurück.

"Immerhin", sagte Kurtchen, auf fast zittrige Weise beschwingt, "hat er noch einen richtigen Block und einen richtigen Stift. Heute haben doch alle immer diesen Elektrokram, damit sie's elektronisch einbongen können."

"Warum denn nicht", gab Fred frech zu bedenken, "du bongst doch auch elektronisch ein. Das kannst du; kannst du mir nicht erzählen", unterstrich er töricht seinen Witz, "daß du nicht Tag für Tag elektronisch einbongst! Jeden verdammten Tag! Mehrfach!"

"Ich laß mir aber nicht dabei zusehen", war Kurtchen ausnahmsweise schlagfertig, es ging ihm immer besser, er suchte jetzt die Bühne. "Außer­dem bin ich im Gegensatz zu dir ein hart ar­beitendes Mitglied der Gesell­schaft. Nach acht oder wieviel Stunden Gas­wasserscheiße habe ich alles Recht, ein bißchen einzubongen, und sei's, aus Mangel an Gelegenheit, auch bloß elektronisch", das war dann doch verwegen, und trotz seiner Hochstim­mung merkte Kurtchen, wie ihm die Hitze ins Gesicht floß, und stur sah er zu Fred nach links, "wie überhaupt die strenge Scheidung zwi­schen virtueller und realer Welt doch längst als überholt gilt."

Heiner tuschelte mit Gernolf, er schien nicht zu verstehen, worum es ging. "Es geht darum", sagte Gernolf laut, "wie oft er", er nickte schräg zu Kurt­chen hin, "einbongt."

"Elektronisch einbongt", präzisierte Fred, und weil Heiner nicht so aussah, als bringe ihn das irgendwie aufs Laufende, verkniff sich Fred die Bosheit nicht, zu fragen, wie oft er, Heiner, denn eigentlich einbonge, wo man schon mal dabei sei.

"Elektronisch oder manuell?" fragte Gernolf albern.

"Elektronisch ist manuell", korrigierte Kurt.

"Elektronisch oder real", half Petra überraschend, und wie um diesen prachtvoll unsolidarischen, dabei sogar noch lind erotischen Akt ins Numi­nose zu weitern, wackelte jetzt der Kellner heran, der sein halbvolles Tablett nicht servicegastronomisch auf den Fingerspitzen balancierte, sondern es mit beiden Händen vor sich her trug, und Kurtchen rührte es, wie hier Sorgfalt und Achtsamkeit der unbedingte Vorzug vor dem professionellen Showef­fekt gegeben wurden, auch wenn der Kellner sowieso den Eindruck machte, er habe das mit der Show und den Effekten an der Garderobe einer Dorfwirt­schaft aus den Achtzigern abgegeben. Vielleicht war er aber auch bloß Alko­holiker.

Er stellte das Tablett neben Gernolf ab, und Gernolf half beim Austeilen und bediente Heiner, mit einem versöhnlichen "Is ja auch egal", als ersten.

"Auf die Liebe in all ihren Farben", sagte Fred und ließ sein Glas vor Heiner schweben, und wie erleichtert, aus dem Schußfeld zu sein, war Heiner ni­ckend einverstanden. (wird fortgesetzt)

(Was bisher geschah)

Denn einmal war das ja nun der völlig falsche Ort, über die eventuelle Be­schissenheit von Existenz zu sprechen, der falsche Zeitpunkt ebenso, fehlte es doch bloß an Bier bzw. einem Kellner, einen entsprechenden Wunsch auf­zuzeichnen, weiterzugeben und schließlich zu erfüllen, um den Nachmittag, wie er da in der Spätsommerwärme vor sich hin schwamm, zu einem durch­aus erträglichen, ja geradezu gelungenen zu machen; und im Wissen, daß ja so­wieso immer etwas fehle, hatte Kurtchen einen kleinen privaten Frieden ge­macht und jedenfalls den Entschluß gefaßt, daß es gut sei, mindestens für den Moment, wie es im heute journal immer hieß. Was immer fehlte, fehlte morgen auch noch, und daß es fehlte, gehörte zum Glück, dem momenta­nen, vielleicht sogar dazu. So wie die Unentschlossenheit, ob das stimmte; so wie das Ungefähre, das ihm, Kurtchen, gegenübersaß und jetzt so dreinsah, als sei über gewisse Dinge dann doch zu reden, weil über gewisse Dinge Einig­keit herrschen müsse, sollten andere Dinge denkbar werden. Aber wie kam es darauf, das müsse ausgerechnet hier und jetzt sein?

"Na ja", sagte Kurtchen und ließ es zaghaft trotzig klingen; er war ein biß­chen ungehalten über die unverhoffte Störung seiner quasimeditativen Feier­tagsruhe und nahm, ohne daß er's recht merkte, Distanz; auf einen Vortrag der Richtung, daß es den Kindern in Afrika ja noch viel schlechter gehe, würde er jetzt keinesfalls an­springen. Wo waren die eigentlich geblieben? Früher waren die Kinder in Afrika verhungert, weil sie das Gemüse nicht kriegten, das der kleine Kurt nicht essen wollte. Heute war das Gemüse bio und wurde kommentarlos weggekippt. Was hatte Biogemüse denn auch mit den Kindern in Afrika zu tun.

Zum Glück erschien sogar der Kellner und zückte schweigsam Block und Stift; und während der Pause, in der die Runde ihre Wünsche preisgab, sah Kurtchen Petra an mit einem Blick, von dem er glaubte, daß er sage: Alles kann, aber es muß nicht. Gleich tat es ihm leid, doch er hielt ihn durch. Der Kellner verschwand, und Kurtchen, bei aller momentan Freude am Va­gen und Ungerichteten, mißfiel das Schweigen, er fürchtete, es gehe auf sei­ne Kosten.

"Hab ich jetzt ein Bier, oder habe ich keins?" Er nahm sein leeres Bierglas auf und stellte es wieder ab. Er hoffte, die Frage wäre albern genug, um aus der An­gelegenheit die Luft zu lassen.

"Du hattest eins, und gleich kriegst du wieder eins." Es war eine Feststel­lung, kein Vorwurf, und sollte Kurtchen sich den Vorwurf nicht ohnehin bloß eingebildet haben, so war er jetzt verschwunden, ja, es klang sogar eher auf spöttische Weise pädagogisch, nach Kindergartentante: Jetzt hat der Laurin die Schippe, und gleich kriegst du sie. Und trotzdem blieb ein Rest. Sie wich seinem Blick nicht aus.

"Und ich a-hauch!" krähte Heiner, und Kurtchen war ihm irgendwie dank­bar. (wird fortgesetzt)

(Was bisher geschah)

Für zwölf Sekunden war Ruhe, und Fred schien sich damit abzufinden, daß sein Problem keiner Lösung zugeführt worden war; und obschon Kurtchen hätte froh sein müssen, Petra weitere Ausführungen zum Thema ersparen zu können, war es doch sein Satz, der, einer Rechtfertigung gleich, im warmen Dunst des Nachmittags hing und ihn, Kurtchen, als Faselhans und Ferkel zu­rückließ. Das ging nicht an; und außerdem juckte es ihn, die Sache zu Ende zu bringen.

"Sieh's doch einfach metaphorisch", sagte er in ausgesucht versöhnli­chem, unernst-plänkelndem Ton, der den Rückzug ins Philosophische, wie er hoffte, günstig begleitete. "Das ganze Leben, ein einziges Dilemma. Unausweichlich, selbst am stillsten aller Orte."

"Man hat's nicht leicht", deklamierte Heiner erläuternd, "aber leicht hat's einen."

"Das ist doch kein Dilemma, du Blödi", schüttelte Fred humorvoll seine Lo­cken.

"Natürlich ist das ein Dilemma", wehrte Heiner sich. "Weil, schau, es ist zwar einerseits irgendwie nicht gut, aber andererseits..."

Sein Glas leersaugen und verzweifelt nach dem Kellner spitzen war für Kurtchen eins.

"... aber andererseits beschissen, schon klar, aber was hat denn das, was hat denn Dilemma jetzt mit einerseits und andererseits zu tun", insistierte jetzt Gernolf, und Kurtchen freute sich über Gernolfs Schützenhilfe für den Mann, den er gestern noch fast zusammengehauen hatte. "Du kannst das; kannst das doch nicht undialektisch sehn", sagte Gernolf.

"Undialektisch", Heiner gab sich hörbar Mühe, Hohn zu intonieren, und wußte aber gleich nicht weiter, was irgendwie kein Wunder war.

"Der muß das undialektisch sehn, der ist aus Hannover", löckte Kurtchen kiebig. Ihm fiel auf, daß er gar nicht wußte, womit Heiner sein Geld verdien­te. Ein Rätsel mehr, na prima.

"Aus Hildesheim, du Technokrat", retournierte Heiner bravourös und irgend­wie auch erleichtert, wieder in der Spur zu sein und seinen unbedacht vorgebrachten Einwand nicht begründen zu müssen. Eine Uhr schlug fern, Kurtchen verpaßte mitzuzählen, es freute ihn, er konzentrierte sich kurz und spürte seinen Zeitmesser am Handgelenk. Beließ es dabei, sah nicht nach. Alles floß sehr schön voran. Mehr Bier war nötig, weiter nichts; das war dann wohl das Glück. Die glückliche Generation. Das hatte er auf dem Titel einer Jugendzeitschrift gelesen. Noch die Lüge war ein Witz.

Und wie prüfend, was es mit dem Glück, mit seinem Glück heute auf sich hätte, sah Kurtchen Petra an, deren Blick aber etwas Absentes angenommen hatte. Vielleicht war sie aus Hildesheim, das hätte immerhin erklärt, was sie mit Käpt'n Hirni hatte.

"Kinder", baute Fred der ausufernden Debatte einen Damm, "es ist einfach immer scheiße. Flach, tief, ganz egal. Das ist die Wahrheit."

"Ist sie das?" fragte Petra zu ihm hin. "Ist es wirklich immer scheiße?" Und äugte fast schon vorwurfsvoll; Kurtchen brach der Schweiß aus. (wird fortge­setzt)

(Was bisher geschah)

Ein Wind ging los, wie um die naturhaften Gerüche, die hier so engagiert verhandelt wurden, zu vertreiben, und mitgeweht kam jetzt der Kellner und verteilte Flüssigkeit. Kurtchen, nach einem pflichtbewußt-hastigen Prosit, leerte sein Bier, nicht ohne Ostentation, mit dem ersten Zug zur Hälfte, und wie fast immer, wenn wer das Prosit nicht nur andeutete, sondern aussprach, mußte er an eine Buchrezension denken, die einen Kurtchen als mittelmäßig aufgefallenen Krimiautor nicht zuletzt deshalb lobte, weil er seinen Serien­kommissar vor dem Bier- oder Weinverzehr stets "Es möge nützen" sagen ließ, was der Rezensentin als Ausweis unerhörter Originalität galt; aber doch bloß Latein war. Schnell hieb Kurtchen sein Glas auf den Tisch, um den Kellner noch zu erwischen und gleich den nächsten Auftrag zu erteilen; al­lein, der war schon längst verschwunden, als wäre er nie dagewesen.

Petra sah Kurtchen aufmerk­sam an, als erwarte sie, wie zuvor schon Fred, von ihm endlich Aufklärung in Sachen Keramik, und mit einer Gequältheit, deren Theatralik er ironisch meinte, verbarg er ächzend das Gesicht in den Händen und preßte ein "Ach Gott" hindurch; nahm die Hände weg und grinste krumm. Hatte aber einen Einfall:

"Ein Flachspüler ist aber ganz ungünstig, wenn man Besuch hat", sagte er zu Petra hin. "Die olfaktorische Diskretion, die ein Tiefspüler bietet", er sprach jetzt im Ton eines Vertreters für Badgestaltung, "ist gerade im Bereich der Gästetoilette ein nicht zu unterschätzender Standortvorteil."

"Ich hab gar keine Gästetoilette", sagte Petra schnippisch und strich sich eine Strähne hinters Ohr.

"Um so schlimmer", mischte Fred sich ein.

"Um so schlimmer", wiederholte Kurtchen und zwang sich, nicht vor lauter Intimität den Blick niederzuschlagen.

"Gar nicht", gab Petra zurück. "Tageslichtbad."

"Tageslichtbad!" rief Kurtchen, als sei das die Lösung für alles; schüttelte darauf aber gleich den Kopf, als kommentiere er den ahnungslosen Vortrag eines Prüflings. "Nichts gegen ein Tageslichtbad", er freute sich, daß er kommunikativ in Fahrt kam, "aber, wenn ich das als Profi sagen darf, gegen eine, sagen wir, halbstündige Sit­zung mit dem Sportteil..."

"... oder dem Feuilleton", half Gernolf.

"... je nach Fenstergröße und Witterung", explizierte Fred, der ja seine Erfahrungen hatte, fachmännisch.

"Mußt du zwischendurch abziehen", wußte Heiner.

"Also kommt", Petra drückte das Kinn Richtung Hals, faltete die Stirn und benahm sich jetzt endlich abwehrend.

"Ihr wolltet es wissen", verteidigte Kurtchen sich, der sich nicht mit der Männerhorde gegen die Tischdame (gegen seine Tischdame) verbünden wollte. Das war das Problem mit den Frauen, die sich zum Pfer­destehlen anboten, dachte er: Die Grenze ist da, aber sie verläuft nicht da, wo sie sonst verläuft. (wird fortgesetzt)

(Was bisher geschah)

"Irgendwie nicht", gluckste Heiner erwartbar, und Kurtchen brauchte end­lich Bier. Er schwieg.

"Apropos", startete jetzt Fred und sah zu Kurtchen, "was ich mich neulich, eigentlich immer schon gefragt habe: Wozu ist ein Flachspüler gut?"

Kurtchen sagte nichts, er wollte hier nicht als Experte für Kotbeseitigungs­apparaturen gelten. Versuchsweise dachte er: Nicht vor Petra. In ihm krampfte was. Dann war es wieder weg.

"Wozu ein Flachspüler gut ist", wiederholte Kurtchen und gab sich Mühe, nur belästigt zu klingen, nicht angegriffen.

"Na", Fred leerte sein Bierglas, "ich meine, es gibt doch; gibt doch Flach- und Tiefspüler. Beim Klo jetzt. Und beim Tiefspüler", Kurtchen fragte sich, wie lang die Bande hier schon saß, vielleicht hatte Fred vorgearbeitet, "geht die Chose gleich ins Wasser, und gut; und beim Flachspüler eben nicht, son­dern bleibt erst mal oben, auf diesem Plateau. An der frischen Luft. Also vormals frischen Luft. So. Und ich verstehe zwar", Fred sah drein, als inter­essiere ihn das nun wirklich, Irgendwie-Heiner nahm die Brille ab und rieb die Gläser an einem Zipfel seines T-Shirts, "die Dialektik hinter der Sache: entweder es stinkt, aber spritzt nicht, oder es spritzt, ohne zu stinken. Trotz­dem", und indem Fred zur Kernfrage vorstieß, bekam sein grau eingefaßtes, alkoholisch umwölktes Gesichtchen etwas geradezu Konzentriertes, "ver­stehe ich nicht, wie man das Stinken dem Spritzen vorziehen kann. Also, in jedem scheiß Baumarkt stehen Flachspüler und Tiefspüler in schönster Ein­tracht nebeneinander, das heißt, der Markt für Flachspüler ist ähnlich groß wie der für Tiefspüler. Ich hatte mal einen Flachspüler, und Entschuldigung, ich verstehe es nicht."

Kurtchen, in der Hoffnung, bei der Dame des Tisches Unterstützung für die Ansicht zu finden, der Tag sei zu schön, um ihn mit Gesprächen über stinken und spritzen hinzubringen, sah zu Petra hin, der das Thema aber nichts aus­zumachen schien. Obwohl er es gleich lachhaft fand, kam er sich alt und müde vor. Wie alt war Petra eigentlich?

"Ich finde diese Tiefspüler wirklich nicht so gut", sagte sie, und zwar in vol­lem Ernst, was Kurtchen grotesk fand. "Laß es doch riechen, es riecht nun mal, das liegt in der Natur der Sache. Daß ich, wenn ich auf dem Tiefspüler hocke, quasi eine Rückmeldung erhalte: Sendung erhalten, also gewisserma­ßen per Einschreiben verrichte, das brauch ich gar nicht."

"So hab ich das noch gar nicht betrachtet", sagte Heiner zu Gernolf, mit ei­ner exakt gedimmten Ironie, die Kurtchen ihm nicht zugetraut hätte.
"Tiefspüler?" fragte Gernolf, die Ironie verlängernd.

"Tiefspüler", raunte Heiner einverstanden. (wird fortge­setzt)

 

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Das schreiben die anderen
  • 26.11.:

    Jetzt hat auch die Rhein-Zeitung "AnarchoShnitzel" in Bad Kreuznach gesehen.

  • 24.11.:

    Über die Bad Kreuznacher Aufführung von "AnarchoShnitzel schrieen sie" nach dem Roman von Oliver Maria Schmitt berichtet die Allgemeine Zeitung.

  • 24.11.:

    Der Tagesspiegel über Katharina Greves "Hotel Hades".

  • 24.11.:

    Die Wilhelmshavener Zeitung über den neuen PARTEI-Kreisverband Wilhelmshaven.

Titanic unterwegs
28.11.2014 Elmshorn, Stadttheater
  Max Goldt
29.11.2014 Nienburg, Kulturwerk
  Max Goldt
30.11.2014 Salzwedel, Hanseat
  Max Goldt
01.12.2014 Bielefeld, Theater am Alten Markt
  Max Goldt
Briefe an die Leser

 Und Du, Comedy-Club Teatroneu (Barcelona),

glaubst wohl, Dich auf dem neuesten Stand der Technik zu befinden, wenn Du vor Deinen Zuschauersitzen Tablets mit einer Gesichtserkennungssoftware anbringst, um dann die Besucher pro Lacher (Stückpreis 30 Cent, maximal 24 Euro pro Veranstaltung) zahlen zu lassen.

In Wirklichkeit ist das aber sooo I-Tunes! Der Zug ist längst weitergefahren, heutzutage hat man doch Flatrates. Im Jahresabo nur 4 Euro pro Monat für so viele Witze, wie man weglachen kann, z.B. hier bei Titanify

 Seit Jahren, Staatsanwaltschaft Wuppertal,

behelfen sich Rechte auf ihren Demonstrationen mit dem Trick, »Nationaler Sozialismus!« anstatt »Nationalsozialismus!« zu rufen, um nicht verknackt zu werden – und sind damit erstaunlicherweise sogar durchgekommen. Wie gut, daß dank Dir nun aber Schluß ist mit diesem geradezu jüdischen Gemauschel! Denn nachdem Neonazis in Deinem Zuständigkeitsbereich im September 2013 vor laufenden Kameras ganz unverklausuliert »Nationalsozialismus jetzt!« gefordert haben und dafür angezeigt worden sind, hast Du nach einjähriger gründlicher Prüfung ein Urteil gefällt.

Und das lautet: Freispruch. Mit der Begründung, hier liege nicht der Straftatbestand der Volksverhetzung vor, denn »Nationalsozialismus jetzt!« sei »nie als Parole oder ›Wahlspruch‹ einer ehemaligen nationalsozialistischen Organisation bekannt geworden«.

Das gibt Rechtssicherheit (wer mag, darf hier ein »sic!« einsetzen), darauf läßt sich aufbauen. »Wiederinbetriebnahme von Auschwitz«? Kein Problem, dergleichen hat niemand gerufen, als die Öfen noch gemütlich vor sich hin rauchten. Auch der Wunsch nach Errichtung eines Vierten Reichs kann straflos geäußert werden – unterm Hitler wäre man dafür nämlich hingerichtet worden. Neonazi ist praktisch ein Ehrentitel für Demokraten geworden, solche gab’s früher schließlich nicht, und überhaupt läßt sich mit dem Zusatz »… jetzt!« eigentlich alles adeln, denn jetzt ist ja nicht damals.

Kurz gesagt: Wenn in Deiner Nähe, Staatsanwaltschaft Wuppertal, ein hohles Geräusch zu hören ist, dann nicht nur, weil da Rheinland und Westfalen zusammenstoßen. Titanic

 Crescenzio Kardinal Sepe, Neapel!

Ihrer Ansicht nach dürfen also »Katholiken, die Lebensmittel wegwerfen«, nicht mehr »an der Heiligen Kommunion« teilnehmen. Denn: »Wer angesichts von Millionen Hungernden Essen vernichtet, stellt sich selbst außerhalb der Menschheitsfamilie.« Bravo, Kardinal. Wir hätten bloß eine Frage: Wenn Ihnen künftig mangels Kommunionsteilnehmern Riesenhaufen von ungegessenen Hostien übrigbleiben – was passiert dann mit denen? Auf den Müll? Oder verspeisen Sie die nach der Messe alle selbst?

Innerhalb der Menschheitsfamilie: Titanic

 Kurze Frage, Flecken Bovenden (Kreis Göttingen):

Ist eigentlich ironisch, gar kapitalismuskritisch gemeint, was man auf einer Bahnfahrt durch Dein Hoheitsgebiet vom Zugfenster aus erblickt, nämlich eine Hallenfassade, auf welcher »Schnäppchen Welt« geschrieben steht? Nein? Keine Ironie? Keine Kapitalismuskritik? Nur die gängige Rechtschreibschwäche beim Benamsen von Restpostenmärkten?

Hatte auch nicht anders vermutet: Titanic

 Innenminister de Maizière (CDU)!

Der Süddeutschen Zeitung erklärten Sie in einem Interview über sog. Armutsflüchtlinge, daß wirtschaftliches Elend kein Grund dafür sei, Asyl zu gewähren: »Deutschland kann nicht alle Mühseligen und Beladenen auf der Welt aufnehmen.« Außerdem sähen Sie die Gefahr, daß »Kräfte am rechten Rand der Politik die Ressentiments gegen Flüchtlinge schüren und eine Spaltung der Gesellschaft bewirken wollen«. Und was, de Maizière, möchten Sie dagegen tun? Die CDU abschaffen?

Äußerst gern behilflich: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Wortschatz

Neusten Studien zufolge existieren im Sprachgebrauch heranwachsender männlicher Eskimos nur halb so viele Wörter für Schnee wie für das weibliche Geschlechtsorgan.

Michael Schilling

 Postneonaturalismus?

Wenn der mit einer überdimensionierten Greifzange bewaffnete Arm des Dönerverkäufers falkengleich sich aus Höhe der Achsel in einer sichelförmigen Bewegung in die Tiefe eines an einen Waschzuber gemahnenden Bottichs, überquellend von halben Tomatenscheiben, stürzt, während im Munde des Kunden trotz aller Kürze dieses Bewegungsablaufes sich Wasser der Vorfreude auf jede Menge Tomaten ansammelt; der Verkäufer aber den eilenden Flug seines Armes völlig überraschend noch abbremsen kann und lediglich zwei halbe Scheibchen aus dem Bottich zu fischen imstande ist, dann ist das zweifelsfrei Kunst. Nur die genaue Bezeichnung der Stilrichtung ist mir noch nicht ganz klar.

Helge Möhn

 Wegweisendes Konzept

Für Deutschland gibt es nur noch eine einzige Möglichkeit, den drohenden Verkehrskollaps zu verhindern, nämlich den 14- bis 16spurigen Ausbau sämtlicher Autobahnen. Um dabei die Landschaft zu schonen, sollte man die Fahrspuren aber auf keinen Fall wie bisher anordnen, sondern hintereinander.

Denise Hughes

 Mein schönstes Ferienerlebnis

Eigentlich freuen sich Lehrer auf den Ferienbeginn, aber am Tag davor wollte ich die Schule am liebsten gar nicht verlassen, denn zu Hause wartete nur Arbeit auf mich. Drei Schulaufgaben wollten korrigiert werden. Schon als ich die Haustür aufsperrte, flatterten sie mir aufgekratzt und quengelig entgegen: »Korrigiere mich!« – »Nein, mich zuerst!« – »Ich bin wichtiger!« – »Gar nicht wahr!« Ich flüchtete sofort in die Kneipe. Einige Biere später kehrte ich in banger Erwartung zurück, aber alles schien ruhig. Waren sie eingeschlafen? Vorsichtig öffnete ich die Türe zum Arbeitszimmer, und was ich sah, ließ mir den Atem stocken! Die drei Racker hatten sich gegenseitig gemeuchelt; alles war rot! So ein Glück, ich mußte nichts mehr tun. Zwei Wochen Ruhe und Frieden, das war mein schönstes Ferienerlebnis.

Tibor Rácskai

 #Narzissmus

Was viele nicht wissen: Ich habe über eine Agentur 1000 Twitter-User dafür bezahlt, daß sie mir dort nicht folgen.

Dominik Mauer