Newsticker

Nur diese Kategorie anzeigen:Dax Werners Debattenrückspiegel Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Dax Werners Debattenrückspiegel KW10

Liebe Freund_innen,  

Wie wäre die Bundestagswahl 2017 wohl ausgegangen, wenn wir von Martin Schulz’ Rastplatz-Imbissen nicht erst Monate später in Markus Feldenkirchens "Schulz Story" gelesen, sondern noch am selben Tag in einem Hochkant-Video erfahren hätten? Man mag es gar nicht zu Ende denken. Tragisch: Die Technologie war schon damals verfügbar, aber man konnte sich diese Spielart der Kommunikation noch nicht so recht vorstellen. Seit letzter Woche ist das anders: Tobias Hans, der Mann mit den zwei Vornamen, hat mit einem selbstgedrehten Wutvideo direkt vor einer saarländischen Tankstelle nicht nur ein neues Genre der politischen Kommunikation etabliert, sondern auch die Karten für die Saarland-Wahl Ende des Monats neu gemischt. Das schnelle Handyvideo mit der Frontkamera gehört ab heute in den Werkzeugkasten eines jeden lokalpolitischen Talents. Deswegen heute exklusiv: 5 Regeln für dein Tankstellenvideo!

  1. Lass dein Handyvideo auf keinen Fall von deinem Wahlkampf-Team abnehmen. Fair play, sie sind gut, in dem, was sie können: Excel-Tabellen, Wählerwanderungen, Swing-Kreise, Interviewplatzierungen. Aber was den vielen fleißigen Median-Verdiener_innen an den Zapfsäulen und in den Tchibo-Erlebniswelten deines Wahlkreises wirklich auf dem Herzen liegt, das weißt nur du. Das hier ist dein Wohnzimmer, vertrau’ auf dein Bauchgefühl. Das hat dich schließlich auch hier hergebracht.
  2. Lerne stattdessen von den Besten. Das Volk mit einer Videoproduktion rund ums Thema Sprit & Verkehr abzuholen ist keine Erfindung der letzten Woche, Armin Laschet hat mit einer Wahlwerbespot-Kampagne 2017, in der er allerlei Missstände in NRW aufdeckte, eine bis dahin aussichtslose Landtagswahl für sich entschieden. Damals schon essentiell: Die authentische Wut, die Macher-Attitude, der Anti-Establishment-Gestus. Bring deine Message an den Mann: Berlin ist weit weg, hier spricht einer von euch und wir packen das jetzt an.
  3. Regiolekt is key. Verschrecke dein Publikum nicht mit der Standardvarietät, die sie mit den kalten, sterilen Studios von Maischberger, Illner oder Lanz verbinden, sondern pack’ sie mit Lokalkolorit. Wir lieben doch auch nichts mehr, als wenn unsere Heimatstadt zufällig auf Netflix erwähnt wird. Wenn du ein paar Brocken Dialekt drauf hast, setze es ein, aber übertreibe es nicht. Tobias Hans hat es prima vorgemacht: sein "Morgen!"-Intro im Tankstellenvideo klang nach hinten raus sehr ä-lastig, statt "nicht" verwendete er mehrmals das viel niedlichere "ned". Auch Laschets Kompagnon Wolfgang Bosbach, eigentlich als Hardliner eingekauft, spielte in der 2017er-Kampagne vielfach mit der rheinischen Aussprachevariante des stimmhaften uvularen Frikativ. Wenn du mit der Benrather Linie keine S-Bahn in Düsseldorf verbindest ist das hier deine Spielwiese!
  4. What’s your message? Dein Hochkantvideo verfängt nicht, wenn du nicht auch etwas Konkretes loswerden willst. Tobias Hans wollte etwas zu den hohen Spritpreisen sagen. Deswegen wählte er ein gut ausgeleuchtetes Motiv mit hoher LED Anzeigetafel und mühelos lesbaren Ziffern. Kurz gesagt gilt: Du siehst 2,40€? Dann erzähle auch 2,40€! Gleichzeitig wichtig: Setze bei deinem Zapfsäulenvideo auf gelernte Tankstellenketten mit Charakter (Aral, Esso, Shell) und vermeide Billigketten wie Star oder Jet. Flankiere deine Kampagne anschließend mit einfach verständlichen Sharepics ("Spritpreisbremse jetzt!").
  5. Ein Negativ-Beispiel, von dem auch du lernen kannst: Der frühere Bild-Chefredakteur Julian Reichelt. Er veröffentlichte unter der Woche eine Art Tobias Hans-Remix, filmte sich wie der Saarland-MP selbst vor der Tankstelle, redete dann aber minutenlang wirr und zusammenhangslos über Angela Merkel, um nach der Veröffentlichung noch mit einem pixeligen Merkel-Meme nachzulegen, wo man am liebsten gar nicht genau wissen will, aus welcher Telegram-Gruppe er das nun wieder her hatte. Jemand aus seinem Umfeld sollte ihm mal erklären, dass Angela Merkel nun schon gute drei Monate nicht mehr Kanzlerin ist.

Jetzt wisst ihr alles, was ich über Tankstellenvideos weiß. Ich kann euch nichts mehr beibringen.

Good night and good luck,

Euer Dax Werner




Eintrag versenden Newstickereintrag versenden…
Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

optionale Mitteilung an den Empfänger:

E-Mail-Adresse des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*
(mehrere Adressen durch Semikolon trennen, max. 10):

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Eine Frage, Dating-App Bumble …

Welchen Sinn hat es, dass Du in einer Werbung eine Nutzerin Deines Dienstes wahnsinnig davon beeindruckt zeigst, dass ein Lukas laut eigenen Angaben »Abenteuer und Kaffee« liebt? Was möchtest Du uns damit vermitteln, dass sie ihn sofort anschreibt und ein Treffen vorschlägt? Willst Du uns unbedingt den langweiligsten Typen andrehen, den es auf Deiner Plattform gibt? Oder ist das – bedenkt man die begeisterte Reaktion der Frau – etwa noch der interessanteste, den du zu bieten hast?

Sind vor der Antwort trotz Kaffee eingeschlafen:

Deine anspruchsvollen Großstadtsingles von der Titanic

 Ihnen, Steve Jobs,

Ihnen, Steve Jobs,

wird es wahrscheinlich egal sein, aber wir wollten Sie dennoch informieren, dass Ihr Vermächtnis auf Erden recht vielgestaltig ausgefallen ist. So lasen wir bei stern.de: »Alte Schlappen für über 20 000 US-Dollar: Birkenstock-Sandalen von Steve Jobs stehen zum Verkauf.«

Dieser Reliquienhandel ist übrigens ein wahres Geschäftsmodell geworden: »Die Schuhe sind nur ein kleiner Teil von Jobs’ mehr oder weniger freiwilligem Nachlass. Seine Angestellten leerten die Mülltonnen offenbar mehrfach gründlich. Die Beute habe man mit den Gärtnern, Freunden oder Second-Hand-Geschäften geteilt.« Sollte es nun bald an Ihren Sargdeckel klopfen, Jobs, dann wissen Sie: Da braucht wer Nachschub. Aber als Ex-CEO kennen Sie sich ja aus mit der dubiosen Beschaffung von Ressourcen!

Grüße ins ewige Business von Titanic

 Vorbildlich, Landwirtschaftsminister Cem Özdemir,

finden wir ja Ihren Vorstoß, Containern zu legalisieren. Wir hoffen allerdings doch sehr, dass dies nicht schon die von Ihnen als »Deutschlanddiät« angekündigte Kampagne für bezahlbares Essen ist?

Muss auch so genug Müll schlucken: Titanic

 Hmmm, Ex-FIFA-Boss Sepp Blatter,

zu Ihrer Rolle bei der Vergabe der Männerfußball-WM an Katar sagen Sie heute: »Die Leute stellen sich Einflussnahme immer wie in Gangsterfilmen vor – mit Koffern voller Geld, die an einem geheimen Ort übergeben werden. So war das aber nicht.« Ach: So war das nicht – na dann! Eine Frage, Blatter: Wie sehr mussten Sie sich konzentrieren, um nicht versehentlich die Beschaffenheit der besagten Geldkoffer und den Übergabeort zu beschreiben?

Fragen sich

Ihre Detektiv/innen von Titanic

 Wie wenig, »Spiegel«,

muss man eigentlich tun, um von Dir als nicht rechts entlastet zu werden? Liest man Deine Reportage über die SPD-Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori, wohl sehr wenig. Denn dort schreibst Du, Cademartori sei »keine Rechte. Sie steht für eine diverse Gesellschaft, wenn bei Veranstaltungen Altherrenwitze gerissen werden, rollt sie mit den Augen.« Oha, mit den Augen rollt sie, na dann. Lass uns raten: Wer Zunge schnalzend an einem brennenden Flüchtlingsheim vorbeiläuft, ist kein Nazi, und wer »pfft« macht während einer AfD-Kundgebung, kein Faschist?

Presst entschieden die Lippen aufeinander: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Konsequent

Wer Ananas sagt, muss auch Abnabnabs sagen!

Daniel Sibbe

 Lasst mich in Ruhe!

Sollten jemals Zeitreisen möglich sein, müsste man fast Mitleid mit dem jungen Hitler haben. Ohne etwas getan zu haben, würde er in ständiger Angst leben, weil andauernd Fremde versuchten, ihn umzubringen.

Karl Franz

 Täter-Opfer-Umkehr

Nächte im Krankenhaus sind nie besonders schön. Diesmal aber war es der reine Horror. Mein hochmodernes Bett ließ sich nicht um einen Millimeter verstellen, egal, wie oft und wie verzweifelt ich immer wieder auf die Tasten der Fernbedienung drückte. Und die Tatsache, dass alle paar Minuten eine arme Seele im Nebenzimmer vor Schmerzen laut schrie und jammerte, machte die Situation nicht besser. Am nächsten Morgen klärte mich das Pflegepersonal darüber auf, dass ich nicht zu dumm zum Drücken einer Taste sei, sondern dass es sich einfach um die falsche Fernbedienung gehandelt habe, nämlich um die eines anderen Bettes! Jetzt finde ich: Auch wenn man frisch operiert die ganze Nacht komplett ferngesteuert in seinem Bett hin- und her- und hoch- und runtergefahren wird, ist das noch lange kein Grund, so zu schreien, dass die anderen Patienten nicht schlafen können.

Martina Werner

 Waldbaderegel Nr. 1

Nicht vom Waldrand springen!

Tom Breitenfeldt

 Taktik für 8

Besuch bei Tante und Onkel, beide sehr betagt. Beim Scrabblespiel liegen sie zu Beginn etwas zurück, es fallen ihnen nur kurze Worte wie »EIN« ein. Nach dem abgeschmetterten Versuch, den schon daliegenden Artikel »DER« in das zusammenhängende Wort »DERRABE« zu verwandeln, bekommt das Spiel eine Wendung: Die Senioren entdecken den S-Buchstaben und den Genitiv für sich und heimsen viele Punkte ein mit »MOPSES«, »STRUMPFLOCHS«, »RATTENZAHNS«, alles ist wieder offen …

Miriam Wurster

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 10.01.: "Der Teufel vom Dachboden" – Eine persönliche Pardon-Geschichte in der Jungen Welt von Christian Y. Schmidt.
  • 13.12.:

    Anlässlich des 85. Geburtstages Robert Gernhardts erinnert Christian Y. Schmidt in der Jungen Welt an den Satiriker und Vermieter.

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

Titanic unterwegs
29.01.2023 Hagen im Bremischen, Burg zu Hagen Miriam Wurster: »Gute Manieren«
01.02.2023 Berlin, Pfefferberg Theater Hauck & Bauer, Schilling & Blum und Hannes Richert
02.02.2023 Halle, Objekt 5 Max Goldt
02.02.2023 Nürnberg, Z-Bau Moritz Hürtgen