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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 24

Liebe Freund:innen,

nach dem Abpfiff gestern Abend schnappte ich mir unseren südrussischen Owtscharka (Listenhund) und drehte eine nachdenkliche Runde um den Block, als plötzlich ein vollbesetzter Fiat Panda mit 16 festverklebten Deutschland-Fähnchen hupend an mir vorbei rauschte. Jogis Jungs hatten die Portugiesen soeben mit 4:2 im zweiten EM-Gruppenspiel (die "Hitzeschlacht von München") besiegt, zwei der vier deutschen Treffer waren portugiesische Eigentore, außerdem landete eine Taube auf dem Rasen und machte es sich dort minutenlang gemütlich.

Die Menschen im Fiat Panda waren ungefähr so alt wie ich, die Gesichter waren schwarz-rot-geil-geschminkt, sie schrien und jubelten, sie machten sich bemerkbar, einer kurbelte hastig das Beifahrerfenster herunter, um mir voller Freude "Deutschland!" entgegen zu brüllen, eine Träne kullerte seine Wange hinab und verschmierte leicht die dort drapierte Flagge, dann wurde das Gefährt immer kleiner, verschwand auf der Straße Richtung Stadtmitte, von wo ich bereits Böller und Raketen hören konnte, aber so gerade konnte ich den Heckaufkleber noch entziffern, der sich in weißen altdeutschen Lettern über das konvexe Glas bog, da steht doch wohl nicht, doch, ich lese richtig: "Santiano".

"Deutschland", wiederholte ich das eben Gehörte flüsternd. Was für ein Wort. Und dann wiederholte ich noch ein anderes Wort: "Santiano". Welch exotischer Klang von diesen drei unscheinbaren Silben ausgeht, beinahe betörend. Wenn man das Wort ganz langsam sagt, nein: buchstabiert und die Augen dabei schließt, dann kann man fast die Südsee riechen, man hört den morgendlichen Trubel der Piraten an Deck, während man selbst nach einem harten nächtlichen Kampf mit einem Seeungeheuer in der Koje versucht, ein paar Minuten Schlaf zu finden. Doch immer wieder taucht die Visage dieses feuerspeienden Ungetüms vor dem inneren Auge auf, immer wieder geht man die zurückliegende Schlacht durch, in allen Einzelheiten. Santiano? Eine Verheißung, das Versprechen, das ein anderes, ein aufregenderes Leben möglich ist. Irgendwo da draußen.

Schon morgen müssen wir alle, die Fiat-Panda-Insassen und ich, wieder auf die Maloche, zurück an die Schüppe. Die Fahrerin verschlägt es vielleicht wieder in die F&E-Abteilung von Bayer in Wuppertal, wo im Labor mit Hochdruck an neuen Medikamenten oder Düngern geforscht wird. White collar work. Der Beifahrer hingegen pendelt morgen früh möglicherweise mit dem Regionalexpress zu einem Automobilzulieferer nach Leverkusen-Quettingen, wo er sich als Mechatroniker verdingt. Parallel dazu werde ich vor dem Laptop sitzen und Deadline-Verlängerungen aushandeln.

So unterschiedlich wir auch sein mögen: Im postmodernen Durcheinander dessen, was wir Gegenwart nennen, gibt es ein paar wenige Dinge, auf die wir uns einigen können, in der wir uns als soziale Gruppe mit gemeinsamen Interessen erkennen und verbinden. Ihr fragt, welches also nun der stärkste Connector sein könnte, was denn nun die Kraft und Power hat, unterschiedlichste Menschen für einige Sekunden zusammenzubringen und Grenzen zu überwinden? Für mich ist die Antwort eindeutig: Piratenrock. Also ein Genre von Bands mit zehn und mehr Männern aus Norddeutschland, in denen seemännische Motive besungen werden.

Danke für diesen magischen Augenblick, für diese magische Nacht, lieber Fiat Panda.

Euer: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 23

Liebe Freund:innen,

es gibt aktuell nur wenig, das mehr in mir auslöst als dieses wunderschöne Wort mit den 11 Buchstaben: Außengastro. Es ist ein schnelles und wendiges Wort, das überflüssige Suffix ("-nomie") wird nonchalant eingespart, weil es nach Ministerpräsidentenkonferenz, Bananenbrot und Öffnungsmatrix klingt, also nach Erinnerungen an dunklere Zeiten; wer so redet, hat beim Namen Dietmar Woidke auch direkt ein Gesicht vor Augen. Wir wollen anders reden, weg mit dem "-nomie" dahinten. Die Außengastro hat sich in wenigen Wochen vom Nicht-Ort der schmuddeligen Campingstühle, Teelichter und laminierten Speisekarten zum zentralen Sehnsuchtsort entwickelt. Vielleicht übertreibe ich, aber die Außengastro ist aus meiner Sicht auf dem Weg, zum Buzzword dieser Dekade zu werden, so wie "Industrie 4.0" in den Zehnerjahren. Die Außengastro, sie ist nun Verheißung. Eine Verheißung, auf die ich mich gerne einlasse.

Da, wo früher eine Bordsteinkante war, kommt das Land in dieser KW wieder zusammen. Und ist landauf, landab, von Kiel bis Weiler Einödsbach, gezeichnet von langen Monaten ohne social gatherings mit drei Menschen aufwärts. Wie Jan-Josef Liefers, der seit über einem Jahr in keinem Film mehr mitspielen konnte, fehlten auch uns einfachen Bürger:innen auf der Straße die Auftrittsmöglichkeiten. Obzwar man uns nicht bei Eventim buchen kann, so leben auch wir vom Applaus, dem Lachen des Publikums, vom Moment, wenn der Vorhang fällt und die erste Pointe im Biergarten versenkt wird. Kurzum: Der Gagdruck ist aktuell so hoch wie nie und liegt zur Zeit auf dem höchsten, jemals in Deutschland ermittelten Wert. Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass jeder zweite Deutsche zur Zeit mit Gagdruck zu kämpfen hat, Männer sind dabei bis zu dreimal häufiger vom Long Covid des gepflegten Kalauers betroffen. Gagdruck ist ein Thema, über das wir als Gesellschaft ins Gespräch kommen sollten.

Der Verlauf ähnelt sich in den allermeisten Fällen. Einmal in der Außengastro angekommen, werden zunächst die aktuell geltenden Corona-Maßnahmen diskutiert ("Du, ich blick' echt seit Wochen nicht mehr durch!"), dann die Voll-Vakzinierten identifiziert ("Jessi und Marc, ihr hattet schon eure Zweite oder?") und rausgerechnet ("Dann sind wir ja eigentlich nur zwei Haushalte!"). Im nächsten Schritt geht es dann ganz kurz darum, wie viel das mit einem persönlich macht, dass man sich endlich wieder treffen kann, doch spätestens wenn die Bestellungen aufgenommen werden, muss der erste Schub Gagdruck abgebaut werden: "Kölsch? Ich dachte, wir wollten Bier trinken! Haha!" Bei diesem Biergarten-Klassiker bleibt es natürlich nicht, noch vor der zweiten Runde beginnen die ersten zu brüllen, sich gegenseitig anzuschreien. Darf man ja jetzt wieder. "Frikadelle nennt man bei euch zuhause 'Delle'? Komplett wahnsinnig!" Der Winter war lang und die Gags suchen ihren Weg in die Freiheit wie ein Vöglein, das mit den ersten Sonnenstrahlen gar nicht anders kann, als endlich aus dem Nest zu fliegen. Von den Nachbartischen mit weniger Gagdruck wird hin und wieder neidisch und angewidert herübergelugt. Soso, denkt man sich dort, auch das macht Corona mit uns.

Die Blicke machen es uns Betroffenen nicht leichter. Ja es stimmt, Deutschland witzelt sich in den Sommer, aber bei manchen (mir) bestimmt der Gagdruck mittlerweile den gesamten Alltag. Und ob es für uns jemals ein Zurück in die "Normalität" vor Corinna geben wird, das weiß nur - Gott hab ihn selig - Fips Asmussen, der uns von oben zuschaut.

Lasst uns endlich offen über Gagdruck in der Außengastro reden. Diese Kolumne kann vielleicht ein Anstoß sein.

Euer: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW22

Liebe Freund:innen,

die Kalenderwoche 22 biegt ein auf ihre letzte schnelle Runde und damit sind auch schon wieder 42 Prozent des Jahres rum. Irre: Eben noch debattierten wir – in der Sache hart, im Umgang immer fair – über das Böllerverbot an Silvester und das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen. Und dann ist plötzlich schon Juni: Laschet will immer noch Kanzler werden und Merkel macht die Gyms nach monatelangem Druck aus den sozialen Medien endlich wieder auf. Vielleicht ist dieser sachsen-anhaltinische Wahlsonntag eine schöne Gelegenheit, auch einmal persönlich Zwischenbilanz zu ziehen: Sind wir mit den von uns im Privaten formulierte Zielen und Wünschen für das laufende Jahr im Soll? Wo muss möglicherweise noch nachgesteuert, feinjustiert werden?

Vorschlag: Jede*r macht das erstmal für sich daheim in Stillarbeit, während ich die dickeren Fäden der heutigen Kolumne aufgreife. Der dickste Faden lautet: Historisch waren Krisensituationen immer auch Chancen, im größten Chaos eröffnen sich auch immer wieder große Möglichkeiten für Wachstum, für Veränderung. Auf Clubhouse haben wir Anfang des Jahres dazu "opportunities" gesagt. Das war 1989 so, nach dem Fall der Mauer, als Glücksritter und Drückerbanden aus der westdeutschen Provinz ihr Glück dort versuchten, wo das sozialistische Experiment kurz zuvor gescheitert war und die Ostdeutschen mit lebensnotwendigen Abos der großen westdeutschen Tages- und Wochenzeitungen, Postkarten und Versicherungen versorgten. Die Message war denkbar einfach: Willkommen zuhause, liebe Freund*innen, das hier können wir euch anbieten, lasst uns von nun an gemeinsam an der Erfolgsstory Deutschland basteln. Oder die Treuhandanstalt, die anno dazumal die Ärmel hochkrempelte, die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit ostdeutscher Unternehmen zu sichern und bei den Betrieben, wo selbst der Medizinschrank der sozialen Marktwirtschaft kein Mittel mehr hergab, die Ladentür mit mehr als einer Träne im Knopfloch für immer zu schließen. Hart in der Sache, fair im Umgang.

Es sind eben Geschichten von Menschen, die in der Not für andere da waren, anpackten, über sich selbst hinauswuchsen. Erzählungen, die eine Gesellschaft über kurz oder lang eben auch braucht, um sich selbst zu erkennen. Perspektivwechsel: Für mich könnten die aktuellen Berichte von Testzentren, die sich bei der Abrechnung von Schnelltests hier und da verrechnet haben, eigentlich genau solche Geschichten sein. Wenn da nicht die wären, deren Gemütszustand seit Pandemie-Beginn auf Dauer-Empörung kalibriert scheint und die über weniger Fantasie verfügen als ein durchschnittliches Tatort-Drehbuch. Für Rücktrittsforderungen haben diese Leute inzwischen eine Tastenkombination auf dem Handy, damit’s mittags nach dem Aufstehen schneller geht. Auch wenn die Aufregung mal wieder groß ist: Die Selbstheilungskräfte des Spätkapitalismus und der unbedingte Glaube an das berühmte Diktum von Norbert Röttgen ("Frag lieber, was du für dein Land tun kannst!") haben es doch erst möglich gemacht, dass jemand als Eventgastronom aus Duisburg-Wedau das Gesundheitsamt betritt und eine halbstündige Schulung später als Corona-Testzentren-Betreiber wieder verlässt. Und anschließend Arbeitsplätze schafft, Steuern generiert und den Tourismus ankurbelt.

Wenn es bald als Verbrechen gilt, die Ärmel hochzukrempeln, so die Situation es erfordert, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn Slowenien uns bald im internationalen Glücklichkeitsindex überholt. Mein Vorschlag für die letzten 58 Prozent des Jahres lautet: Fragen wir uns doch einmal selbst, ob wir uns bei so vielen Tausenden Schnelltests nicht auch verzählt hätten. Und schlagen wir nicht auf die ein, die in diesen herausfordernden Zeiten "German Mut" beweisen.

Einen besinnlichen Wahlabend in Magdeburg wünscht: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW21

Liebe Leser_innen,

diese Woche erlebte ich eine Debatte im privaten Umfeld, die mich regelrecht verstörte. Die jedoch, so glaube ich, eine Menge darüber erzählen kann, warum es mit der Deutschland AG seit Jahren bergab geht. Doch der Reihe nach: Ein befreundetes Pärchen, Sabine und Jürn, beide mit abgeschlossenem GeiWi-Studium und 2017 während des großen Schulzzugs in die SPD eingetreten, beschwerte sich in kleiner Runde darüber, dass die Auslaufzonen der Supermarktkassen in den letzten Jahren immer kürzer geworden sind: Als Kund_in werde man, so die krude Denke, ja regelrecht "gezwungen", die Einkäufe jedes Mal in Rekordtempo zu verstauen, da sonst die gesamte Idee des gestreamlineten Lebensmittel-Einzelhandels ins Stocken gerate. "Ich habe keine Lust mehr, mich von der der perfiden Einzelhandels-Architektur instrumentalisieren zu lassen", erklärte Jürn in seinem proto-revolutionären Bariton, Susanne ergänzte: "I am not your workforce. Das ist neoliberal!"

Ich brach den gemütlichen Grillabend an dieser Stelle ab. Für mich war dieser Vorfall mal wieder BRD unterm Brennglas. Wessen Zeitungslektüre seit Jahren nur noch daraus bestand, paywalllose Rezensionen der neuesten Erbauungsliteratur von Byung-Chul Han zu überfliegen, konnte natürlich nicht wissen, wie viele große Einzelhandelsmarken zuletzt dichtmachen mussten: Galeria Kaufhof, real, Schlecker – you name it. Mein Eindruck war, dass den beiden grundlegende Verständnisse von dem fehlten, was wir den "Gesellschaftsvertrag" nennen. Wer heute als Kunde das volkswirtschaftliche Parkett des Lebensmittel-Einzelhandels betritt, schlüpft eben nicht mehr als Kund*in, sondern auch und vor allem in die Rolle des Dienstleister*in, wird Teil des Unternehmens. Meine Oma sagte immer: Viele Hände, schnelles Ende. Dass man deswegen beim Einkaufen einfach mal mit anpackt, herumliegende Waren wieder einsortiert oder Kund_innen ohne FFP2-Maske aus dem Laden schmeißt und, jawohl, auch ein Auge darauf hat, ob in der Hygiene-Abteilung mal wieder ein Parfüm unbezahlt in die Jackentasche wandert: Für mich schon lange selbstverständlich. Oder, wie ich Augenblicke nach meinem Gespräch mit dem Pärchen klickgeil im Internet schrieb: "Die Fünfziger haben angerufen und wollen ihre Rollenbilder zurück: Stop crediting customers for doing the bare fucking minimum!" Den Post garnierte ich mit einem Privatfoto der beiden beim Abendessen. Ich nahm es von ihrem Instagram-Account, den sie schon vor einer Weile vorsorglich auf “Privat” gestellt hatten. Die Welt da draußen hat ein Recht auf die Wahrheit, dachte ich, als der Screenshot im Bildbearbeitungsprogramm zurechtgecroppt wurde.

Wer wieder sechs Stunden damit zubringen will, eine halbes Kilo Hack, Nudeln und Korn einzukaufen, kann die DDR meinetwegen gern wieder aufbauen, muss dann aber auch mit den Mauertoten leben. Bei vielen fehlt die Bereitschaft, die Ärmel hochzukrempeln, um das westdeutsche Kulturerbe "Supermarkt" am Leben zu halten. Dabei gibt es ja sogar ein paar Hacks, mit denen sich wieder ein ganz kleines bisschen Wirtschaftswunder-Flair in die Kassenschlange zaubern lässt. Statt seine Wunschprodukte stumpf wie ein Fabrik-Roboter aus dem Einkaufswagen zu räumen, kann man das Kassenband auch mit etwas Witz und Dramaturgie bespielen, in dem man die auf dem Laufband drapierten Einkäufe alle paar Dezimeter mit einem seltenen Gemüse oder einer merkwürdigen Frucht würzt, also kleine challenges für den Studenten hinter der Plexiglas-Scheibe einbaut: Ob er den Kassencode für die Cantaloupe-Melone im Kopf hat? Oder muss der Kollege drei Kassen weiter aushelfen?

Lasst uns gemeinsam anpacken, um die Supermarkt-Kultur am Leben zu halten.

Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 20

Liebe Leser:innen,

Olaf Scholz, der Kanzlerkandidat der Herzen, dessen "schlumpfiges Grinsen" vom SPD-Wahlkampfteam aus Mangel an Alternativen zum thematischen Kern seiner Kampagne gemacht worden ist, landete diese Woche aus seiner Sicht einen Big Point im Wahlkampf und stellte fest: Europa, das ist vor allen Dingen der Euro und diese putzigen kleinen gelben Sterne vor blauem Grund auf unseren Kennzeichen. Man könnte meinen, dass Scholz hier ein Europabild ganz nah am Menschen rendert: KFZ-Zulassungsstellen in ansonsten menschenleeren Gewerbegebieten, stadtplanerische Fehlermeldungen voller McDonald’s Drive-Ins und POLO Motorrad Stores, in denen man mit Euros bezahlt. Hier in NRW sagen wir dazu NRW Noir. Da ist er wieder, dachte Scholz auch über sich selbst, der große Hanseat mit dem sachlichen Blick aufs Wesentliche, ein nüchterner Denker und Lenker in der Tradition von Helmut Schmidt – er fehlt –, dessen leicht angegrautes Diktum "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen" heute vor allem in den Social-Media-Profilen von Männern mit Kinnbart, UV-Sonnenbrille und "Weder links noch rechts" in der Bio weiterlebt. Große Olafliebe eben.

Europa, das hat uns der gestrige Abend einmal mehr gezeigt, ist aber vor allem und in erster Linie Vision. Genauer gesagt: Der Eurovision Song Contest (ESC). Denn Europa, das ist so gesehen nur einmal im Jahr. Der deutsche Finalteilnehmer Jendrik holte mit seinem wichtigen Song "I Don't Feel Hate" zwar nur 3 Punkte und landete auf Platz 25, immerhin vor Großbritannien. Viel wichtiger aus meiner Sicht jedoch: Mit seinem Padawanzopf erinnerte er mich an meinen Jugendfreund Marcel, den alle nur "Sally" riefen, und der sich eigentlich nur dadurch auszeichnete, dass er ständig nach Kaugummi roch und die anderen Kinder auf dem Abenteuerspielplatz terrorisierte. Ein bisschen so wie Deutschland in Europa.

Inzwischen hat sich im Umgang mit deutschen letzten Plätzen im ESC eine gewisse Lockerheit breit gemacht. Während nach der Underperformance der letzten Jahre immer noch reflexhaft der NDR, Musik an und für sich oder Europa als Ganzes in Frage gestellt wurde, hat man sich hierzulande nun endlich an die hinteren Plätze gewöhnt, der vierte Platz von Michael Schulte 2018 in Lissabon wird uns vielleicht auch noch ein paar Jahre trösten. Entsprechend angetrunken und gelöst erschien Jendrik dann auch nach Mitternacht beim obligatorischen Interview mit der obligatorischen Barbara Schöneberger: "Es geht nicht ums Gewinnen, es geht um diesen ganz speziellen Eurovision-Vibe."

Damit hören die Parallelen zur SPD jedoch noch nicht auf. Vielleicht hatte Jendrik nämlich einfach nur bei der italienischen ESC-Party genascht, denn der ESC wurde durch einen Vorfall am Tisch der italienischen Siegerband Måneskin "überschattet", ich würde sagen: "aufgelockert". Die internationale ESC-Regie blendete den Tisch der Italiener nämlich genau in dem Moment ein, als sich der Sänger Damiano David gerade eine köstliche Linie Kokain genehmigte. Das sorgte international zwar für viel Aufregung, für mich machte sich der ESC in dieser Stelle jedoch ehrlich und transparent: Wer auf internationalem Niveau reüssieren will, kommt an Aufputschmitteln nicht vorbei. Für mich ein Fall für die ARD-Dopingredaktion und der erste Fernsehabend im Ersten, der mich mit einer unzähmbaren Lust, Kokain auszuprobieren, in die Nacht entlässt.

In diesem Sinne: Mission accomplished, ARD!

Angegeilte Grüße, Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 19

Liebe Leser:innen,

wieder sieben Tage rum, wieder eine Woche mit Siebenmeilenstiefeln zurück in die Welt vor Corona, die wir zuletzt nur noch aus den automatischen Foto-Zusammenstellungen unserer Smartphones kannten: "Guten Morgen Dax, erinnerst du dich an die Pokémon-Go-Safari-Zone im Westfalenpark Dortmund 2018?" Wenn ich ehrlich bin nur noch sehr bruchstückhaft, wie an einen im Traum erinnerten Traum, doch während ich die Worte mit dem bewährten Zwei-Finger-System ins Google Doc tippe, kann ich mich mit einem Mal doch wieder erinnern, sie schwingt zurück in mein Bewusstsein wie ein mit viel Verve nach einem wilden Bisasam geschleuderter Pokéball, plötzlich ist alles wieder da, auch wie es dort roch, damals im Westfalenpark: Nach harter Arbeit, nach Hoffnungen, nach Axe Dark Temptation ohne Aluminium, eben nach dem wilden, echten Leben.

Im Internet haben inzwischen über 30 Millionen Deutsche ein Foto eines Pflasters auf ihrem Oberarm gepostet, fast 10 Millionen sogar zwei Fotos. Dafür gibt’s nicht nur viele geile Likes und Herzchen, sondern auch Grundrechte zurück: Mit den zwei Fotos bewaffnet dürfen sich die Vollverimpften uneingeschränkt mit anderen Menschen treffen und nach neun Uhr Abends wieder das Haus verlassen, ohne dass das SEK sie umstellt. Gut so! Andererseits sorgt dieser Grundrechte-Vorteil der Generation 50-Plus naturgemäß für Neid und Missgunst bei der Generation X (Sascha Lobo, Cem Özdemir) und den Millennials (Typen wie ich), also den Menschen, die in der Regel nicht mal wissen, was ein Hausarzt eigentlich genau sein soll und lediglich hin und wieder, wenn es der hektische Alltag zwischen Netflix, Zoom und Twitter zulässt, in den Spam-Porno-DMs auf Instagram nach dem ersten Impfangebot Ausschau halten, das laut Dr. Merkel bis Ende des Sommers an alle Deutschen gehen sollte.

Mit solch einer postpubertären Anti-Haltung lässt sich die Deutschland AG jedoch nur schwerlich wieder auf Kurs bringen. Mit gutem Beispiel voran geht der Festivalsektor: Das bislang bei Bierhelm-Nutzer:innen aus Städten mit weniger als 30.000 Einwohner:innen beliebte "Rock am Ring"-Festival hat bereits auf die veränderte demographische Situation im Verbraucher-Segment reagiert und das Lineup entsprechend angepasst. Mit The Offspring, Bush und Green Day treten bei der nächsten Ausgabe Bands auf, deren Frontmänner die 50 bereits überschritten haben und mit großen Schritten auf die 60 zugehen. Ein starkes Signal an die Rentner:innen unter den deutschen Festival-Fans: We hear you. Auch der Anteil weiblicher Musikerinnen wurde nach den Experimenten in den vergangenen Jahren wieder auf zunächst 2 Prozent heruntergefahren (Berechnung von Sophie Hunger auf Twitter). Frauen und Rockmusik, das ist für das neue Publikum bei Rock am Ring dann doch einfach eine Spur zu progressiv. Der Köder muss eben dem Fisch schmecken, für das übernächste Jahr wird schon laut über noch ältere Männeracts nachgedacht, wie zum Beispiel Howard Carpendale, Semino Rossi oder die beliebten Höhner aus Köln. Doch nicht nur auf sondern auch neben der Bühne reagieren die Veranstalter auf das neue Publikum: Das Bier wird zum ersten Mal auch in praktischen Schnabeltassen ausgegeben, die Lautstärke auf Zimmerlautstärke gedrosselt ("Man soll sich ja auch noch unterhalten können") und die Festivaltage enden nun schon um 18 Uhr, damit man im Eifel-Umland noch "gemütlich was essen gehen kann".

Wenn ich ehrlich bin: Es ist exakt diese affengeile Anpacker-Mentalität, die ich zur Zeit an vielen Stellen in unserem Land vermisse. Vielleicht haben viele noch nicht verstanden, dass wir die Welt vor der Pandemie, die wir nur noch aus paywallfreien Spiegel-Online-Artikeln vor 2020 kennen – ich nenne sie zärtlich "unser Silmarillion" –, nicht mehr zurückbekommen. Die kulturelle Hegemon ist nicht mehr der gerade aus der Universität gespuckte und Filme ausschließlich im Originalton streamende Millennial, sondern der kaufkräftige Best Ager mit festem Wertesystem und zwei Biontech-Einstichen im Arm. Und wenn der eben noch einmal ein wackeliges Facebook-Video posten will, in dem er "Self Esteem" von The Offspring in Fantasie-Englisch mit grölt, dann ist es unsere Aufgabe, das irgendwie möglich zu machen. Tränenlachsmiley.

Auf die schöne neue Welt,

euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 18

Liebe Leser:innen,

erinnert ihr euch an den "Schmetterlingseffekt", diese in den Nullerjahren auffallend häufig für Hollywood-Filme ausgegrabene Idee der nichtlinearen Dynamik? Also die Frage, ob der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen kann? Über dieses Rätsel musste ich bei meinen Spaziergängen diese Woche sehr oft nachdenken. Jedoch immer nur bis 9 Uhr abends, denn spätestens dann wurde ich auf dem Heimweg von den zweifach Geimpften der Stadt mit Kraftausdrücken beleidigt, die ich hier weder wiedergeben kann noch möchte. "Schaut mal, da läuft er wieder, der feine Herr Kolumnist" und "Na, veräppelst du wieder andere Männer im Internet?" waren zwischen höhnischen Gelächter und Raucherhusten noch die harmloseren Invektiven der bei Flaschenbier und Filterzigarette cornernden Best Ager, während ihre Seniorenhandys die menschenleeren Straßen mit Semino Rossi und Helene bestreamten. Finstere Blicke gaben mir wortlos zu verstehen: Diese Stadt hier, mein Junge, gehört ab Montag uns.

Anyway. Im Lichte der neuesten "sprachjakobinischen Cancel-Kampagne selbstgerechter Lifestyle-Grüner" – ich zitiere die aktuellen Wortneuschöpfungen dieser KW – muss die Frage nach dem Schmetterlingseffekt ja eigentlich so lauten: Kann ein technischer Fehler auf Jens Lehmanns Handy die endgültige Meinungsdiktatur in ganz Deutschland auslösen? What are the odds? Trotzdem sieht es derzeit genau danach aus. Deswegen schlage ich vor, dass wir die Geschehnisse rekonstruieren und den Weg in die Diktatur gleichsam reverse engineeren. Solange es eben noch geht. 

Die Geschichte beginnt am Dienstagabend im Wohnzimmer des Ex-Nationaltorhüters. Auf Sky läuft irgendein Fußballspiel, in einer Werbepause grabbelt Lehmann mit Chipsfingern in den Ritzen des Rolf-Benz-Sofas (Modell MADE in Darbygrün) nach seinem Samsung Galaxy S III ("Die Büchse tut’s doch noch?"). Irgendwann fischt er das Ding triumphierend aus dem Eck, fast wie im Viertelfinale 2006 gegen die Gauchos. Er kann’s eben doch noch. Manchmal wünscht er sich diese irre Zeit irgendwie schon zurück. Dann schläft Lehmann zufrieden ein.

Als er aufwacht, ist er um drei Jobs ärmer. Am Abend zuvor hatte sich von seinem Samsung offenbar eine rassistische Whatsapp an den Kollegen Dennis Aogo gelöst. Lehmanns Versuch, das technische Missgeschick sachlich zu erklären ("In einer privaten Nachricht von meinem Handy an Dennis Aogo ist ein Eindruck entstanden …"), hat gegen die geballte power der linksliberalen Internetrambos nicht den Hauch einer Chance, für sie steht das Urteil mit der Anklage fest: Lehmann, der Nazi.

Und das ist das Stichwort für einen anderen lonesome wolf im Meinungskorridor der Angepassten: Die Lehmann-Meldung ist noch keine 5 Minuten auf dem Markt, da geht der Tübinger Grünen-OB Boris Palmer schon mit angelecktem Zeigefinger den Leitz-Ordner der von ihm persönlich verwalteten Facebook-Fake-Profile durch. Offenbar ist es Zeit für einen metasatirischen Kommentar nach dem Tübinger Modell. Nach kurzem Überlegen entscheidet er sich diesmal für "Nadine P.", diesen Account hat er schon lange nicht mehr benutzt. Was wäre, wenn er Nadine einen Augenzeugenbericht schreiben ließe, nach dem sich Aogo bereits selbst einmal in ähnlich rassistischer Weise geäußert hätte wie das Samsung-Telefon von Jens Lehmann? Würde das die Vorwürfe gegen Lehmann nicht entkräften? Weil details everything sind, lässt Palmer diese Episode am Strand von Mallorca spielen. Sommer, Sonne, eben all das, was den Menschen da draußen gerade fehlt. Das moralinsaure Gutmenschentum wieder und wieder der Nase nach durch die Debatten-Manege führen, das kann er eben. Doch damit nicht genug, der OB würzt die Vorführung mit einer Volte mehr, wechselt wieder auf sein Hauptprofil und zitiert Nadine P.’s Bericht als Boris Palmer, sogar – und vielleicht wollte er in der Rückschau genau ab da zuviel – ohne Anführungszeichen. Als er gestern erklärt, dass er mit diesem ironischen Zitat auf die generelle Konstruierbarkeit jedweder Rassismusvorwürfe aufmerksam machen wollte, wird das Parteiausschlussverfahren bereits vorbereitet.

Auf den Ascheplätzen der Kreisliga gab es damals eine einfache Regel: Wenn einer so übertrieben zaubert, dass es in arrogante Demütigung umschlägt, wird er umgetreten. Und es fällt mir noch eine Analogie ein, nämlich das Märchen des Ikarus, jenem Wachsflügelmann also, der der Sonne zu nahe kam und abstürzte.

Und plötzlich wurde es Nacht.

Good night and good luck,
Dax Werner

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Überrascht, Katja Kipping (Die Linke),

nahmen wir Ihren Tweet nach der Wahlschlappe zur Kenntnis: »In der Mittagspause gönne ich mir heute eine starke Dosis vom Känguru-Humor. Tut an Tagen wie diesen besonders gut«, versehen mit einem Bild von zwei Marc-Uwe-Kling-Hörbüchern. So viel Masochismus hätten wir Ihnen gar nicht zugetraut. Andererseits ergibt dann auch die Mitgliedschaft in einer Partei mit Sahra Wagenknecht Sinn.

Oder ist etwa alles nur ein geschickter Versuch, den Grünen & Co. die Stammwählerschaft mithilfe von deren Stammhumor abzugraben? In diesem Falle: Clever! Nach der Wahl ist bekanntlich vor der Wahl.

Extra starke Erkenntnisse von Titanic

 Weißt Du, Zahnarztpraxis Enciso,

was wir gerufen haben, als wir eine Werbepostkarte von Dir mit dem Aufdruck »So muss Zahnarzt« aus dem Briefkasten holten? Genau: »Das kann Papierkorb.«

Maul! Titanic

 Michael Haberland, Organisator des Münchener Oktoberfests,

im Spiegel beschrieben Sie, wie man sich die digital stattfindende Wiesn vorzustellen hatte: »Alle Teilnehmer bekommen eine Wiesn-Box und einen Zoom-Link. Dann geht’s los. A Guadn!« Und weiter? »Sie klicken auf den Link zur verabredeten Uhrzeit, und dann stoßen wir gemeinsam an. O’zapft is’!«

Mal ehrlich, Haberland: Glauben Sie wirklich, dass Ihre ins Interview gejohlten Animationsrufe darüber hinwegtäuschen können, dass das alles ziemlich traurig klingt? Unser Tipp: Bei der nächsten Pandemie das Fest ganz absagen und einmal kräftig »Schaun’ mer mal!« brüllen.

A Guadn! Titanic

 So schloss sich der Kreis, Angela Merkel,

So schloss sich der Kreis, Angela Merkel,

als Sie bei einem Wahlkampfauftritt auf Rügen versprachen, nach Ihrer Kanzlerinnenschaft in Berlin und in der Uckermark wohnen zu bleiben. »Von dort ist es durch die schöne A20 nicht mehr weit in meinen ehemaligen Wahlkreis.«

Klar, irgendwas mit Autobahnen hören die Deutschen ja gern, um Ihren Vorgänger mit dem Schnauzbärtchen nicht ganz vergessen zu müssen. Allerdings haben wir nicht vergessen, dass auf einem Teilstück ebenjener Autobahn 20, kurz nachdem es 2005 durch Sie als frisch gewählte Bundeskanzlerin freigegeben worden war, die Fahrbahn einbrach und ein Loch hinterließ, das nicht nur symbolisch tief und breit klaffte. »Eine fürchterliche Schmach« nannten Sie das damals. Pff! Eine schändliche Niederlage auf hierzulande heiligem Schlachtfeld!

Aber vermutlich setzen Sie bei den Autobahn-Deutschen einfach auf das große Vergessen. Hat beim Führer schließlich auch geklappt. Und gewählt werden müssen Sie ja auch nicht mehr.

Sagt zum Abschied leise »Umleitung«: Titanic

 Markus Lanz!

Sie sind im April von Ihrem Moderatorenkollegen Micky Beisenherz in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung aufgrund Ihrer wie auch immer gearteten Interviewtechnik als »Deutschlands schönste Grillzange« bezeichnet worden. Auf die Frage, ob das nicht Sexismus in die andere Richtung sei, antworteten Sie beim Jahrestreffen des Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger in Berlin: »Absolut.« Sie hätten sich zwar darüber gefreut, aber gleichzeitig gedacht: »Schreib’ das mal 2021 über eine Frau. Dann gibt es aber richtig ein paar hinter die Ohren und auch zu Recht.«

Da stimmen wir Ihnen ausnahmsweise ausnahmslos zu, ziehen dem kleinen Würstchen Beisenherz einfach mal präventiv die Löffel lang und verleihen Ihnen stattdessen ganz unzweideutig den zu Ihrem Moderations- und Interviewstil ohnehin viel besser passenden Titel »Deutschlands eitelste Flachzange«.

Grillt alles und jeden und auch zu Recht: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Next-Level-Kosmopolit

Ständig trifft man jemanden und sowieso kennt man fast alle über zwei Ecken: Ja, China ist für mich so ein richtiges Milliardendorf!

Leo Riegel

 Emotionskontrolle

Schon ewig her, da fiel mir in einem Plattenladen in Sevilla auf, dass die Regalfächer A–K und M–Z relativ spärlich bestückt waren. Die Fächer L hingegen barsten fast schon vor Fülle. Eine nähere Überprüfung der L-Fächer brachte Klarheit: Los The Beatles, Los The Clash, Los The Doors, Los The Eagles, Los The Rolling Stones, um nur einige Beispiele zu nennen. Ich habe trotz rudimentär vorhandener Spanischkenntnisse davon abgesehen, das Personal darauf anzusprechen, denn diese mehr als amüsante Sortierung machte mir schlagartig klar, dass ich durchaus ein Typ bin, der etwas kann, was viele erst mühselig lernen müssen: loslassen.

Tom Breitenfeldt

 Bittgesuch

Ich liebe Online-Petitionen, ich unterzeichne jede. Hätte es sie früher gegeben, viel Leid wäre der Menschheit erspart geblieben. »Stopp Römer nach Germanien!« 200 000 Unterzeichner, und die alten Germanendörfer am Rhein stünden noch heute Stein auf Stein. »Für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, für Brot für alle, für das Volk als Souverän und noch ein paar andere Sachen. Sind Sie dabei? Hier können Sie unterschreiben!« 5 Millionen ratifizierende Franzosen, darunter der französische König, und der blutige Sturm auf die Bastille wäre nie geschehen. Dasselbe gilt für »Europa raus aus Afrika« oder »Herr Bismarck, erlauben Sie das Wahlrecht für alle!« Auch die Sponti-Bewegung hätte mit ihren Zielvorstellungen auf diesem Weg mehr Erfolg gehabt, von »Macht aus dem Staat – Gurkensalat!« bis »Miethaie zu Fischstäbchen!« Keine Ahnung, ob die rot-gelbe Staatsgewalt alle Anliegen wirklich erhört hätte, aber man hätte es versuchen können.

Ella Carina Werner

 Letztes Aufbäumen

Dass ein Smartphone beim Hochfahren mal – Gott zum Gruße! – vibriert, geschenkt. Die Geräte eines gewissen südkoreanischen Herstellers allerdings erbeben auch während des Herunterfahrens bei schon ausgeschaltetem Bildschirm noch mal kurz. Ganz so, als klopfte ein doch noch nicht Verstorbener von innen an den Sargdeckel.

Andreas Lugauer

 Gesundheitsfrage

Gibt es so was wie Fremdhypochondrie, also dass man immer Angst hat, andere Leute hätten irgendwas oder ihnen würde etwas zustoßen? Ich frage für eine Freundin, bei der ich befürchte, dass sie das hat.

Paula Irmschler

Vermischtes

Oliver Maria Schmitt: "Mein Wahlkampf"
Ein Mann (Schmitt), eine Partei (Die PARTEI), eine Wahl (Oberbürgermeister Frankfurt): ein einzigartiger Erfolg (1,8%). Man könnte meinen, damit wäre alles gesagt. Aber weit gefehlt! Denn jeder Erfolg hat eine Geschichte. Eine Erfolgsgeschichte! Und Oliver Maria Schmitt erzählt seine wie kein zweiter: Alles über Spitzenpolitik, Demokratie, Propaganda, Nutten, Koks, schmutzige Machenschaften und die kommende Weltherrschaft Schmitts erfahren Sie nur in diesem Buch. Witziger als die Mao-Bibel, schmissiger als »Mein Kampf«: Jetzt lesen, damit man nach der Machtergreifung keine Ausreden braucht!Friedemann Weise: "Die Welt aus der Sicht von schräg hinten"
Laut seiner Homepage ist er der "King of Understatement" und der "lustigste Mensch im deutschsprachigen Internet". Er ist aber auch Gitarrenmann, Viralblogger (15000 Follower!), Gagautor und Promiexperte mit Diplom. Die Rede ist von Friedemann Weise, dem Mann mit dem Namen! Der Mann, der den "Satiropop" erfand. Und jetzt auch noch ein Buch vorlegt. Ob das gutgeht? Ordern Sie diese Prämie und teilen Sie Ihr vernichtendes Urteil bitte zeitnah der TITANIC-Redaktion mit.Die PARTEI-Wahlwerbungs-DVD mit allen vier Wahlwerbespots aus dem Bundestagswahlkampf 2005: Höhepunkte der Politpropaganda, die von Otto Schily mit dem Prädikat "ein Skandal" ausgezeichnet wurden. Besser aufgelöst als auf Youtube und noch dazu mit einer praktischen, farbechten Hülle drumrum - das ist doch was, was?Hauck & Bauer: "Ich kann einfach nicht Wein sagen"
Die beste Zeit, einen Band des Zeichnerduos Hauck & Bauer zu kaufen – sie ist seit sicher zehn Jahren vorbei. Heute sind die Werke von Elias Hauck und Dominik Bauer kein Geheimtip mehr. Die zerstrittenen Künstler kommunizieren inzwischen ausschließlich per Fax, leben in luxussanierten Altbauwohnungen mit kugelsicheren Whirl- und Autorenpools, in denen hungernde Leiharbeiter Comics anfertigen müssen. Leider ist auch der neueste Band der beiden Ausbeuter sehr gut, bestellen Sie hier!Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURSonneborn/Gsella/Schmitt:  "Titanic BoyGroup Greatest Hits"
20 Jahre Krawall für Deutschland
Sie bringen zusammen gut 150 Jahre auf die Waage und seit zwanzig Jahren die Bühnen der Republik zum Beben: Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Martin Sonneborn sind die TITANIC BoyGroup. In diesem Jubiläumswälzer können Sie die Höhepunkte aus dem Schaffen der umtriebigen Ex-Chefredakteure noch einmal nachlesen. Die schonungslosesten Aktionsberichte, die mitgeschnittensten Terrortelefonate, die nachdenklichsten Gedichte und die intimsten Einblicke in den SMS-Speicher der drei Satire-Zombies – das und mehr auf 333 Seiten (z.T. in Großschrift)! 
Zweijahres-Abo: 117,80 EURHeinz Strunk: "Das Strunk-Prinzip" (Hörbuch, 2CDs)
Sie sind ein totaler Versager und können sich Hörbücher nur als Abo-Prämie leisten? Dann nehmen Sie wenigstens dieses hier: "Das Strunk-Prinzip", die beliebte Kolumne aus TITANIC als Hörbuch! Power- und 110-Prozent-Autor Heinz Strunk zwiebelt Ihnen blitzgescheite Weisheiten um die Ohren bis Sie gar nicht mehr anders können als in Erfolg, Geld und Sex zu ersaufen. Das Strunk-Prinzip setzt Ihrem Elend endlich ein Ende. Mutter wird sich freuen!Gerhard Henschel: "Harry Piel sitzt am Nil"
Fuck, dieses Buch sollte man gelesen haben, wenn man  kein übelst versiffter Wichser sein will. Schmähungen und böse Wörter  machen das Leben echt oberarschmäßig zum Kotzen. Vielleicht kapieren Sie  Versager das endlich, wenn Sie Henschels neuesten Streich gelesen  haben. Können Sie überhaupt lesen? Wahrscheinlich nicht. Trollen Sie  sich, Sie Wicht! Aber trotzdem abonnieren und diese Top-Prämie wählen.Kamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EUR
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Das schreiben die anderen

  • 28.09.:

    Oliver Maria Schmitt hat versucht, mit der Kraftradgruppe Frohsinn die Demokratie zu retten – zumindest in der FAS.

  • 28.09.:

    Das "Medienmagazin" vom BR hat mit Martina Werner (und anderen) über Satire, Journalismus und Politik gesprochen.

  • 25.09.:

    TITANIC-Herausgeber Martin Sonneborn spricht mit der Taz über Frauen in der Redaktion und erinnert sich an die beste Zeit für Satire.

  • 20.09.:

    In der Jungen Welt würdigt Stefan Gärtner den 80jährigen Eckhard Henscheid.

  • 14.09.:

    NDR Zeitzeichen zum 80. Geburtstag von Eckhard Henscheid.

Titanic unterwegs
24.10.2021 Offenbach, Wetter- und Klimawerkstatt Gerhard Henschel
26.10.2021 Hänigsen, Kunstspirale Thomas Gsella
27.10.2021 Braunschweig, Kult Thomas Gsella
28.10.2021 Hannover, Pavillon Thomas Gsella und Ella C. Werner mit M. Knepper