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Meditation und Markt mit Dax Werner

Männer, denen die Gedanken ausrutschen

Liebe Leser:innen,

der Satz, dass es für uns alle so schnell kein Zurück in die alte Prä-Corona-Realität geben wird, stimmt offenbar nur bedingt. Denn die vergangenen zwei Wochen auf dem Markt der Ideen haben eindrücklich bewiesen, dass sich die Branche der Männer, denen vor dem Mikrofon die Gedanken ausrutschen, schneller erholt hat als erhofft. Drei Fälle aus den letzten Tagen.

1. Den Anfang machten Florian Schröder und Serdar Somuncu in ihrem neuen rbb-Podcastangebot "Schröder & Somuncu". Somuncu drehte in dem dreistündigen (?) Format beim Thema Cancel Culture ein paar Minuten ordentlich frei und beleidigte so ziemlich genau alle die aufs Übelste, die ohnehin ständig Anfeindungen in der Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Der Podcast lag ein paar Tage lang ungehört auf den rbb-Servern herum, bis ein Twitter-Nutzer versehentlich reinklickte und mit einem dreiminütigen Audioclip auf den Unfall hinwies. Funfact: Somuncus Podcast-Buddy Florian Schröder tauchte auf Twitter vorsorglich schon einen Tag vorher unter.

2. Christian Lindner bediente sich beim Abschied der FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg wie schon einige Male zuvor in der Mottenkiste des Altherrenwitzes und rutschte mal wieder in seine private Stand-up-Rolle, die zufällig auch Christian Lindner heißt: "Ich denke gerne daran, Linda, dass wir in den vergangenen Monaten ungefähr 300 Mal den Tag zusammen begonnen haben." Kunstpause, dann: "Ich spreche über unser tägliches Telefonat zur politischen Lage, nicht, was ihr jetzt denkt!"

3. Der konservative Aktivist und Influencer Friedrich Merz stellte in einem "Bild"-Interview einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Kindesmissbrauch her. Damit das auch jeder mitbekommt, waren sich viele hochrangige "Bild"-Mitarbeiter nicht zu schade, den "Ausrutscher" auf ihren privaten Profilen zu promoten – im Marketing sprechen wir von "Druckaufbau". Als Merz dann "plötzlich" (lies: endlich) Gegenwind bekam, rief direkt der "Welt"-Chefredakteur bei ihm für ein knallhartes Interview durch, in dem Merz darauf plädierte, den Zusammenhang überhaupt nicht hergestellt zu haben.

Wer oben behandelte study cases näher untersucht, erkennt gewisse Muster. Was alle Fälle miteinander verbindet, ist, dass sie von älteren Männern handeln, die sich selbstbewusst vor ein Mikrofon setzen und denen dann beim erstbesten Versuch, besonders schlagfertig, witzig oder satirisch zu sein, die Gedanken ausrutschen, um nach der anschließenden Kritik wild gestikulierend, aber immer noch mit großem Vertrauen in die Richtigkeit der eigenen Position ausgestattet, zurückzurudern: "Vereinzeltes Lachen hat mich irritiert. Es war also nur eine missverständliche Formulierung" (Christian Lindner), "Das ist ein bösartig konstruierter Zusammenhang, der in keiner meiner Äußerungen vorkommt" (Friedrich Merz) und "Wir machen das richtig. Wir geben die angemessen Antworten auf die Fragen der Zeit" (Serdar Somuncu). Auch beim outcome aller drei Debättchen tun sich die Protagonisten gegenseitig nicht viel: Alle sind mal wieder für ein paar Stunden im Gespräch gewesen, niemand hat seinen Job verloren.

Die Skandal-Routinen wirken inzwischen derart planmäßig und eingeübt, dass ich mich gefragt habe, ob wir dieses Geschäftsfeld zukünftig nicht teilautomatisieren – und damit auch: skalieren – und so für noch mehr Wachstum sorgen können. Stichwort Industrie 4.0. Bots und NPCs könnten per Algorithmus aus dem inzwischen reichhaltig dokumentierten Reservoir an sexistischen, homophoben oder sonstwie problematischen Äußerungen in regelmäßigen Abständen Statements produzieren. Die künstliche Spracherzeugung wartet im Grunde nur auf ein Signal vom Meinungsmarkt! Im Anschluss könnten andere Avatare das Gesagte diskutieren, die problematischen NPCs könnten wiederum anderen Journalisten-NPCs Interviews geben, in denen sie ihre Statements verteidigen. In meiner Vorstellung entsteht so irgendwann ein nachhaltiger und komplett autark funktionierender Diskurs, der niemandem mehr seinen Job wegnimmt und viel Werbefläche drumherum schafft, in welchem Unternehmen in aller Ruhe ihre Markenbotschaften kommunizieren können.

Win-win-win.

Euer: Dax Werner

Kategorie: Meinung



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Briefe an die Leser

 Erwischt, Bischofskonferenz!

In Spanien haben sich Kriminelle als hochrangige Geistliche ausgegeben und mithilfe künstlicher Intelligenz die Stimmen bekannter Bischöfe, Generalvikare und Priester nachgeahmt. Einige Ordensfrauen fielen auf den Trick herein und überwiesen auf Bitten der Betrüger/innen hohe Geldbeträge.

In einer Mitteilung an alle kirchlichen Institutionen warntest Du nun vor dieser Variante des Enkeltricks: »Äußerste Vorsicht ist geboten. Die Diözesen verlangen kein Geld – oder zumindest tun sie es nicht auf diese Weise.« Bon, Bischofskonferenz, aber weißt Du, wie der Enkeltrick weitergeht? Genau: Betrüger/innen geben sich als Bischofskonferenz aus, raten zur Vorsicht und fordern kurz darauf selbst zur Geldüberweisung auf!

Hat Dich sofort durchschaut: Titanic

 Vielleicht, Ministerpräsident Markus Söder,

sollten Sie noch einmal gründlich über Ihren Plan nachdenken, eine Magnetschwebebahn in Nürnberg zu bauen.

Sie und wir wissen, dass niemand dieses vermeintliche High-Tech-Wunder zwischen Messe und Krankenhaus braucht. Außer eben Ihre Spezln bei der Baufirma, die das Ding entwickelt und Ihnen schmackhaft gemacht haben, auf dass wieder einmal Millionen an Steuergeld in den privaten Taschen der CSU-Kamarilla verschwinden.

Ihr Argument für das Projekt lautet: »Was in China läuft, kann bei uns nicht verkehrt sein, was die Infrastruktur betrifft.« Aber, Söder, sind Sie sicher, dass Sie wollen, dass es in Deutschland wie in China läuft? Sie wissen schon, dass es dort mal passieren kann, dass Politiker/innen, denen Korruption vorgeworfen wird, plötzlich aus der Öffentlichkeit verschwinden?

Gibt zu bedenken: Titanic

 Genau einen Tag, Husqvarna Group (Stockholm),

nachdem das ungarische Parlament dem Nato-Beitritt Schwedens zugestimmt hatte, mussten wir was auf heise.de lesen? Dass auf Deinen Rasenmähern der »Forest & Garden Division« nach einem Software-Update nun der alte Egoshooter »Doom« gespielt werden kann!

Anders gesagt: Deine Divisionen marodieren ab sofort nicht nur lautstark mit Rasenmähern, Traktoren, Motorsägen, Motorsensen, Trennschleifern, Rasentrimmern, Laubbläsern und Vertikutierern durch unsere Gärten, sondern zusätzlich mit Sturmgewehren, Raketenwerfern und Granaten.

Falls das eine Demonstration der Stärke des neuen Bündnispartners sein soll, na schön. Aber bitte liefere schnell ein weiteres Software-Update mit einer funktionierenden Freund-Feind-Erkennung nach!

Hisst die weiße Fahne: Titanic

 Du, »Brigitte«,

füllst Deine Website mit vielen Artikeln zu psychologischen Themen, wie z. B. diesem hier: »So erkennst Du das ›Perfect-Moment -Syndrom‹«. Kaum sind die ersten Zeilen überflogen, ploppen auch schon die nächsten Artikel auf und belagern unsere Aufmerksamkeit mit dem »Fight-or-Flight-Syndrom«, dem »Empty-Nest-Syndrom«, dem »Ritter-Syndrom« und dem »Dead- Vagina-Syndrom«. Nun sind wir keine Mediziner/innen, aber könnte es sein, Brigitte, dass Du am Syndrom-Syndrom leidest und es noch gar nicht bemerkt hast? Die Symptome sprechen jedenfalls eindeutig dafür!

Meinen die Hobby-Diagnostiker/innen der Titanic

 Grunz, Pigcasso,

malendes Schwein aus Südafrika! Du warst die erfolgreichste nicht-menschliche Künstlerin der Welt, nun bist Du verendet. Aber tröste Dich: Aus Dir wird neue Kunst entstehen. Oder was glaubst Du, was mit Deinen Borsten geschieht?

Grüße auch an Francis Bacon: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Bilden Sie mal einen Satz mit Distanz

Der Stuntman soll vom Burgfried springen,
im Nahkampf drohen scharfe Klingen.
Da sagt er mutig: Jetzt mal ehrlich –
ich find Distanz viel zu gefährlich!

Patrick Fischer

 Man spürt das

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in New York. Was soll ich sagen: Da war sofort dieses Gefühl, als ich zum ersten Mal die 5th Avenue hinunterflanierte! Entweder man spürt das in New York oder man spürt es eben nicht. Bei mir war sie gleich da, die Gewissheit, dass diese Stadt einfach null Charme hat. Da kann ich genauso gut zu Hause in Frankfurt-Höchst bleiben.

Leo Riegel

 Frühlingsgefühle

Wenn am Himmel Vögel flattern,
wenn in Parks Familien schnattern,
wenn Paare sich mit Zunge küssen,
weil sie das im Frühling müssen,
wenn überall Narzissen blühen,
selbst Zyniker vor Frohsinn glühen,
Schwalben »Coco Jamboo« singen
und Senioren Seilchen springen,
sehne ich mich derbst
nach Herbst.

Ella Carina Werner

 Überraschung

Avocados sind auch nur Ü-Eier für Erwachsene.

Loreen Bauer

 Tiefenpsychologischer Trick

Wenn man bei einem psychologischen Test ein Bild voller Tintenkleckse gezeigt bekommt, und dann die Frage »Was sehen Sie hier?« gestellt wird und man antwortet »einen Rorschachtest«, dann, und nur dann darf man Psychoanalytiker werden.

Jürgen Miedl

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
18.04.2024 Berlin, Heimathafen Neukölln Max Goldt
18.04.2024 Hamburg, Centralkomitee Ella Carina Werner
19.04.2024 Wuppertal, Börse Hauck & Bauer
20.04.2024 Eberswalde, Märchenvilla Max Goldt