Der Spiegel war dagegen, die Bild-Zeitung war dagegen, die Frankfurter Allgemeine et al. waren dagegen: daß die Briten auf eigenen Wunsch die Europäische Union verlassen. Warum freut es mich dann nicht?

Weil mir Jugoslawien auch schon näher wäre als das, was heute Balkan ist, und mag die EU auch mehr Konzern- denn Herzensprojekt sein; benimmt sie sich an ihren Außengrenzen auch schäbig; sind ihre „europäischen Werte“ zuvorderst die, die sich in Frankfurt und London handeln lassen: „die neue Wucht des Nationalismus“ (FAZ, 24.6.) ist trotzdem nichts, worüber sich eins freuen müßte, und daß nun „real people“ gewonnen hätten und am Drücker seien, glaubt Nigel Farage erstens selbst nicht und wäre zweitens, unter den unveränderten Besitz- und Wirtschaftsverhältnissen, auch nicht wünschenswert, mag der kleine britische Mann auch weniger Ressentiments im Herzen tragen als sein deutscher Verwandter.

Es reicht ein Blick auf die Figuren, die da gewonnen haben, wie auf die, die mit Genugtuung reagieren, allesamt nicht Linke oder solche, die sich nach Stalins „Sozialismus in einem Lande“ sehnen, sondern bestenfalls opportunistische Gauner (Boris Johnson), übelstenfalls Faschistinnen (Marine le Pen). Erschreckend außerdem, wie leicht die Leute bereit sind, aus „nationalen“, im Zweifel bloß rassistischen Gründen – denn wenn die Schotten gehen, ist der nationale Schuß ja nach hinten losgegangen – gegen ihre unmittelbaren Interessen zu stimmen, die, wo wir schon Kapitalismus haben, die des Außenhandels sind, den Großbritannien zu 45 Prozent mit dem Kontinent abwickelt. Die EU ist ja nicht kapitalistischer als das einzelne Mitglied, und ein in splendid isolation zurückgekehrtes Königreich wird nicht auf einmal fair zur Rentnerin (oder zum Trikont) sein, nur weil (vermeintliche) Absurditäten um die Länge von Salatgurken und der Selbstbedienungsladen Brüssel der Vergangenheit angehören.

„Einem einzelnen Land kann niemand dienen; er lügt, wenn er es behauptet. Es gibt nur zusammenhängende Interessen und den Dienst an ihnen.“ Heinrich Mann, 1933

Was immer, solange die Revolution eher nicht in Aussicht steht, nationale Souveränitäten auf verfaßte Weise beschneidet, ist mir lieber als alles, was sich auf Nation und die dazugehörige „Kultur“ beruft, und ein Europa ohne politische Grenzen ist jedenfalls eine bessere Idee als eine nationale, die, sofern zu ihr unter Raus-aus-dem-Völkerbund-Getöse zurückgekehrt wird, wesentlich eine rechte ist, ob es nun Ungarn zuerst! heißt oder Britain first. „Unter deutscher Fuchtel“ (Il Messagero) stünde Europa auch ohne EU, und den Euro, der die Fuchtel ggf. zur Knute werden läßt, haben die Briten nicht einmal.

Mag sein, das politische Europa wird von volksfernen Eliten beherrscht; die sind in Polen und Ungarn, bald in Österreich und Großbritannien (was immer von ihm übrig bleibt) nicht volksnäher oder kapitalferner, allerdings, wenn die Erfahrung etwas besagt, rücksichtsloser, bornierter und verlogener, als ein Eurokrat je sein könnte. „Europa“ ist schlecht? Kann sein. Aber es ist besser als das, was nach ihm kommt.

 Wie viele Journalisten haben erst am Tag nach der Abstimmung "Was ist die EU?" und "Welches Irland gehört zum Vereinigten Königreich?" gegoogelt?

 Kommen die bemitleidenswerten britischen Jungakademiker, die von ihren bösartigen Großeltern nun um ihre Zukunft gebracht wurden, demnächst mit dem Flüchtlingsboot über den Ärmelkanal zum Erasmusaufenthalt in Bordeaux, München oder Prag?

Wieso hat keiner von den Guten die Kraft, Typen wie Nigel Farage wenigstens mal eine Körperverletzung ohne bleibende Schäden zuzufügen?

Könnten Menschen wie Sigmar Gabriel, Margot Käßmann und Jan Böhmermann im Falle eines deutschen EU-Referendums mit guter Überzeugungsarbeit auf Twitter den Austritt verhindern?

Weshalb haben die sackalten, strunzdummen und arbeitslosen Inzestnazis vom Land nur Verachtung für uns gemäßigte Pressevertreter übrig?

Wie kann die EU nach dem Brexit weiterhin ein friedenswahrender, wohlstandsbringender Abenteuerspielplatz für Deutschland bleiben, auf dem man schwache Hilfsempfängerstaaten nach Herzenslust erniedrigen und herumscheuchen kann?

Warum verhalten sich die Wahlverlierer von Großbritannien kein bißchen sympathischer als die aus Österreich?

Mit der Verbreitung welcher Erklärungsmodelle für das furchtbare Ergebnis kann jetzt sichergestellt werden, daß rechte Parteien wie AfD, Front National und UKIP bei den nächsten Wahlen noch mehr Zulauf erhalten?


 

Hüftgelenk durch Magentablette gerettet.

 


 

Kind durch Patentamt gerettet.

 


 

Eltern durch Keller gerettet.

 


Vom Vater des Künstlers gefertigte magische Zeichnung (zwischen 1937 und 1940) 

 

 

Eine neue Gefahr breitet sich aus, eine Angst und Schrecken verbreitende Gruppe formiert sich in der freien Welt. TITANIC nennt das Übel beim Namen – und deckt in der Juliausgabe noch mehr Kraßheiten auf: Was radikale Frauengruppen wirklich vorhaben! Wie demente Tiere leiden! Wie der Aldi-Krieg eskaliert!

Außerdem: "Der Populist" als Heft im Heft, das große Urlaub-Spezial, eine weitere Folge von "Sachsterix", Sonneborns neuer Bericht aus Brüssel und Eckhard Henscheids aktualisierte Gernhardt-Ehrung. Machen Sie einmal etwas richtig im Leben und kaufen Sie das Heft, wahlweise als PDF oder als wertige Papierversion! Oder lesen Sie es für Ihr Schnickschnackgerät aufbereitet in der TITANIC-App. Am korrektesten handelt, wer ein Abonnement samt Prämie bestellt.

  • Mit gewohnter britischer Höflichkeit haben viele EU-Gegner heute morgen ihren Wecker gebeten, daß er sie noch ein wenig weiterschlummern lassen möge, was der natürlich respektiert hat
  • Viele Upper-Class-Brexit-Befürworter stürzen heute noch beim Polo vom Pferd oder werden bei der Fuchsjagd erschossen
  • Die EU-Kommission hat gleich busladungsweise unterbeschäftigte, mit Schirm und Melone ausgestattete Eurokraten auf die Insel geschickt, um sie in die Warteschlangen einzuschleusen, wo sie nun geduldig warten
  • Viele sind noch mit den aufwendigen Vorbereitungen zum Sprengen des Kanaltunnels beschäftigt
  • David Cameron hat in den Wahllokalen die Schilder mit den Notausgängen manipulieren lassen (nämlich um die Buchstaben BR ergänzt)
  • In Brüssel hat man Prinz Charles einen Posten bei der EU angeboten

Sehr geehrte Damen und Herrschaften!

Das runde Leder: Dieser Tage rollt es wieder lustig durch die Fünfte Republik. "Rundes Leder", so haben wir bei der FDP auch heimlich den Kopf des späten Ludwig Erhard genannt. Haha, Witze! Neulich gab es ja die Begegnung Österreich gegen Ungarn, und da fällt mir der folgende Flachs ein. Kommt 'ne Trümmerfrau zum Arzt und sagt: "Heute spielt Preußen Münster gegen Roter Stern Belgrad." Fragt der Arzt: "Gegen wen?" Sagt die Frau: "Ist doch scheißegal, Mann! Der Russe steht vor der Tür, verbrennen Sie Ihre Nazi-Devotionalien, sonst gnade Ihnen Gott!" Hm, da lacht wieder niemand. Nicht mal Mildred, meine ausgestopfte Braunbärin. Wenn sie schlecht gelaunt ist, tut sie so, als würde sie nur Rumänisch verstehen. Ich gebe zu, im Witzeerzählen war ich nie besonders gut, bin mehr ein Freund der feinsinnigen Anekdote. Nicht umsonst gibt es ein Buch mit dem Titel "Typisch Scheel", erschienen 1980 im Witt-Verlag. Die köstlichsten Schnurren sind darin versammelt. Am besten gefällt mir die Geschichte, wie Henry Kissinger und ich 1978 von Margaret Thatcher beauftragt wurden, den argentinischen Außenminister César Augusto Guzzetti zu vergiften – mit Zimt. In hohen Dosen eingenommen, soll Zimt, zumindest bei Ratten, schwere Leberschäden verursachen. Ohne die Wirkung auf den Menschen genau zu kennen, planten Kissinger und ich jedenfalls, dem General jeden Tag 36 Zimtsterne zu verabreichen. Leider wurde er bereits mißtrauisch, als wir ihm zum dritten Mal mit Nachdruck einen Zimtstern anboten ("¡Especialidad alemana!"). Hals über Kopf mußten wir abreisen.

Apropos Thatcher: Heute stimmen die Briten darüber ab, ob sie im Commonwealth bleiben wollen oder nicht. Von mir aus können sie drinbleiben. Wo sollen sie denn auch hin? Auf die Komoren? Und was das wieder kostet! Wir können froh sein, daß der deutsche Bundespräsident indirekt gewählt wird. Das macht eine Ersparnis von 22 Prozent gegenüber einer Direktwahl aus, haben führende Finanzexperten meiner Partei ausgerechnet. Ja, so etwas gab es mal bei uns Liberalen: Finanzexperten. Was die wohl heute machen? Sind bestimmt alle tot. Wenn Gauck weg ist, würde ich mich übrigens noch einmal anbieten als erster Mann im Staat. Bedingung wäre allerdings, daß ich meinen Staubsaugerroboter mit ins Schloß Belvedere nehmen darf! Und jeden Morgen soll eines dieser modernen Pop-up-Restaurants in meinem Korridor aufgebaut werden! Das muß man mal gesehen haben; das muß ja ein Naturschauspiel sein wie die Nordlichter oder das d’hondtsche Höchstzahlverfahren. Bis dahin gehe ich aber ins Bett, schmökere noch ein bißchen in dem Buch "Typisch Kissinger!" und habe stets ein wachsames Auge auf die Weltenläufe.

Herzlich, Ihr


Walter Scheel

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Das schreiben die anderen
  • 28.06.:

    In der Taz gibt Mark-Stefan Tietze Tips zum richtigen Sonnenbaden.

  • 27.06.:

    Martin Sonneborn im Interview zum EU-Referendum.

Titanic unterwegs
29.06.2016 Hamburg, Polittbüro
  Martin Sonneborn
30.06.2016 Hattingen, Stadtbibliothek
  Thomas Gsella
03.07.2016 Hannover, Wilhelm-Busch-Museum
  Rudi Hurzlmeier
03.07.2016 Aschaffenburg, Stadttheater
  Greser & Lenz und Hauck & Bauer

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Briefe an die Leser

 Sie, Larry Kasanoff,

haben sich unter anderem mit der Verfilmung des Videospiels »Mortal Kombat« einen Namen gemacht und sind damit zweifellos der richtige Produzent für die geplante Leinwandtrilogie »Tetris – the Movie«. Seit dieser Ankündigung bewegen uns allerdings einige Fragen, wie etwa: Warum keine Tetralogie? Werden das Quadrat und das L-förmige Teil jemals zueinanderfinden? Wird der Soundtrack mit fortschreitender Filmdauer immer schneller?

Völlig sicher ist sich allerdings, daß der Streifen ein echter Blockbuster wird: Titanic

 Übrigens, Markus Söder!

Nach Ihren Verkleidungen 2012ff. als – Wikipedia listet es akribisch auf – Punk, Drag Queen, Shrek, Mahatma Gandhi und Edmund Stoiber freut sich schon darauf, Sie fluterprobten bayerischen Heimatminister bei der nächsten Fastnacht als wahlweise Franziska van Almsick oder Clownfisch Nemo zu sehen: Titanic

 Himmel, Franz Josef Wagner!

Ja, man wird und wird nicht jünger, wähnt sich manchmal sogar schon nah und näher beim himmlischen Vater – und trotzdem muß ein alter Bild-Bock wie Sie sich so kurz vor dem gemeinsamen Treffen noch mit dem Allerhöchsten anlegen. Und etwa am 30. Mai angesichts quasibiblischer Regenfälle und Sintfluten die dürre Schmierenschreiberfaust drohend gen Himmel schütteln, daß der Morgenschnaps aus dem Glas spritzt, und fragen: »Was alles erlaubt Gott?«

Wir verraten’s Ihnen: alles. Gott erlaubt sogar solche Gestalten wie Sie.

Herzlichst Titanic

 Sicher, Heribert Prantl?

Sah der kürzlich verstorbene Rupert Neudeck, Mitgründer der Hilfsorganisation »Cap Anamur«, wirklich nur aus »wie eine Mischung aus Rübezahl, Marathonläufer, dem heiligen Christophorus und Gottvater«? Nicht auch noch ein bißchen wie Ayatollah Khomeini, Vader Abraham, Papa Schlumpf, der Alm-Öhi, eine Hälfte von ZZ Top und ein Hipster der mittleren 2010er Jahre?

Oder anders gefragt: Hat beim Verfassen Ihres Nachrufs in der SZ vielleicht ein C2H6O-basiertes Getränk eine Rolle gespielt, zu dem in Ihrer Branche durchaus häufiger gegriffen wird?

Für die Feststellung der absoluten Vergleichsuntüchtigkeit bei mehr als 0,0 Promille: Titanic

 Sie, Binali Yıldırım,

erklärten öffentlich, mit der Bundestagsresolution zum Genozid an den Armeniern habe Deutschland einen »historischen Fehler« begangen.

Tja, was sollen wir sagen? Irgendwann ist halt immer das erste Mal.

Mit besten Empfehlungen Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Gesundheit

Was man nicht im Kopf hat, muß man in den Beinen haben, heißt es. Bei der Thrombose meines Patenonkels hat sich das auf traurige Weise bewahrheitet.

Ernst Jordan

 Harmlosigkeitslippen, die

Dieses mimische Phänomen entsteht durch ein Einwölben und leichtes Aufeinanderpressen der Lippen. Menschen zeigen es in Situationen geringfügiger Peinlichkeit, etwa bei Unklarheit über die Reihenfolge in einer Warteschlange.

Robert von Cube

 Digitale Scham

Was ich mich auf Facebook nicht zu liken traue: meine eigenen Posts, meine eigenen Kommentare und dieses grandiose Läuseshampoo.

Ella Carina Werner

 Resümee

»Sie und ich hätten miteinander glücklich werden können, doch leider lernten wir uns kennen.«

Volker Schwarz

 Verkettung glücklicher Umstände

Die Katze hat letzte Nacht mit viel Radau eine prall gefüllte Blumenvase umgeworfen. Gleichzeitig ist aber auch die Rolle Küchenpapier vom Tisch gefallen und hat die Wasserlache, getreu ihrer Bestimmung, schweigend aufgesaugt.

Dorthe Landschulz