Newsticker

Nur diese Kategorie anzeigen:Kurtchen Sahne Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Glanz und Elend des Kurtchen Sahne. Ein Wochenend-Fortsetzungsroman (34)

(Was bisher geschah)

Der große runde Debattiertisch, der in dem hinteren Winkel der Extra Bar, der dem Kartentisch gegenüberlag, stand und über den ein Witzbold ein Kruzifix genagelt hatte (wenn auch womöglich schon zu Zeiten, da es den Debattiertisch noch nicht gab, wohl aber eine ausgefuchste Freude an Ironie und zwinker-zwinker), war eine Art Stammtisch des Intellektualnachwuch­ses, wobei Kurtchen nun nicht wußte, ob der Tisch für die späten Studenten und sonstigen analogen Bohèmiens, die in der Eckbank herumfläzten und Zigaretten rauchten, tatsächlich im Stammtischsinne reserviert war oder ob es eher der Zufall wollte, daß er, Kurtchen, da hinten nie wen anders sitzen sah als eben diese Truppe um den jungen Dr. Mangold, einen Literaturwis­senschaftler ohne näher gekennzeichnete Beschäftigung, der immer im Win­kel unter dem Heiland saß und, ganz wie der Herr bei seiner letzten Mahl­zeit, irgendwelche Jünger um sich scharte. Jedenfalls sah es so aus, was ge­nau da hinten verhandelt wurde, wußte Kurtchen nicht, es war ihm natürlich auch egal; einmal hatte Dr. Mangold etwas geschrien, das wie „He­gel“ klang, aber beschwören konnte Kurtchen das nicht, vielleicht war es auch „Eh egal“ gewesen. Viel mehr hätte ihn schon interessiert, woher die Herr­schaften das viele Geld nahmen, daß sie in schöner Regelmäßigkeit ge­gen große Biere und Nußschnaps eintauschten, es schien wohl doch noch Reservate des Nicht-Prekariativen für die spätkapitalistische Geistesjugend zu geben, und das war ja zu begrüßen. Heute abend war der Debattiertisch leer, und eine halbe Minute lang war Kurtchen entschlossen, den Tisch nicht aus den Augen zu lassen, um die Stammtischthese eventuell falsifizieren zu können, aber er vergaß es gleich wieder.

Später – er hatte in der Zwischenzeit u.v.a. von den Steuerschulden des Wirtes, der Brustvergrößerungsoperation von dessen Frau und dem schwierigen Drei­ecksverhältnis zwischen dem kleinen Mann mit rotem Kopf, der immer am Tresen lehnte und so lauthals lachte, daß er für ein Mittun am Kartentisch durchaus qualifiziert gewesen wäre, einer kleinen Frau mit Mittelscheitel und schlechten Zähnen, die ein türkisfarbenes Sweatshirt trug, wie es Kurt­chen zuletzt vor zwanzig Jahren gesehen hatte, und dem „Borderline-Collie“ (Petra), den die Frau immer dabeihatte und der sich mit des kleinen Mannes Hundehaarallergie wohl nur in Grenzen vertrug, „deswegen trinkt er immer so viel, er sagt, es hilft ihm gegen das Jucken“, gehört – geriet Kurtchen an den Punkt, an dem man beginnt, den noch gar nicht beendeten Abend bereits er­innernd zu betrachten, ein sicheres Zeichen, daß es das für heute gewesen ist. Kurtchen, der kein Talent dafür besaß, aus laufenden Vorgängen mit Rücksicht auf eigene Bedürfnisse auszuscheren, gab sich keine Mühe mehr, ein Gähnen zu unterdrücken, dergestalt seinen sich nähernden Abgang vor­bereitend und seinem Gegenüber zuliebe abfedernd. (wird fortge­setzt)

Nur diese Kategorie anzeigen:Kurtchen Sahne Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Glanz und Elend des Kurtchen Sahne. Ein Wochenend-Fortsetzungsroman (33)

(Was bisher geschah)

Es wurde, nach allem, noch ein schöner Abend. Nachdem das thematische Bermudadreieck Gernolf – Fred – Ficken glücklich umschifft war (und Kurt­chen war tatsächlich und wunderbarerweise so ahnungslos wie vorher, wer nun eigentlich wem welchen Tort angetan und zugefügt hatte) und sich auch niemand ihnen beigesellte (von einem Kartentischler abgesehen, der, mehr recht als schlecht alkoholisiert, zwischenzeitlich und ausdrucksmäßig heftig rudernd von seiner Angst vor „Hausverbot“ Mitteilung machte, denn „Haus­verbot, das ist doch der Tod, wo soll ich denn sonst hin, mich nimmt doch keiner“), tranken und redeten sie, hauptsächlich über Gesellschaftliches, denn wenn sich ihre Kreise auch nicht völlig deckten, so überschnitten sie sich doch; und trotz einiger und kleinerer Fakt ists und von dahers – beides, überlegte Kurtchen, müßte beizeiten wohl doch als allgemeingebräuchliches Kommunikationsinventar wo nicht begrüßt, so doch akzeptiert werden, nein, er war dagegen, trotz allem! – lernte er einiges, was nicht zu wissen nicht lohnte, weil ihn die Trägerinnen und Träger dieser Geschichten nicht mehr angingen, als daß er sie vom Sehen kannte, maximal grüßte, wenn er sie sah. So erfuhr er, daß das dürre Männlein vom Typ, der den Kamm in der Arschtasche stecken hat, und das halb leoboldhaft, halb grandseigneurig (bordeauxrote Weste, dunkelblaue Garbadinehose, Slipper) Abend für Abend in seiner Ecke saß und, souverän bis an die Grenze des Herrschaftli­chen den Saal taxierend, Zigarillos rauchte und wechselnden Besuch an sei­nem Tisch empfing, dem es, mit elegant gedämpfter Stimme, Döntjes er­zählte, jedenfalls war das anzunehmen, denn was sollte es schon großartig erzählen, es saß ja jeden Abend in dieser Kneipe – daß dieser Wasserhäuschenz­ampano jedenfalls laut Petra "faillierter Luftwaffenoffizier" war, der wohl "wegen einer Wette", von der sie, Petra, leider nicht mehr wisse, als daß es wohl "irgendwie um Alkohol" gegangen sei, eine Luft-Boden-Rakete, "nur eine kleine, aber trotzdem", in den Edersee gejagt hätte, es sei wohl recht knapp zugegangen und die Staumauer "gerade mal so eben" heilgeblieben, und zu Haft und unehrenhafter Entlassung sei es wohl bloß deswegen nicht gekommen, weil er „als Geheimnisträger sakrosant“ gewesen sei, "und jetzt hat er sogar Frühpension und säuft sich hier jeden Abend hundertmal den Arsch voll", eine Geschichte, von deren Wahrheitsgehalt sie aber, wie Petra ohne weiteres zugab, auch nicht "hundert pro überzeugt" sei, aber er, der al­koholfreundliche Ex-Offizier, habe im Zuge eines Pokerspiels wohl schon einmal "seinen Wehrpaß" verspielt, nämlich "an den jungen Mangold, du kennst ihn, der sitzt manchmal da am Debattiertisch", und Petra kehrte den Kopf leicht nach links, um dessen Standort anzuzeigen, den Kurtchen, der ja auch nicht zum erstenmal in der Extra Bar war, freilich sowieso kannte. (wird fortgesetzt)

Nur diese Kategorie anzeigen:Kurtchen Sahne Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Glanz und Elend des Kurtchen Sahne. Ein Wochenend-Fortsetzungsroman (32)

(Was bisher geschah)

"Ooooch", machte Kurtchen und blies laut Luft durch die Lippen. Er würde es erst einmal mit Standards versuchen müssen, er hatte keine Wahl.

"Kommt wahrscheinlich darauf an", sagte er und gab sich Mühe, recht analytisch auszusehen.

"Worauf kommt es denn da an, bitte schön?" fragte Petra und sah drein, als habe Kurtchen vorgeschlagen, nicht jeden Völkermord gleich schlimm zu finden. "Man kann doch nicht so mir nichts, dir nichts hergehen und sich hinstellen und sich dann wundern. Dich möchte ich sehen, wenn dir jemand so blöd kommt, Solidarität unter Freunden hin oder her!"

Sekundenweise fragte sich Kurtchen, ob Petra, was ganz unmöglich war, von seinen einschlägigen Präferenzen wußte, so vorbildlich opak waren diese Sätze; und spätestens jetzt hätte Kurtchen fragen müssen, wem seiner Freunde seine angebliche Solidarität denn gelte und wer hier wem denn blöd usw., aber vielleicht war es auch schon wurscht:

"Wenn das so einfach wäre“, sagte Kurtchen väterlich, der von der Welt schließlich schon bedeutend mehr gesehen hatte als junge selbstgewisse Damen mit eventuell recht zweifelhaftem Lebenswandel. „Mit dem Blickwinkel verändert sich ja immer auch die Perspektive", hatte er wohl wirklich gesagt, aber Petra muckte nicht, "und gut und böse sind Kategorien, die gerade in" Liebesangelegenheiten, wollte er sagen, aber am Ende ging es um ganz was anderes, und er verbesserte sich gerade noch rechtzeitig, "solchen Affären vielleicht, hmm, gar nicht besonders hilfreich sind", er trudelte jetzt ins lind Käßmannhafte, "ich meine, von wem weißt du denn überhaupt davon, das ist ja nicht vom Himmel gefallen, und auch der, von dem du's weißt, hat ja; hat ja eine Aussageabsicht gewissermaßen."

"Aussageabsicht", sagte Petra und ließ die Mühe hören, die es sie kostete, ihn nicht offen nachzuäffen. "Fakt ist doch", und Kurtchen fuhr ein bißchen zusammen, denn jetzt konnte er Petra im Grunde nicht mehr heiraten, was er zwar offiziell auch gar nicht wollte, insgeheim aber gern als Möglichkeit bewahrt hätte, aber wie lange würde er Sätze wie "Fakt ist, die Butter ist alle" aushalten, doch keine vierzehn Tage bzw. 48 Stunden, "daß Fred sich schuldig fühlt und Gernolf sich schuldig fühlt und Veronika jetzt dumm dasteht, so nach dem Motto", wieder zuckte Kurtchen, "hallo, das geht jetzt gar nicht."

Fakt war, daß Kurtchen wußte, wie es jetzt weiterging, jedenfalls was ihn und Petra betraf: Er würde sich jetzt langsam, aber zielstrebig betrinken, würde dann eine Weile traurig sein, weil eine Frau, die ihn interessierte, ihrer Rede nicht achtete, und wäre dann irgendwann erleichtert, daß eine dritte Heirat in erfreuliche Ferne gerückt war.

"Müssen wir uns aber auch nicht streiten jetzt deswegen", sagte Petra und lächelte, und Kurtchen überlegte, ob er sich so nach dem Motto: Man gewöhnt sich an alles, nicht auch ans zeitgenössische Verbalrowdytum gewöhnen könnte, damit vielleicht, trotz aller guten Vorsätze, doch noch mal was abging, im Bett und überhaupt, hallo. (wird fortgesetzt)

Nur diese Kategorie anzeigen:Kurtchen Sahne Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Glanz und Elend des Kurtchen Sahne. Ein Wochenend-Fortsetzungsroman (31)

(Was bisher geschah)

Was wußte Petra, was er, Kurtchen, nicht wußte? Und, viel wichtiger: Was wußte Petra, was er nicht wissen wollte, seine Geheimnisvöllerei nicht zu unterbinden? Und wieviel wollte (mußte) er aber trotzdem wissen, weil er mit Gernolf (und Fred) ja weiter umgehen mußte (wollte) und es den Um­gang erleichtert, wenn man weiß, was Menschen so umtreibt? Und es ange­sichts des Umstands, daß er mit (Porno-)Petra allein an einem Tisch saß, ja auch keinesfalls tunlich war, den erstbesten Gesprächsfaden nicht zu ergrei­fen wie nur je ein Schiffbrüchiger den Rettungsring?

In einer Mischung aus Angst und Vorfreude schauderte Kurtchen fast ein bißchen, wenn er an den kommunikativen Drahtseilakt dachte, den er da vor­hatte; und der Angstanteil erhöhte sich, als er, zwischen einem Wutanfall am Kartentisch und einer neuerlichen Getränkebestellung, die interne Frage nicht unterdrücken konnte, inwieweit sein ewiges Geeiere um unaufgelöste Geschichten und jungfräuliche Geheimnisse weniger ein Zeichen von Geis­tesadel und versnobter Freude am Vagen, Amorphen, Unabsoluten sei denn eine Mög­lichkeit, sein regelmäßiges und in dieser Regelmäßigkeit notwendig trü­bes Leben ein bißchen aufzurüschen.

Während Petra ihn ansah und wohl auf ein Zeichen wartete, mit ihrer Ge­schichte (oder ihrer Version der Geschichte) loszulegen, tat sich in Kurt­chens Unterbauch ein Loch auf, wie es sich auftut, wenn man merkt, daß sich die Geschichte, die man der Polizei erzählt hat, nicht mehr lange halten läßt. Kurtchen hatte der Polizei erst einmal eine Geschichte erzählt, und das war sogar eine wahre gewesen (er hatte einen Bonanzafahrraddiebstahl angezeigt, weniger in der Hoffnung, sein Bonanzafahrrad zurückzukriegen, als in der Erwartung, durch diesen Akt amtlicher Feststellung den schockierenden Einbruch des Regellosen synthetisch aufzuheben), aber er hatte genügend Fernsehkrimis gesehen, um sich auszukennen. Andererseits, beruhigte er sich, wurde in Fernsehkrimis praktisch nie gezeigt, wie einer mit seiner Ge­schichte davon­kam. Darum ging es nämlich, dachte Kurtchen und freute sich, daß der Al­kohol ihn langsam, aber sicher ins unangreifbar Tresenphilo­sophische trug. Ums Davonkommen.

„Du... kennst die Geschichte?“ fragte Petra jetzt, wie um den Gesprächsfa­den ihrerseits nicht abreißen zu lassen, was Kurtchen erst beruhigte, ihm dann aber die unwillkommene Ahnung eingab, Petra sei verlegen auch sei­netwegen.

Er sagte nichts, sondern sah zurück, hob die Augenbrauen und deute­te ein Schulterzucken an, wie er es immer tat, wenn er auf derlei nichtbeantwortbar­e Fragen antworten sollte. Denn ob er die Geschichte kannte, würde er ja erst wissen, wenn er die Geschichte kannte.

"Tja", sagte Petra, und Kurtchen vermutete, er habe die Augenbrauen nicht hoch genug gezogen, so daß nur das Schulterzucken geblieben war, und das allein markierte ja eher Ratlosigkeit: Er kannte die Geschichte, wußte aber nicht, wie er sich dazu verhalten sollte. Das schien zu der Geschichte zu pas­sen, wie immer sie ging.

"Ich weiß nicht, ob ich das könnte", sagte Petra und seufzte allerliebst. "Du?"

Kurtchen war kein Kishon-Leser, aber mußte jetzt doch an die Satire den­ken, in der ein Kritiker im Angesicht des Autors ein Buch besprechen muß, das er nicht gelesen hat. (wird fortgesetzt)

Nur diese Kategorie anzeigen:Kurtchen Sahne Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Glanz und Elend des Kurtchen Sahne. Ein Wochenend-Fortsetzungsroman (30)

(Was bisher geschah)

"Ich glaube, ich gehe auch mal", sagte Fred, der damit nicht nur Petras Frage beantwortete, sondern, ohne es auch nur zu ahnen, in Kurtchens Kumpanenranking einige hundert Plätze einbüßte, denn mit Porno-Petra allein am Tisch zurückzubleiben war nun das gerade Gegenteil der Sorte Kneipenabend, deren Ziel die Vernichtung der Sorgen ist und nicht die Verwirrung der Gefühle. Er, Kurtchen, war ja keine siebzehn mehr, als man ausging in der Hoffnung, bei der Heimkehr noch verwirrter zu sein als vorher; er wollte, alles in allem und nach Jahrzehnten der Verwirrtheit, seine Ruhe, und soweit es ihn betraf, fanden Abenteuer in der Phantasie statt, wo sie hingehörten. Ich will, dachte Kurtchen, morgens wissen, mit welchem Gefühl ich abends ins Bett gehe. Sobald man gelernt hat, daß das nicht deprimierend zu sein braucht, sondern sehr beruhigend sein kann, will man das nicht mehr missen. Ich bin, dachte Kurtchen und war froh, durch derlei Denkerei noch ein Weilchen abgelenkt zu sein, ein Gefühlsbeamter. Emotionale Vorgänge mußten rechtzeitig angemeldet werden, damit das Schild „Schalter geschlossen“ rechtzeitig auf den Schreibtisch wandern konnte. Das Leben ist ein langer, ruhiger Nachmittag im abgedunkelten Büro der Abteilung für Regelmaß und Sinnfragen. Petra hätte wenigstens eine Nummer ziehen können; eine möglichst achtstellige. Warum hießen diese Frauen eigentlich alle Petra?

Wieder war es am Kartentisch ruhig, auf den war kein Verlaß, es war nicht einmal recht ersichtlich (genauer: erhörlich, dachte Kurtchen), ob dort überhaupt noch gespielt wurde. Kurtchen war jetzt in der Situation, in der man automatisch daran denkt, daß man nur mit wirklich guten Freunden schweigen kann; mit einer Schlafzimmerphantasie, die man sich grad noch ohne Unterwäsche vorgestellt hat, geht das nicht. Immerhin schien auch Petra von der Situation überrascht, sie hätte sich niemals alleine zu Kurtchen gesetzt; ihr Miteinander funktionierte nur über Bande, sie waren bloß bis an die Grenze des Interesses bekannt, das man daran haben kann, ein leeres Zugabteil miteinander zu teilen. Kurtchen sog Bier und grinste sinnlos, und er dachte an George und Elaine und wie sie, weil Jerry verhindert ist, zu zweit im Café sitzen und nicht wissen, was reden.

Weil er, professioneller Geheimnisbewahrer, der er war, nie danach fragen würde, würde Kurtchen nie erfahren, ob Petra die betreffende Seinfeld-Folge wirklich kannte; ob der rettende Einfall, der ihr kam, ihr eigener war oder abgekupfert. Es war auch nicht so wichtig, die Hauptsache war, daß er beiden aus der Verlegenheit half. Und sei's auch auf Kosten des abwesenden Dritten, Gernolfs.

"Eigentlich kein Wunder", begann Petra, schnappte sich eine Haarsträhne und begann, sie harmlos um den Finger zu wickeln, „daß er verschwunden ist. Schon viel eher ein Wunder, daß er sich überhaupt zu Fred gesetzt hat."

"Gernolf war zuerst hier", sagte Kurtchen, der sich wunderte, wie aus einer beinahe aussichtslosen Gesprächs- und Sozialsituation im Nu ein unterhaltsamer Abend zu werden versprach; und wie zum Zeichen, daß jetzt genug geschwiegen sei, ging am Kartentisch das Gebrüll wieder los und bekam jetzt etwas geradezu Viehisches. (wird fortgesetzt)

Nur diese Kategorie anzeigen:Kurtchen Sahne Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Glanz und Elend des Kurtchen Sahne. Ein Wochenend-Fortsetzungsroman (29)

(Was bisher geschah)

Porno-Petra, dachte Kurtchen unwillig. Porno-Witwen. Porno-Petra kritisiert Umgang mit Fick-Fred. Alles ein einziger Porno. Es war schon zum Davon­laufen.

"Na, Jungs", sagte Petra, lächelte heiligmäßig und trug natürlich keine Un­terwäsche. Kurtchen schloß momentlang fest die Augen, wie immer, wenn er sich in­nerlich zur Ordnung rief. Zwanzig Jahre. Zwanzig Jahre mußte er noch durchhalten, dann ging es auf die Rente zu, und der Klammergriff des Sexus würde sich, hoffentlich, mählich lösen.

Als er die Augen wieder aufgeklappt hatte, war Petra, höchstwahrscheinlich im Vollbesitz ihres Unterzeugs, bereits vorbeigeschwebt, inspizierte an der Garderobe neben der Tür ihre Jacke, kam mit einem Päckchen Papierta­schentüscher zurückgeflogen (die Taktlosigkeiten wurden immer wüster, fand Kurtchen) und goß sich tatsächlich auf den Stuhl, den Gernolf vor ein paar Minuten verlassen hatte. Augenscheinlich arglos legte sie das Päckchen Taschentücher vor sich hin, entnahm eins, feuchtete es mit der Zungenspitze an und wischte an ei­nem für nichteingeweihte Augen unsichtbaren Fleck im Brustbereich herum, und abermals glaubte Kurtchen, es sei dieser Abend – wie im Grunde sein, Kurtchens, ganzes Leben – eine Posse vor versteckter Kamera. Kurtchen sah zu Fred hin, der aber immer noch über der Frage zu brüten schien, warum Gernolf die Ansicht, auch beim Wichsen hänge auf gut Hegelsch alles am Resultat, nicht so ohne weiteres hatte teilen wollen, und erwärmte sich nicht weiter für den An­griff auf Kurtchens Seelenfrieden; schraubte lieber am (schon wieder fast leeren) Bierglas und stierte in die Tischplatte.

"Der Arsch", murmelte Petra vor sich hin, vehement rubbelnd, das Kinn ans Brustbein gepreßt, "kann der denn nicht aufpassen"; sagte aber gottlob wei­ter nichts, äußerte sich nicht zur Herkunft des Flecks bzw. dazu, welcher Arsch sie im Eifer irgendeines nicht näher bestimmten Gefechts womit auch immer befleckt hatte, und Kurtchen war noch viel zu nüchtern, als daß es ihn keine Kraft gekostet hätte, gewisse Dinge nicht zu imaginieren, es war ja nicht mal elf. "SCHWANZ! DU DUMMER SCHWANZ!" schrie es jäh vom Kartentisch herüber, und in Kurtchen wuchs die Sorge, zwischenzeit­lich verrückt geworden zu sein; es fehlte nur noch die Feuer­wehr, die den Laden stürmte und die Menge mit aus dicken Rohren schie­ßender Buttermilch kühlte, Saddam und Gomera...

"Ach, fuck, egal", gab Petra offiziell ihre Bemühungen auf, ließ das benutzte Ta­schentuch in der Hosentasche verschwinden (sie mußte, weil die Tasche so eng war, den Hintern vom Stuhl nehmen und sich kurzzeitig zu einer schie­fen Ebene versteifen) und schob dann sehr absichtslos den Taschentuchpa­cken in die Tischmitte, zu Kurtchen hin; und angesichts der symbolistischen Wucht der Ereignisse hätte Kurtchen ihr jetzt gern antwor­thalber seinen Crayon angeboten, allein, er hatte keinen dabei, und sie schien auch keinen zu brauchen. Es passierten, überlegte Kurtchen, überhaupt im­mer nur Dinge, die ihm nicht weiterhalfen.

"Gernolf schon weg?" fragte Petra und blickte Kurtchen jetzt geradeheraus an, ihre hohen Wangenknochen funkelten. (wird fortgesetzt)

Nur diese Kategorie anzeigen:Kurtchen Sahne Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Glanz und Elend des Kurtchen Sahne. Ein Wochenend-Fortsetzungsroman (28)

(Was bisher geschah)

Fred hob den Kopf und verschob die Unter- gegen die Oberlippe, wie man es tut, wenn man Ratlosigkeit, ja Gequältsein demonstrieren will. Bestimmt kam es Kurt­chen nur so vor, aber der Geräuschpegel schien gesunken zu sein, sogar am Kartentisch gaben sie Ruhe, als wollten sie einen akustischen Spot auf Fred richten, ein Geständnis in puncto Bahnhofsbuchhandel oder sogar Fi­cken zu erleichtern; wo nicht zu erzwingen.

Zu Freds Glück kam die Bedienung und stellte drei Gläser Bier vor sie hin, wobei sie das nach Gernolfs Abgang überflüssige vor Fred postierte, als habe sie mitgehört und wolle der Überlegung Ausdruck verleihen, hier sei mehr Alkohol vonnöten als geplant. Als sei nichts vorgefallen, nahm Fred sich ein Glas, hob es, ein Prosit andeutend, zu Kurtchen hin und nippte dran. Er stell­te es nieder, schraubte abermals daran und sagte: "Ich kann am Bahn­hofsbuchhandel nichts Schlimmes finden. Du vielleicht?"

Kurtchen hob sachte die Schultern, der Bahnhofsbuchhandel gehörte zu den vielen Dingen, zu denen er keine Meinung hatte, ja, auch keine zu haben brauchte, gottlob. Er glaubte bloß gehört zu haben, daß heikle Bücher nie so heikel sein durften, daß sie dem normalen Bahnhofsbuchhandelskunden zu heikel wären, weil Bahnhofsbuchhandelskunden wohl dümmer waren als normale Buchkäufer und grundsätzlich alles mißverstanden. Deswegen gal­ten sie als gesellschaftlicher Maßstab.

"Kann ich ja nicht ahnen, daß er gleich so ausrastet", sagte Fred und klang jetzt zerknirscht; Kurtchen wartete bang, ob Fred das Fickthema angehen würde.

"Na ja", machte Kurtchen, der zwar nicht mehr als nötig eingreifen wollte, aber doch eine Art Sorgfalts- und Freundschaftspflicht Gernolf gegenüber hatte. Natürlich hatte Fred das geahnt; wie denn auch nicht.

"Das sind genau die Leute", Fred sah jetzt unbestimmt und wie bitter in die Extra Bar hinein, "die immer austeilen, aber nie einstecken können." Kurt­chen wollte Fred nichts Böses, aber ein kleiner Herzanfall hätte die Ge­schichte auf dem Gipfel ihrer Rätselhaftigkeit jetzt sehr passend einfrieren können; denn Gernolf war eigentlich kein Austeiler, da mußte man ihn schon provozieren. Kurtchen wußte immer weniger, wovon hier insgesamt die Rede war. Begeistert nahm er zügig Bier.

Fred drehte den Kopf wieder zurück, lehnte sich im Stuhl zurück und ver­schränkte die Arme vor der Brust. Er sah Kurtchen ins Gesicht, wieder ver­schob er die Kiefer gegeneinander, jetzt ging es schon ins Kämpferische. "Ich hab; ich hab ihm schon hunderttausendmal angeboten, daß wir mal drü­ber reden. Es gibt Dinge, die kann man doch alleine gar nicht mehr beurtei­len. Ich hab 'Paare Mutanten' von wasweißich acht Leuten gegenlesen las­sen, weil du selber deine eigenen Fehler ja nicht siehst." Die Kombi aus Le­sen und Fehler erinnerte Kurtchen, wie er neulich in der Süddeutschen statt "Ponto-Witwe" "Porno-Witwe" gelesen hatte. Das kam davon, wenn die Leute keine Lust mehr hatten, Genitive zu verwenden. "Porno-Witwe kriti­siert Umgang mit RAF-Opfern", das wär' mit Pontos Wit­we nicht passiert. Vielleicht sollte er die Zeitung einfach abbe­stellen; wenn er Behin­derte un­terstützen wollte, ging das bei der Aktion Sor­genkind gewiß effekti­ver.

"Aber er will ja nicht", fuhr das Gernolf-Opfer ungerührt fort. "Ich meine, zugegeben, ich hab; ich hab da auch nicht immer... na ja...", er atmete ge­räuschvoll aus, schnaubte geradezu, "jedenfalls gehören da immer zwei dazu. Oder etwa nicht?"

Spätestens jetzt hätte Kurtchen fragen müssen, wozu; er tat einen Teufel. Und kratzte sich so fein am Sack, daß er's beinah selbst nicht merkte.

"Ist doch heute eh alles Cross-Over", verrätselte Fred die Lage nach Kräften weiter und verschluckte sich fast am Bier, "ich meine, komm, dieses ewige hin und Her von wegen meins und deins. Ich halte es da mit Brecht: Egal, wer wichst, Hauptsache, es kommt was."

Wichsen? dachte Kurtchen, der gerade den letzten Rest Überblick verlor und es außerdem ein bißchen taktlos fand, daß Petra ausgerechnet jetzt auf Fred und ihn zusteuerte. (wird fortgesetzt)

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Die Frage, »Spiegel«,

»Wer ist Nemo?«, die Du im Anschluss an den Eurovision Song Contest auf einem Sharepic verbreitetest, können wir Dir beantworten: ein Niemand.

Also kümmere Dich nicht weiter drum, rät Dir

Deine Titanic

 Ähm, »Radio Wuppertal«?

Vielleicht solltest Du aus Gründen der Motivationsförderung dem Online-Redakteur, der die Meldungen für Deine Internetseite abtippt, wenigstens Mindestlohn zahlen oder ihm ab und an eine warme Mahlzeit hinstellen. Denn sonst wird eine Überschrift wie »Messerangriff oder so in Unterbarmen« nicht die letzte ihrer Art gewesen sein.

Gut gemeinter Ratschlag oder so von Titanic

 Chapeau, »Kicker«!

Die schwierige Trainersuche des FC Bayern sprachlich angemessen abzubilden, ist sicher auch keine leichte Aufgabe. Doch die von Dir entdeckte Lösung: »Jetzt, nachdem auch mit dem aktuellen Cheftrainer keine Einigung gefunden werden konnte, stehen Max Eberl und Christoph Freund nicht nur mit dem Rücken zur Wand. Es gibt eigentlich gar keine Wand mehr« überzeugt gerade im Kafka-Jahr.

Zumindest Titanic

 Clever, Jürgen Kaube (»FAZ«)!

Kein Wunder, dass die Ampel bei der Europawahl so abgeschmiert ist, denn »in vielen Schulen und Innenstädten wird über die drastischen Missstände euphemistisch hinweggelogen«.

Und in anderen eben nicht. Das hat den Vorteil, dass sich der Satz, in vielen Schulen und Innenstädten werde über die drastischen Missstände (Ausländer/innen) euphemistisch hinweggelogen, schwer beweisen lässt. Und ist das dann nicht ebenfalls »eine Wirklichkeitsverweigerung« von der Sorte, die »nicht zu einer Abnahme des fatalen Gefallens an den Populisten geführt« hat? Weil den verlogenen Intellekt und die verjudete Innenstadt zu verachten halt seit je zu deren Repertoire gehört?

Fragt allgemein aus Frankfurt Titanic

 Sauber, Annalena Baerbock!

Sauber, Annalena Baerbock!

»Wenn ich nicht wählen gehe, dann stinkt es. Dann wird es braun«, werden Sie von der Bild zitiert. Weiter: »Wer überlegt, welches Waschmittel er kauft, kommt auch nicht auf die Idee, die Wäsche gar nicht mehr zu waschen – weil wir verstanden haben, dann wird es dreckig, und dann stinkt’s. Und genauso ist es in der Demokratie.«

Ein Vergleich, der sich gewaschen hat – porentiefreine Poesie! Bei dem Talent sollten Sie ernsthaft in Erwägung ziehen, es dem Kollegen Habeck gleichzutun und sich an Ihren ersten Roman zu setzen.

Meint und grüßt beeindruckt

Ihre Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Morning Routine

Obst zum Frühstück ermöglicht einen gesunden Start in den Tag, aber wer keine Lust hat, sich schon morgens in die Küche zu stellen und Früchte zu schnippeln, dem empfehle ich stattdessen Snoozies.

Loreen Bauer

 Dritter Weltkrieg?

Warum eigentlich nicht? Aller guten Dinge sind drei.

Dorthe Landschulz

 »This could have been Emaille«

Wenn mein Freund wieder einmal sein viel zu teures Porzellan-Geschirr auftischt.

Ronnie Zumbühl

 Beim Marktstand mit dem schlechten Verkäufer

»Entschuldigung, dürfte ich die zwei Gurken da hinten links haben und drei kleine Äpfel?«

»Nein!«

Laura Brinkmann

 Offene Fragen

Wenn man älter wird – also nicht mehr jung, aber noch nicht tot ist –, fängt man unweigerlich an, sich Gedanken über die noch offenen Fragen im Leben zu machen. Eine meiner: Was hat es mit dem Lied auf sich, das mir in meiner bedauerlicherweise in der Pfalz verbrachten Kindheit und Jugend immer wieder begegnet ist? Vorgetragen von Alkoholisierten verschiedenen Alters: »Wichs am Bee, wichs am Bee / Fasnacht is schon lang nimee« – zur Melodie des Narhallamarsches. Neben dem faszinierenden, aber eher unwichtigen Umstand, dass es im Pfälzischen möglich ist, »nicht mehr« auf »Bein« zu reimen, treibt mich die Frage um: Was genau bedeutet das: »Wichs am Bee, wichs am Bee / Fasnacht is schon lang nimee«? Liege ich richtig in der Annahme, dass der Autor dieses Liedes bedauert, sich selbst befriedigen zu müssen, weil die Fastnacht vorüber ist und – vermutlich – nicht mehr genug vom Alkohol derangierte Menschen verfügbar sind, um Sexualpartner abzugeben? Und wenn das so ist: Warum singen das so viele Leute nach? Ist das etwas, das vielen Pfälzer Männern so geht? Warum schaffen es pfälzische Männer außerhalb der Fastnacht nicht, Geschlechtsverkehr zu haben? Gut, am absolut sexualfeindlichen Dialekt könnte es liegen. Aber selbst dann bleibt die Frage: Warum wichst sich der Pfälzer aufs Bein? Um dann die Abwesenheit der sexbringenden Fastnacht zu beklagen – in Form der Fastnachtsmelodie schlechthin?

Man sieht: Es sind noch genug Fragen offen, dass wir nicht sterben müssen. Bitte beantworte sie niemand!

Tim Wolff

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
19.07.2024 Hohwacht, Sirenen-Festival Ella Carina Werner
04.08.2024 Frankfurt/M., Museum für Komische Kunst Die Dünen der Dänen – Das Neueste von Hans Traxler
04.08.2024 Frankfurt/M., Museum für Komische Kunst »F. W. Bernstein – Postkarten vom ICH«
18.08.2024 Aschaffenburg, Kunsthalle Jesuitenkirche Greser & Lenz: »Homo sapiens raus!«