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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 5

Liebe Leser:innen,

dass es dann doch so schnell gehen würde, hätte Jeff Bezos sicher nicht gedacht, als er Ende der Neunziger Jahre, nur mit einer Ausgabe von "Der Data Becker Führer, HTML & XML" bewaffnet, die erste Version von amazon.com ins World Wide Web stellte. Ein altes Mantra von Winston Churchill – für die Jüngeren: Churchill war so eine Art englischer Helmut Schmidt, er fehlt – lautet: "Erfolg heißt, immer einmal mehr aufstehen, als man hinfällt". Leider hat sich Bezos nun wohl endgültig dazu entschlossen, liegen zu bleiben. Aus der glänzenden Corona-Vorlage der Politik, so gut wie jedes Geschäft in den deutschen Innenstädten monatelang zu schließen, konnten Bezos und sein Team gerade einmal das mickrige Quartalsumsatzplus von 125 Milliarden US-Dollar erwirtschaften. Am Ende kam Bezos eigentlich nur noch seiner Entlassung zuvor und zog sich mit dem letzten verbliebenen Anstand vom Amazon-Chefposten zurück. Bitter, aber unausweichlich.

Nun sind Buchhändler per so oft ziemlich schräge Typen: Utopische Vorstellungen vom Leben an sich verquicken sich mit einem gewissen Hang zur Faulheit und nervtötendem Besserwissentum. Denkbar schlechte Voraussetzungen also für ein multinationales Startup mit 1,3 Millionen Mitarbeiter:innen weltweit. Denn bei aller Liebe zum gedruckten Buch: Das Prinzip Hoffnung ist noch kein Marketingplan und Reinhold Messner ist sicher auch nicht den Nanga Parbat hinaufgefallen. Aus dem Umfeld des sympathischen Glatzkopfs aus Seattle gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Berichte über Mindset-Probleme beim Personal: Mit schöner Regelmäßigkeit kündigte alle paar Wochen irgendein Spinner in einem der vielen Amazon-Standorte weltweit an, jetzt aber wirklich mal eine Gewerkschaft zu gründen. Bezos kam zum Schluss mit dem Entlassen gar nicht mehr nach. Vielleicht auch aus Enttäuschung darüber, dass seine Angestellten den geilen Spirit der Gründungszeit aus den Neunziger Jahren ("Einfach mit ein paar Kumpels was Geiles miteinander aufzubauen!") nicht mehr fühlten. Aus der sozialen Hängematte lässt sich jedoch die klassische Buchbranche nur schwerlich disrupten, da brauchst du echte Löwen, die auch mal ein paar Monate auf Gehalt verzichten können, wenn es der größeren Sache dient. In Deutschland lief die Situation zuletzt deutlich aus dem Ruder, wo in Meckenheim und Niederkrüchten ganze Container-Ladungen von Amazon-Paketen in Waldgebieten gefunden wurden, die Paketfahrer:innen dort entsorgt hatten, um daheim in Ruhe den ganzen Tag über Clubhouse-Panels lauschen zu können.

Auch die neuen Geschäftsfelder fluppten nicht so, wie sie sollten. So las sich beispielsweise das Comedy-Angebot des Streamingdienstes "Amazon Prime" zuletzt wie die Nachtprogrammierung von Sat.1 GOLD: "Two and a half men", "Türkisch für Anfänger" und "Chris Tall Presents …" – Wer das lustig findet, teilt auch Sharepics zum bedingungslosen Grundeinkommen in seiner Whatsapp-Story. Kaufkraft sieht leider anders aus. Vielleicht auch, um vom Streaming-Desaster abzulenken, stellte Bezos dann 2019 plötzlich völlig überraschend seine Mondlandefähre "Blue Moon" vor. Als das Unternehmen jedoch im selben Jahr zugeben musste, entgegen aller Beteuerungen doch zumindest ein paar Euro Steuern an die deutschen Finanzämter zu überweisen, war Bezos für die Amazon-Aktionäre eigentlich nicht mehr zu halten.

Innerlich schon gekündigt, nahm Jeff dann noch ein letztes Mal das Weihnachtsgeschäft mit, das ihm immer am liebsten wahr: Leuchtende Kinderaugen, ansonsten abgebrühte Väter mit Tränen im Knopfloch. Dafür hat er den Job eigentlich gemacht, dafür hat er es damals angefangen. Doch vielleicht hat Jeff Bezos genau um diese Zeit genau wie ich auch diesen einen Instagram-Post des Vertriebs-Genies Dirk Kreuter gelesen, der dort schreibt: "Irgendwann blickt man auf das zurück, was man getan hat. Und auf das, was man hätte tun können."

Es hat nicht sollen sein, Jeff. Good night and good luck.

Dein: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 4

Liebe Leser:innen,

als ich vorgestern Abend wie jeden Freitag das "Heute-Journal" im ZDF gestreamt habe, bin ich vor Schreck fast von der Couch gefallen. Im Nachrichtenblock mit Gundula Gause wurde ZDF-Börsenguru Frank Bethmann zugeschaltet, der aus Frankfurt am Main die neuesten Entwicklungen rund um die Gamestop-Aktie sachkundig einordnete: "Das Kräftemessen dieser beiden Gruppen, die irrsinnigen Kurssprünge zeigen es, könnte die Kapitalmärkte destabilisieren. Auch deswegen sind Staatsanwaltschaft und Börsenaufsicht in den USA jetzt aktiv geworden. Schließlich sparen Millionen von Amerikanern mit ihren Aktien für das Alter." Millionen von Amerikanern für das Alter. Dieser Halbsatz hallte in mir nach. Moment mal, dachte ich, diese hobbylosen Krawall-Kids von Reddit verzocken mit ihrem ach-so-ironischen Investment in das eigentlich schon komplett obsoletierte Geschäftsmodell von Gamestop (nämlich: Pokémon-Karten und gebrauchte PS4-Spiele in einem heruntergekommenen Ladenlokal zu verkaufen) also am Ende noch die spärliche Altersvorsorge von Millionen tüchtigen Amerikanern? Mir kam das Abendessen hoch. Und Wut. Gleichzeitig dachte ich an meine eigene Altersvorsorge: ein kompliziertes Modell aus gesetzlicher Rentenversicherung, verschiedenen Investments in Kryptowährungen, deren Namen ich immer vergesse, und einigen seriösen Anlagen aus der Produktpalette Riester-Rente.

Apropos Riester: Eine der geistigen Väter des Riester-Modells, der Philanthrop und Vox-Startup-Onkel Carsten Maschmeyer, meldete sich dieser Tage auch zum Thema Gamestop zu Wort: "Hedgefonds nutzen den Markt weiter als Casino, Nachwuchsinvestoren werden ausgesperrt: Inakzeptabel! Märkte müssen transparent sein für ALLE." Wenn jemand im Internet Großbuchstaben benutzt, weiß man: Da ist es jemandem ernst. Denn auch für Maschmeyer gab es damals, als er den Wahlkampf von Altkanzler Gerhard Schröder mit 150 000 Mark über einen Strohmann finanzierte, kein größeres Gebot als das der Transparenz. Oder das eine Mal, als er kurz nach der Jahrtausendwende dem Wunsch desselben Kanzlers nachkam und nach mehreren privaten Treffen in Hannover ein Konzept zur Rentenreform vorlegte, das zufällig genau ins Geschäftsmodell seines Unternehmens passte. Auch sein eigener Aufstieg in die Oberliga der Besserverdienenden war von Ehrlichkeit, Transparenz und dem genauen Gegenteil von "Casino-Mentalität" geprägt, als er Millionen Kleinanleger mit Investments in fragwürdige Immobilien und extrem komplizierten Fonds um ihr Vermögen brachte. Klarheit, Vertrauen, Konsequenz.

Heute investiert Maschmeyer mit seinen Investorenfreund:innen das Geld aus dieser Zeit vor einem Millionenpublikum in vegane Klangquadrate und Craft-Beer-Startersets für Menschen in der 30-something-life-crisis. Oder gibt auf der Audio-App Clubhouse (siehe Kolumne letzte Woche) tiefgründige Lebensweisheiten wie diese hier zum Besten: "Herausforderung heißt challenge und wenn man bei challenge die zwei L und das EN wegnimmt, bleibt change."

Wir sind alle nur Menschen und jeder macht mal Fehler. Dann heißt es dafür geradestehen, Mund abwischen und weiter investieren. Und niemand kann etwas dafür, wenn er vielleicht wirklich Diamanten-Hände hat und finanziell einfach immer goldrichtig lag. Auch ein Carsten Maschmeyer nicht. Und bei all dem Change, Challenge und Gamestop dieser Tage ist mir am Ende vielleicht eine Botschaft noch viel wichtiger, für die ich nochmal ein altes Diktum von Norbert Blüm abwandeln möchte: Die Renten waren noch nie sicher. Mein auf gar keinen Fall seriöser Finanztipp für diese Woche lautet deswegen: Halten, halten, halten.

Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 3

Liebe Leser:innen,

es war eine Nachricht, die Hoffnung stiftet in herausfordernden Zeiten: Seit ein paar Tagen ist "Clubhouse" auch in Deutschland verfügbar und nach Google Plus, PerspectiveDaily und und dem WordPress-Plugin für Mikrospenden namens tinyCoffee (letztes Update vor drei Jahren) ist sie auf dem besten Weg, das nächste ganz ganz große Ding im Journalismus zu werden. Die Bubble ist verständlicherweise angegeilt wie lange nicht mehr!

Normalerweise würde ich dem informierten Publikum dieser Kolumne gar nicht mehr erklären müssen, worin genau der Unique Selling Point dieser Granaten-App aus der US-Softwareschmiede "Alpha Exploration Co." liegt, aber aktuelle Auswertungen legen nahe, dass sich unter meinen Leser:innen leider auch "Menschen" mit Android-Smartphones tummeln. Und die hat man für den Launch von "Clubhouse" wohlweislich erstmal draußen gelassen, sie sollen (angeblich) in einem zweiten oder dritten Schritt mitgenommen werden. Ganz unter uns, die Gründe für diese Entscheidung liegen natürlich auf der Hand: Erstens wäre das Mobilfunknetz in Berlin-Mitte ohne die Beschränkung auf verantwortungsvolle Verbraucher mit Apple-Produkten kurz nach dem Launch zusammengebrochen und zweitens bringen Leute, die freiwillig Android-Endgeräte nutzen, aus Erfahrung nochmal eine ganz andere, speziellere Energie rein. Im klugen Meinungsstück zum Hype hieß es gestern entsprechend auf tagesschau.de: "Zivilisierte Debatten, weniger Störer."

Deswegen ein kurzer elevator recap über die App der Stunde: "Clubhouse" ist eine kostenlose Telefonie-App für Menschen, die auf Facebook, Twitter und Instagram einen blauen Haken haben. Und andere, weniger relevante Menschen können ihn nun dabei zuhören. Nicht nur mich erinnert das ganze Konzept an den berühmten Film des großen deutschen Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck (2,05 m): "Das Leben der Anderen". Auch Datenschützer – in aller Regel Kunden von Huawei und Samsung – schlagen Alarm: "Clubhouse" benötigt beim Einrichten Zugriff auf alle Kontakte im Telefonbuch, so dass auch noch nicht registrierte User:innen mitsamt der Anzahl der potenziellen Freund:innen in der App gefunden werden können. Meine Meinung dazu: Nur Kleingeister und Rumnörgler beschweren sich über kostenlose Publicity, die ja letztendlich immer auch auf die eigene brand einzahlt. Außerdem stehen die Nummern aus Berlin doch auch schon im Telefonbuch? Schade, wenn man sich und anderen mit diesem 20. Jahrhundert-Denken immer nur selber im Weg steht!

Für meinen Teil haben die ersten Erlebnisse und panels auf der Plattform meine Erwartungen sogar noch übertroffen. Wer will, kann den ganzen Tag wunderbar klugen Diskussionsrunde lauschen, wie zum Beispiel "Millennial-Journalismus: Weinerlich, egozentrisch, nischig?", "Startup Buzzword Bingo" oder – heute Abend! – "Maschmeyers Talk" mit Toni Kroos und Timo Werner (beides Fußballspieler). Diskurs-Demokratisierung pur: Jeder kann Experte für alles sein, wenn man nur fest genug daran glaubt! Auch Doro Bär von der CSU ist nach wenigen Tagen schon auf einer Frequenz von 6 panels täglich, diskutierte zuletzt 8 Stunden am Stück mit Frank Thelen und Sascha Lobo über  – na was wohl – Digitalisierung und bewirbt ihre Sessions selbstbewusst mit dem Hashtag #AnneWillwargestern. Da gehe ich mit der Digitalisierungsbeauftragten der Bundesregierung d’accord: Die neue Zauberapp aus Salt Lake City hat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk binnen einer Woche obsoletiert. Nicht nur, dass in den Funkhäusern ohnehin überwiegend schlechtbezahlte Miesepeter mit Android-Telefonen herumsitzen und nichts machen außer immer mehr Geld zu fordern. Auch die ständige Unterteilung der gesamten Welt in Gut und Böse oder Links und Rechts nervt nicht nur, sondern verhindert auch ohne Not extrem produktive Debatten mit neurechten Influencer:innen, wie zum Beispiel zuletzt mit Anabel Schunke. So gesehen kommt Clubhouse genau zur richtigen Zeit und ermöglicht vielen wichtigen Menschen in den Medien, trotz der Balla-Balla-Kontaktbeschränkungen von Bund und Ländern wunderbar einfühlsame Gespräche mit den oftmals unfair als "unzurechnungsfähig" gelabelten Vertretern aus der anderen Seite des politischen Spektrums zu führen.

Auch meine anfängliche Furcht, dass aufgrund der hohen Taktung von Sessions den Menschen auf der App schnell die Themen ausgehen werden, bewahrheitet sich zum Glück nicht: Nachdem ein extrem verkürzter und unfairer Screenshot der oben genannten Runde im Internet die Runde machte, diskutierte die Bubble der Wichtigen den "Skandal" noch bis in die frühen Morgenstunden in unendlich vielen Sub-Panels aus. Wenn "Clubhouse" also eines lehrt, dann das wirklich jeder Gedanke ein panel werden kann. Und vielleicht haben die Entwickler damit etwas geschafft, woran Wissenschaftler:innen jahrhundertelang gescheitert sind: Ein perpetuum mobile für Debatten. 

Leaves fürs Erste quietly und wünscht eine panelreiche nächste KW:

 

Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel: KW 2

Liebe Leser:innen,

es ist vermutlich keine Übertreibung: Die zurückliegende KW 2 gehörte zu den aufregendsten und gleichzeitig mental forderndsten Wochen dieses neuen Jahres. Erst sickerte am Donnerstag durch, dass die da oben wegen der ganz und gar nicht so geilen Infektionszahlen den nächsten Hyper-Mega-Ultra-Lockdown vorbereiten: Fern- und Nahverkehr sollen runtergefahren, Wirtschaft und Unternehmen zu mehr Home-Office genudget werden. Die Lockdown-Stellschrauben werden mal wieder ein paar Millimeter fester gezogen – ein mutiger Schritt, den ich selbstverständlich begrüße. Denn obwohl es natürlich stimmt, dass viele dreiste Angestellte die generösen Home-Office-Modelle zu oft für die Heimbeschulung und Betreuung des Nachwuchses ausnutzten: Bei vielen Arbeitnehmer:innen ist in den letzten neun Monaten der noch viel größere Schlendrian beim Thema Pendeln eingekehrt. Potenziell wertvolle Arbeitszeit im ICE wurde nur noch wenig bis selten für Vor- und Nachbereitung am IBM Thinkpad genutzt. Neue Arbeitsmodelle gemeinsam zu erproben lebt natürlich vom gegenseitigen Vertrauensvorschuss und den – man muss es leider so sagen – hat die Roundabout-2,5k-Brutto-Fraktion im vergangenen halben Jahr fürs Erste verspielt. So kann das absehbar erst mal nichts werden mit der schwarzen Null.

Entsprechend groß waren die Hoffnungen auf einen neuen CDU-Leader aus Brilon im Sauerland: Mit Friedrich Merz ist dieser halbgare Mitte-Merkel-Sozial-Larifari nicht zu machen, so der konservative Tenor entlang des deutschen Bible Belts von Baden-Württemberg bis Sachsen-Anhalt. Und ebenso groß war dann auch die Enttäuschung, dass die 1001 Delegierten, unter schwerstem Hackerbeschuss aus "Osteuropa und Afrika", Armin Laschet zu ihrem neuen Oberhaupt wählten. Denn, auch das gehört zur Wahrheit dazu, für viele Konservative ist Armin Laschet so etwas wie der Kevin Kühnert der CDU: Ein Radikaler, einer, der immer wieder mit dem Sozialismus liebäugelt, ein so gemütlicher wie gemeingefährlicher Träumer aus dem unberechenbaren Extremistenhort mit den drei verhängnsivollen Großbuchstaben: NRW, all caps. In der inoffiziellen Vereinspublikation der Werteunion (die Welt) hieß es entsprechend noch vor ein paar Tagen: "Merz ist der Kandidat der Mitte."

Die Bilder vom durchdigitalisierten Parteitag hatten aber noch eine andere Message im Gepäck: Die Zukunft macht sich mit Riesenschritten auf in die Gegenwart. Für manchen Landesverband vielleicht sogar mit etwas zu großen Schritten. Während der, durch zusammenchoreografierte Livestreams der singenden Delegierten, merkwürdig synthetisch wirkenden Nationalhymne, erzählten die Gesichter der neuen Führungsspitze der Christdemokraten eine ganz eigene Geschichte, irgendwo zwischen "Gottseidank den Sauerland-Trump verhindert" und nackter Angst davor, wie das Merz-Lager den Sieg des angeblichen Partei-Establishments medial wohl verwerten würde. Einen Vorgeschmack gab es gestern schon, als Robin Alexander gleichermaßen erschrocken wie erregt in den Raum stellte, ob sich Jens Spahns Webcam-Fauxpaus (wir berichteten im Live-Ticker) wohl noch zur neuen "Dolchstoßlegende" in der Union auswächst. Lieber Robin, nur ein Wort dazu: Be careful what you wish for.

Klar ist aber auch: Diamanten entstehen unter Druck. Das gilt nicht nur für Berufspolitiker, sondern auch für uns normale Menschen. Und Druck ist aktuell genügend da: Was als dringend notwendiger Patch für das Katastrophenjahr 2020 erwartet wurde (nämlich: das Jahr 2021), entpuppt sich schon in den ersten sechzehn Tagen verbuggter als das Hype-Computerspiel Cyberpunk 2077. Doch Krisensituationen sind selbstredend immer auch Chancen zur Veränderung. So ein katastrophales Jahr lässt sich natürlich nicht einfach nach 14 Tagen wieder im Playstation Store umtauschen, sondern ist jetzt einfach irgendwie erst mal da.

So wie Waldemar Hartmann in Leipzig. Hartmann liefert im bereits fortgeschrittenen Alter zur Überraschung vieler eine leuchtende case study für lebenslanges Lernen und eine tolle Geschichte über den Mut zur Veränderung, auch in schwierigen Zeiten. So unterstützte er den sächsischen Kult-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer bei seinem Wahlkampf 2019 (wusste ich zum Beispiel gar nicht!) und ist danach einfach nie wieder nach Bayern zurückgekehrt: "Seit dieser Zeit wohne ich mit meiner Frau in Leipzig. Wir haben die ostdeutsche Seele seitdem kennengelernt. Und vor allem verstehen wir sie von Tag zu Tag mehr. Diese ostdeutsche politische Sehnsucht hatte einen Namen: Friedrich Merz", hieß es gestern in seinem luziden 400-Zeichen-Gastbeitrag über den CDU-Parteitag im Cicero-Magazin. Chancen sehen und verwandeln, so in etwa könnte die hoffnungsvolle Botschaft ausgehen, die von dieser hübschen Anekdote ausgeht. Oder, noch knalliger:

Mehr Waldemar Hartmann wagen.

Bis nächste Woche,

Euer: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel: KW 1

Liebe Leser_innen,

abgefahren: Die erste "richtige" KW des Jahres 2021 hatte es mal wieder ordentlich in sich. Erst die Konferenz am Dienstag zwischen Bund und Ländern, von der vor allen Dingen die Erfindung des wordings "Coronaleine" durch die Bild und die anschließende Nobilitierung eben dieses wordings in der Tagesschau durch Tina Hassel hängen bleiben wird - in normalen Zeiten reicht allein die Causa Merkelleine für drei bis vier Kolumnen. Und dann am Donnerstag gönnte uns das neue Jahr schon das erste Jahrhundertereignis für diesen Monat: Die Stürmung des Kapitols durch "Demonstranten" (O-Ton ARD Morgenmagazin, dazu später mehr), die politisch mutmaßlich eher dem Trump-Lager zuzuordnen sind. Statt des Ereignisses selber interessiert mich naturgemäß natürlich nur, wie die Bilder aus Washington, D.C. Widerhall fanden im Debattengewitter hierzulande. Dabei fielen mir verschiedene Dinge auf: Erstens: How did we get here? Selbst dieser historische Moment, in dem "das demokratische Projekt" des Westens offenbar endgültig baden geht, verkommt für Berufs-Internetkasper wie mich oder Mario Sixtus lediglich zum Stichwortgeber für den nächsten Powertweet. Einerseits natürlich eine traurige Entwicklung, andererseits geht es im harten Internetgeschäft heute mehr denn je um die Pflege der eigenen Marke. In Zeiten, in denen sich Menschen, die mit Schwarz-Weiß-Fernseher und zwei Programmen aufgewachsen sind, mit Satireangeboten im Internet selbstständig machen, ist der Konkurrenzdruck so hoch wie nie. Und wenn an so einem Tag die Favs für politisch eher links Verortete mehr oder weniger auf der Straße liegen, gilt dieselbe Maxime wie damals in der Kreisliga, nämlich den einfachen Pass zu spielen: "Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. In keinem Land der Welt." 700 Favs, 50 Retweets. Wer vor Schichtende keinen bundespräsidialen no-brainer zum Platin-Tweet veredelt, klebt followertechnisch nicht ohne Grund seit mehr als 12 Monaten im dreistelligen Bereich und sollte vielleicht doch noch mal überlegen, das seit sechs Jahren brachliegende Studium doch noch zu beenden und den geraden Weg zu gehen.

Ich für meinen Teil vergleiche diese globalen Events, die plötzlich über uns hereinbrechen, gerne mit einem Regenschauer bei einem Formel 1-Rennen, den niemand bis dahin auf dem Wetterradar hatte und der in der Folge das gesamte Klassement durcheinanderwürfeln kann. Wer hier nicht blitzschnell reagiert, verliert schnell den Anschluss. So gesehen bei Florian Schröder, der den Nachmittag wohl im Podcast-Studio im Keller verbrachte und nach Feierabend – wie so viele – plötzlich von der "Lage" überrascht wurde. Sein Tweet "Traum: Ein Impfstoff gegen den grassierenden Trumpismus." wirkt wie der Versuch, trotz tödlicher Verspätung noch mal in die Debatte zu finden. Irgendwie. Diskurs-Brechstange.

Spätere Generationen werden uns einmal fragen: Wo warst du, als der nackte Mann mit Wikingerhelm im Kapitol die Wahlunterlagen einsammelte? Meine Antwort wird leider lauten: Auf der Internetseite eines im Grunde nur mäßig profitablen US-Internetkonzerns, auf der jedoch gleichzeitig, mein Sohn, in den Monaten und Jahren der Pandemie sich etwas breit machte, was man den "Zauber digitaler Intimität" zu nennen ich mich nicht schäme. Man rückt näher zusammen, tauscht sich über sich und seine Gefühle, Ängste (nur echt im Plural), aber auch Hoffnungen aus. Ein lieber Freund schrieb mir in den Stunden der Erstürmung des Kapitols: "Auch irre: Irgendwo in Köln klingelt gleich ein Wecker und Sven Lorig macht sich auf den Weg ins WDR-Studio, um das Ganze einzuordnen."

Der Wecker klingelte rechtzeitig. Die allgemeine Weltuntergangsstimmung konterkarierte Lorig dann in der Schalte nach Washington mit seiner stärksten Waffe: Seiner rheinischen Gelassenheit. "Jan Philipp Burgard, guten Morgen, schönen guten Abend. Wie ist denn die Geisterstunden-Stimmung in Washington?" Burgard nahm den Pass dankend mit dem Innenrist an: "Ja es ist tatsächlich ein bisschen Geisterstunden-Stimmung, wir wissen nämlich, dass inzwischen vier Menschen bei den Protesten ums Leben gekommen sind." Wann immer auf der Welt etwas passiert, für das man sich noch auf keinen einheitlichen Begriff einigen konnte und für das darum mehrere Bezeichnungen kursieren, kann man die Frühaufsteher-Uhr danach stellen, dass sich das Morgenmagazin für die "unglücklichere" Variante entscheidet - und nennt den Putschversuch konsequent "Proteste" und "Auschreitungen". Aber let’s keep it fair, zumindest mit der Schnell-Analyse aus dem Studio Washington traf Burgard dann ins Schwarze: "Aber die interessante Sache ist sozusagen, dass die Demonstranten mit ihrem Angriff auf die amerikanische Demokratie im Grunde das Gegenteil bewirkt haben, von dem, was sie wollten. Denn viele republikanische Senatoren und Abgeordnete haben ihren Widerstand gebrochen und verzögern das Verfahren jetzt nicht so, wie sie es ursprünglich vorhatten. [...] Am Ende dieses denkwürdigen und turbulenten Tages scheint sich die amerikanische Demokratie als wehrhaft zu erweisen." Nach so viel hoffnungsvollen Nachrichten aus dem Land jenseits des Atlantiks hatte ich dann auch wieder den Kopf frei für die Sportrubrik mit Peter Großmann: In der Basketball-Bundesliga gewann nämlich Bamberg gegen Ulm im Nachholspiel mit 74:67.

Euch noch einen sportlichen Sonntag und demokratische Grüße,

Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel: KW 53

Liebe Leser_innen,

ich hoffe, ihr seid smooth und easy ins neue Jahr gerutscht! Bei mir war auf jeden Fall okay! Politische Beobachter wie Robin Alexander und ich wissen: Die Monate zwischen November und März verlaufen traditionell debattenarm. Deswegen habe ich für die heutige Ausgabe des Debattenrückspiegels eine Extrarunde gedreht und für euch die Neujahrsansprache eines hidden champions der föderal organisierten BRD analysiert: Es geht natürlich um Michael Kretschmers Neujahrsrede an seine sächsischen Mitbürgerinnen und Bürger! Wie würde Kretschmer das schwierige Genre der Videoansprache meistern? Welche Botschaften hat das ewige CDU-Talent für den Freistaat im Gepäck? Kriegen wir die Youtube-Fassung nach dieser Kolumne gemeinsam über 1000 Views gedrückt? Und kann sich Kretschmer zwei Wochen vor dem digitalen CDU-Parteitag noch mal in Stellung bringen? Finden wir's raus!

Das Video beginnt – natürlich – im schönen Freistaat Sachsen. Schon das Intro ist ein Ohren- und Augenschmaus. Eine zarte Slideshow-Animation mit herrlich statischen Fotos aus Chemnitz, der Jakobikirchturm nebst erleuchtetem Weihnachtsbaum, ein verspielter Slide-Zoom auf das Karl-Marx-Monument, dann ein selbstgebastelter Weihnachtsstern vor dem tiefblauen sächsischen Abendhimmel: Windows Movie Maker-Vibes at its best. Für die musikalische Untermalung sorgt – wie schon in Kretschmers Ansprache aus dem Vorjahr – eine Bearbeitung von "Fanfare for the Common Man" von Aaron Copland. Musikalischer Volltreffer: Copland schrieb die Fanfare unter dem Eindruck der Rede des US-amerikanischen Vizepräsidenten Henry A. Wallace, die dieser im Februar 1942 anlässlich des Kriegseintritts der USA hielt und worin dieser das Jahrhundert des Normalbürgers ausrief. History repeats itself, der Ton ist gesetzt.

Nach 15 Sekunden dann Auftritt Kretschmer: "Glück auf zum neuen Jahr mit Bildern aus Chemnitz!" Passend: Kretschmer hat sich für seine Ansprache den Zoom-Hintergrund "Abendstimmung in Sachsen" ausgesucht. Die Lage ist ernst, was also tun? Während die Elfenbein-Politiker_innen drüben in Berlin ihre Neujahrsreden gleich wieder mit dem Dauerbrenner-Thema Corona beginnen, hat der MP sein Ohr ganz nah am Gleisbett des sächsischen Emotionshaushalts und weiß: Dieses Chinavirus nervt jetzt mal langsam. Deswegen setzt er voll und ganz auf die Magie und Power des drohenden Kulturhauptstadtjahres 2025 in Chemnitz: "Das ist eine großartige Chance für diese faszinierende, moderne und vielfältige Stadt und für ganz Sachsen!" In der Fachliteratur nennt man diese originelle Variante bereits die Kretschmer-Eröffnung: Well played, Mister Ministerpräsident!

Was gleichzeitig auffällt: Kretschmer hat das Frisurenkapitel "Nuller Jahre Indieboy" mit nun 45 Jahren offenbar endgültig hinter sich gelassen. Im Video präsentiert er sich trotz aller Freude über das Kulturhautptstadtjahr mit ungewohnt strengem Styling, kaum Gel, wenig Volumen, dafür aber ein sehr klarer und definierter Seitenscheitel. Wer sich so vor die Webcam stellt, hat ein paar Anliegen in der Tasche. So auch der Sachsen-MP, sein erster Dank gilt dem Pflegepersonal, "den Frauen und Männern, die seit 10 Monaten mit der Flut der Coronafälle" umgehen: "Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!" Man spürt sehr deutlich, wie sehr ihm die Krankenhausmitarbeiter_innen am Herzen liegen, erst neulich hat er einem Krankenhaus ein paar Christstollen vorbeigebracht. Century of the Common Man eben. Aber er kann auch Klartext: "Lassen Sie sich impfen, sobald es möglich ist! Jede Impfung hilft!" Ein Appell, auf den Steinmeier und Merkel in ihren Neujahrsreden verzichtet haben, der in Sachsen aber notwendig scheint.

Gegen 2:25 dann mein persönliches Highlight des Videos: Kretschmer zählt auf, worauf wir uns 2021 wieder alles freuen können. "Auf unbeschwerte Begegnungen mit Musik und Tanz. Auf Besuche von Theatern, Museen und Freizeiteinrichtungen. Auf packende Sportveranstaltungen mit Publikum." Spannend, wie er hier nach "Sportveranstaltungen" eine kurze, trotzdem etwas zu lange Pause lässt, um dann "mit Publikum" dranzuhängen. Sollte so der Wunsch nach endlich wieder vollen Stadien besonders betont werden? Oder hat Kretschmer den Teleprompter beim Sprechen outperformed? Wir wissen es nicht, aber oft genug sind es genau diese Leerstellen, diese Uneindeutigkeiten, die einen guten Politiker erst zu einem sehr guten machen.

Dann wird's noch mal sehr konkret, Kretschmer greift den Kulturhauptstadtfaden vom Anfang noch einmal auf: "Und auf ausgelassene Freude, so wie hier in Chemnitz." Jeder Redenschreiber weiß: Das hier ist jetzt der Höhepunkt deines Skripts, jetzt muss es so richtig knallen. Und dann hast du sie entweder im Sack oder komplett verloren. Ich bin ehrlich, bei mir ist es ersteres. Denn Kretschmer, Medienprofi durch und durch, spielt (vermutlich mit einem Fußschalter außerhalb des Videoausschnitts?) eine MAZ ab, die uns noch einmal die unvergessenen Bilder der Juryentscheidung für Chemnitz als Kulturhauptstadt 2025 in Erinnerung ruft: Mindestens 20, wenn nicht 25 Menschen sitzen mit Europa-Fähnchen im Foyer des Rathauses Chemnitz vor einer Leinwand und jubeln so ekstatisch wie anno 2006, als Lahm gegen Costa Rica im Eröffnungsspiel netzte. Wer hier keine Träne verdrückt, hat nie geliebt.

Im Vertrieb würden wir sagen: Jetzt muss er den Sack zumachen. Nichts anderes macht Kretschmer dann auch: "Der eine oder die andere scheint auf dem Weg zur Entspannung die Nerven zu verlieren. Aber diese Pandemie lässt sich nicht mit Hektik oder Hysterie beenden. Wir brauchen Geduld und Willensstärke." Packend, wie er hier auch wirklich noch den letzten mit ins Boot holt. Und dann "Lassen Sie uns das Beste geben. Für unsere Heimat. Für Sachsen."

Seit Ende Oktober 2020 rätselt Polit-Deutschland, wen Annegret Kramp-Karrenbauer eigentlich genau meinte, als sie das Bewerbertrio um den CDU-Vorsitz vor einem möglichen vierten Überraschungskandidaten warnte. Mit seiner Neujahrsansprache auf Youtube (858 Views, 2.1.2021) hat Michael Kretschmer nun endlich die Antwort geliefert.



Bleibt zu Hause und gesund,



euer: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel: KW 52

Liebe Leser_innen,

ein Satz aus einem Spiegel-Bezahlartikel ging mir diese Woche nicht aus dem Kopf. Am. 23.12. hatte das Team von der Ericusspitze den Text ins Internet hochgeladen, die Überschrift lautet bis heute: "Wenn Ökonomen abdriften". Beschäftigt wird sich mit dem "Phänomen", dass viele wirtschaftsliberale forward thinker in den letzten Jahren nach rechts abgedriftet sind: Meuthen, Homburg, Tichy – you name it. Weil ich mich immer noch nicht für ein Spiegel-Plus Abo entschieden habe, konnte ich naturgemäß nur die ersten drei Absätze lesen, aber meistens steht dort schon alles Wichtige drin. Zum Beispiel die Kernfrage, die offenbar für so viel Staunen in der Spiegel-Redaktion gesorgt hat: "Sein neues Publikum würde ihm diese Frage natürlich nie stellen, auch wenn sie sich aufdrängt, wann immer Stefan Homburg in der Öffentlichkeit spricht: Wie kann jemand so Kluges solch einen Unsinn verbreiten?" Für mich ist dieser erste Satz eine on point delivery, er trifft chirurgisch präzise genau das Gefühl vieler Menschen da draußen: Wie geht es, dass einer vom respektierten Wirtschaftsliberalen zum Querdenker wird; und das in einem Land, in dem eine akademische Ausbildung, zumal in der VWL, bislang noch immer die beste Medizin gegen jede Versuchung von rechts war? Vielleicht gibt es im Artikel später noch eine Erklärung, vielleicht aber auch nicht, denn ab dem dritten Absatz verblasst der Text vor mir.

Auch anderen Szenegrößen aus der Querdenkenbubble geht kurz vor Weihnachten die Luft aus. So musste der HNO-Arzt und Corona-Leugner Bodo Schiffmann nun nicht nur seine Schwindelambulanz in Sinsheim schließen, beim Herrn Doktor stapeln sich zudem inzwischen auch die Strafanzeigen, weil seine Patient_innen entgegen seiner ärztlichen Empfehlung die von ihm ausgestellten Fantasie-Atteste bei jeder Gelegenheit vorzeigen. Im Stream denkt der Doktor angesichts des drohenden juristischen Backlashs der BRD GmbH laut über eine Flucht ins Ausland oder ein Abtauchen in den Untergrund nach. Angebote für sichere Unterschlüpfe nimmt Schiffmann nach eigenen Angaben auch per Mail entgegen, und weil ich am Weihnachtsabend aus naheliegenden Gründen wenig zu tun hatte, habe ich für ihn schon einmal eine Liste mit 20 möglichen Rückzugsorten in den Wäldern NRWs recherchiert. Z. B. gibt es hier bei uns in der Nachbarschaft einige leerstehende Häuser, die mir beim Spazierengehen aufgefallen sind (Stichwort Upcycling). Man tut, was man kann, auch und gerade an Heiligabend.

Auch woanders gab es Grund zur Hoffnung: In Düsseldorf ist gestern die erste Impflieferung angekommen und wurde von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet persönlich in Empfang genommen: "Der Tag ist so bewegend, weil jetzt die Chance besteht, dass das überwunden wird." Auch wenn Laschet hier in erster Linie seine schlechten Umfragewerte im Rennen um den CDU-Vorsitz meint: Mit ein wenig Fantasie kann man hier auch eine positive Botschaft im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie herauslesen. Und Fantasie gehört für uns in NRW schon seit jeher dazu.

Leben auf Proxima Centauri?

Euer Dax Werner

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Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Wie bitte, Extremismusforscher Matthias Quent?

Im Interview mit der Tagesschau vertraten Sie die Meinung, Deutschland habe »viel gelernt im Umgang mit Hanau«. Anlass war der Jahrestag des rassistischen Anschlags dort. Das wüssten wir jetzt aber doch gern genauer: Vertuschung von schrecklichem Polizeiverhalten und institutionellem Rassismus konnte Deutschland doch vorher auch schon ganz gut, oder?

Hat aus Ihren Aussagen leider wenig gelernt: Titanic

 Kurz hattet Ihr uns, liebe Lobos,

Kurz hattet Ihr uns, liebe Lobos,

als Ihr eine Folge Eures Pärchenpodcasts »Feel the News« mit »Das Geld reicht nicht!« betiteltet. Da fragten wir uns, was Ihr wohl noch haben wollt: mehr Talkshowauftritte? Eine Homestory in der InTouch? Doch dann hörten wir die ersten zwei Minuten und erfuhren, dass es ausnahmsweise nicht um Euch ging. Ganz im Sinne Eures Formats wolltet Ihr erfühlen, wie es ist, Geldsorgen zu haben, und über diese Gefühle dann diskutieren. Im Disclaimer hieß es dann noch, dass Ihr ganz bewusst über ein Thema sprechen wolltet, das Euch nicht selbst betrifft, um dem eine Bühne zu bieten.

Ihr als Besserverdienerpärchen mit Loft in Prenzlauer Berg könnt ja auch viel neutraler und besser beurteilen, ob diese Armutsängste der jammernden Low Performer wirklich angebracht sind. Leider haben wir dann nicht mehr mitbekommen, ob unser Gefühl, Geldnöte zu haben, berechtigt ist, da wir gleichzeitig Regungen der Wohlstandsverwahrlosung und Realitätsflucht wahrnahmen, die wir nur durch das Abschalten Eures Podcasts loswerden konnten.

Beweint deshalb munter weiter den eigenen Kontostand: Titanic

 Anpfiff, Max Eberl!

Sie sind seit Anfang März neuer Sportvorstand des FC Bayern München und treten als solcher in die Fußstapfen heikler Personen wie Matthias Sammer. Bei der Pressekonferenz zu Ihrer Vorstellung bekundeten Sie, dass Sie sich vor allem auf die Vertragsgespräche mit den Spielern freuten, aber auch einfach darauf, »die Jungs kennenzulernen«, »Denn genau das ist Fußball. Fußball ist Kommunikation miteinander, ist ein Stück weit, das hört sich jetzt vielleicht pathetisch an, aber es ist Liebe miteinander! Wir müssen alle was gemeinsam aufbauen, wo wir alle in diesem gleichen Boot sitzen.«

Und dieser schräge Liebesschwur, Herr Eberl, hat uns sogleich ungemein beruhigt und für Sie eingenommen, denn wer derart selbstverständlich heucheln, lügen und die Metaphern verdrehen kann, dass sich die Torpfosten biegen, ist im Vorstand der Bayern genau richtig.

Von Anfang an verliebt für immer: Titanic

 Du, »Deutsche Welle«,

betiteltest einen Beitrag mit den Worten: »Europäer arbeiten immer weniger – muss das sein?« Nun, wir haben es uns wirklich nicht leicht gemacht, ewig und drei Tage überlegt, langjährige Vertraute um Rat gebeten und nach einem durchgearbeiteten Wochenende schließlich die einzig plausible Antwort gefunden. Sie lautet: ja.

Dass Du jetzt bitte nicht zu enttäuscht bist, hoffen die Workaholics auf

Deiner Titanic

 Wow, Instagram-Kanal der »ZDF«-Mediathek!

In Deinem gepfefferten Beitrag »5 spicy Fakten über Kim Kardashian« erfahren wir zum Beispiel: »Die 43-Jährige verdient Schätzungen zufolge: Pro Tag über 190 300 US-Dollar« oder »Die 40-Jährige trinkt kaum Alkohol und nimmt keine Drogen«.

Weitergelesen haben wir dann nicht mehr, da wir uns die restlichen Beiträge selbst ausmalen wollten: »Die 35-Jährige wohnt nicht zur Miete, sondern besitzt ein Eigenheim«, »Die 20-Jährige verzichtet bewusst auf Gluten, Laktose und Pfälzer Saumagen« und »Die 3-Jährige nimmt Schätzungen zufolge gerne das Hollandrad, um von der Gartenterrasse zum Poolhaus zu gelangen«.

Stimmt so?

Fragen Dich Deine Low-Society-Reporter/innen von Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Kapitaler Kalauer

Da man mit billigen Wortspielen ja nicht geizen soll, möchte ich hier an ein großes deutsches Geldinstitut erinnern, das exakt von 1830 bis 1848 existierte: die Vormärzbank.

Andreas Maier

 Wenn beim Delegieren

schon wieder was schiefgeht, bin ich mit meinen Lakaien am Ende.

Fabio Kühnemuth

 Bilden Sie mal einen Satz mit Distanz

Der Stuntman soll vom Burgfried springen,
im Nahkampf drohen scharfe Klingen.
Da sagt er mutig: Jetzt mal ehrlich –
ich find Distanz viel zu gefährlich!

Patrick Fischer

 Frühlingsgefühle

Wenn am Himmel Vögel flattern,
wenn in Parks Familien schnattern,
wenn Paare sich mit Zunge küssen,
weil sie das im Frühling müssen,
wenn überall Narzissen blühen,
selbst Zyniker vor Frohsinn glühen,
Schwalben »Coco Jamboo« singen
und Senioren Seilchen springen,
sehne ich mich derbst
nach Herbst.

Ella Carina Werner

 Kehrwoche kompakt

Beim Frühjahrsputz verfahre ich gemäß dem Motto »quick and dirty«.

Michael Höfler

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
19.04.2024 Wuppertal, Börse Hauck & Bauer
20.04.2024 Eberswalde, Märchenvilla Max Goldt
20.04.2024 Itzehoe, Lauschbar Ella Carina Werner
24.04.2024 Trier, Tuchfabrik Max Goldt