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Dax Werners Debattenrückspiegel KW13

Liebe Leser_innen,

in der Krise werden Held_innen geboren. Letztlich eine Binse, ja, vielleicht so alt wie das dritte Zeitalter in "Der Herr der Ringe". Auch der Krieg in der Ukraine produziert hier, roundabout 1500 Kilometer weiter westlich, ständig neue Held_innen: Außenministerin Baerbock zum Beispiel oder Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr München, der nun in sämtlichen Talkshows den freigewordenen Sessel besetzt, auf dem bis vor ein paar Wochen noch Dirk Brockmann, Alexander Kekulé oder Hendrick Streeck saßen. Und uns dabei erklärt, warum die 100 Milliarden nur der Anfang sein dürfen. Auch Robert Habeck durchläuft gerade ein Hoch und wird von Edelfeder Jan Fleischhauer bis zu den Social-Media-Redakteuren im Willy-Brandt-Haus bis zur Besinnungslosigkeit abgekultet. Es sind wilde Zeiten.

Doch es gibt auch stille Held_innen, die dieser Februar 2022 hervorgebracht hat. Ich nenne sie: Nachdenkliche Linksliberale mit Profilbild. Menschen, die zwar nicht direkt in den Krieg involviert sind, dafür aber seither wie wir alle mit starken Gefühlen zu kämpfen haben. Gefühle, die irgendwo hin müssen. Einer von ihnen ist Nils Minkmar, Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung. Auf seinem Twitterprofil teilt er immer wieder kluge Miniatur-Beobachtungen, manchmal sanft, mitunter leicht spöttisch, jedoch immer mit ordentlich diskursiven Reverb (Nachhall). Da wo in anderen Profilen Berlin oder Köln steht, steht bei Minkmar, na klar: Europa.

Und am 10. März publizierte ebenjener am frühen Vormittag einen Tweet, der mich seither nicht loslässt. Er setzt unvermittelt ein, mittendrin sozusagen, fast so, als greife er einen Gesprächsfaden, der am Vorabend beim dritten Rotweinglas entglitt, mit so selbstverständlicher wie dringlicher Eleganz wieder auf: "In der Frage des Öl/Gas Stopps und der Hilfe für die Ukraine geht es mir nicht schnell genug". Jeder Drehbuch-Ratgeber weiß: Steig’ so spät wie möglich in die Szene ein, geh’ so früh wie möglich wieder raus. Gekonnt ist eben gekonnt: Als Leser bin ich sofort drin, gleichzeitig versuche ich noch, mental Schritt zu halten, die pace auf der Gedankenautobahn mitzugehen, da kündigt sich schon nach nur 92 Zeichen – mit leichter Hand durch mein Lieblingssatzzeichen, den Halbgeviertstrich, angedroht – der Plottwist an: "– aber da ist noch eine andere Empfindung: der Ampel, der Biden Administration und Macron vertrauen zu können."

"Aber da ist noch eine andere Empfindung". Was für ein unfassbarer Powersatz. Eine komplett ausgestattete Filmkulisse manifestiert sich in Sekundenbruchteilen vor meinem inneren Auge. Da ist jemand, so lese ich es, auf Erkundungstour in die eigene Gefühlswelt, auf Expedition ins eigene Ich. Und wir dürfen dabei sein. Auf welche Empfindungen werden wir dabei wohl noch stoßen? Hoppla, hier ist ja noch eine Empfindung! Es ist die Antwort auf die Frage "Was macht das mit dir", aber als Abenteuerfilm. Denn einem Indiana Jones im Tempel der Empfindungen gleich guidet uns Minkmar durch den ganz eigenen Gefühlstempel, mit einer lodernden Fackel in der Hand die Richtung weisend, vorsichtig, tastend und doch beherzt, und in mir entspinnt sich fast eine Art Dialog: Nils Minkmar: "'Der Ampel, der Biden Administration und Macron vertrauen zu können.' Ich bin von mir selbst überrascht. Was sagt ihr zu dieser hübschen Empfindung?"

Dax Werner: "Sie klingt exquisit, wenn ich das so sagen darf. Kann ich sie mal anfassen?"

NM: "Das würde ich an deiner Stelle nicht machen. Dieser Ort birgt dunkle Geheimnisse, wie du weißt."

DW: "Für mich soweit in Ordnung. Können wir jetzt endlich weiter?"

NM: "Einen kurzen Moment noch (atmet tief ein). Das war doch eine spannende Empfindung, nicht wahr? Also, damit hätte doch nun wirklich niemand gerechnet?"

DW: "Naja, ich ehrlich gesagt schon. Sie tragen immerhin gerade einen EU-Hoodie."

NM: "So, so, Mr. Oberschlau. Mach die Stimmung doch ganz kaputt, du blödes Arschloch!"

Fin.

Wünscht euch an diesem Sonntag ganz viele verschiedene Empfindungen:

Euer Dax Werner




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Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Ihnen, Steve Jobs,

Ihnen, Steve Jobs,

wird es wahrscheinlich egal sein, aber wir wollten Sie dennoch informieren, dass Ihr Vermächtnis auf Erden recht vielgestaltig ausgefallen ist. So lasen wir bei stern.de: »Alte Schlappen für über 20 000 US-Dollar: Birkenstock-Sandalen von Steve Jobs stehen zum Verkauf.«

Dieser Reliquienhandel ist übrigens ein wahres Geschäftsmodell geworden: »Die Schuhe sind nur ein kleiner Teil von Jobs’ mehr oder weniger freiwilligem Nachlass. Seine Angestellten leerten die Mülltonnen offenbar mehrfach gründlich. Die Beute habe man mit den Gärtnern, Freunden oder Second-Hand-Geschäften geteilt.« Sollte es nun bald an Ihren Sargdeckel klopfen, Jobs, dann wissen Sie: Da braucht wer Nachschub. Aber als Ex-CEO kennen Sie sich ja aus mit der dubiosen Beschaffung von Ressourcen!

Grüße ins ewige Business von Titanic

 Eine Frage, Dating-App Bumble …

Welchen Sinn hat es, dass Du in einer Werbung eine Nutzerin Deines Dienstes wahnsinnig davon beeindruckt zeigst, dass ein Lukas laut eigenen Angaben »Abenteuer und Kaffee« liebt? Was möchtest Du uns damit vermitteln, dass sie ihn sofort anschreibt und ein Treffen vorschlägt? Willst Du uns unbedingt den langweiligsten Typen andrehen, den es auf Deiner Plattform gibt? Oder ist das – bedenkt man die begeisterte Reaktion der Frau – etwa noch der interessanteste, den du zu bieten hast?

Sind vor der Antwort trotz Kaffee eingeschlafen:

Deine anspruchsvollen Großstadtsingles von der Titanic

 Vorbildlich, Landwirtschaftsminister Cem Özdemir,

finden wir ja Ihren Vorstoß, Containern zu legalisieren. Wir hoffen allerdings doch sehr, dass dies nicht schon die von Ihnen als »Deutschlanddiät« angekündigte Kampagne für bezahlbares Essen ist?

Muss auch so genug Müll schlucken: Titanic

 Hmmm, Ex-FIFA-Boss Sepp Blatter,

zu Ihrer Rolle bei der Vergabe der Männerfußball-WM an Katar sagen Sie heute: »Die Leute stellen sich Einflussnahme immer wie in Gangsterfilmen vor – mit Koffern voller Geld, die an einem geheimen Ort übergeben werden. So war das aber nicht.« Ach: So war das nicht – na dann! Eine Frage, Blatter: Wie sehr mussten Sie sich konzentrieren, um nicht versehentlich die Beschaffenheit der besagten Geldkoffer und den Übergabeort zu beschreiben?

Fragen sich

Ihre Detektiv/innen von Titanic

 Wie wenig, »Spiegel«,

muss man eigentlich tun, um von Dir als nicht rechts entlastet zu werden? Liest man Deine Reportage über die SPD-Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori, wohl sehr wenig. Denn dort schreibst Du, Cademartori sei »keine Rechte. Sie steht für eine diverse Gesellschaft, wenn bei Veranstaltungen Altherrenwitze gerissen werden, rollt sie mit den Augen.« Oha, mit den Augen rollt sie, na dann. Lass uns raten: Wer Zunge schnalzend an einem brennenden Flüchtlingsheim vorbeiläuft, ist kein Nazi, und wer »pfft« macht während einer AfD-Kundgebung, kein Faschist?

Presst entschieden die Lippen aufeinander: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Taktik für 8

Besuch bei Tante und Onkel, beide sehr betagt. Beim Scrabblespiel liegen sie zu Beginn etwas zurück, es fallen ihnen nur kurze Worte wie »EIN« ein. Nach dem abgeschmetterten Versuch, den schon daliegenden Artikel »DER« in das zusammenhängende Wort »DERRABE« zu verwandeln, bekommt das Spiel eine Wendung: Die Senioren entdecken den S-Buchstaben und den Genitiv für sich und heimsen viele Punkte ein mit »MOPSES«, »STRUMPFLOCHS«, »RATTENZAHNS«, alles ist wieder offen …

Miriam Wurster

 Lasst mich in Ruhe!

Sollten jemals Zeitreisen möglich sein, müsste man fast Mitleid mit dem jungen Hitler haben. Ohne etwas getan zu haben, würde er in ständiger Angst leben, weil andauernd Fremde versuchten, ihn umzubringen.

Karl Franz

 Täter-Opfer-Umkehr

Nächte im Krankenhaus sind nie besonders schön. Diesmal aber war es der reine Horror. Mein hochmodernes Bett ließ sich nicht um einen Millimeter verstellen, egal, wie oft und wie verzweifelt ich immer wieder auf die Tasten der Fernbedienung drückte. Und die Tatsache, dass alle paar Minuten eine arme Seele im Nebenzimmer vor Schmerzen laut schrie und jammerte, machte die Situation nicht besser. Am nächsten Morgen klärte mich das Pflegepersonal darüber auf, dass ich nicht zu dumm zum Drücken einer Taste sei, sondern dass es sich einfach um die falsche Fernbedienung gehandelt habe, nämlich um die eines anderen Bettes! Jetzt finde ich: Auch wenn man frisch operiert die ganze Nacht komplett ferngesteuert in seinem Bett hin- und her- und hoch- und runtergefahren wird, ist das noch lange kein Grund, so zu schreien, dass die anderen Patienten nicht schlafen können.

Martina Werner

 Waldbaderegel Nr. 1

Nicht vom Waldrand springen!

Tom Breitenfeldt

 Konsequent

Wer Ananas sagt, muss auch Abnabnabs sagen!

Daniel Sibbe

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 10.01.: "Der Teufel vom Dachboden" – Eine persönliche Pardon-Geschichte in der Jungen Welt von Christian Y. Schmidt.
  • 13.12.:

    Anlässlich des 85. Geburtstages Robert Gernhardts erinnert Christian Y. Schmidt in der Jungen Welt an den Satiriker und Vermieter.

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

Titanic unterwegs
29.01.2023 Hagen im Bremischen, Burg zu Hagen Miriam Wurster: »Gute Manieren«
01.02.2023 Berlin, Pfefferberg Theater Hauck & Bauer, Schilling & Blum und Hannes Richert
02.02.2023 Halle, Objekt 5 Max Goldt
02.02.2023 Nürnberg, Z-Bau Moritz Hürtgen