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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 10

Hey fellow Millennials,

wer erinnert sich noch? 2009 tauchte ein Live-Mitschnitt von Gunter Gabriel aus dem Knust in Hamburg auf, in dem er die Nerv-Hymne überhaupt, nämlich "Creep" von Radiohead – mit über 600 Millionen der most-streamed Song der Band – coverte und mit einem ganz persönlichen Text auf Deutsch ausstattete. Darin verquickt Gabriel die persönliche politische Standortbestimmung im wiedervereinten Deutschland mit Überlegungen zur eigenen Endlichkeit: "Wo war ich '68? Wo beim Mauerfall? Was ist mein Vermächtnis? Eine in Stein gehauene Zahl." Johnny Haeusler schrieb dazu damals auf Spreeblick: "Herausragend. In seiner OMFGigkeit."

Inzwischen hat sich einiges getan. Radiohead gelten inzwischen – TikTok sei Dank! – als red-flag-Band par excellence, als der Inbegriff von male manipulator music. Und Gunter Gabriel ist seit 2017 tot. Aber nicht vergessen. Denn um sein Vermächtnis kümmern sich nun zwei andere ehrliche norddeutsche Männer in der Netflix-Doku "Das Hausboot", nämlich Fynn Kliemann und Olli Schulz. Bei dieser Gelegenheit Dank an Giulia Becker, der es mithilfe eines einzigen Twitter-Threads gelang, den "norddeutschen Mann" als feststehenden Ausdruck zu etablieren. Die beiden holen mich jedenfalls erst mal koordinatengenau da ab, wo ich stehe: Bereit für eine Bromance-Comedy rund um zwei Kulttypen und ein mehr als schrottreifes Hausboot aus dem Nachlass von Gabriel, über alledem das mindestens diffuse Air des selbsternannten deutschen Johnny Cash. Locker-flockig runtergeschnitten auf vier snackable Folgen sind sie die perfekte Beschäftigung für einen Lockdown-Abend 2021. Geil, geiler, obergeil!

Noch in der Nacht überlegte ich mir ein paar extrem heiße Takes zur Dokumentation, die ich am nächsten Tag jedoch leider erfolglos einem anderen heruntergekommen Hausboot in Berlin angeboten habe. Wer will, kann sie sich ja copypasten und selber veröffentlichen!

1. Die beiden Nordlichter silencen mit ihrer Hochglanz-Doku das working class heritage von Gunter Gabriel ("Hey Boss, ich brauch mehr Geld").

2. "Das Hausboot" als ultimative Metapher für den sozialen Umbau der Agenda 2010, die geistig-moralische Wende der Schröderjahre. Der Arbeiter wird sprichwörtlich aussortiert und entsorgt, muss Platz machen für hypergenerische, seelenlose Architektur und einen Streetfood-Camper mit Tim Mälzer am Steuer.

3. Kein Wunder, dass Wolfgang Thierse im Kielwasser dieser Doku plötzlich aufgetaut wird: Er wird zum Symbol für die Aussortierten, die Abgehängten, kurz: Die Normalen. Ehrliche Typen mit dem Herz am rechten Fleck, denen einfach ab und zu mal die Hand ausrutscht, die es aber nie "so" meinen.

Wenn es gilt, eine Haltung zum Phänomen Fynn Kliemann zu finden, geht es mir im Grunde ein bisschen so, wie wenn ich mit Plusterhose tragenden Menschen konfrontiert werde, die gerade ihre Bachelor-Thesis in Sozialer Arbeit geschrieben haben und die Semesterferien dazu nutzen, mit Querdenken-Chef Michael Ballauf in Stuttgart gegen 5G-Masten anzuflöten, denn auch dort frage mich ständig: Was ist, wenn sie doch recht haben? Und es stimmt ja: In der Zeit, in der ich über neue Memes und Gags zum männlichen Teil der Familie Laschet brüte, gründet Fynn Kliemann 2 Start-ups, baut einen Freizeitpark und macht 40 000 Euro Profit durch Hochfrequenztrading mit Kryptowährungen. Nervt einen natürlich, wenn man darüber nachdenkt. Aber ist es nicht irgendwie auch geil, dass die beiden dieses beschissene Boot für ziemlich optimistische 20 000 Euro kaufen und dann noch mal fast eine halbe Million in die Reparatur stecken?

Hier würde ich gerne ein "Na ja" setzen, aber in dieser langgezogenen Harald-Welzer-Tonlage. Nichts gegen gute Vorher-Nachher-Unterhaltung à la VOX, aber schwierig wird die Doku dort, wo sie das Boot als eine Art Gunter-Gabriel-Gedächtnisprojekt etikettiert. Kliemann: "Ich hab' mich ja mit Gunter nie so richtig befasst, ich weiß nur, dass er irgendwie coole Sachen gemacht hat. So in Form von 'Leute motiviert' und irgendwie ein kreatives Zentrum versucht zu erschaffen. Ich weiß nicht, ob das jetzt wirklich so etwas ist wie sein letzter Wunsch, ist mir eigentlich auch scheißegal, ich fand halt den Kahn cool und er stand halt mitunter für coole Sachen." Gabriel hat bestimmt richtig coole Sachen in seinem Leben gemacht, wurde aber auch immer wieder durch Gewalt gegen Frauen und Gewaltandrohungen (übrigens gut dokumentiert) auffällig. Das lief vielleicht noch bis vor ein paar Jahren unter "So sind sie halt, die Genies!". Wenn man 2021 eine Doku über sein Hausboot macht, kann man das aber mal problematisieren. Auch wenn "abkultförmig" immer noch der natürliche Aggregatzustand zwischen norddeutschen Männern zu sein scheint.

Anyway, habe jetzt auf jeden Fall extrem Bock auf ein eigenes Hausboot bekommen!

Liebe Grüße,
euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 9

Liebe Leser:innen,

man kommt an diesem Wochenende kaum daran vorbei: Die sogenannte "Maskenaffäre" in der Union weitet sich aus. Weil ihr, liebe Leser:innen, in der Regel gut informiert in den Sonntag startet, verzichte ich an dieser Stelle auf eine langatmige Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse und starte direkt auf Ballhöhe. Der Essener Christdemokrat Matthias Hauer zwitscherte am Freitag: "Ich kenne unzählige Parlamentarier der #CDU/#CSU (und natürlich auch aus anderen Parteien), die sich 24/7 für das Wohl der Menschen in Deutschland richtig reinknien. Es macht mich wütend, wenn durch die Gier Einzelner viel erarbeitetes Vertrauen zunichte gemacht wird." Für mich ist das das falsche Mindset: Vertrauen wird doch wohl eher dort zunichte gemacht, wo vielversprechende young professionals wie etwa Dr. Georg Nüßlein (51) und Nikolas Löbel (34) vorschnell das Handtuch werfen, weil der Spiegel ein paar haltlose Gerüchte in die Welt setzt. 

Liebe CDU, ich habe Fragen: Wo ist der fighter spirit, wo das ninja mindset, wo ist das christdemokratische Durchhaltevermögen eines Helmut Kohl, bei dem ein Ehrenwort in Richtung Privatwirtschaft noch etwas galt und der die Namen der Spender mit ins Grab nach Speyer nahm? Hätte eine faire Untersuchung der Causa nicht sogar zum Ergebnis führen können – nein: müssen, dass es sich lediglich um unglückliche Missverständnisse beim Maskenkauf gehandelt hat, die ohne weiteres aufzuklären gewesen wären? Kann es sich die CDU im Jahr 2021 überhaupt leisten, ein wirtschaftspolitisches Talent wie Nüßlein, der laut eigener Homepage mit seiner Dissertation "ein Grundlagenwerk zum Konzernrecht" vorgelegt hat, einfach so fallen zu lassen? Auch wenn die Selbsteinschätzung "Grundlagenwerk" schon im Februar mit dem typisch deutschen Hinweis, dass es "praktisch nie zitiert [wurde], also wohl auch kaum als Grundlagenwerk zu bezeichnen [sei], siehe Google Scolar", von seiner Wikipedia-Seite gelöscht wurde? Oder geht es am Ende gar nicht um die Maskenkäufe, sondern darum, dass mal wieder zwei hoffnungsvolle Politiker mit Draht zum Volk zu gefährlich wurden für Merkel? Das berichten mir zumindest meine Quellen von einem Berliner Podcast-Schiff.

Viele Fragen, wenig Antworten. Stattdessen Duckmäusertum und Einknicken vor dem neuen Zeitgeist. Obwohl alle zwei Monate irgendwo ein nachdenkliches opinion piece erscheint, demzufolge die Bezahlung unserer Bundestagsabgeordneten – vor allem im Verhältnis zu ihrem workload am Volk! – viel zu gering sei, wird von Medien und Parteifreunden unbarmherzig draufgeschlagen, wenn sich dann doch mal ein Parlamentarier sein rechtmäßiges Stück vom Kuchen abschneidet. Ganz ehrlich? Mir ist das zu einfach.

Je näher wir den strategisch wichtigen Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg kommen, desto mehr häufen sich obskure Korruptionsvorwürfe gegen die Union: Erst Philipp Amthor, dann die erwähnten Nüßlein und Löbel, dann Axel Fischer (irgendwas mit Aserbaidschan) und zuletzt auch noch Gesundheitsminister Jens Spahn. Rotfunk bizarr: Spahn geriet allen Ernstes dafür in die Kritik, dass er mit einigen Freunden zu Abend gegessen hat und diese ihm später einen symbolischen Betrag über Paypal Friends & Family geschickt haben. Zeit, eine altes lateinisches Zitat auszubuddeln: Cui bono?

Fragt sich sicher auch der Unions-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus, dennoch bringt er seine Perspektive sachlich und in einfachen Worten auf den Punkt: "Wir sagen daher sehr deutlich, das Beziehen von Geldleistungen für die Vermittlung von medizinischer Schutzausrüstung im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung von Abgeordneten stößt auf unser vollkommenes Unverständnis und wird von uns entschieden verurteilt." Mit nur sieben Substantiven (Beziehen, Geldleistungen, Vermittlung, Schutzausrüstung, Rahmen, Pandemie-Bekämpfung, Abgeordneten) sendet Brinkhaus seine deutliche Botschaft an die geschassten Parteifreunde Nüßlein und Löbel: Hier ist die die Tür raus für euch, ich kann euch sie nur öffnen, durchgehen müsst ihr selbst.

Doch wenn ich ehrlich sein soll: Ich sehe die Exit-Strategie noch nicht. Eher riecht es für mich nämlich nach einer zweiten Causa Wulff, einem weiteren politmedialen Desaster also, bei dem es am Ende bekanntlich um Sachleistungen im Gegenwert eines Bobbycars ging. Und die den ehemaligen Bundespräsidenten zurückließ als Präsidenten des Deutschen Chorverbandes. Bei den Maskendeals von Nüßlein und Löbel geht es zusammengerechnet um einen ähnlich niedrigen Betrag von circa 910 000 Euro. Klingt auf dem Papier erst mal viel, sind aber umgerechnet auch nur 91 Abendessen mit Jens Spahn. Und dafür die Aufregung?

Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem sich Arbeit nicht mehr lohnt.

Besorgte Grüße: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 8

Liebe Leser:innen,

Sie müssen mich sich nass geschwitzt vorstellen, wie ich diesen Longread soeben ins Google Doc tippe. Denn hinter uns liegt mal wieder eine außergewöhnliche Kalenderwoche in einem an Aufregungen und Skandalen bislang nicht gerade armen Jahr. Jedoch – wie man nun in einem Zeit-online-Text kurz vor der Bezahlschranke schreiben würde, da, wo langsam der Text verblasst – "der Reihe nach".

Wenn noch etwas dieses Land in Corona-Zeiten selbst vor leeren Studiopublikum-Rängen zusammenhält, dann ist es das dreimal wöchentlich aus Hamburg ausgestrahlte ZDF-Talkformat "Lanz" mit der namensgebenden Tiroler Moderationsmaschine Markus Lanz, der am Donnerstag Jubiläum feierte: 1500 Folgen mit sehr, sehr launigen Runden, sehr, sehr interessanten Lektüren, regelmäßig aufploppenden Erinnerungen an die Fotoreise nach Grönland und der Reportage-Reise in die USA (diese gespaltene Nation, die enttäuschten Menschen in Trump-Land, der rust belt), dem berühmt-berüchtigten Robin-Alexander-Zitat vom Kübel übelriechenden Zeugs, das sich die SPD in schöner Regelmäßigkeit über die eigene Birne kippt und das Lanz inzwischen häufiger rausgekramt hat als sein langjähriges Lieblingszitat von Das Bo aus dem Song "Türlich, türlich" (erschienen im Jahr 2000) – "Ich bring' ihm wieder Tanzen bei und rauch' da auch noch Pflanzen bei" –, Reinhold Messner auf dem Nanga Parbat, Markus Söder im Fleece-Zipper aus München zugeschaltet, Thomas Middelhoff mit Tränen in den Augen, Lauterbach, Bosbach, Kubicki und – wenn sie es gut mit uns meinen: Hajo Schumacher. Bislang galt: Egal wie sehr dieses Land erschüttert wird, egal wie scheiße der Tag im Büro lief – wenn Wir sind Helden das erste C im Titelsong "Nur ein Wort" anschrammeln, kommt man am späten Abend unter der Woche noch mal zusammen und zu sich. Doch an den Rändern beginnt es zu bröckeln.

Denn diese Woche war die Woche der Wut. Erst lud Lanz Heribert Prantl ein, der seit seinem Umzug von der SZ zur Welt offenbar an einer Art persönlichen rebranding arbeitet und den in vielen konservativen Kreisen für seine wissenschaftliche Nüchternheit verhassten Karl Lauterbach anging wie ein wildgewordener Stier: Prantl brüllte durchs Studio, drohte mit seinen Fingern, peitschte sich maximal auf und redete sich selbst in eine noch nie gesehene Rage. Prantl agierte so, wie man sich einen normalen Auftritt des Hobby-Bloggers und Rennradfahrers Don Alphonso bei Lanz vorstellen würde, also wie ein Feuer-Pokémon bei der Transformation oder ein weißer männlicher Kolumnist Ü50, dem man gerade mitgeteilt hat, dass er ab jetzt doch bitte in seinen Texten gendern soll. Schon nach dieser Ausgabe dachte ich, dass mehr Debatte in dieser Woche gar nicht möglich ist, doch dann kam der Donnerstag. Zunächst zitierte Lanz den Oberbürgermeister von Halle in die Aufzeichnung, der sich unter fragwürdigen Umständen eine Ladung geilen Impfsaft für den Eigenbedarf gesichert hatte, und grillte ihn unbarmherziger als Heinz Buschkowsky eine 12er-Packung Bratmaxe von Meica im sommerlichen Schrebergarten: Bernd Wiegandt ging im Grunde noch chancenloser in dieses Match als Axel Schulz bei seinem Boxkampf gegen George Foreman. Auch schon wieder 26 Jahre her. Und als hätte es der Talkshowgott in dieser Jubiläumswoche nicht schon gut genug mit uns gemeint, schaltete die Regie dann auch noch den sachsen-anhaltinischen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff auf den 4K-Bildschirm im Studio. Anlass: Haseloffs private Öffnungsstrategie für Sachsen-Anhalt, zwei Tage vorher veröffentlicht.

Und jetzt wurde es so richtig geil. Hinterm Ministerpräsidenten glitzerte die Elbe verdächtig friedlich vor sich hin, und dahinter das makellose Magdeburger Stadtpanorama bei Nacht, Haseloff himself mit einer für TV-Aufzeichnungen eigentlich – das weiß ja selbst ich – ungünstig karierten Krawatte, über allem damit die Botschaft: Ich bin einer von euch, ich kann euch hören. Lanz attackierte von Beginn an auf Höhe der Mittellinie, bohrte nach, warum es der Südkoreaner besser mit der Pandemie hinbekommt als wir. Noch entschärfte Haseloff Lanz’ Aufbauspiel mit einfachen Mitteln: "Südkorea ist eine Insel", "Die Grenze zu Nordkorea ist praktisch dicht." Keine Erkenntnisse, mit denen man das Rad neu erfindet, aber solche, die ihren Zweck erfüllen. Erinnerte mich an einen Rat, den mein guter alter C-Jugendtrainer Berti mir mal mit auf den Weg gegeben hat: "Wenn die Pille in den Fünfer tropft, dann wichs’ dat Dingen in den Himmel!"

Irgendwann ging Haseloff dann von der Abwehr in den Angriff über und warf Lanz indirekt Ahnungslosigkeit vor, lud ihn jedoch noch im gleichen Atemzug zu einem Vor-Ort-Besuch in Sachsen-Anhalt ein. Jeder spürte es zuhause vor der Flimmerkiste deutlich: Der MP nahm das Heft jetzt in der Hand, gab zu Protokoll, dass er über das "Hü und Hott" in Österreich überhaupt nicht diskutieren wolle. Beim Thema Astrazeneca ging es dann richtig zur Sache: Haseloff machte ZDF und ARD für das schlechte Image des Impfstoffs verantwortlich, zwar leiste Lanz gute Aufklärungsarbeit, aber eben erst um 23 Uhr. Schon längst ging es hier nicht mehr nur um das Management der Corona-Pandemie, sondern um die grundsätzliche Formatierung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: "Lassen Sie sich um 20:15 Uhr nach der Tagesschau oder nach heute platzieren und erzählen Sie das genau so wie jetzt hier!" herrschte Haseloff den Moderator an. Für viele Beobachter ging er hier den einen Schritt zu weit, ich hingegen begrüße den neuen Klartext-Haseloff, der das drängendste Problem dieses Landes endlich einmal beim Namen nennt: Warum läuft Lanz so spät? Dieser wollte das Thema (ganz der Profi) nur schnell abfrühstücken, doch Haseloff legte erst richtig los: "Da können wir gern tiefer reingehen! Diese Sendung hier gehört nach vorne und ein Quiz gehört nach hinten!" Der saß! Man kann sich nur vorstellen, welche Panik dieses Interview am Donnerstagabend bei Alexander Bommes und Jörg Pilawa ausgelöst hat.

Am Ende wurde diese Jubiläumswoche der deutschen Talkshowinstitution Lanz mehr als gerecht: So viel realtalk war selten. Hoffen wir, dass Haseloff mit seinen Bestrebungen, Lanz früher zu programmieren, Erfolg behält. Und auf weitere 1500 sehr, sehr spannende und launige Runden.

Euer: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 6

Liebe Leser:innen,

Klima, Krise, Kapitalismus – wer sich noch an das Jahr 2019 erinnern kann, weiß: Schon vor Corona stand unsere Welt vor extremen Herausforderungen. Worauf die herkömmlichen, mitunter etwas angestaubt wirkenden Tools der liberalen Demokratie keine Antwort fanden, entpuppte sich jedoch für zwei einfache Jungs aus Berlin-Kreuzberg, Waldemar Zeiler und Philip Siefer, oder, wie sie sich selbst gerne nennen: "Waldophil", als extrem spannende Herausforderung. Egal ob Rassismus, Klimawandel oder Steuersätze für Hygieneartikel: Die Antwort konnte aus Sicht der beiden nur "E-Democracy" lauten. Jedoch ist die liquid democracy spätestens seit den Piraten nicht mehr das nächste große Ding. Es brauchte noch ein Topping, eine Prise basisdemokratisches Glitzer obendrauf. Was wäre also, wenn Waldophil es schaffen, 90 000 Demokratie-Fans im Olympiastadion zusammenzubringen und den Bundestag mit E-Petitionen zu bombardieren? Oder in anderen Worten: Mit einem Super Bowl der Demokratie die gesamte Welt an einem Tag zu "unfucken"? Was passiert, wenn wir uns wieder mal was trauen?

Zwei Jungs mit einem Traum in der Tasche – so lautet das einfache Rezept der neuen Erfolgsdokumentation "Unfck the World" des ProSiebenSat.1-Media-Streaminganbieters Joyn. Und wie immer, wenn Menschen einfach mal outside the box denken anstatt zehn Jahre Genderstudies auf dem Hildegard-von-Bingen-Kräutercampus zu studieren, ist das Gemotze im Internet natürlich groß. In der Dokumentarserie von Finbarr Wilbrink und Sonia Otto werden die schlechtgelaunten Hassposts aus dem Winter 2019 nicht verschwiegen, sondern zum Teil der Erzählung: Jan Böhmermanns obsessive Beschäftigung mit dem Thema findet ebenso Eingang in die Doku wie einige Tweetklassiker zum Thema von Jutta Ditfurth. Man stört sich an der Eventisierung demokratischen Prozederes, an dem Bezahlmodell, das Menschen mit weniger Einkommen ausschließe, und daran, dass das ganze Event im Grunde nur ein riesiges Marketing-Instrument für Waldemar und Philipp sei. Ein absurder Vorwurf, wie mir scheint: Davon abgesehen, dass Waldophil die zwei Gesichter der Kampagne sind, das Event in den Büros ihrer gemeinsamen Firma Einhorn geplant und in Form einer wohlwollenden Dokumentation später an Joyn verkauft wird, kann ich nun wirklich nicht erkennen, dass sich die beiden hier in den Vordergrund spielen. Es sind dies vielleicht auch ganz einfach die typisch deutschen Neiddebatten, denn, so Philip, "in den USA sind politische Events inzwischen vollkommen normal".

Dabei hatte alles so gut angefangen. In den ersten Sekunden begleiten wir Zuschauer:innen Waldophil auf dem Weg ins Berliner Olympiastadion zu den ersten Verhandlungen. Schon wenige Sekunden später ist alles unter Dach und Fach: "Datum ist der 12.06. Haben wir gekriegt. Sie reservieren uns das für drei Monate. Eigentlich zahlt man eine Strafgebühr, wenn man den Termin nicht wahrnehmen kann. Die haben sie uns gewavet! Das ist ein huge success." Philipp und Waldemar sind mir vielleicht auch deshalb so sympathisch, weil sie so reden und denken, wie ich hier in dieser Kolumne schreibe. Vielleicht sind wir so was wie Brüder im Geiste? Entsprechend leide ich mit, als es in Folge 2 "Im Auge des Shitstorms" PR-technisch so richtig zur Sache geht. Ungläubig starren Waldophil auf ihren Laptop, einer murmelt: "Warum schreibt Böhmermann das?"

Und es gibt sie auch, die Momente des Zweifels. Zum Beispiel einmal im Einhorn-Büro, da sitzt Waldemar, gerade aus dem Scheidenkostüm vom Edition F-Kongress geschlüpft, auf einer Couch und sagt zu Philipp: "Vielleicht haben wir auch alles überstürzt." Doch Innovation lebt natürlich von trial and error. Deswegen geht’s in Folge 5, "Aufstehen und Weitermachen", auch ins creative retreat nach Alt-Madlitz mit Maja Göpel, in ein Landhaus, das exakt so aussieht, wie man sich das Anwesen der Kubitscheks in Schnellroda nach den Spiegel-Reportagen immer vorgestellt hat. Lichtdurchflutete Räume, unverputztes Mauerwerk und nach draußen der unverstellte Blick auf die Natur. So ein Ambiente hilft natürlich, sich auf seine Stärken zu besinnen: "Wir haben 50 000 Fans auf Instagram, wir haben mehr als die SPD", philosophiert Zeiler.

Nach einer anonymen Großspende, über deren Ursprung wir leider nichts erfahren, und einem Redesign im Vertriebsmodell schafft man dann, wonach es lange nicht aussah: Die Crowdfunding-Kampagne zum Megaevent in Olympia ist gefuckt. Nachdem das Team gegen alle Wahrscheinlichkeiten und Widerstände also doch noch genug Karten verkaufte, konnte ihnen nur noch ein Katastrophe globalen Ausmaßes einen Strich durch die Rechnung machen: Die Chinaseuche, oder wie es im Titel von Folge 6 heißt: "King Corona". Bei aller Enttäuschung über das geplatzte Event überwiegt für Zeiler zum Schluss trotzdem die Hoffnung: "Es fühlt sich gut an, dass, obwohl das Event jetzt nicht stattfindet, es Leute trotzdem motiviert hat, Sachen zu machen." Eine schöne Beobachtung, die ich bestätigen kann: Die Doku hat mich zum Beispiel motiviert, gegen jede Wahrscheinlichkeit für einen Tag zum Joyn-Kunden zu werden.

Kämpft weiter für seine und eure Träume: 

Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 5

Liebe Leser:innen,

dass es dann doch so schnell gehen würde, hätte Jeff Bezos sicher nicht gedacht, als er Ende der Neunziger Jahre, nur mit einer Ausgabe von "Der Data Becker Führer, HTML & XML" bewaffnet, die erste Version von amazon.com ins World Wide Web stellte. Ein altes Mantra von Winston Churchill – für die Jüngeren: Churchill war so eine Art englischer Helmut Schmidt, er fehlt – lautet: "Erfolg heißt, immer einmal mehr aufstehen, als man hinfällt". Leider hat sich Bezos nun wohl endgültig dazu entschlossen, liegen zu bleiben. Aus der glänzenden Corona-Vorlage der Politik, so gut wie jedes Geschäft in den deutschen Innenstädten monatelang zu schließen, konnten Bezos und sein Team gerade einmal das mickrige Quartalsumsatzplus von 125 Milliarden US-Dollar erwirtschaften. Am Ende kam Bezos eigentlich nur noch seiner Entlassung zuvor und zog sich mit dem letzten verbliebenen Anstand vom Amazon-Chefposten zurück. Bitter, aber unausweichlich.

Nun sind Buchhändler per so oft ziemlich schräge Typen: Utopische Vorstellungen vom Leben an sich verquicken sich mit einem gewissen Hang zur Faulheit und nervtötendem Besserwissentum. Denkbar schlechte Voraussetzungen also für ein multinationales Startup mit 1,3 Millionen Mitarbeiter:innen weltweit. Denn bei aller Liebe zum gedruckten Buch: Das Prinzip Hoffnung ist noch kein Marketingplan und Reinhold Messner ist sicher auch nicht den Nanga Parbat hinaufgefallen. Aus dem Umfeld des sympathischen Glatzkopfs aus Seattle gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Berichte über Mindset-Probleme beim Personal: Mit schöner Regelmäßigkeit kündigte alle paar Wochen irgendein Spinner in einem der vielen Amazon-Standorte weltweit an, jetzt aber wirklich mal eine Gewerkschaft zu gründen. Bezos kam zum Schluss mit dem Entlassen gar nicht mehr nach. Vielleicht auch aus Enttäuschung darüber, dass seine Angestellten den geilen Spirit der Gründungszeit aus den Neunziger Jahren ("Einfach mit ein paar Kumpels was Geiles miteinander aufzubauen!") nicht mehr fühlten. Aus der sozialen Hängematte lässt sich jedoch die klassische Buchbranche nur schwerlich disrupten, da brauchst du echte Löwen, die auch mal ein paar Monate auf Gehalt verzichten können, wenn es der größeren Sache dient. In Deutschland lief die Situation zuletzt deutlich aus dem Ruder, wo in Meckenheim und Niederkrüchten ganze Container-Ladungen von Amazon-Paketen in Waldgebieten gefunden wurden, die Paketfahrer:innen dort entsorgt hatten, um daheim in Ruhe den ganzen Tag über Clubhouse-Panels lauschen zu können.

Auch die neuen Geschäftsfelder fluppten nicht so, wie sie sollten. So las sich beispielsweise das Comedy-Angebot des Streamingdienstes "Amazon Prime" zuletzt wie die Nachtprogrammierung von Sat.1 GOLD: "Two and a half men", "Türkisch für Anfänger" und "Chris Tall Presents …" – Wer das lustig findet, teilt auch Sharepics zum bedingungslosen Grundeinkommen in seiner Whatsapp-Story. Kaufkraft sieht leider anders aus. Vielleicht auch, um vom Streaming-Desaster abzulenken, stellte Bezos dann 2019 plötzlich völlig überraschend seine Mondlandefähre "Blue Moon" vor. Als das Unternehmen jedoch im selben Jahr zugeben musste, entgegen aller Beteuerungen doch zumindest ein paar Euro Steuern an die deutschen Finanzämter zu überweisen, war Bezos für die Amazon-Aktionäre eigentlich nicht mehr zu halten.

Innerlich schon gekündigt, nahm Jeff dann noch ein letztes Mal das Weihnachtsgeschäft mit, das ihm immer am liebsten wahr: Leuchtende Kinderaugen, ansonsten abgebrühte Väter mit Tränen im Knopfloch. Dafür hat er den Job eigentlich gemacht, dafür hat er es damals angefangen. Doch vielleicht hat Jeff Bezos genau um diese Zeit genau wie ich auch diesen einen Instagram-Post des Vertriebs-Genies Dirk Kreuter gelesen, der dort schreibt: "Irgendwann blickt man auf das zurück, was man getan hat. Und auf das, was man hätte tun können."

Es hat nicht sollen sein, Jeff. Good night and good luck.

Dein: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 4

Liebe Leser:innen,

als ich vorgestern Abend wie jeden Freitag das "Heute-Journal" im ZDF gestreamt habe, bin ich vor Schreck fast von der Couch gefallen. Im Nachrichtenblock mit Gundula Gause wurde ZDF-Börsenguru Frank Bethmann zugeschaltet, der aus Frankfurt am Main die neuesten Entwicklungen rund um die Gamestop-Aktie sachkundig einordnete: "Das Kräftemessen dieser beiden Gruppen, die irrsinnigen Kurssprünge zeigen es, könnte die Kapitalmärkte destabilisieren. Auch deswegen sind Staatsanwaltschaft und Börsenaufsicht in den USA jetzt aktiv geworden. Schließlich sparen Millionen von Amerikanern mit ihren Aktien für das Alter." Millionen von Amerikanern für das Alter. Dieser Halbsatz hallte in mir nach. Moment mal, dachte ich, diese hobbylosen Krawall-Kids von Reddit verzocken mit ihrem ach-so-ironischen Investment in das eigentlich schon komplett obsoletierte Geschäftsmodell von Gamestop (nämlich: Pokémon-Karten und gebrauchte PS4-Spiele in einem heruntergekommenen Ladenlokal zu verkaufen) also am Ende noch die spärliche Altersvorsorge von Millionen tüchtigen Amerikanern? Mir kam das Abendessen hoch. Und Wut. Gleichzeitig dachte ich an meine eigene Altersvorsorge: ein kompliziertes Modell aus gesetzlicher Rentenversicherung, verschiedenen Investments in Kryptowährungen, deren Namen ich immer vergesse, und einigen seriösen Anlagen aus der Produktpalette Riester-Rente.

Apropos Riester: Eine der geistigen Väter des Riester-Modells, der Philanthrop und Vox-Startup-Onkel Carsten Maschmeyer, meldete sich dieser Tage auch zum Thema Gamestop zu Wort: "Hedgefonds nutzen den Markt weiter als Casino, Nachwuchsinvestoren werden ausgesperrt: Inakzeptabel! Märkte müssen transparent sein für ALLE." Wenn jemand im Internet Großbuchstaben benutzt, weiß man: Da ist es jemandem ernst. Denn auch für Maschmeyer gab es damals, als er den Wahlkampf von Altkanzler Gerhard Schröder mit 150 000 Mark über einen Strohmann finanzierte, kein größeres Gebot als das der Transparenz. Oder das eine Mal, als er kurz nach der Jahrtausendwende dem Wunsch desselben Kanzlers nachkam und nach mehreren privaten Treffen in Hannover ein Konzept zur Rentenreform vorlegte, das zufällig genau ins Geschäftsmodell seines Unternehmens passte. Auch sein eigener Aufstieg in die Oberliga der Besserverdienenden war von Ehrlichkeit, Transparenz und dem genauen Gegenteil von "Casino-Mentalität" geprägt, als er Millionen Kleinanleger mit Investments in fragwürdige Immobilien und extrem komplizierten Fonds um ihr Vermögen brachte. Klarheit, Vertrauen, Konsequenz.

Heute investiert Maschmeyer mit seinen Investorenfreund:innen das Geld aus dieser Zeit vor einem Millionenpublikum in vegane Klangquadrate und Craft-Beer-Startersets für Menschen in der 30-something-life-crisis. Oder gibt auf der Audio-App Clubhouse (siehe Kolumne letzte Woche) tiefgründige Lebensweisheiten wie diese hier zum Besten: "Herausforderung heißt challenge und wenn man bei challenge die zwei L und das EN wegnimmt, bleibt change."

Wir sind alle nur Menschen und jeder macht mal Fehler. Dann heißt es dafür geradestehen, Mund abwischen und weiter investieren. Und niemand kann etwas dafür, wenn er vielleicht wirklich Diamanten-Hände hat und finanziell einfach immer goldrichtig lag. Auch ein Carsten Maschmeyer nicht. Und bei all dem Change, Challenge und Gamestop dieser Tage ist mir am Ende vielleicht eine Botschaft noch viel wichtiger, für die ich nochmal ein altes Diktum von Norbert Blüm abwandeln möchte: Die Renten waren noch nie sicher. Mein auf gar keinen Fall seriöser Finanztipp für diese Woche lautet deswegen: Halten, halten, halten.

Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 3

Liebe Leser:innen,

es war eine Nachricht, die Hoffnung stiftet in herausfordernden Zeiten: Seit ein paar Tagen ist "Clubhouse" auch in Deutschland verfügbar und nach Google Plus, PerspectiveDaily und und dem WordPress-Plugin für Mikrospenden namens tinyCoffee (letztes Update vor drei Jahren) ist sie auf dem besten Weg, das nächste ganz ganz große Ding im Journalismus zu werden. Die Bubble ist verständlicherweise angegeilt wie lange nicht mehr!

Normalerweise würde ich dem informierten Publikum dieser Kolumne gar nicht mehr erklären müssen, worin genau der Unique Selling Point dieser Granaten-App aus der US-Softwareschmiede "Alpha Exploration Co." liegt, aber aktuelle Auswertungen legen nahe, dass sich unter meinen Leser:innen leider auch "Menschen" mit Android-Smartphones tummeln. Und die hat man für den Launch von "Clubhouse" wohlweislich erstmal draußen gelassen, sie sollen (angeblich) in einem zweiten oder dritten Schritt mitgenommen werden. Ganz unter uns, die Gründe für diese Entscheidung liegen natürlich auf der Hand: Erstens wäre das Mobilfunknetz in Berlin-Mitte ohne die Beschränkung auf verantwortungsvolle Verbraucher mit Apple-Produkten kurz nach dem Launch zusammengebrochen und zweitens bringen Leute, die freiwillig Android-Endgeräte nutzen, aus Erfahrung nochmal eine ganz andere, speziellere Energie rein. Im klugen Meinungsstück zum Hype hieß es gestern entsprechend auf tagesschau.de: "Zivilisierte Debatten, weniger Störer."

Deswegen ein kurzer elevator recap über die App der Stunde: "Clubhouse" ist eine kostenlose Telefonie-App für Menschen, die auf Facebook, Twitter und Instagram einen blauen Haken haben. Und andere, weniger relevante Menschen können ihn nun dabei zuhören. Nicht nur mich erinnert das ganze Konzept an den berühmten Film des großen deutschen Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck (2,05 m): "Das Leben der Anderen". Auch Datenschützer – in aller Regel Kunden von Huawei und Samsung – schlagen Alarm: "Clubhouse" benötigt beim Einrichten Zugriff auf alle Kontakte im Telefonbuch, so dass auch noch nicht registrierte User:innen mitsamt der Anzahl der potenziellen Freund:innen in der App gefunden werden können. Meine Meinung dazu: Nur Kleingeister und Rumnörgler beschweren sich über kostenlose Publicity, die ja letztendlich immer auch auf die eigene brand einzahlt. Außerdem stehen die Nummern aus Berlin doch auch schon im Telefonbuch? Schade, wenn man sich und anderen mit diesem 20. Jahrhundert-Denken immer nur selber im Weg steht!

Für meinen Teil haben die ersten Erlebnisse und panels auf der Plattform meine Erwartungen sogar noch übertroffen. Wer will, kann den ganzen Tag wunderbar klugen Diskussionsrunde lauschen, wie zum Beispiel "Millennial-Journalismus: Weinerlich, egozentrisch, nischig?", "Startup Buzzword Bingo" oder – heute Abend! – "Maschmeyers Talk" mit Toni Kroos und Timo Werner (beides Fußballspieler). Diskurs-Demokratisierung pur: Jeder kann Experte für alles sein, wenn man nur fest genug daran glaubt! Auch Doro Bär von der CSU ist nach wenigen Tagen schon auf einer Frequenz von 6 panels täglich, diskutierte zuletzt 8 Stunden am Stück mit Frank Thelen und Sascha Lobo über  – na was wohl – Digitalisierung und bewirbt ihre Sessions selbstbewusst mit dem Hashtag #AnneWillwargestern. Da gehe ich mit der Digitalisierungsbeauftragten der Bundesregierung d’accord: Die neue Zauberapp aus Salt Lake City hat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk binnen einer Woche obsoletiert. Nicht nur, dass in den Funkhäusern ohnehin überwiegend schlechtbezahlte Miesepeter mit Android-Telefonen herumsitzen und nichts machen außer immer mehr Geld zu fordern. Auch die ständige Unterteilung der gesamten Welt in Gut und Böse oder Links und Rechts nervt nicht nur, sondern verhindert auch ohne Not extrem produktive Debatten mit neurechten Influencer:innen, wie zum Beispiel zuletzt mit Anabel Schunke. So gesehen kommt Clubhouse genau zur richtigen Zeit und ermöglicht vielen wichtigen Menschen in den Medien, trotz der Balla-Balla-Kontaktbeschränkungen von Bund und Ländern wunderbar einfühlsame Gespräche mit den oftmals unfair als "unzurechnungsfähig" gelabelten Vertretern aus der anderen Seite des politischen Spektrums zu führen.

Auch meine anfängliche Furcht, dass aufgrund der hohen Taktung von Sessions den Menschen auf der App schnell die Themen ausgehen werden, bewahrheitet sich zum Glück nicht: Nachdem ein extrem verkürzter und unfairer Screenshot der oben genannten Runde im Internet die Runde machte, diskutierte die Bubble der Wichtigen den "Skandal" noch bis in die frühen Morgenstunden in unendlich vielen Sub-Panels aus. Wenn "Clubhouse" also eines lehrt, dann das wirklich jeder Gedanke ein panel werden kann. Und vielleicht haben die Entwickler damit etwas geschafft, woran Wissenschaftler:innen jahrhundertelang gescheitert sind: Ein perpetuum mobile für Debatten. 

Leaves fürs Erste quietly und wünscht eine panelreiche nächste KW:

 

Dax Werner

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Briefe an die Leser

 So schloss sich der Kreis, Angela Merkel,

So schloss sich der Kreis, Angela Merkel,

als Sie bei einem Wahlkampfauftritt auf Rügen versprachen, nach Ihrer Kanzlerinnenschaft in Berlin und in der Uckermark wohnen zu bleiben. »Von dort ist es durch die schöne A20 nicht mehr weit in meinen ehemaligen Wahlkreis.«

Klar, irgendwas mit Autobahnen hören die Deutschen ja gern, um Ihren Vorgänger mit dem Schnauzbärtchen nicht ganz vergessen zu müssen. Allerdings haben wir nicht vergessen, dass auf einem Teilstück ebenjener Autobahn 20, kurz nachdem es 2005 durch Sie als frisch gewählte Bundeskanzlerin freigegeben worden war, die Fahrbahn einbrach und ein Loch hinterließ, das nicht nur symbolisch tief und breit klaffte. »Eine fürchterliche Schmach« nannten Sie das damals. Pff! Eine schändliche Niederlage auf hierzulande heiligem Schlachtfeld!

Aber vermutlich setzen Sie bei den Autobahn-Deutschen einfach auf das große Vergessen. Hat beim Führer schließlich auch geklappt. Und gewählt werden müssen Sie ja auch nicht mehr.

Sagt zum Abschied leise »Umleitung«: Titanic

 Michael Haberland, Organisator des Münchener Oktoberfests,

im Spiegel beschrieben Sie, wie man sich die digital stattfindende Wiesn vorzustellen hatte: »Alle Teilnehmer bekommen eine Wiesn-Box und einen Zoom-Link. Dann geht’s los. A Guadn!« Und weiter? »Sie klicken auf den Link zur verabredeten Uhrzeit, und dann stoßen wir gemeinsam an. O’zapft is’!«

Mal ehrlich, Haberland: Glauben Sie wirklich, dass Ihre ins Interview gejohlten Animationsrufe darüber hinwegtäuschen können, dass das alles ziemlich traurig klingt? Unser Tipp: Bei der nächsten Pandemie das Fest ganz absagen und einmal kräftig »Schaun’ mer mal!« brüllen.

A Guadn! Titanic

 Überrascht, Katja Kipping (Die Linke),

nahmen wir Ihren Tweet nach der Wahlschlappe zur Kenntnis: »In der Mittagspause gönne ich mir heute eine starke Dosis vom Känguru-Humor. Tut an Tagen wie diesen besonders gut«, versehen mit einem Bild von zwei Marc-Uwe-Kling-Hörbüchern. So viel Masochismus hätten wir Ihnen gar nicht zugetraut. Andererseits ergibt dann auch die Mitgliedschaft in einer Partei mit Sahra Wagenknecht Sinn.

Oder ist etwa alles nur ein geschickter Versuch, den Grünen & Co. die Stammwählerschaft mithilfe von deren Stammhumor abzugraben? In diesem Falle: Clever! Nach der Wahl ist bekanntlich vor der Wahl.

Extra starke Erkenntnisse von Titanic

 Weißt Du, Zahnarztpraxis Enciso,

was wir gerufen haben, als wir eine Werbepostkarte von Dir mit dem Aufdruck »So muss Zahnarzt« aus dem Briefkasten holten? Genau: »Das kann Papierkorb.«

Maul! Titanic

 Markus Lanz!

Sie sind im April von Ihrem Moderatorenkollegen Micky Beisenherz in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung aufgrund Ihrer wie auch immer gearteten Interviewtechnik als »Deutschlands schönste Grillzange« bezeichnet worden. Auf die Frage, ob das nicht Sexismus in die andere Richtung sei, antworteten Sie beim Jahrestreffen des Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger in Berlin: »Absolut.« Sie hätten sich zwar darüber gefreut, aber gleichzeitig gedacht: »Schreib’ das mal 2021 über eine Frau. Dann gibt es aber richtig ein paar hinter die Ohren und auch zu Recht.«

Da stimmen wir Ihnen ausnahmsweise ausnahmslos zu, ziehen dem kleinen Würstchen Beisenherz einfach mal präventiv die Löffel lang und verleihen Ihnen stattdessen ganz unzweideutig den zu Ihrem Moderations- und Interviewstil ohnehin viel besser passenden Titel »Deutschlands eitelste Flachzange«.

Grillt alles und jeden und auch zu Recht: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Letztes Aufbäumen

Dass ein Smartphone beim Hochfahren mal – Gott zum Gruße! – vibriert, geschenkt. Die Geräte eines gewissen südkoreanischen Herstellers allerdings erbeben auch während des Herunterfahrens bei schon ausgeschaltetem Bildschirm noch mal kurz. Ganz so, als klopfte ein doch noch nicht Verstorbener von innen an den Sargdeckel.

Andreas Lugauer

 Gesundheitsfrage

Gibt es so was wie Fremdhypochondrie, also dass man immer Angst hat, andere Leute hätten irgendwas oder ihnen würde etwas zustoßen? Ich frage für eine Freundin, bei der ich befürchte, dass sie das hat.

Paula Irmschler

 Next-Level-Kosmopolit

Ständig trifft man jemanden und sowieso kennt man fast alle über zwei Ecken: Ja, China ist für mich so ein richtiges Milliardendorf!

Leo Riegel

 Bittgesuch

Ich liebe Online-Petitionen, ich unterzeichne jede. Hätte es sie früher gegeben, viel Leid wäre der Menschheit erspart geblieben. »Stopp Römer nach Germanien!« 200 000 Unterzeichner, und die alten Germanendörfer am Rhein stünden noch heute Stein auf Stein. »Für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, für Brot für alle, für das Volk als Souverän und noch ein paar andere Sachen. Sind Sie dabei? Hier können Sie unterschreiben!« 5 Millionen ratifizierende Franzosen, darunter der französische König, und der blutige Sturm auf die Bastille wäre nie geschehen. Dasselbe gilt für »Europa raus aus Afrika« oder »Herr Bismarck, erlauben Sie das Wahlrecht für alle!« Auch die Sponti-Bewegung hätte mit ihren Zielvorstellungen auf diesem Weg mehr Erfolg gehabt, von »Macht aus dem Staat – Gurkensalat!« bis »Miethaie zu Fischstäbchen!« Keine Ahnung, ob die rot-gelbe Staatsgewalt alle Anliegen wirklich erhört hätte, aber man hätte es versuchen können.

Ella Carina Werner

 Emotionskontrolle

Schon ewig her, da fiel mir in einem Plattenladen in Sevilla auf, dass die Regalfächer A–K und M–Z relativ spärlich bestückt waren. Die Fächer L hingegen barsten fast schon vor Fülle. Eine nähere Überprüfung der L-Fächer brachte Klarheit: Los The Beatles, Los The Clash, Los The Doors, Los The Eagles, Los The Rolling Stones, um nur einige Beispiele zu nennen. Ich habe trotz rudimentär vorhandener Spanischkenntnisse davon abgesehen, das Personal darauf anzusprechen, denn diese mehr als amüsante Sortierung machte mir schlagartig klar, dass ich durchaus ein Typ bin, der etwas kann, was viele erst mühselig lernen müssen: loslassen.

Tom Breitenfeldt

Vermischtes

Gerhard Henschel: "Harry Piel sitzt am Nil"
Fuck, dieses Buch sollte man gelesen haben, wenn man  kein übelst versiffter Wichser sein will. Schmähungen und böse Wörter  machen das Leben echt oberarschmäßig zum Kotzen. Vielleicht kapieren Sie  Versager das endlich, wenn Sie Henschels neuesten Streich gelesen  haben. Können Sie überhaupt lesen? Wahrscheinlich nicht. Trollen Sie  sich, Sie Wicht! Aber trotzdem abonnieren und diese Top-Prämie wählen.Friedemann Weise: "Die Welt aus der Sicht von schräg hinten"
Laut seiner Homepage ist er der "King of Understatement" und der "lustigste Mensch im deutschsprachigen Internet". Er ist aber auch Gitarrenmann, Viralblogger (15000 Follower!), Gagautor und Promiexperte mit Diplom. Die Rede ist von Friedemann Weise, dem Mann mit dem Namen! Der Mann, der den "Satiropop" erfand. Und jetzt auch noch ein Buch vorlegt. Ob das gutgeht? Ordern Sie diese Prämie und teilen Sie Ihr vernichtendes Urteil bitte zeitnah der TITANIC-Redaktion mit.Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURHeinz Strunk: "Das Strunk-Prinzip" (Hörbuch, 2CDs)
Sie sind ein totaler Versager und können sich Hörbücher nur als Abo-Prämie leisten? Dann nehmen Sie wenigstens dieses hier: "Das Strunk-Prinzip", die beliebte Kolumne aus TITANIC als Hörbuch! Power- und 110-Prozent-Autor Heinz Strunk zwiebelt Ihnen blitzgescheite Weisheiten um die Ohren bis Sie gar nicht mehr anders können als in Erfolg, Geld und Sex zu ersaufen. Das Strunk-Prinzip setzt Ihrem Elend endlich ein Ende. Mutter wird sich freuen!Kamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURDie PARTEI-Wahlwerbungs-DVD mit allen vier Wahlwerbespots aus dem Bundestagswahlkampf 2005: Höhepunkte der Politpropaganda, die von Otto Schily mit dem Prädikat "ein Skandal" ausgezeichnet wurden. Besser aufgelöst als auf Youtube und noch dazu mit einer praktischen, farbechten Hülle drumrum - das ist doch was, was?Oliver Maria Schmitt: "Mein Wahlkampf"
Ein Mann (Schmitt), eine Partei (Die PARTEI), eine Wahl (Oberbürgermeister Frankfurt): ein einzigartiger Erfolg (1,8%). Man könnte meinen, damit wäre alles gesagt. Aber weit gefehlt! Denn jeder Erfolg hat eine Geschichte. Eine Erfolgsgeschichte! Und Oliver Maria Schmitt erzählt seine wie kein zweiter: Alles über Spitzenpolitik, Demokratie, Propaganda, Nutten, Koks, schmutzige Machenschaften und die kommende Weltherrschaft Schmitts erfahren Sie nur in diesem Buch. Witziger als die Mao-Bibel, schmissiger als »Mein Kampf«: Jetzt lesen, damit man nach der Machtergreifung keine Ausreden braucht!Sonneborn/Gsella/Schmitt:  "Titanic BoyGroup Greatest Hits"
20 Jahre Krawall für Deutschland
Sie bringen zusammen gut 150 Jahre auf die Waage und seit zwanzig Jahren die Bühnen der Republik zum Beben: Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Martin Sonneborn sind die TITANIC BoyGroup. In diesem Jubiläumswälzer können Sie die Höhepunkte aus dem Schaffen der umtriebigen Ex-Chefredakteure noch einmal nachlesen. Die schonungslosesten Aktionsberichte, die mitgeschnittensten Terrortelefonate, die nachdenklichsten Gedichte und die intimsten Einblicke in den SMS-Speicher der drei Satire-Zombies – das und mehr auf 333 Seiten (z.T. in Großschrift)! 
Zweijahres-Abo: 117,80 EURHauck & Bauer: "Ich kann einfach nicht Wein sagen"
Die beste Zeit, einen Band des Zeichnerduos Hauck & Bauer zu kaufen – sie ist seit sicher zehn Jahren vorbei. Heute sind die Werke von Elias Hauck und Dominik Bauer kein Geheimtip mehr. Die zerstrittenen Künstler kommunizieren inzwischen ausschließlich per Fax, leben in luxussanierten Altbauwohnungen mit kugelsicheren Whirl- und Autorenpools, in denen hungernde Leiharbeiter Comics anfertigen müssen. Leider ist auch der neueste Band der beiden Ausbeuter sehr gut, bestellen Sie hier!
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Das schreiben die anderen

  • 28.09.:

    Oliver Maria Schmitt hat versucht, mit der Kraftradgruppe Frohsinn die Demokratie zu retten – zumindest in der FAS.

  • 28.09.:

    Das "Medienmagazin" vom BR hat mit Martina Werner (und anderen) über Satire, Journalismus und Politik gesprochen.

  • 25.09.:

    TITANIC-Herausgeber Martin Sonneborn spricht mit der Taz über Frauen in der Redaktion und erinnert sich an die beste Zeit für Satire.

  • 20.09.:

    In der Jungen Welt würdigt Stefan Gärtner den 80jährigen Eckhard Henscheid.

  • 14.09.:

    NDR Zeitzeichen zum 80. Geburtstag von Eckhard Henscheid.

Titanic unterwegs
24.10.2021 Offenbach, Wetter- und Klimawerkstatt Gerhard Henschel
26.10.2021 Hänigsen, Kunstspirale Thomas Gsella
27.10.2021 Braunschweig, Kult Thomas Gsella
28.10.2021 Hannover, Pavillon Thomas Gsella und Ella C. Werner mit M. Knepper