Newsticker

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Inside TITANIC (33)

Intime Einblicke in das Innere der TITANIC-Redaktion und ihrer Mitglieder. Heute: Ella Carina Werner über netflixhaftes Hire'n'Fire hinter der Bürotür.

In seinem frisch erschienenen Buch "Keine Regeln. Warum Netflix so erfolgreich ist" plaudert Reed Hastings – Gründer und CEO des namhaften Streamingdienstes – sackstolz, wie gerne er Mitarbeiter absägt, sie einer permanenten Feedback-Kultur aussetzt und ein dauerhaftes Arbeitsklima der Angst installiert hat, um nur die besten, nervenstärksten Köpfe zu behalten: "Bereit zu sein, einen guten Mitarbeiter zu feuern, um stattdessen einen fantastischen einstellen zu können, führt zu Spitzenleistungen."

Keine Frage, Hastings repräsentiert eine neue, zeitgemäße Arbeitskultur. Eine Kultur, die auch andere große Player zelebrieren, darunter TITANIC. Von seiner täglich neu geschürten "Culture of Fear" erzählt Chefredakteur Moritz Hürtgen stets fidel. Das passende Handwerkszeug hat er im Webinar "Motivation. Demotivation. Motivation. Demotivation" der Silicon-Valley-Academy erlernt. Sein Credo: Alles bleibt in permanenter Schwebe, Verängstigung nonstop. Chat-Beiträge der Belegschaft garniert der 24jährige "Bammel-Boss" (Selbstbez.) mit orakelhaften Pokerface- und Augenroll-Smileys. Demütigende Spiele wie "Ich packe meinen Arbeitskoffer für immer, und nehme mit ..." oder "Bello, Bello, dein Knochenjob ist weg" gehören zum Afterwork-Spaß. Wöchentlich wird das Büroschloss ausgewechselt. Nervenkitzel-Frage: Wer kriegt den neuen Schlüssel, wer nicht?

Beim abendlichen Feedback-Gespräch gelingt es dem Medienkapitän, seine Untergebenen nachhaltig zu beunruhigen: Rhythmisches Stirnrunzeln und subtile Werturteile ("FAST gut") tragen zur anspornenden Rundum-Verunsicherung bei. Graphiker T. Hintner kann ein Lied von alledem singen: Seinen Koffer, gepackt nach dem Umzug aus dem Studentenwohnheim vor 32 Jahren, hat er bis heute nicht ausgepackt, aus Angst, es könne ihn jeden Tag "erwischen".

Inzwischen kann sich der Chefredakteur auch mal zurücklehnen. Sein sublim aufgebautes System der gegenseitigen Irritation funktioniert längst wie geschmiert. Wechselseitige Konfusionsspielchen zwischen Kollegen ("Vorsicht, fall' nicht!"), die einander im Vorbeigehen die "Nase" klauen oder anschwärzen, mit Edding beim mittäglichen Powernap, sind integraler Teil des Betriebsklimas.
Neuestes Ziel: Ein paar aussichtsreiche Nachwuchssatiriker aus China und Indien als "temporäre" Mitarbeiter anzuheuern, um die Motivation der Altbelegschaft in ungeahnte Höhen zu treiben – der nächste große Step Richtung 22. Jahrhundert.

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Meditation und Markt mit Dax Werner

Bitte betäube mich

Liebe Leser_innen,

es gab vor ein paar Jahren mal so einen Trend, ich weiß gar nicht so richtig, was daraus geworden ist, aber er nannte sich "Konstruktiver Journalismus". Die Idee: den Menschen da draußen weniger problemorientierten, dafür umso mehr lösungsorientierten Content an die Hand geben. Als Entrepreneur und Investor habe ich diesen damaligen Paradigmenwechsel natürlich mehr als begrüßt: Mit konstruktivem Journalismus ließ sich die aus meiner Sicht unnötige gesellschaftliche Debatte über technische Lösungen für soziale Probleme prima skippen, indem einfach ein Startup mit einem Geschäftsmodell gegen diesen oder jenen Missstand vorgestellt wird, denn Probleme, das wissen wir jetzt hoffentlich inzwischen alle, sind am Ende auch nur dornige Chancen. En passant bot sich uns Unternehmern ein neues, viel werbefreundlicheres Umfeld, in dem wir unsere CTAs (Call-to-actions), dieses oder jenes Produkt einzukaufen oder Kredite aufzunehmen, viel besser arbeiten konnten. Kurz gesagt: Das ganze Ding hat mir seinerzeit richtig Bock auf Zukunft gemacht!

Leider hat uns die Zukunft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Als um Neujahr herum erst das Krefelder Affenhaus und dann ganz Australien in Flammen stand, hätten wir schon ahnen können, dass dieses Jahr besonders wird, doch wäre 2020 eine Netflix-Serie, ich wäre spätestens nach der Märzfolge ausgestiegen. Neulich habe ich eine echte Fernsehserie angeguckt, in der eine Familie einfach nur normal Weihnachten gefeiert hat (übrigens absoluter Serientipp: "Bonusfamiljen"), und ich musste auf einmal weinen. Auch das damalige konstruktiv-journalistische Vorzeigeprojekt "Perspective Daily" veröffentlicht inzwischen zum großen Teil Listicles im erweiterten Themenspektrum von Missständen, Mangel und Katastrophen "unserer Zeit". Klickt halt geiler.

Deswegen muss ich an dieser Stelle ehrlich gestehen: Inzwischen sehne ich mich fast in die gute alte, circa 2 Wochen andauernde Ära des echten konstruktiven Journalismus zurück. Und das sage ich nicht als Entrepreneur, sondern als Mensch. Mit echten Gefühlen. Emotions. Können wir diesen neuen lösungsorientierten approach nicht einfach wiederbeleben? First as a marketing stunt, then aber ernstgemeint? Denn eigentlich möchte ich nur noch von konstruktivem Content betäubt werden.

Euer: Dax Werner

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Inside TITANIC (32)

Intime Einblicke in das Innere der TITANIC-Redaktion und ihrer Mitglieder. Heute: Premium-Praktikantin Jessica Ramczik über das Wetter sowie revolutionäre Umstürze in der Redaktion.

Noch gestern knackte die Hitze im Gebälk des Daches der Hamburger Allee 39 und die Luft hing schwer zwischen den Wänden. Doch es sind Wolken aufgezogen, ein kühles Lüftchen weht durch die Redaktion, manch einem jagt ein Schauer über den Rücken. Der Sommer ist vorbei. Man erzählt sich schon von der zweiten Decke, die man sich nachts holt, den Socken, die man nun wieder gern im Bett trägt, von dem ersten bedenklichen Kratzen im Hals, von praktischen Übergangsjacken. Apropos Übergang, Wandel und Zeitwende: Leo Riegel spielt auf seiner Ukulele, als wäre dies eine ganz normale Woche in der Redaktion.

Doch es ist etwas im Gange. Verstohlene Blicke. Hier und da ein verstohlenes Lächeln. Ein zarter Händedruck im Vorübergehen, eine rasch gelesene und gelöschte E-Mail, ein wissendes Nicken. Paula Irmschler, die Werner-Brigaden und ich machen unser geheimes Zeichen. Der Tag beginnt. Die größte Angst einiger Leser ist längst Realität geworden. Großzügig werden Textvorschläge von Männern geschreddert, ignoriert und in Papierkörbe verschoben. Kein Stück vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei und das Leben des Bäckers. Das wollten wir. Und das haben wir bekommen. Schleichend hat es begonnen. Am Ende steht das feministische Joch. Der Chef ist weg. Urlaub? Das glauben Sie, liebe Leser!

Ausgeklügelt wurde das Ganze dort, wo bisher niemand irgendeinen Schrecken vermutet hat: auf der geheimen Lesbensex-Couch. Zwischen Flauschekissen auf rotem Samt und bei wohlschmeckendem Tee ist hier eine Idee geboren worden, die bald Gestalt annahm. Sukzessive wurden immer mehr junge Autorinnen ins Heft geholt. Aus gegenseitigen Zärtlichkeiten, heißen Küssen und verrückten Stellungen wurde die Gewissheit, dass der Laden bald auch ohne Männer laufen kann, nein, laufen muss. Natürlich können Sie, der Leser, sich jetzt bequem zurücklehnen und müde lächeln. Aber was ist wirklich dran? Gibt es diese Couch tatsächlich? Wie viele Frauen schreiben wirklich für das geliebte Heft? Und werden es wirklich mehr? Und warum ängstigt Sie das auch ein kleines bisschen?

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Meditation und Markt mit Dax Werner

Der Drücker

Liebe Leser_innen,

viele Trendthemen, die in den vergangenen Jahren die Runde machten, entpuppten sich bei genauerer Betrachtung als reine Medienbubblephänomene, also Sachverhalte, die lediglich in der gated community von Journalist_innen und Medienmenschen ihre exklusive Relevanz entfalten können: Dazu zählen zum Beispiel die Buzzwords "Framing" und "Datenjournalismus" oder die Frage, wer die SPD im kommenden Jahr als Kanzlerkandidat_in in den Bundestagswahlkampf führen wird.

Und trotz aller schaler Versuche, die Öffentlichkeit vom Gegenteil zu überzeugen, scheint mir auch der Champions-League-Gewinn des FC Bayern München vor zwei Tagen ein solches reines Medienphänomen zu sein. Oder kann sich irgendwer noch an das Spiel vom Sonntag erinnern?

Selbst die hartgesottensten Bayern-Fans wie Cem Özdemir zollten auf Twitter zwar pflichtschuldig, jedoch mit leichten Unsicherheiten beim Buchstabieren des Namens von Bayern-Trainer Hansi Flick, Respekt: "Glückwunsch an Hansi Fink & @FCBayern zur #ChampionsLeague". Offenbar wurde dem Grünen-Politiker jedoch selbst zur Mitte des Tweets hin so langweilig, dass er merkwürdige Forderungen an den "Fussball" an und für sich anknüpfte: "Aber #Katar hätte diese Bühne nicht bekommen dürfen. #Fussball braucht Reformen." Beim Lesen dieses Tweets stellte ich mir vor, wie der derzeitige UEFA-Präsident Aleksander Čeferin noch vollständig in Final-Laune den Hashtag #Fussball durchsucht, auf Özdemirs Tweet stößt und für den Morgen eine UEFA-Eilkonferenz einberuft: "Leute, da ist dieser Grünen-Politiker aus Deutschland, der auf Twitter Reformen im Fussball fordert. Wer weiß, was gemeint sein könnte? Wie können wir ihn zufriedenstellen?"

Vielleicht meldet sich ja dann Karl-Heinz Rummenigge per Zoom und brüllt in sein Macbook: "Das war das größte Spektakel, das ich je erleben durfte!" Der Mann mit der magischen Aura eines westdeutschen Drückerkolonnenbosses im Ostdeutschland der unmittelbaren Nachwendezeit plant derweil sicher schon, die nächste Champions-League-Saison auf ein Wochenende komprimiert in Katar oder Weißrussland steigen zu lassen. Fussball verbindet eben.

Und bei der Gelegenheit könnte Rummenigge auch anregen, die Antirassismus-Kampagnen nicht mehr weiterzufinanzieren, für die sich der Bayern-Kader immer wieder hergeben muss. Denn wenn uns Medien trotz des Kampfes der Bayern gegen Rassismus nichts anderes einfällt, als Manuel Neuers Urlaubsvideos in Kroatien in einem maximal ungünstigen (rechtsradikalen) Licht darzustellen und schmutzige Wäsche über einen leitenden Bayern-Mitarbeiter zu waschen, der Jugendspieler über Jahre rassistisch beleidigt haben soll, dann haben wir Rummenigge und den Club von der Isar vielleicht gar nicht verdient.

Vielleicht ist es für uns Medienleute Zeit, innezuhalten, bevor wir dem FC Bayern weiter Unrecht tun. Pack mas, buam. Herzlichen Glückwunsch zum Cup,

Euer Dax Werner

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Meditation und Markt mit Dax Werner

Kleines Cancel-Coaching

Liebe Leser_innen,

die Cancel Culture feierte ihren Durchbruch hierzulande nicht zufällig in den Wochen und Monaten der Quarantäne. Die Lockdown-Langeweile hat den kulturellen Diskurs inzwischen vollumfänglich ins World Wide Web verlagert, oder wie ich gerne sage: Ins globale Labyrinth von Bits und Bytes. Und hier ist, das weiß man, meist nicht gut Kirschen essen. Gestritten wird nur noch fernmündlich. Allein: Ein guter Cancel zahlt massiv auf die eigene Brand ein. Deswegen habe ich ein Listicle mit den Grundlagen der Cancel-Ökonomie vorbereitet, damit auch Du schon heute ins Cancel-Business einsteigen kannst und dabei noch Value für Dich und Deine Followers reinbringen kannst. Enjoy!

1. Was ist Cancel Culture?

Wenn man die Suchmaschine anwirft, tauchen bisweilen verschiedene Definitionen auf: "Meinungsdiktatur", "Ende des Liberalismus und der freien Meinungsäußerung", "Karrierenbeender", aber auch "Gespenst" bis hin zu "gibt es gar nicht". Offenbar hängt die Definition sehr stark davon ab, ob man sich politisch eher links oder rechts verortet. Kreiere aus diesem Bug ein Feature, indem Du massig Content zum Thema generierst, ohne Dich festzulegen. Learning: Wenn Du wie ich noch nicht bereit bist für Deine erste Kampagne, verblogge doch zunächst einmal Deine Gedanken zum Thema – Hashtags nicht vergessen!

2. Cancel-Vakuum

Stichwort Timing. Wurde in den vergangenen zwei Stunden schon gegen irgendwen ein Cancel-Versuch unternommen? Nein? Dann ist das hier Dein Sweet Spot: Du befindest Dich im sogenannten Cancel-Vakuum! Aber Achtung: Auch andere Canceller wittern schon ihre Chance. Sei schnell und elegant wie ein Panther, behalte jedoch auch immer die Übersicht wie eine Giraffe oder ein Uhu oder diese eine Vogel, welcher sehr hoch fliegen und gut sehen kann.

3. Choose your enemy wisely!

Vielleicht der wichtigste Gedanke: Ein gelungener Cancel steht und fällt mit dem Gegner. Wenig geeignet sind zum Beispiel Menschen, die man noch für Jobs braucht. Das Internet ist ein noch wirreres und undurchsichtigeres Gestrüpp von Abhängigkeiten als das Weihnachtswochenende daheim bei den Eltern in Saarlouis. Denn am Ende springt ja vielleicht immer noch eine Kolumne raus! Das inkludiert auch Menschen, die ihr halbes Leben lang Geld mit dem fiesesten Schmuddelkram verdient haben und Ende 2019 plötzlich woke wurden. Verbrennt Euch nicht unnötig die Finger! Als Faustregel gilt hier: Nicht zu groß (too big too fail), nicht zu klein. Und das bringt mich direkt zu …

4. Politiker kann man schlecht canceln

Ein Punkt, den ich in meinen Webinars zum Thema immer wieder betonen muss: Politiker sind ein strategisch schlechtes Ziel fürs Canceln, weil sie in aller Regel gar nicht mitbekommen, dass sie gecancelt wurden. Im schlimmsten Fall bereitest Du damit nur dem jeweils zuständigen Social-Media-Team eine schlechte Zeit, also Menschen, die denjenigen, um den es eigentlich geht, vermutlich noch nie persönlich getroffen haben. Wenn Politiker cancelbar wären, warum darf Verkehrsminister Andy Scheuer dann immer noch öffentlichkeitswirksam über die EU-weite PKW-Maut nachdenken? Schachmatt.

5. Zielperson & Quellensichtung

Du hast eine Zielperson identifiziert und genug Material gesichert, mit dem Du gleich drei Karrieren zerstören kannst? Jetzt heißt es, die sozialen Medien zu monitoren: Aus evolutionären Gründen vertragen wir als Gemeinschaft nie mehr als 2, 3 schwarze Schafe gleichzeitig. Versuche, den Sweet Spot (siehe Punkt 2) abzupassen und bereite Deine Tweets und Facebook-Posts schon einmal in Open Office vor. Setze Deine Erwartungen trotzdem fürs Erste nicht zu hoch, denn ...

6. Aufmerksamkeit ist kein Nullsummenspiel!

Viele denken Cancel Culture als eine Technologie, mit der man unliebsame Zeitgenossen komplett aus der öffentlichen Wahrnehmung schießen kann. Ein Trugschluss, wie mir scheint: Einige Künstler_innen haben im Gegenteil sehr vom Gecanceltwerden profitiert und verkaufen zum Beispiel plötzlich wieder viel mehr Harry-Potter-Bücher als vorher! Entlang der Cancel-Wertschöpfungskette bilden sich inzwischen einige ausschließlich auf Cancel-Promo spezialisierte Agenturen im Raum Düsseldorf und Köln heraus. Richtig ist jedoch auch: Die eigene Reichweite lässt sich mit einer sauber gearbeiteten Cancel-Kampagne ordentlich boosten. In der klassischen Ökonomie sprechen wir hier von Win-Win.

7. Das Poschardt-Paradox

Als Chefredakteur der meistgelesenen Zeitung aller Zeiten musst Du natürlich auch einen Angle zum Thema Cancel Culture entwickeln, immerhin verbringst Du den Großteil Deiner Arbeitszeit auf Twitter. Doch Vorsicht: Wenn Deine einzigen Antworten aus GIFs, Freiheitsstatuten-Emojis und immer wilderen Die-Meinungsfreiheit-ist-bedroht-Meinungsstücken bestehen, hängst Du schneller am Empörungstropf, als Dir lieb ist. Und dann ist da ja auch noch der kaum noch zu bändigende Goblin vom Tegernsee … Ganz ehrlich, warum es sich nicht einfach machen, die Twitter-App löschen und zweimal die Woche mit Ijoma Mangold und Giovanni di Lorenzo gemütlich auf Facebook diskutieren?

Nun denn, ich hoffe, Ihr habt ein, zwei schöne Gedanken mitnehmen dürfen. Denkt immer daran: Panta rhei. Alles fließt.

Euer Dax Werner

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Inside TITANIC (31)

Intime Einblicke in das Innere der TITANIC-Redaktion und ihrer Mitglieder. Heute: Torsten Gaitzsch über die Duplizität der Ereignisse.

Meinen letzten richtigen Lach-Erfolg auf dieser unserer Netzseite hatte ich mit einem derben Toilettenwitz, weswegen auch die heutige (Scheiß-)Hauskolumne mit einem WC-Gag beginnen soll. Bleiben Sie dran!

Am vorletzten Montag kam ich nach dem Post-Konferenz-Gelage spät nach Hause und musste feststellen, dass sich die Klobrille in meinem Badezimmer (da steht das Klo) gelockert hatte, so dass ich die sie fixierenden Schrauben festzurren musste – eine tolle nächtliche Beschäftigung, zumal wenn man halb trunken ist. "Und wo ist jetzt der Gag?" fragen Sie? Hier: Einen Tag später suchte ich eines der drei Klos in unserer Redaktion auf, um festzustellen, dass dessen Brille ebenfalls locker war! What are the odds? Hier verzichtete ich natürlich darauf, handwerklich tätig zu werden; bin ich denn der Himbeer-Toni?!

Von dieser unheimlichen Parallele berichte ich, weil sie nicht die einzige geblieben ist. Die Mine eines meiner privaten Lieblingskugelschreiber ging mitten beim Kreuzworträtselausfüllen alle-alle; zur selben Zeit (2020) trocknete ein Arbeitskuli (meine Waffe!) einfach so aus. Vor einigen Wochen hatte ich Probleme mit dem heimischen Laptop; unterdessen hebt mein Dienst-Macbook mindestens zweimal täglich die Hufe, friert spontan ein, während ich meine Tex ...

Verzeihung, da bin ich wieder. Woran also liegt's? Man kennt ja Geschichten von poltergeistgeplagten Familien, die selbst nach einem Umzug in eine andere Stadt fortgesetzt von bösem Spuk heimgesucht werden. Ich vermute hingegen, dass hier Kommissar Zufall am Werk war bzw. ist. Denn bei der Häufung von Kuddelmuddel und Malheur in den TITANIC-Räumen – undichte Fenster, tropfende Wasserhähne, durchsuppende Deckenplatten, bizzelnde Mikrowellen, explodierte Spezi-Flaschen im Eisschrank, Nager in den Zwischenwänden – braucht es wahrlich keinen Hausgeist, um einen Klosettsitz instabil werden zu lassen.

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TITANIC Meinung: Dummheit und Scholz

von Michael Ziegelwagner

Polit-Deutschland rotiert. Früher als erwartet ist die Katze aus dem Haus und geht uns auf den Sack: Olaf Scholz, der uncharismatische Kommisskopf aus Hamburg, der eiskalte Finanzclown mit dem Herz aus Geld, der Deus cum-ex machina der SPD, führt seine Partei in die nächste Bundestagswahl. Was noch vor drei Jahren, zu Schulz-Zeiten, wie ein dummer Schreibfehler gewirkt hätte, der uns ein U für ein O vormachen möchte ("Ulaf"), ist nun bittersüße Realität. Kanzlerkandidat Scholz. Wie konnte es soweit kommen?

Experten wie ich sind längst im Bilde. Denn die Antwort, warum es Scholz und kein anderer werden musste, ist simple Mathematik. Bzw. simples Alphabet: Seit 26 Jahren sucht die SPD ihr Heil darin, immer und immer wieder Männer mit einem S vornedran zu nominieren – Scharping, Schröder, wieder Schröder, nochmals Schröder, Steinbrück und Steinmeier, Schulz und Scholz. Das habe ich bereits 2017 in einer vielbeachteten Analyse nachgewiesen, die Sie jetzt noch einmal aufmerksam lesen und sich auf der Hirnrinde zergehen lassen können.

Die Wahrheit ist: Aus dem S-Dilemma gibt es keinen Ausweg. Die lähmende Angst, sich für den falschen Buchstaben zu entscheiden, sitzt der Sozialdemokratie bis in alle Ewigkeit tief im Nacken. Und es wird immer schlimmer. Ein Blick zurück: Mit Schröder lief es anfangs gut, danach passabel, beim dritten Mal so lala – warum das Erfolgsrezept ändern? Entsprechend strukturkonservativ die Entscheidung, den glücklosen Steinmeier (2009) im nächsten Anlauf durch einen anderen, ähnlich klingenden Steintypen zu ersetzen (2013). Jetzt, da es eigentlich das Jahrhunderttrauma Schulz (20,5%) zu verarbeiten gälte, scheint das Risiko, ganze Silben auszutauschen, zu groß: Nur ein winziger Vokalwechsel durfte es sein. Nächtelang tagten die Gremien, um bei Tag zu nächtigen; erwogen Schülz, Schalz und Schælz und ersetzten am Ende das mutlos unmusische U durch ein stolz strotzendes O. Ottos Mops kotzt formlos: "No-go."

Ist damit der Drops gelotscht? Mal langsam. Scholzens Chancen sind tadellos, ja nachgerade glänzend. Eine große Überraschung, wenn man diesen Artikel bis hierher gelesen hat! Denn ausgerechnet jetzt begeht auch die Union den Kapitalkardinalfehler, sich mit einem S-Kandidaten ins eigene Knie zu manövrieren. Scholz/Söder, Scho/Sö – die Chosö verspricht, interessant zu werden. Denn wenn die Union je gegen einen S-Mann aus der SPD verlieren sollte, dann mit einem S-Mann aus Bayern. Ob Strauß gegen Schmidt oder Stoiber gegen Schröder: Die Kombination SS ist in Wahrheit Scholzens einzige Chance. Ihm könnte ein coup de grâce gelingen, der seinesgleichen sucht.

S ist, was S ist, sagt die Liebe bzw. der Erich Fried. Die Zeichen der Zeit stehen auf fünf vor zwölf. Dass die Ära dummer Wortspiele vorbei ist, haben Norbert Walter-Boring und Saskia Eskimo mit schaumschlägerischer Sicherheit erkannt, als sie ihren Kandidaten aus der Traufe gehoben haben. Sollte es schiefgehen, bleibt der SPD immer noch das Exil. Wobei, ins Exil soll man ja derzeit nicht, wegen Corona.

Dann also doch gewinnen. Alles Gute, SPD!

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Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Wie wenig, »Spiegel«,

muss man eigentlich tun, um von Dir als nicht rechts entlastet zu werden? Liest man Deine Reportage über die SPD-Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori, wohl sehr wenig. Denn dort schreibst Du, Cademartori sei »keine Rechte. Sie steht für eine diverse Gesellschaft, wenn bei Veranstaltungen Altherrenwitze gerissen werden, rollt sie mit den Augen.« Oha, mit den Augen rollt sie, na dann. Lass uns raten: Wer Zunge schnalzend an einem brennenden Flüchtlingsheim vorbeiläuft, ist kein Nazi, und wer »pfft« macht während einer AfD-Kundgebung, kein Faschist?

Presst entschieden die Lippen aufeinander: Titanic

 Eine Frage, Dating-App Bumble …

Welchen Sinn hat es, dass Du in einer Werbung eine Nutzerin Deines Dienstes wahnsinnig davon beeindruckt zeigst, dass ein Lukas laut eigenen Angaben »Abenteuer und Kaffee« liebt? Was möchtest Du uns damit vermitteln, dass sie ihn sofort anschreibt und ein Treffen vorschlägt? Willst Du uns unbedingt den langweiligsten Typen andrehen, den es auf Deiner Plattform gibt? Oder ist das – bedenkt man die begeisterte Reaktion der Frau – etwa noch der interessanteste, den du zu bieten hast?

Sind vor der Antwort trotz Kaffee eingeschlafen:

Deine anspruchsvollen Großstadtsingles von der Titanic

 Vorbildlich, Landwirtschaftsminister Cem Özdemir,

finden wir ja Ihren Vorstoß, Containern zu legalisieren. Wir hoffen allerdings doch sehr, dass dies nicht schon die von Ihnen als »Deutschlanddiät« angekündigte Kampagne für bezahlbares Essen ist?

Muss auch so genug Müll schlucken: Titanic

 Ihnen, Steve Jobs,

Ihnen, Steve Jobs,

wird es wahrscheinlich egal sein, aber wir wollten Sie dennoch informieren, dass Ihr Vermächtnis auf Erden recht vielgestaltig ausgefallen ist. So lasen wir bei stern.de: »Alte Schlappen für über 20 000 US-Dollar: Birkenstock-Sandalen von Steve Jobs stehen zum Verkauf.«

Dieser Reliquienhandel ist übrigens ein wahres Geschäftsmodell geworden: »Die Schuhe sind nur ein kleiner Teil von Jobs’ mehr oder weniger freiwilligem Nachlass. Seine Angestellten leerten die Mülltonnen offenbar mehrfach gründlich. Die Beute habe man mit den Gärtnern, Freunden oder Second-Hand-Geschäften geteilt.« Sollte es nun bald an Ihren Sargdeckel klopfen, Jobs, dann wissen Sie: Da braucht wer Nachschub. Aber als Ex-CEO kennen Sie sich ja aus mit der dubiosen Beschaffung von Ressourcen!

Grüße ins ewige Business von Titanic

 Hmmm, Ex-FIFA-Boss Sepp Blatter,

zu Ihrer Rolle bei der Vergabe der Männerfußball-WM an Katar sagen Sie heute: »Die Leute stellen sich Einflussnahme immer wie in Gangsterfilmen vor – mit Koffern voller Geld, die an einem geheimen Ort übergeben werden. So war das aber nicht.« Ach: So war das nicht – na dann! Eine Frage, Blatter: Wie sehr mussten Sie sich konzentrieren, um nicht versehentlich die Beschaffenheit der besagten Geldkoffer und den Übergabeort zu beschreiben?

Fragen sich

Ihre Detektiv/innen von Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Waldbaderegel Nr. 1

Nicht vom Waldrand springen!

Tom Breitenfeldt

 Täter-Opfer-Umkehr

Nächte im Krankenhaus sind nie besonders schön. Diesmal aber war es der reine Horror. Mein hochmodernes Bett ließ sich nicht um einen Millimeter verstellen, egal, wie oft und wie verzweifelt ich immer wieder auf die Tasten der Fernbedienung drückte. Und die Tatsache, dass alle paar Minuten eine arme Seele im Nebenzimmer vor Schmerzen laut schrie und jammerte, machte die Situation nicht besser. Am nächsten Morgen klärte mich das Pflegepersonal darüber auf, dass ich nicht zu dumm zum Drücken einer Taste sei, sondern dass es sich einfach um die falsche Fernbedienung gehandelt habe, nämlich um die eines anderen Bettes! Jetzt finde ich: Auch wenn man frisch operiert die ganze Nacht komplett ferngesteuert in seinem Bett hin- und her- und hoch- und runtergefahren wird, ist das noch lange kein Grund, so zu schreien, dass die anderen Patienten nicht schlafen können.

Martina Werner

 Konsequent

Wer Ananas sagt, muss auch Abnabnabs sagen!

Daniel Sibbe

 Lasst mich in Ruhe!

Sollten jemals Zeitreisen möglich sein, müsste man fast Mitleid mit dem jungen Hitler haben. Ohne etwas getan zu haben, würde er in ständiger Angst leben, weil andauernd Fremde versuchten, ihn umzubringen.

Karl Franz

 Taktik für 8

Besuch bei Tante und Onkel, beide sehr betagt. Beim Scrabblespiel liegen sie zu Beginn etwas zurück, es fallen ihnen nur kurze Worte wie »EIN« ein. Nach dem abgeschmetterten Versuch, den schon daliegenden Artikel »DER« in das zusammenhängende Wort »DERRABE« zu verwandeln, bekommt das Spiel eine Wendung: Die Senioren entdecken den S-Buchstaben und den Genitiv für sich und heimsen viele Punkte ein mit »MOPSES«, »STRUMPFLOCHS«, »RATTENZAHNS«, alles ist wieder offen …

Miriam Wurster

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 10.01.: "Der Teufel vom Dachboden" – Eine persönliche Pardon-Geschichte in der Jungen Welt von Christian Y. Schmidt.
  • 13.12.:

    Anlässlich des 85. Geburtstages Robert Gernhardts erinnert Christian Y. Schmidt in der Jungen Welt an den Satiriker und Vermieter.

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

Titanic unterwegs
05.02.2023 Berlin, Kino International Max Goldt
05.02.2023 Berlin, Babylon:Mitte Martin Sonneborn
05.02.2023 Hamburg, Schmidtchen Ella Carina Werner
07.02.2023 Frankfurt am Main, Club Voltaire TITANIC-Backlash-Lesung