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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Heim ins Reich

Die Welt ist ja gar nicht so kompliziert, wie viele glauben, denn die einen haben und die anderen nicht, und daraus folgt alles andere. Dass sich im einzelnen nicht immer alles so leicht auflösen lässt, bedeutet nicht, dass nicht auch im einzelnen vieles einfach einfach wäre, wie selbst die mittlere Liga der politischen Analyse festzustellen nicht umhin kann: „Die Dinge sind kompliziert, die Fragen komplex, aber wer einen Nazi wählt, der darf sich nicht beschweren, Nazi genannt zu werden. Der Schuh, den ihr“, liebe AfD-Wähler, liebe AfD-Wählerinnen, „euch angezogen habt, ist ein Springerstiefel. P.S.: Bei der Linkspartei brennt vielleicht ein SUV – aber keine Synagoge.“

Sagt kein Höherer als „Stern“-Kolumnist Micky Beisenherz, und also darf die schlichte Tatsache, dass Nazis wählen einen zum Naziwähler macht, es auch beim gehobeneren Politfeuilleton langsam klingeln lassen, etwa dem der „Zeit“: „Nun ist es vielleicht im einzelnen müßig zu klären, woher die mentalen Verwahrlosungen stammen, die einen dazu bringen, für eine offen rassistische und offen antidemokratische Partei zu stimmen, nur weil der Bus nicht kommt oder ein Windrad den freien Blick auf eine Kuhwiese trübt. In etlichen Kommentaren zur Thüringen-Wahl aber wurde eine offensichtliche Erklärung einfach verworfen, indem es dort hieß: Knapp 24 Prozent hätten für die AfD gestimmt, obwohl an ihrer Spitze ein Rechtsextremer steht … Dass sie allein deshalb für Höcke stimmten, weil er ein Rechtsextremer ist, scheint den Kommentatoren wohl zu abwegig gewesen zu sein.“

Weil das ja bedeuten würde, dass ein gutes Drittel der Gesellschaft nicht nur in Umfragen zu einem mindestens in Teilen faschistischen Weltbild neigt, sondern ein Viertel, kommt’s drauf an, auch stramm Faschisten wählt, und das im antifaschistischsten Deutschland aller Zeiten. Geht’s im liberalen Morgenblatt aber um gescheiterte Integration, kriegen sogar zwei Drittel des leserbriefschreibenden Publikums Schnappatmung, weil die Kanaken, siehe Kopftuch, sich gar nicht integrieren wollen. Der Grund für den Nazi-Erfolg in Thüringen und anderswo, sagt ein Soziologe bei Spiegel online, ist nicht das Abgehängtsein, sondern Rassismus, und Rassismus, sagen nun kritische Theorie und Sozialforschung, ist der ausbeutenden Gesellschaft, in der die einen haben und die anderen nicht, so eingeschrieben wie sein enger Verwandter, der Antisemitismus.

„,Wo gehen wir denn hin?’ ,Immer nach Hause.’“ Novalis, 1802

Könnte also sein, dass den Nazi Höcke pressöffentlich einen Faschisten zu nennen nicht sowohl Aufklärung als die Lust an einer Dämonie bedeutet, die mit waltender Gesellschaft nichts zu tun zu haben braucht; wo die Nazis, die damals die Juden umgebracht haben, so plötzlich alle hergekommen waren, will ja bis heute niemand wissen. „In der Vorstellung des heilenden, weil zuvor angeblich versagten Zuhörens steckt die Selbstbezichtigungsbereitschaft einer liberalen Demokratie, die sich lieber selbst die Schuld an der Existenz von Rassisten … gibt, statt gegen diese rhetorisch entschieden vorzugehen“, heißt es in der „Zeit“ weiter. „Ein Verstehen bis zur Lächerlichkeit. Die Fetischisierung von Kommunikation als letzte hilflose Strategie. Als sei die Ausgrenzung von Antidemokraten so schlimm oder gar schlimmer, als es die Antidemokraten selbst sind.“ Ist es aber wahr, dass diese Antidemokratie fester Bestandteil der herrschenden Gesellschaft ist, dann ist diese Ausgrenzung weder praktisch noch überhaupt logisch möglich, und akzeptiert liberale Kritik diese Gesellschaft als eine im Grundsatz ideale, dann bleibt noch entschiedenstes rhetorisches Vorgehen ein rhetorisches, weil sich die Schuld, die sich die liberale Gesellschaft füglich gibt, nur um den Preis ihrer Überwindung begleichen ließe. (Ein Satz, der schauerlicherweise nicht nur aus linker Perspektive lesbar ist.)

Da jede Schuld Schuldige braucht, das Gesellschaftsmodell aber als nicht schuldfähig gilt (und, wer vom Faschismus redet, über Kapitalismus schweigt), muss das Zuhören und Angebote-Machen darüber hinwegtäuschen, dass es nichts zu bereden gibt und dass, so wie die Dinge liegen, der einzige Weg, die Wahlergebnisse von Faschisten zu senken, die volksparteiliche Übernahme ihrer Agenda ist. Die AfD, diese Retropartei, ist bis an die völkischen Ränder nichts anderes als die CDU/CSU der siebziger und achtziger Jahre, und wenn Strauß sagte, rechts von der Union dürfe es nichts geben, ging es ihm nicht ums Ausgrenzen von Antidemokraten, sondern ums genaue Gegenteil.

Und deshalb muss man ihnen zuhören.




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Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Nichts für ungut, Tasmanischer Tiger!

Nachdem wir Menschen Dich vor circa 100 Jahren absichtlich ein bisschen ausgerottet haben, um unsere Schafe zu schützen, machen wir den Fehltritt jetzt sofort wieder gut, versprochen! Du hast uns glücklicherweise etwas in Alkohol eingelegtes Erbgut zurückgelassen, und das dröseln wir nun auf, lassen Dich dann von einer Dickschwänzigen Schmalfußbeutelmaus in Melbourne austragen, wildern Dich in Australien aus und fangen dann ziemlich sicher an, Dich wieder abzuknallen, wie wir es mit den mühsam wiederangesiedelten Wölfen ja auch machen. Irgendjemand muss ja auch an die Schafe denken.

Aber trotzdem alles wieder vergeben und vergessen, gell?

Finden zumindest Deine dünnschwänzigen Breitfußjournalist/innen von der Titanic

 Stillgestanden, »Spiegel«!

»Macht sich in den USA Kriegsmüdigkeit breit?« fragst Du in einer Artikelüberschrift. Ja, wo kämen wir hin, wenn die USA die Ukraine nur nüchtern-rational, aus Verantwortungsbewusstsein oder gar zögerlich mit Kriegsgerät unterstützten und nicht euphorisch und mit Schaum vor dem Mund, wie es sich für eine anständige Kriegspartei gehört?

Spiegel-müde grüßt Titanic

 Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Nichts läge uns ferner, als über Ihren Steuerhinterziehungsprozess zu scherzen, der für Sie mit drei Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe geendet hat. Etwas ganz anderes möchten wir ansprechen, nämlich Ihre Einlassung am zweiten von insgesamt vier Verhandlungstagen, während der Sie laut Handelsblatt »lang und breit über die Vorzüge« von Ingwer palaverten, »aber auch über Knoblauch, Kardamom oder Rosmarin«, bis Sie schließlich einsahen: »Ich könnte stundenlang über Gewürze reden, aber das ist wohl der falsche Zeitpunkt.«

Und ob das der falsche Zeitpunkt war! Mensch, Schuhbeck, die gute alte Gewürz-Verteidigung, die hebt man sich doch für ganz zum Schluss auf, die pfeffert man dem Gericht (!) nach den Kreuzkümmelverhören prisenweise entgegen. Wozu zahlen Sie denn gleich zwei Anwälten gesalzene Stundensätze? Bleibt zu hoffen, dass Sie bei der Revision die Safranfäden in der Hand behalten!

Die Gewürzmühlen der Justiz mahlen langsam, weiß Titanic

 Sicher, Matthew Healy,

dass Sie, Sänger der britischen Band The 1975, die Dinge einigermaßen korrekt zusammenkriegen? Der Süddeutschen Zeitung sagten Sie einerseits: »Ich habe ›Krieg und Frieden‹ gelesen, weil ich die Person sein wollte, die ›Krieg und Frieden‹ gelesen hat.« Und andererseits: »Wir sind vielleicht die journalistischste Band da draußen.« Kein Journalist und keine Journalistin da draußen hat »Krieg und Frieden« gelesen, wollten mal gesagt haben:

Ihre Bücherwürmer von der Titanic

 Helfen Sie uns weiter, Innenministerin Nancy Faeser!

Auf Ihrem Twitter-Kanal haben Sie angemerkt, wir seien alle gemeinsam in der Verantwortung, »illegale Einreisen zu stoppen, damit wir weiter den Menschen helfen können, die dringend unsere Unterstützung brauchen«. Das wirft bei uns einige Fragen auf: Zunächst ist uns unklar, wie genau Sie sich vorstellen, dass Bürgerinnen und Bürger illegale Einreisen stoppen. Etwa mit der Flinte, wie es einst Ihre Bundestagskollegin von Storch forderte? Das können Sie als selbsternannte Antifaschistin ja sicher nicht gemeint haben, oder? Außerdem ist uns der Zusammenhang zwischen dem Stoppen illegaler Einreisen und der Hilfe für notleidende Menschen schleierhaft.

Außer natürlich Sie meinen damit, dass die von Ihrem Amtsvorgänger und der EU vorangetriebene Kriminalisierung von Flucht gestoppt werden müsse, damit Menschen, die dringend unsere Unterstützung brauchen, geholfen wird.

Kann sich Ihre Aussage nicht anders erklären: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Sprichwörter im Zoonosen-Zeitalter

Wer nichts wird, wird Fehlwirt.

Julia Mateus

 Schwimmbäder

Eine chlorreiche Erfindung.

Alice Brücher-Herpel

 Vom Kunstfreund

Erst neulich war es, als ich, anlässlich des Besuchs einer Vernissage zeitgenössischer Kunst, während der Eröffnungsrede den Sinn des alten Sprichworts erfasste: Ein paar tausend Worte sagen eben doch mehr als nur ein Bild.

Theobald Fuchs

 Heimatgrüße

Neulich hatte ich einen Flyer im Briefkasten: »Neu: Dezember Special! Alle Champions-League-Spiele auf 15 Flatscreens!!!« Traurig, zu welchen Methoden Mutter greift, damit ich öfter zu Besuch komme.

Leo Riegel

 Auf dem Markt

– Oh, Ihr Doldenblütler verkauft sich aber gut!
– Ja, das ist unser Bestsellerie!

Cornelius W.M. Oettle

Vermischtes

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Das schreiben die anderen

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

  • 19.10.:

    Stefan Gärtner bespricht in der Buchmessenbeilage der Jungen Welt Moritz Hürtgens Roman "Der Boulevard des Schreckens".

  • 12.10.: Der Tagesspiegel informiert über den anstehenden Chefredaktionswechsel bei TITANIC.
Titanic unterwegs
04.12.2022 Enkenbach-Alsenborn, Klangwerkstatt Thomas Gsella mit den Untieren
06.12.2022 Kassel, Staatstheater Hauck & Bauer mit Kristof Magnusson
06.12.2022 Frankfurt am Main, Club Voltaire TITANIC-Nikolaus-Lesung
08.12.2022 Köln, Senftöpfchentheater Moritz Hürtgen