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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Denk dir nix

Allzuviel hab ich im Leben leider nicht gelesen, und vielleicht war selbst das zuviel. Gremliza, Hacks, Schernikau, Dath – hätt’ ich all das beiseite gelassen, ich müsst’ mich nicht immerzu wundern: darüber etwa, dass mir aus Tagesthemen und Heute-Journal in der Mauerfalljubiläumswoche unablässig das Wort „Freiheit“ entgegenstürzt, während der Rewe-Supermarkt jetzt „Tafel-Tüten“ an der Kasse stehen hat:. Für fünf Euro kann man einem sog. Bedürftigen eine Papiertüte mit Tiefkühlpizza und Schokokeks der hauseigenen Ja!-Marke schenken, weil staatliche Daseinsvorsorge durch Caritas und Almosenprinzip ersetzt worden ist. Auch fiele mir, hätte ich nicht soviel Mist gelesen, die wunderbare Doppelseite in der wunderbar liberalen „Süddeutschen“ nicht auf: Links, auf der Seite zwei, eine ganze Seite zum Hartz-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wonach im Sinne des ALG II straffällig Gewordenen nicht mehr bis zu 100 Prozent (!) des Allernötigsten gekürzt werden dürfen, sondern nur mehr 30; gleichwohl: „Die Karlsruher Richter billigen das Prinzip der Hartz-IV-Gesetze: Jobcenter können Leistungen kürzen, wenn jemand nicht mitzieht.“

Direkt nebenan auf der Seite drei dann wie bestellt und gleichfalls ganzseitig: „In der DDR-Diktatur wurden Schüler verfolgt – wegen ihres Glaubens oder weil sie sich nicht anpassten.“ Hätte ich, noch einmal, nicht gelesen, was ich gelesen habe, ich dächte mir nichts dabei: dass im freien Westen mit Billigung des höchsten Gerichts Leute staatlich geschurigelt werden, weil sie nicht mitziehen, und dass man im unfreien Diktatur-Osten Leute geschurigelt hat, weil sie nicht mitzogen; bloß dass sie im einen Fall nicht beim Kapitaldienst mitziehen (können), im anderen sich weigerten, jenen Christenglauben zu verleugnen, der nach dem Sieg des christlichen Abendlands reaktionäre Stimmungskanonen wie Göring-Eckart (Hartz IV ein „Bewegungsangebot“) und Joachim Gauck (Bundeswehr in alle Welt) ins Rampenlicht gerollt hat. Christlichen Schülern in der DDR wurde „Staatsfeindschaft“ vorgeworfen, mithin die feindlich-negative Einstellung zur Überzeugung, genau solche Leute dürften nie mehr etwas zu sagen haben; dass sie’s heute haben, verbaut nicht mehr jungen Christen die Zukunft, sondern anderen.

„Das Problem aller gegenwärtigen Propaganda ist, dass man dem Imperialismus, der mehr Grund zu Vorwürfen bietet als jede Gesellschaftsform sonst, gar nichts vorwerfen kann: weil ihm gelungen ist, den Leuten alle Kriterien für recht und unrecht, wahr und falsch, schön und hässlich aus den Hirnen zu waschen. Nichts gilt mehr, und wie argumentieren, wo nichts gilt? Das Waschmittel ist der Positivismus, die Wäscherei das Fernsehen. Es gibt Ausbeutung, es gibt Elend, es gibt Arbeitslosigkeit, es gibt Verweigerung von Gesundheit, es gibt Mietwucher, es gibt Bureaukratie, es gibt die Gewohnheit der öffentlichen Lüge, es gibt Krieg. Alle wissen es, keiner bezweifelts, und keinen störts.“ Hacks, 2000

Eine, die die Zukunft anders haben wollte, sitzt heute im glücklich befreiten Osten auf der Couch und quält sich, weil sie damals Kommunistin war: „Ich habe sogar die Mauer verteidigt.“ Das war schlimm, wenn man heute pensionsberechtigt im Warmen sitzt (Moral, schreibt Schernikau in der frisch wiederaufgelegten „Legende“, ist eine Folge der Fernheizung), könnte heute aber etwas weniger „fanatisch“ (Selbsteinschätzung der Lehrerin) dünken, wenn sich die Schere zwischen Arm und Reich mal wieder ein Stückchen weiter geöffnet hat und das im Fernsehen kommt und sich nicht trotzdem nichts ändert, sondern gerade deshalb. Aber es ist natürlich auch vieles besser geworden, denn als DDR-Journalistin hätte die Renate Meinhof bloß blind reproduziert, was sich in die allgemeine Auffassung fügt, statt kritisch-widerständig nachzuhaken: „Hat man Kinder für eine Idee geopfert? ,Ja, natürlich’, sagt sie (…). So wurde Stefan Gerber geopfert, und Tausende andere wie er.“

Der Hartz-IV-Regelsatz für Schulkinder beträgt 339 Euro. Jedes fünfte Kind in der BRD ist arm, vermutlich Hunderttausende haben noch nie etwas von irgendeiner „Mauer“ gehört. Wer Gremliza, Hacks, Dath gelesen hat, mag finden: So werden Kinder geopfert, für eine Idee, deren unübertrefflicher Vorteil es ist, nicht von Marx, sondern von Bertelsmann zu stammen.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Heim ins Reich

Die Welt ist ja gar nicht so kompliziert, wie viele glauben, denn die einen haben und die anderen nicht, und daraus folgt alles andere. Dass sich im einzelnen nicht immer alles so leicht auflösen lässt, bedeutet nicht, dass nicht auch im einzelnen vieles einfach einfach wäre, wie selbst die mittlere Liga der politischen Analyse festzustellen nicht umhin kann: „Die Dinge sind kompliziert, die Fragen komplex, aber wer einen Nazi wählt, der darf sich nicht beschweren, Nazi genannt zu werden. Der Schuh, den ihr“, liebe AfD-Wähler, liebe AfD-Wählerinnen, „euch angezogen habt, ist ein Springerstiefel. P.S.: Bei der Linkspartei brennt vielleicht ein SUV – aber keine Synagoge.“

Sagt kein Höherer als „Stern“-Kolumnist Micky Beisenherz, und also darf die schlichte Tatsache, dass Nazis wählen einen zum Naziwähler macht, es auch beim gehobeneren Politfeuilleton langsam klingeln lassen, etwa dem der „Zeit“: „Nun ist es vielleicht im einzelnen müßig zu klären, woher die mentalen Verwahrlosungen stammen, die einen dazu bringen, für eine offen rassistische und offen antidemokratische Partei zu stimmen, nur weil der Bus nicht kommt oder ein Windrad den freien Blick auf eine Kuhwiese trübt. In etlichen Kommentaren zur Thüringen-Wahl aber wurde eine offensichtliche Erklärung einfach verworfen, indem es dort hieß: Knapp 24 Prozent hätten für die AfD gestimmt, obwohl an ihrer Spitze ein Rechtsextremer steht … Dass sie allein deshalb für Höcke stimmten, weil er ein Rechtsextremer ist, scheint den Kommentatoren wohl zu abwegig gewesen zu sein.“

Weil das ja bedeuten würde, dass ein gutes Drittel der Gesellschaft nicht nur in Umfragen zu einem mindestens in Teilen faschistischen Weltbild neigt, sondern ein Viertel, kommt’s drauf an, auch stramm Faschisten wählt, und das im antifaschistischsten Deutschland aller Zeiten. Geht’s im liberalen Morgenblatt aber um gescheiterte Integration, kriegen sogar zwei Drittel des leserbriefschreibenden Publikums Schnappatmung, weil die Kanaken, siehe Kopftuch, sich gar nicht integrieren wollen. Der Grund für den Nazi-Erfolg in Thüringen und anderswo, sagt ein Soziologe bei Spiegel online, ist nicht das Abgehängtsein, sondern Rassismus, und Rassismus, sagen nun kritische Theorie und Sozialforschung, ist der ausbeutenden Gesellschaft, in der die einen haben und die anderen nicht, so eingeschrieben wie sein enger Verwandter, der Antisemitismus.

„,Wo gehen wir denn hin?’ ,Immer nach Hause.’“ Novalis, 1802

Könnte also sein, dass den Nazi Höcke pressöffentlich einen Faschisten zu nennen nicht sowohl Aufklärung als die Lust an einer Dämonie bedeutet, die mit waltender Gesellschaft nichts zu tun zu haben braucht; wo die Nazis, die damals die Juden umgebracht haben, so plötzlich alle hergekommen waren, will ja bis heute niemand wissen. „In der Vorstellung des heilenden, weil zuvor angeblich versagten Zuhörens steckt die Selbstbezichtigungsbereitschaft einer liberalen Demokratie, die sich lieber selbst die Schuld an der Existenz von Rassisten … gibt, statt gegen diese rhetorisch entschieden vorzugehen“, heißt es in der „Zeit“ weiter. „Ein Verstehen bis zur Lächerlichkeit. Die Fetischisierung von Kommunikation als letzte hilflose Strategie. Als sei die Ausgrenzung von Antidemokraten so schlimm oder gar schlimmer, als es die Antidemokraten selbst sind.“ Ist es aber wahr, dass diese Antidemokratie fester Bestandteil der herrschenden Gesellschaft ist, dann ist diese Ausgrenzung weder praktisch noch überhaupt logisch möglich, und akzeptiert liberale Kritik diese Gesellschaft als eine im Grundsatz ideale, dann bleibt noch entschiedenstes rhetorisches Vorgehen ein rhetorisches, weil sich die Schuld, die sich die liberale Gesellschaft füglich gibt, nur um den Preis ihrer Überwindung begleichen ließe. (Ein Satz, der schauerlicherweise nicht nur aus linker Perspektive lesbar ist.)

Da jede Schuld Schuldige braucht, das Gesellschaftsmodell aber als nicht schuldfähig gilt (und, wer vom Faschismus redet, über Kapitalismus schweigt), muss das Zuhören und Angebote-Machen darüber hinwegtäuschen, dass es nichts zu bereden gibt und dass, so wie die Dinge liegen, der einzige Weg, die Wahlergebnisse von Faschisten zu senken, die volksparteiliche Übernahme ihrer Agenda ist. Die AfD, diese Retropartei, ist bis an die völkischen Ränder nichts anderes als die CDU/CSU der siebziger und achtziger Jahre, und wenn Strauß sagte, rechts von der Union dürfe es nichts geben, ging es ihm nicht ums Ausgrenzen von Antidemokraten, sondern ums genaue Gegenteil.

Und deshalb muss man ihnen zuhören.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Klappe zu, Affe rot

Es empfiehlt sich ja immer, Tucholsky zu lesen: „In Berlin sucht die NSDAP seit Wochen Räume für ihren Parteitag. Die angefragten Gastgeber hätten Angst vor Anschlägen, 77 Absagen habe es schon gegeben, die Schadenfreude ist groß. Dabei kann man nur hoffen, dass die NSDAP bald fündig wird: Jeder weitere Tag der Suche bestätigt die Rechtspopulisten nur in ihrer destruktiven Verdrossenheit.“

Hat Tucholsky, der produktiv Verdrossene, natürlich nicht geschrieben, sondern, mit AfD statt NSDAP und ganz eigentlich, ein Jan Heidtmann im Morgenblatt, das, nachdem die Antifa eine Lesung von Thomas de Maizière blockiert und eine Vorlesung von Bernd Lucke gesprengt hatte, gern teaserte: „Was man noch sagen darf“, weil das so knisternd nach dem klingt, was Carolin Emcke, die mir noch richtig sympathisch wird, weiter hinten als „Morsezeichen der Denkfaulen“ apostrophierte: „,Politisch korrekt’ ist eine bloße Chiffre geworden“, mit der sich „reflexhaft alles abwehren lässt, was eingeübte Überzeugungen oder Habitus infrage stellen könnte“.

So wie die Antifa, könnte das liberale Gegenargument lauten, reflexhaft alles abwehrt, was wiederum ihre Überzeugung infrage stellt, weshalb der Heidtmann, ähnlich Kluten neulich, die gute Frage stellte, was „eigentlich aus der Tugend geworden“ sei, „Meinungen auszuhalten, die einem nicht gefallen“, eine Frage, die sich freilich bloß „linke Gruppen“ stellen sollen, die nämlich „immer öfter“ Politiker am Reden hindern. Mitte der neunziger Jahre gab es das aber an meiner Provinzuni schon, dass eine unliebsame Veranstaltung (war’s Peter Singer?, vergessen) von links attackiert wurde, wie doch auch das Sit-in eine ältere Erfindung ist; und man nicht finden wird, die Politikerrede werde z.Z. auf eine Weise eingeschränkt, dass der Diskurs, zumal der rechte, im Ernst drunter leidet. Die FAZ halluzinierte eben wieder lustvoll vom „ohnmächtigen Staat“, weil Verdächtige nicht mehr ohne anwaltlichen Beistand von der Polizei vernommen werden dürfen sollen, und auch dazu hätte der Jurist Tucholsky was zu sagen gehabt: Dass Verdächtige sich nicht selbst zu belasten brauchen, ist ein Recht, und ein Recht kann nicht aus praktischen, vielleicht sogar mild faschistoiden Erwägungen (FAZ: „Die Ermittler haben die Aufgabe, Straftaten aufzuklären. Dafür brauchen sie die Rückendeckung der Politik und keine weiteren Einengungen“) relativiert werden.

„Nicht immer. Aber immer öfter.“ Fa. Clausthaler, o.J.

Unabhängig nun davon, ob Lucke, der Migranten mal als „eine Art sozialen Bodensatz“ bezeichnet hat, ein Nazi und seine Vorlesung also „Nazi-Propaganda“ ist oder auch Luckes Meinung nur eine, die man sich gefallen lassen muss, wird der Staat des mehr oder minder freien Worts, allwo nach einer Beobachtung Leo Fischers „Tichys Einblick“ längst in Zahnarztpraxen ausliegt, so ohnmächtig schon nicht werden, dass er unter ein bisschen universitärem Radau auch nur ins lindeste Wackeln geriete. Vielmehr kann er übers dräuende Denkverbot um so lauter klagen, als „Politik ohne Denkverbote“ stets eine nach rechts schielende war, und ist über geistige Enge leicht lamentieren, wo die Luft überall immer knapper wird. 

Und darum „breitet“ sich laut Tagesthemen v. Donnerstag der Antisemitismus in Deutschland auch „aus“ (gab ihn ja vorher praktisch nicht; soviel zum freien Wort), ebenjener, der mit Adorno das Gerücht über die Juden ist. Eines davon lautet, sie verböten uns den Mund. Gäb’s auf der aktivistischen Linken nicht eine gelegentliche Vorliebe fürs Palituch, ’s wär’ glatt ein Fall von marxistisch-jüdischer Weltverschwörung.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Aus dem Betrieb

Um die aktive Beteiligung an einem Autobahnstau nicht noch törichter zu machen, als sie es schon war, drehte ich den Deutschlandfunk rechtzeitig ab; mir fehlte das Bedürfnis, mich über die Frage informieren zu lassen, wie persönlich-moralisch „sauber“ Künstler sein müssten, es ging da um irgendeinen Kunstpreis, und ein sehr bedeutender Autor, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, saß im Studio, und ich machte aus. Die Kunst vom Künstler trennen: Man muss es, aber man kann es nicht, mit dieser Arbeitsformel lässt sich, was mich betrifft, fürs erste auskommen.

Der überaus bedeutende Autor Saša Stanišić, der den überaus bedeutenden Deutschen Buchpreis abgekriegt hat, hat mit dem unfehlbaren Instinkt dessen, der weiß, wo es warm rauskommt, sein Bein gehoben und den frisch gekürten Nobelpreisträger Handke angepinkelt, von dessen Einlassungen, die Balkankriege betreffend, man halten mag, was man will, der im kleinen Zeh, ja noch im Wurmfortsatz (falls er den noch hat) aber mehr Künstler ist als Stanišić, ein Produzent von Urlaubslektüre für Netflix-Tote, der im Buchhandel deshalb Regale füllt, während man Handke, hat er nicht gerade einen Nobelpreis gekriegt, bestellen muss. Stanišić, wie mir in einem verwandten Zusammenhang auffiel, ist einer, „der immer mit Welpenblick in der Zeitung hockt und quengelt, er wolle nicht der Vorzeige-Immigrant sein, aber dann natürlich ein Buch namens ,Herkunft’ veröffentlicht, weil er nicht dumm genug ist zu glauben, es sei sein überragendes literarisches Talent, was ihm zu dicken Auflagen, Übersetzungen in alle Weltsprachen und den Einnahmen als Verfasser von Schullektüre verhilft.“ Und weil er nicht dumm genug ist, keilt er, mit dem evtl. korruptesten aller Quatschpreise im Rücken, gegen einen, der so sehr Kunst ist, dass es die Grenze zum Manierierten gern übertritt, der die Kunst aber nie ans Gewerbe verraten hat, weswegen sich, verglichen mit unserem Saša, gerechterweise kein Schwein mehr für ihn interessiert.

„ … aber ist nicht ohnehin jedes Formulieren, auch von etwas tatsächlich Passiertem, mehr oder weniger fiktiv? Weniger, wenn man sich begnügt, bloß Bericht zu erstatten; mehr, je genauer man zu formulieren versucht?“ Handke, 1972

Der aber wiederum hat keine Sekunde gezögert, den unermesslich Größeren wegen einer Sache hinzuhängen, die erstens politisch, zweitens zwanzig Jahre her ist und drittens den Vorzug hatte, gegen die veröffentlichte Meinung betrieben worden zu sein, für die Serben Mörder, Kroaten und Albaner hingegen brave, von völkischer Idiotie freie Zivilisten waren; und gehört auf einen groben Klotz ein grober Keil, dann ließe sich ja sagen, dass das, was bei Handke Quatsch war, immerhin ein Gegenquatsch war. Viele hätten sich in vielem damals „geirrt“, konzediert das Morgenblatt, und so kann man das natürlich auch sagen. Im Gegensatz zum Frankfurter Allgemeinen Ustascha-Freund Reißmüller und dem Brandbeschleuniger Genscher und dem Auschwitzverhinderer Jockel hat Handke seine Irrtümer wenigstens teilweise berichtigt.

„Es stellt sich weniger die Frage, ob man die Kunst vom Künstler trennen kann als die Frage, wer das kann“, notiert Kollegin Stokowski. „Denn einige können das ja offenbar ganz wunderbar. Der Reflex, auf der Trennung von Kunst und Künstler zu bestehen, ist umso stärker, je umfassender die eigene Bewunderung für den Künstler bisher war, und der Versuch, die Enttäuschung abzuwehren, umso vehementer, je stärker das eigene Selbstbild ins Wanken geraten könnte, wenn man sich eingesteht, wen man da verehrt (hat).“ Ich muss mir da nichts eingestehen, vielleicht weil ich dazu neige, Werke zu verehren, nicht ihre Urheber. („Ich wünschte, ich hätte das nicht gelesen“, schreibt Wolfgang Herrndorf, nachdem er unschön Biographisches über Proust – oder war’s Nabokov? – gelesen hat, und natürlich schmeißt er deswegen kein Buch aus dem Regal.) Ob den Nobelpreis der Schriftsteller erhält oder das, was er verschriftlicht hinterlässt, ist vielleicht eine philosophische Frage; keine ist, dass sich auch die Kritik nicht vom Kritiker trennen lässt und die Anwürfe von Konjunkturrittern und Öffentlichkeitsarbeitern der Liga Stanišić/Žižek den „verkommenen“ (Walter Boehlich) Betrieb, der Konformes für Konforme produziert, fördert, auszeichnet und für das Widerständige, das im Ästhetischen selbst liegen könnte, kein Auge und Ohr mehr haben will, auf wiederum erfreuliche, weil erhellende Weise zu sich selbst kommen lässt. „Wir belohnen Adjektive“, hat Stani höhnisch nach Stockholm getwittert, weil er nicht wollen kann, dass Literaturpreise was mit Literatur zu tun haben. Wo kämen wir da hin und vor allen Dingen:

er.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Aus der Mitte entspringt der Stuss

Ich werde ja mählich kurios, und also bekomme ich Angst vor Urlaubsgrüßen, weil sie in den meisten Fällen von sehr weit herkommen, selbst in den Herbstferien. Erstens ist es deprimierend, dass allen alles wurscht ist, ja weite Teile der Welt erst richtig anfangen und loslegen, zweitens muss man sich zum Urlaubsgruß ja verhalten, gerade dem elektronischen, und so sinnlos eine Diskussion ums Reiseverhalten generell ist, so ist sie es via Chat erst recht.

Überdies würde man damit unweigerlich zu jenem Verbotsfaschisten, den der unermessliche Hilmar („Romancier“) Klute in seiner SZ an den Pranger gestellt hat. Klute ist gegens Extreme von rechts und links, was im Zusammenhang bedeutet: gegen Leute, die Renate Künast Fotze schimpfen, als auch gegen die, die der Überzeugung sind, „dass Liberalität am besten durch Verbote und Weisungen zu verteidigen sei“. Kommen, gähn, natürlich die „streberhaften“ Fans sprachlicher „Normierung“ – als wäre der Klute, indem er auf dem generischen Maskulinum besteht, nicht selbst einer und als sei seine „Süddeutsche“ nicht Tag für Tag massiv (sic) dabei, wenn es um darum geht, die Normen nach unten zu prügeln – und die übrigen Moralinskis, vertreten etwa durch G. Thunberg, die vor der UN-Vollversammlung mit den Tränen kämpft, was dem Antiextremisten Klute nicht Ausdruck von Verzweiflung ist, sondern peinlich. „Vor einiger Zeit durfte man noch darauf vertrauen, dass die Leute gewisse Dinge selbständig regeln. Die Raucher fanden ihren Freiraum vor der Kneipentür, die Hundebesitzer zückten schon die Plastiktüte, wenn der Hund um einen Baum strich, und das teure Carsharing machte viele Städter zu Gelegenheitsautofahrern. Das alles reicht nicht mehr aus, jetzt geht es immer gleich ums Ganze. Denn der Wallungswert bei unkorrektem Allgemeinverhalten ist erheblich gestiegen, das Vertrauen in die sich selbst zügelnde Zivilgesellschaft ist dem Wunsch nach mehr staatlicher Regulierung gewichen.“

„In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod.“ Friedrich von Logau, 1654

Die sich selbst wunderbar zügelnde Zivilgesellschaft hat derweil das Phänomen des sog. Littering geboren, dass Leute nämlich ihren Müll mit voller Absicht in die Gegend schmeißen, und darauf zu vertrauen, dass Herrchen und Frauchen die Scheiße ihrer Köter vom Gehsteig holen, ist in meinem Viertel nichts als naiv. Die Raucher finden ihren Freiraum erst vor der Kneipentür, seit sie drinnen nicht mehr rauchen dürfen, es sei denn in der Raucherkneipe, was den Konflikt grosso modo beigelegt hat, so wie Genderist*innen und Verweigerer eigentlich ganz gut nebeneinander her leben, mitunter im selben Blatt; man könnte es fast für Liberalität halten.

Aber „schmallippige Rechthaberei“ muss anzeigen, wem es um jene goldene Mitte geht, die mit den Extremismen von rechts und links nichts zu tun haben will und sich vor Anschlägen auf Synagogen beinah halb so doll fürchtet wie vor einer Rückkehr der DDR, dieses Verbotsstaats par excellence, der noch heute dabei hilft, das Nichtkonforme zu denunzieren: „Es hilft manchmal, die Gegenwart mit einer grellen historischen Blende zu überziehen. Dann könnte man sich zumindest gedanklich und sprachlich dergestalt sensibilieren“, nachdem man nämlich die Blende übergezogen hat, „dass lässig dahingesagte Formeln wie ,Freiheit ist ohne Verbote nicht zu haben’ in der Asservatenkammer des Blödmenschen verdämmern. Dort träfen sie dann auf jene, die wiederum glauben, man gebe einen Teil seiner Identität ab, wenn man in einem Kindergarten auf den Verzehr von Schweinefleisch verzichte.“

„Die gute Nachricht ist: Die Winter sind nicht mehr ganz so hart wie noch vor 30 Jahren, die Saison ist länger geworden.“ SZ-Golfbeilage, 2019

Auf diesen Gedanken käme die demokratisch-liberale (SZ-)Mitte allenfalls auf den Leserbriefseiten, ist sie doch das Substrat jener Veranstaltung, bei der sich, wenn’s schon nicht bleiben kann, wie es ist, alles sehr „langsam und schrittweise“ (Klute) ändert. Eine Woche Malle oder Rio zwischendurch ist also bloß Demokratie, und Ideen wie die der „Aktivistin“ (ders.) Rackete, Reporter nicht mehr zu empfangen, wenn sie per Flugzeug kommen, Fanatismus. Denn die eigentliche Mäßigung liegt in der mählich zu mäßigenden Maßlosigkeit, und wer Aktivismus für ein Übel hält, bleibt passiv und vertraut darauf, dass die Zukunft nicht die vom IPCC noch viel zu vorsichtig ausgemalte ist, sondern „möglicherweise … deutlich besser aus(sieht)“ (a.a.O.).

Die Asservatenkammer des Blödmenschen hat ja dann sicher Klimaanlage.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Es ist zugerichtet

Ich vergesse ja schlechthin alles, aber was ich nicht vergessen kann, ist die Wand im Münchner „Museum für Mensch und Natur“, die zirka „So isst die Welt“ heißt und auf großen Fotos zeigt, wie man in (Gedächtnisprotokoll) Gambia, Vietnam, Kolumbien isst, wo sich die Tische unter Nahrungsmitteln biegen, die allesamt das sind, was man unprozessiert nennt, aber auch unverarbeitet nennen könnte: Gemüse, Obst, Fisch, Nüsse, regional natürlich je anders, aber doch immer gleich. Die Irritation, die den an Supermarkt und Schokoriegel gewöhnten Besucher gleich erfasst, rutscht ins Bild, wenn wir die englische Familie sehen (es könnte auch eine deutsche oder amerikanische sein), die hinter einem Tisch voller Nahrungsmittelverpackungen steht, und in den Verpackungen ist dann irgendwas aus modifizierter Stärke, Palmöl, Zucker und Aroma.

Selbst wenn man nichts über Kritische Theorie wüsste, über Entfremdung oder zweite Natur, hier bekäme man einen Eindruck. Und selbst wenn man, wie ich, nicht gern auf Märkte geht, weil man lieber in Regale fasst und sich Leuten, die auf Märkte gehen, nicht recht zugehörig fühlt, fällt einem kein Grund ein, warum es nun unbedingt Bratkartoffeln im Vakuumpack geben muss, außer dass es natürlich Popkultur ist, was es ja immer ist, und dass, wer nicht kocht, mehr Zeit zum Arbeiten und Konsumieren hat und dass, wer alles aus der Packung holt, gegens Zurichten und Zugerichtetwerden vielleicht weniger haben wird als der, der nicht. (Das gilt natürlich nur abstrakt, denn auf dem Markt ist ja erst recht alles superlecker. Immerhin läuft der entsetzliche Rewe-Kundenfunk nicht, der letzte Beweis dafür, dass „lecker“ die übelste aller affirmierenden Terrorvokabeln ist: Konsum, das ist Fressen, und wie ist das Fressen? Lecker. Lecker! Leckerleckerlecker!)

„Kraft in den Teller. Knorr auf den Tisch.“ Beckenbauer, 1966

Jetzt kommt also die Lebensmittelampel, die, weil letztlich immer alles Sozialdemokratie ist, am System industrieller Quatschnahrungsmittelproduktion nichts ändern, aber verhindern will, dass die Leut’ nicht wissen, was sie da tun. Vermutlich ist auch das wieder ein Teil jener Gängelung und Volkserziehung, die Libertäre von rechts und links als unfrei und unerwachsen verachten, als sei nicht jeder Kunde Kind und ginge es nicht darum, jenen zähmenden Eingriff zu simulieren, der den kapitalistischen Auswuchs immer mal wieder zurückschneidet. Es gibt ja stets eine Wirtschaft, die produziert, und einen Staat, der aufs Produzierte sieht, damit niemand dran sterbe, wobei Marktbetrügereien und Panschereien so alt sind wie der Markt selbst. Den Unterschied macht, dass das Mittel zum Zweck geworden ist, dass produziert wird um der Produktion willen und das Bedürfnis nach Bratkartoffeln im Vakuumpack als bizarr künstliches gelten muss.

Die Lebensmittelampel, übrigens selbst ein Firmenprodukt, mag simplem Verbraucherinnenschutz Genüge tun; wovon sie aber verlässlich ablenkt, ist, dass sie so überflüssig wäre wie ein Hollandrad mit Ökosiegel, wenn Lebensmittel nicht als Konkurrenzwirtschaftsprodukte in Marketingabteilungen entwickelt würden. Die Lebensmittelampel, weil es sie gibt, ist die Grünphase selbst, damit alles in jener Bewegung bleibe, die wiederum kluge Leute für Stillstand halten, und falls es die Sozialdemokratie bald nicht mehr gibt, liegt es schlicht daran, dass sie so schrecklich unausweichlich geworden ist.

Der Küchenzettel für Sonntag, den 6. Oktober: Wirsing mit Salzkartoffeln, Apfelmus (aus dem Glas).

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Neue Menschen

Was über Silke und Holger Friedrich zu sagen ist, die beiden formidablen DDRler , die die „Berliner Zeitung“ jekooft haben, hat Tim Wolff im „Neuen Deutschland“ gesagt; und trotzdem, es ist zu schön: „Wir müssen Inhalte anders aufarbeiten, zielgruppen- und kanalgerecht. Wir müssen niedrigschwellige Angebote formulieren und dann den Preis, je nach Wertigkeit. Wir müssen Leute auf den Haken nehmen und dann anfangen zu ziehen. In anderen Industrien ist das selbstverständlich“, und bevor die Kollegen und Kolleginnen, allzeit anfällig beim Vokabular, gleich wieder auf dumme Gedanken kommen: H. Friedrich meint „Branchen“, engl. „industries“, auch wenn er natürlich recht hat. Eine Zeitung, eine Zeitschrift ist ein Ort, wo fabrikmäßig und zielgruppengerecht Inhalte vom Band fallen, und wer am Kiosk vorbeiläuft und sich über Publikationen wie das WhatsApp-Magazin, „Business Punk“ oder den hundertsten Optimal essen, Lifestyle & Shopping-Titel freut, der ahnt, was Adorno mit totaler Produktion gemeint hat.

Der antifaschistische Schutzwall ist bald dreißig Jahre offen, und immer noch ist jeder zweite Ostler und jede zweite Ostlerin, heißt es, nicht angekommen. Silke und Holger und Friedrich nun sind so super, weil sie so restlos, so monströs, so karikaturenhaft heimisch geworden sind: „Wir sind notorisch angstfrei, oder wie Holgers Mutter sagt: pathologisch angstfrei … Ich muss unabhängig vom System funktionieren. Am Ende zählen du und deine Haltung.“ Haltung, das bedeutete früher mal so was wie Überzeugung, und die Kommunistin, die im Gestapokeller die Freunde nicht verriet, ging mit Haltung in den Tod. Heute bedeutet Haltung das Gegenteil, nämlich dass man unabhängig vom System funktionieren muss, und der Witz ist, dass es kein Witz ist, auch dann nicht, wenn Friedrich & Friedrich nun wirklich keine Sekunde unabhängig vom System funktionieren, nicht einmal gedanklich. Silke Friedrich hat etwas so Zeitgemäßes wie die „Berlin Metropolitan School“ erfunden, und „ich glaube, ich hatte mit der Schule Erfolg, weil ich den Blick von außen hatte, die Kundenperspektive“, also die Perspektive der Leute, die optimale Bildung wollen, so wie sie optimale Ferien oder perfekte Kühlschränke wollen. Es ist dies die gesellschaftliche Perspektive insgesamt. Es gibt Leute, die finden, sie sei etwas eng.

„Der Sommer ist vorbei und er bleibt vorbei / und ab heute / ab jetzt / sind wir frei“ Begemann, 1994

Am neuen Menschen hat der Realsozialismus bekanntlich ganz erfolglos herumgebastelt; der ewig alte, immer gleiche der Marktgesellschaft emaniert dagegen ganz von allein, denn auch wenn die Apparate helfen: Der Erfolg gibt ihm recht. Und wenn allein das zählt, muss sich niemand wundern.

„Ein Systemwechsel ist nicht schlimm, wenn man sich darauf einlässt. Wir nennen das positiven Punk.“ Dass das Oxymoron die bürgerliche Redefigur schlechthin sei, habe ich gelegentlich vermutet; nun also positiver als Business Punk, warum auch nicht, und dass die Macherinnen und Technokraten („Wir haben in unserem Thinktank die besten Softwarearchitekten, die man sich vorstellen kann“), der grübelfrei praktische Sinn und das So-Sein gewonnen haben, ist ja keine Überraschung. „Die Möglichkeiten sind riesig und die Lösungen winzig. Das ist ein Grund, warum unsere Kinder Berlin verlassen.“

Denn die Zukunft wird noch größer, noch lösungsorientierter, noch technophiler, als wir es uns heute überhaupt vorstellen können. Noch vielleicht wollen.

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Wir haben da eine Idee, FiniBee!

Ihr seid »Frankfurts erstes Powerbank Sharing Startup« und versprecht mit Euren Ladestationen schnelle Abhilfe, wenn man mal mit fünf Prozent Restladung auf dem Telefon vor dem Kiosk steht.

Da uns genau das jetzt passiert ist, sind wir zur Powerbank-Station geschwirrt und hatten im Handumdrehen wieder Saft: nur schnell den QR-Code scannen, die App installieren, die eigene Telefonnummer eintippen, ein Passwort ausdenken (»AarghGleich3%«), ein Bezahlverfahren einrichten, einen anderen QR-Code scannen, den richtigen Aufstellort per Kartenansicht suchen, ein paar Knöpfe drücken und schon die rettende Leihbatterie entnehmen. Puh!

Wenn Ihr jetzt noch die Spannung, die der Wettlauf zwischen Telefontod und Ausleihe in uns erzeugt, direkt zur Energiegewinnung nutzen könntet, hättet Ihr eine komplett ökologische Lösung ganz ohne Powerbanks gefunden!

Geladene Grüße von Titanic

 Verstörend, Tschetschenien!

Dein Kultusministerium hat Musik unter 80 und über 116 Beats pro Minute verboten. So soll Deine traditionelle Musikkultur bewahrt werden. Diese Maßnahme hätten wir gerade von Dir autoritär geführter und unter Putins Fuchtel stehender russischer Teilrepublik am allerwenigsten erwartet. Dass Du Deine Musiker/innen dazu zwingst, kompositorisch ihrem Kulturkreis treu zu bleiben, ist schließlich nichts anderes, als kulturelle Aneignung unter Strafe zu stellen. Da haben wir jahrelang dagegen andiskutiert und sie als rechtes Hirngespinst abgetan, um jetzt feststellen zu müssen: Es gibt sie doch, die Woke-Diktatur!

Senden hoffentlich weder zu schnelle noch zu langsame Grüße:

Deine politischen Beobachter/innen von Titanic

 Auf einem Sharepic, »Handelsblatt«,

lasen wir: »460 Milliarden US-Dollar. So hoch ist das Gesamtvermögen der zehn reichsten Frauen der Welt« und erwarteten im Folgenden irgendwas in Richtung »Reiche werden reicher«. Doch falsch gedacht!

Schon in der Caption erfuhren wir, worum es Dir eigentlich ging: »Immer noch verdienen Frauen etwa 18 Prozent weniger als Männer.« Wir glauben ja, es gibt bessere Versinnbildlichungen für den Gender-Pay-Gap als die reichsten Menschen der Welt, aber hey, stay woke!

Schickt Dir reichlich Grüße: Titanic

 Vermeintlich smooth, Vichy,

bewirbst Du Deine Feuchtigkeitscreme mit dem Slogan »I got 100 problems, but dry skin ain’t one«. Dass Du »99 problems«, wie im Originalsong von Jay-Z, vermutlich nicht sagen durftest: geschenkt. Wir fragen uns allerdings: Wenn man inklusive trockener Haut 101 Probleme hat, sollte man dann wirklich an dieser Stelle ansetzen?

Grübelt spröde

Deine Titanic

 Sie, Bundeskanzler Olaf Scholz,

wollten zum Tag der Arbeit Vorurteile über Arbeitsmoral und Arbeitsbedingungen in Deutschland entkräften. In einer Videobotschaft teilten Sie mit, es ärgere Sie, wenn manche abschätzig vom »Freizeitpark Deutschland« redeten.

Ist es aber nicht so, dass sich Teile der Arbeitgeberschaft tatsächlich in einem Phantasialand mit den Themenwelten »Lohngerechtigkeit«, »Aufstiegschancen« und »Selbstverwirklichung im Job« befinden und sich dort prächtig zu amüsieren scheinen?

Fragen aus der Geisterbahn Deutschland

Ihre Work-Life-Balancierer/innen von Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Grausiger Befund

Als Angstpatientin weiß ich den Smalltalk zu schätzen, den meine Zahnärztin vor der Behandlung mit mir führt, aber ihre beiläufige Bemerkung, dass sie True-Crime-Fan sei, während sie die Instrumente sortierte, war für unsere Vertrauensbasis eher kontraproduktiv.

Loreen Bauer

 Für Ethnologen

Gibt's so was wie Brautstraußfangen auch bei Begräbnissen?

Wolfgang Beck

 Ehe-Aus

Die hohe Scheidungsrate zeigt doch, dass so gut wie jeder Mensch hassenswert ist, wenn man ihn nur lange und gut genug kennt.

Dorthe Landschulz

 Bräunungstagebuch 2017

Normalerweise kennt meine Haut nur drei Farbtöne: Glasnudel, Aschenbecher und Hummer. Zu meinem 37. wollte ich mal was Verrücktes machen und kaufte mir eine Flasche Bräunungscreme. Weil ich diese grandiose Idee im wärmsten August seit Beginn des Klimawandels hatte, kam ich von der Creme bald übel ins Schwitzen. Da saß ich nun auf der Couch, mit macchiatobraunem Leib und leuchtend gelbem Bart, triefend und hechelnd mit offenem Hemd, wie der sehr späte Jürgen Drews. Mein Verlangen nach Abenteuer war danach jedenfalls gestillt.

Dominik Wachsmann

 Energievampir

Wie groß doch der Unterschied zwischen dem Leben in der Stadt und dem auf dem Land ist, fiel mir wieder auf, als ich mit meiner Tante vom Hof telefonierte und wir uns über unsere Erschöpfung austauschten: Ich erklärte mir meine große Müdigkeit damit, dass ich den Tag zuvor in der Therapie eine neue Erkenntnis gewonnen hatte, gegen die ich mich aber noch sperre. Das verbrauche natürlich schon viel Energie, außerdem wolle sich mein Gehirn so wenig mit der neuen Erkenntnis beschäftigen, dass es lieber in die Schläfrigkeit flüchte. Sie wiederum begründete ihre Mattheit mit den Worten: »Ich glaube, mich hat was gebissen, das müde macht.«

Laura Brinkmann

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
18.06.2024 Düsseldorf, Goethe-Museum Hans Traxler: »Traxler zeichnet Goethe«
21.06.2024 Husum, Speicher Max Goldt
23.06.2024 Kiel, Schauspielhaus Max Goldt
18.08.2024 Aschaffenburg, Kunsthalle Jesuitenkirche Greser & Lenz: »Homo sapiens raus!«