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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Aus dem Trainingslager

„Leben heißt Hoffnungen begraben“, lässt Fontane in seinem eher langweiligen Roman „Cécile“ den jungen Herrn von Gordon sagen, und der Journalist Fontane wusste, wovon er schrieb. Doch wollen wir nicht immer auf die Zeitung schimpfen, dient sie doch mindestens dem trainierten Leser (mir!) als sozusagen Realitätsrelais und bietet Aufschluss noch da, wo es vorderhand bloß Zeitung ist.

In Sri Lanka haben kranke Köpfe viele hundert Menschen in die Luft gesprengt, in der allerhöchstwahrscheinlich irrigen Annahme, der liebe Gott begrüße das, und wenn ich „krank“ schreibe, dann meine ich das so, dass hier wer in einem geschlossenen Wahnsystem lebt; anders als etwa der „Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung der Union“ nebst „führenden Unionspolitikern“, die direkt neben dem Aufmacher vom Blutbad eine Kohlendioxidsteuer ablehnen, die das Autofahren um lächerliche 28 Cent pro hundert Kilometer verteuern würde und sowieso viel zu niedrig ist. Aber Steuern auf tödliche Gase, wo kämen wir da hin; wir schaffen doch nicht unsere stetig wachsenden Plastikmüllberge nach Asien, um jetzt beim Weiterbrummen kleinlich zu werden.

„Luft Luft“ Falco, 1986

Es gibt ja immer nur die eine Luft, und das ist nun mal die Luft, die sie atmen, und kommt wer und fordert Luftveränderung, dann verstehen sie das gar nicht. Wissenschaftler der katholischen Universität Eichstätt haben, zwei Meldungen weiter, herausgefunden, dass zweisprachiger Unterricht in der Grundschule „auch die Leistungen in Deutsch und Mathematik“ verbessere, denn „das Gehirn wird besser trainiert“, weshalb die Artikelüberschrift auch nicht die üblich sportifizierende, bei strengerer Auslegung sogar schon fast faschonable Vulgarität ist („Liegestütz fürs Gehirn“), sondern sich einfach zuviel falschem Training verdankt, jenem Training, das den modernen Leistungs- als Verbrauchs- und letztlich Powermenschen hervorbringt, einen Apparat unter Apparaten, und was verlangen wir von Apparaten? Dass sie so wunderbar funktionieren wie Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, die jetzt heimlich geheiratet hat, und zwar nicht im heimischen Rheinland-Pfalz, weil das, in jeder Beziehung, zu nahe gelegen hätte, sondern in Südafrika. Weil ihr Angetrauter nämlich Südafrikaner ist? Nee: „Geschäftsführer eines Oldtimerzentrums in Mülheim-Klärlich“.

Und also fliegen 20 Leute nach Südafrika, damit man die „vierstöckige Torte“ (SZ) nicht in Kusel verzehren muss; schließlich: „Es ist unser aller Aufgabe, die Lebensgrundlagen künftiger Generationen und die biologische Vielfalt zu erhalten. Wir setzen das Prinzip der Nachhaltigkeit politisch um“ (julia-kloeckner.de), und weil sich „Wetterextreme häufen, setzt sich Landwirtschaftsministerin Klöckner für gentechnisch verändertes Saatgut ein. Es gibt aber auch Alternativen“ (Welt.de, 23.4.), aber dann kommt man nicht mehr nach Südafrika, und nach Marseille muss der SZ-Magazinist Haberl die Bahn nehmen: „Ich plädiere an dieser Stelle für Pastis. Warum? Nehmen Sie den nächsten Billigflieger nach Marseille und gehen Sie morgens runter zum Hafen“, und dann trinken wir Pastis und sind „für ein deutsches Frühstückscafé, in dem die Gäste um neun Uhr morgens die Kopfhörer aufsetzen und drauflosmailen, für immer verloren“. Das also ist die Multioptionsgesellschaft: Entweder mit den modernen Leistungs- als Verbrauchs- und letztlich Powermenschen das Frühstückscafé teilen oder mit denselben Menschen zum formvollendeten Runterkommen in den Billigflieger steigen.

Und dann in Marseille am Hafen sitzen und sich dort ein Morgenblatt besorgen; und es wieder mal nicht fassen können, wie tödlich eng es in manchen Köpfen ist.

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Gärtners kritisches Ostersonntagsfrühstück: My Baby Baby Balla Balla

Dass sich „im besten, freiesten und wunderschönsten Deutschland aller Zeiten alles unablässig selbst karikiert, ohne es zu merken“, ist an dieser Stelle bereits dargelegt worden, falls diese Darlegung nicht sogar der regelmäßige Zweck dieser Kolumne ist, und ob mein alter Einwand, die Rede von der „Realsatire“ sei eo ipso Unsinn, da noch viel mehr ist als Prinzipienreiterei, ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass mein Fenster auf die Straße geht und eben eines dieser großen, mit tischplattengroßen, haifischmaulartigen Kühlergrills versehenen Aus-dem-Weg-Arschloch-Autos (das „Arschloch“ hier ruhig als Scharnier lesen) hinter einem alten Golf geparkt hat und die Motorhaube des einen fast mit der Dachkante des anderen abschließt; und dass auch der neue 7er-BMW wirklich wie eine Karikatur auf Aus-dem-Weg-Arschloch-Autos aussieht, entworfen und gebaut von Leuten, die für derlei entweder kein Auge haben oder deren Hand gar nicht die eigene ist, sondern die bewährt unsichtbare des Marktes, die leider, fragt man mich, allzu sichtbar ist und immer sichtbarer wird.

Im Buchladen ist Satire jetzt tatsächlich in die Realität gewandert: „Allgemeine Relativitätstheorie für Babys“, ein Pappbilderbuch „ab 2 Jahren“, darin etwa ein von einem schweren Objekt gekrümmtes Raumzeitgitter, und wenn ich schreibe: Das ist kein Witz, dann stimmt das nur zur Hälfte. „Allgemeine Relativitätstheorie für Babys ist eine heitere und verständliche Hinführung zu Albert Einsteins berühmtester Theorie. Kleinkinder (und Erwachsene!) lernen alles über Schwarze Löcher, Gravitationswellen und mehr. Auf unnachahmlich leichte Weise und stets mit einem Augenzwinkern schafft es der Quantenphysiker und Familienvater Chris Ferrie, Kinder und Erwachsene gleichermaßen zu inspirieren. Die Bücher der Baby-Universität sind der einfachste Weg, um schon unsere Jüngsten für die Wunder der Wissenschaft zu begeistern.“ Genau. Bzw.: „Es ist niemals zu früh, ein Genie zu werden!“

Ich, bis unter die Kopfhaut inspiriert, lese es mit einem Zwinkern derselben Augen, die die anderen Titel der Reihe im Regal liegen sehen („Evolution“, „Quantenphysik“, „Raketenwissenschaft“), und also darf man annehmen, dass die Reihe bereits ein Erfolg ist; und vergleichsweise von gestern mithin der „Kinder-Hörsaal“ der deutschen Grammophon, und geradezu von vorgestern die Frage, was das soll. Und wer das kauft. Und warum.

„Wer hier lacht, der kriegt gescheuert.“ Helge Schneider, 1995

Und wieder bin ich gezwungen, auf unsere Bildungsbürger und Mittelschichtsmuttis einzuhauen, die ja glauben, sie verdienten Mitleid, aber statt irgendeiner Art von Reflexion (oder gar Selbstreflexion) nur immer den allerärgsten Unsinn und verächtlichst vulgärdistinktorischen Scheißdreck ausbrüten und ihre Kleinsten jetzt auch noch mit Einstein traktieren, der allerdings wusste, dass die menschliche Dummheit noch viel unendlicher ist als das Universum. Falls es hier um persönliche Dummheit geht und nicht um die schlichte Konsequenz der Tatsache, dass Krieg herrscht und dass, wer kann, sich bewaffnet, der eine mit dem Messer, die andere mit Einstein und beide mit zu großen Autos.

Mag sein, die bürgerliche Gesellschaft ist nie etwas übertrieben Geistreiches gewesen; aber mit welch grimmer Entschlossenheit und immer noch einmal saublöder das voranwürgt und -walkt und -spinnt, ist vielleicht doch ein Indiz dafür, dass sie, in ihrer Schwundform als „Chancen-“ bzw. „Wissensgesellschaft“, jetzt wirklich in die Auflösung rast und kurz vor knapp noch ebenjenen Geist in die Kleinsten zu peitschen versucht, den sie auf ihren realen Baby-Universitäten an Bertelsmann verschenkt. Dass der Vorgang indes schon viel weniger traurig als längst eher widerlich ist, spricht dann freilich wieder gegen Diagnosen, die kalmierend Realsatire erkennen mögen; denn Satire, bitte sehr, wär’ ja im Idealfall zum Lachen.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Exklusiv

„Massive Zweifel an wichtiger Studie … Laut der von dem Neurowissenschaftler und Tübinger Professor Niels Birbaumer geleiteten Untersuchen sei es möglich, mithilfe einer speziellen Gehirnkappe mit vollständig gelähmten Menschen zu kommunizieren“ – eigentlich müsste ich die massiven Grammatik- und Stilschwächen meiner Morgenzeitung als Eintreten fürs Schwache und Widerstand gegen den Perfektionswahn gutheißen, denselben, der drei Seiten weiter freilich geleugnet wird: „Welch ein Menschenbild liegt der Vorstellung zugrunde, dass ein Test auf Kosten der Kasse zu einem Aussortieren jeden Lebens führt, das nicht einer gesellschaftlichen Norm entspricht? Es ist die Idee von Paaren, die so lange testen und abtreiben, bis sie endlich ein makelloses Baby erwarten können. Von Schwangerschaften unter Vorbehalt. Mit der Marktreife jedes neuen Gentests müsste man sich künftig dieselbe Frage stellen: Zerstören Eltern mit diesen Informationen die Vielfalt unserer Gesellschaft?“

Denn wenn unsere Gesellschaft etwas auszeichnet, dann ist es nicht etwa Konformität, sondern Vielfalt, Vielfalt und dreimal Vielfalt, und wenn wir etwas ablehnen, dann ist es das Aussortieren, auch wenn die, die es können, beizeiten darauf sehen, dass die Kinder den richtigen Arzt und die richtige Kita und die richtige Schule und das richtige Essen und die richtigen Freunde (mit dem richtigen Essen) haben, und auf meinen Schreibtisch der Prospekt einer Kinderboutique gelangt ist, wo man Kindermöbel (bzw. „Homeware“) von String und Vitra kaufen kann, denn: „Wer einen guten Geschmack entwickeln will, sollte früh damit anfangen“, schon wegen der kleinen, aber bekanntlich so entscheidenden Unterschiede. Das ist natürlich kein Aussortieren, eher ein Einsortieren, und wenn andere das nicht wollen oder können und dann mit ihrem Schrottgeschmack vor der Schrankwand sitzen, kann wieder niemand was dafür.

„Unser ganzer Gesellschaftszustand, der sich wunder wie hoch dünkt, ist mehr oder minder Barbarei“ Fontane, 1897

„Doch der Weg zu einer Gesellschaft, in der Menschen mit und ohne Behinderung ihren Platz haben, führt nicht über die Unwissenheit der Eltern.“ Noch über überhaupt jemandes Unwissenheit, etwa die der SZ-Redakteurin, die eine Gesellschaft, die strukturell behindert, lieber aufs populäre Beispiel bringt: „Die Politik muss sich die Frage stellen, warum eine Behinderung heute noch so vielen Menschen Sorgen bereitet … Sie benötigen ihre Kraft nicht nur für das Kind, sondern auch für die Bürokratie des deutschen Gesundheitswesens … In den Schulen, die je nach Bundesland mal mehr und mal weniger in die Inklusion der Kinder investieren, fehlen oft gut ausgebildete Pädagogen. Noch immer besuchen viele dieser Kinder spezielle Fördereinrichtungen, abseits der regulären Schulen. Sie bekommen im Schnitt schlechtere Abschlüsse und sind später häufiger arbeitslos als Menschen ohne Beeinträchtigung. Deswegen sind sie und auch ihre Eltern ihr ganzes Leben lang eher von Armut bedroht.“

So wie allerdings alle, die in der Sortieranlage namens Klassengesellschaft dem deutschen Schul- oder Sozialwesen zum Opfer fallen, wie die sog. Leistungsgesellschaft noch da auf Exklusion beruhte, wo sie, statt eine der vererbten Privilegien zu sein, im Ernst eine wäre. „Am Ende zählt der Umgang mit den Menschen, auch mit jenen, die ihre Behinderung erst nach der Geburt bekommen haben. Diese bilden schließlich die absolute Mehrheit.“ Dunkel ist der Rede Sinn, aber ausschließen will ich nicht, dass der Satz dasselbe meint, was ich gesagt habe, bloß in weniger schön; mit der Einschränkung vielleicht, dass es mir nicht um das Einsammeln der schlimm eingeschränkten Mittelschicht aus Dünkel-Muttis und Leistungseseln geht, die sich außer Konkurrenz mit den Nichtkonformen solidarisiert, um den eigenen Konformismus, unsolidarisch, wie er ist, zu etwas zu machen, wofür schon wieder niemand etwas kann.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Widerspruchslösung

Es ist schön und nützlich, weniger fernzusehen, und sei es deshalb, weil man, sieht man doch mal wieder die Tagesthemen, einem das alles so wundersam frisch (lies: „frisch“) vorkommt und neue Begeisterung sich rauschend einstellt: wie etwa die Börsendame so aufgeräumt von den „Chancen der Künstlichen Intelligenz“ schwärmt und dass das (zirka) ein Megathema ist und die Industrie sich darauf einstellen muss und freilich wird usw., also alles inskünftig dank 5G noch schneller, noch effizienter, noch automatisierter vonstatten geht und noch vielviel mehr Wachstum dabei herausspringt, das Land im internationalen Wettbewerb gut aufzustellen – und dass Kollege Dath neulich von einer „erschöpften, ungerechten und wahnsinnigen Welt“ schrieb, macht da schon gar nix mehr, und um so weniger, als die Zeitung, wo er’s schrieb, von sehr viel, ja „dramatisch“ (SZ) viel weniger Menschen gelesen wird, als Tagesthemen gucken. Und also ist, nach Lage der Dinge wie der Börse, „alles, alles gut“ (Jupp Eichendorff) und auch jedenfalls viel, ja „massiv“ (SZ) besser als bei der Aktuellen Kamera des DDR-Fernsehens, wo (wg. Diktatur des SED-Regimes) immer alle einverstanden waren, und das sind sie bei ARD und ZDF ja nun überhaupt nicht. Wir haben ja auch keine Diktatur, ein Dax-Regime etwa.

Der Heute-Journalist Claus Kleber z.B. Der ist nicht einverstanden, der ist kritisch, außer vielleicht bei der Wahl seiner Sakkos (am Kragen immer viel zu weit, achten Sie mal drauf, vorbildlich dagegen: I. Zamperoni) oder wenn es um 70 Jahre Nato geht. Dann fasst er die Geschichte des Nordatlantikpakts ungefähr so zusammen, dass die Nato erst sehr schön den aggressiven Russen hinter der Elbe gehalten habe, und nun sei der aggressive Russe wieder da, und darum müsse die Nato jetzt zusammenstehen. Bei Sachen also, die der gesunde Menschenverstand nicht anzweifelt, da lässt Kleber die kritischen Zügel auch mal locker in der Hand; bei anderen Sachen, die der gesunde Menschenverstand  (seiner!) zwar genausowenig anzweifelt, die von der verstandesfernen Politik aber ignoriert werden, da zieht Klaus Cleber (oder unseretwegen andersherum) andere Saiten auf. Und z.B. der Annalena Baerbock („Die Bündnisgrünen“) die Hammelbeine lang.

„ … ich bin kein ausgeklügelt Buch / Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch …“ C.F. Meyer, 1872

Die will nämlich nicht, dass man Leute, die sich nicht als Organspender deklariert haben, einfach so ausräumt. Der Kleber will aber schon, weil er zwar, einerseits, Journalist und neutral und objektiv ist, schon klar, andererseits das aber voll nicht kapiert und echt nicht „nachvollziehen“ (SZ) kann, dass jetzt bspw. er mit sagenwirmal einer Schrumpfleber (Spaß!) auf Station liegt und er keine neue kriegt, weil die Leute zwar immer alles gut finden, Klimaschutz und Organspende und so, dann aber doch in die Karibik fliegen und keinen Organspendeausweis haben. Deswegen soll, findet etwa Jens („Jensi“) Spahn und findet auch Claus („Alles“) Kleber, eine Widerspruchslösung her: Wer nicht ausdrücklich nein sagt, dessen Körper wird der Verwertung zugeführt, was, muss man zugeben, viel besser ist als Kapitalismus zu Lebzeiten, denn da wird grundsätzlich alles verwertet, ob es nun nein sagt oder nicht.

„So viele unnötige Tote“, greint da Kleber sinngemäß, meint aber nicht die durch die ungerechte, wahnsinnige Weltwirtschaft oder die tödlich zahllosen ZDF-Krimis, sondern durch fehlende Organe, und die Annalena Baerbock, wiewohl von Klebern als „Juristin“ vorgestellt, braucht tatsächlich ein ganzes worthülsensattes, mit Hängern und Gewürge absolviertes Interview, um am Ende mitzuteilen, Grundgesetz, Menschenwürde, Recht auf körperliche Unversehrtheit, da könne man eine Widerspruchslösung vergessen, „auch wegen unserer Geschichte“ o.ä. Wer sich einen Perso machen lasse, solle sich auf dem Amt als Spender oder Nichtspenderin registrieren lassen müssen, dann muss auch niemand in meinem vergammelten Portemonnaie nach meinem vergammelten Spenderausweis kramen; und trotzdem ist der Kleber nicht recht froh, weil: Widerspruchslösung, das ist nun mal sein Ding.

Wäre er sonst Journalist geworden?

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Kein Weltuntergang

Das ganze Leben, wir wissen es, ist ein Quiz, und mitunter ein besonders einfaches: Geht es in der „Süddeutschen Zeitung“ um frische Raketenangriffe der Hamas und wie es sich in den israelischen Grenzgebieten unter Raketenangriffen lebt, wenn zwischen Alarm und  Einschlag 15 Sekunden liegen, was ist dann auf dem Foto zu sehen? a) Verängstigte israelische Kinder nach einem Angriff oder b) verängstigte palästinensische Kinder nach dem Gegenangriff?

Es muss schön für die Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid sein, sich so wacker um Objektivität zu bemühen („Armut, Wut und Stromausfälle: In Gaza formiert sich der Protest gegen die herrschende Hamas. Die lässt Demonstranten verprügeln und verhaften“, 26.3.), wenn die heimatliche Redaktion dann doch wieder Angst vor den Leserbriefen hat oder selbst darauf besteht, dass Vergeltung viel schlimmer sei als der Erstschlag, schon aus gut christlichen Gründen, von denen der Jud’ halt naturgemäß nichts versteht. Derweil veröffentlichen – drei Wochen nachdem auf einem Karnevalswagen in Flandern „zwei bärtige Figuren mit Hakennasen, Schläfenlocken und Hüten orthodoxer Juden vor Geldsäcken und einem Geldschrank“ zu sehen gewesen sind („Neues Deutschland“, 7.3.) – die Riefenstahl-Rocker Rammstein „eine Videoszene in KZ-Kleidung“ (SZ, 29.3.), worüber sich das Feuilleton in der Ahnung aufregt, dass seine Aufregung zum Plan gehört, und jetzt könnte ich googeln und die Zahl der deutschen (französischen, europäischen) Juden ermitteln, die sich mit dem Gedanken an Auswanderung tragen, aber ich spare es mir, denn dass sie enorm gewachsen ist und weiter wächst, reicht völlig. Und wer dann ausgewandert ist, sitzt in Tel Aviv und wird plötzlich von den Leuten gehasst, die Videoszenen in KZ-Kleidung daheim noch beklagt haben. Die Welt ist schön.

„Davon geht die Welt nicht unter / Sieht man sie manchmal auch grau / Einmal wird sie wieder bunter / Einmal wird sie wieder himmelblau“ Zarah Leander, 1943

Das Mantra Oliver Kahns, dass es immer weitergehe, es ist das Mantra der Zeit, sonst stünde es nicht in der FAZ, wo der bewährte Frank Lübberding in genauso bewährtem Positivismus darauf besteht, dass es Zukunft per definitionem immer gibt und sich also niemand von „apokalyptischen Visionen, die jeden Freitag von Tausenden Schülern als Glaubensbekenntnis nacherzählt werden“, ins Bockshorn jagen lassen muss, zumal diese dummen Demos „ohne die Einsicht“ aufgeführt würden, „nichts anzubieten, um die Menschheit tatsächlich zu retten. Es bleibt dann nur der Fatalismus.“ Doch der ist freilich Quatsch, denn die „in Aussicht gestellten Katastrophen durch den Klimawandel sind keineswegs die ersten von uns Menschen fabrizierten. Die letzte namens Zweiter Weltkrieg kostete fünfzig Millionen Menschen das Leben, nicht zuletzt“, bitte einrahmen: Nicht zuletzt!, „von uns Deutschen verursacht“, ohne dass deswegen, wie man so sagt, die Welt untergegangen wäre. „Die Reaktion auf den Klimawandel ist dagegen der erste ernsthafte Versuch der Weltgemeinschaft, solche Entwicklungen mit womöglich desaströsen Konsequenzen durch Kooperation zu verhindern oder wenigstens einzudämmen“, ein Versuch, der zwischenzeitlich zu einem neuen Rekord beim Treibhausgasausstoß geführt hat. „Diese Erkenntnis“, dass es irgendwie noch immer jot jejange hätt, „hilft aber nicht, wenn man wie Ziemiak gestern abend der grassierenden Endzeitstimmung auch noch zustimmt“, es also selbst einem CDU-Generalsekretär im öffentlich-rechtlichen Talkfernsehen nicht mehr recht gelingt, Optimismus zu heucheln.

Ein Optimismus, der aber doch nicht unbegründet wäre, wo die Sonne schließlich jeden Morgen aufgeht und es auch in hundert Jahren noch Menschen geben wird, selbst wenn ein sogenannter, nicht zuletzt von uns Deutschen mitverursachter Klimawandel („Riesen-SUV X7: BMW setzt noch einen drauf“, FAZ.net, 28.3.) zwischenzeitlich vielleicht 50 oder 500 Millionen von ihnen das Leben oder wenigstens das Zuhause gekostet hat; wie die Geschichte schließlich lehrt, dass sich alles überleben lässt, sofern man nur auf der richtigen Seite sitzt. Und die ist a) in Frankfurt und München; und nicht b) in Haifa oder Bangladesch.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Auf dem Gewissen

Es ist auf der Welt ja so eingerichtet, dass alles seinen Preis hat, und da sind wir, versteht sich, dagegen; auch wenn mir diese Bezahlschranken immer mehr Freude machen.

Denn Lesen ist ja eine Reflexhandlung und ein erweiterter Reflex der des Kolumnisten, auch das Eklige aufzurufen, nicht weil er wollen würde, sondern weil er zu müssen glaubt; und wie schön, wenn es dann auf FAZ.net eine Bezahlschranke gibt und ich Quatsch rechts liegenlassen kann: „Umweltschützer reden uns seit Jahrzehnten ein schlechtes Gewissen ein. Dabei kann die Lösung globaler Probleme, wie des Klimawandels, nicht Aufgabe des einzelnen sein. Ein Plädoyer für mehr politische Verantwortung“, die bzw. das ja garantiert nicht so aussieht, dass der Sozialismus oder ein Anarchismus eingeführt wird und dezentrales Wirtschaften im Einklang mit Mensch und Natur auf die Tagesordnung kommt. Politische Verantwortung, das ist was mit Grenzwerten, Effizienz und Emissionsrechten und jedenfalls eine, die in Klimaschockzyklonen abgesoffene Afrikaner gegen die vielen Vorteile des neuen Citroën C5 („Ein SUV im Van-Sinn“, ebd.) abzuwägen bereit ist.

Dass alle nun die Welt retten, indem sie in den Bioladen stiefeln, stimmt natürlich nicht; daraus den Schluss zu ziehen, es sei im Alltagshandeln alles wurscht, weil Sache der Politik, stimmt aber ebensowenig, und sei’s des kategorischen Imperativs wegen und weil kein Arschloch zu sein ja vielleicht ein Wert an sich ist. Auf einer ganzen überregionalen Zeitungsseite informiert mich die Fleisch- und Fleischersatzfirma Rügenwalder, es brauche in puncto Klima „bessere Ideen“ als „Fahrverbote“ und „Fleischverzicht“, denn „Verzicht funktioniert nicht“: „Die ganzen Appelle von ,Fahrt bitte mehr Bus und Bahn’ über ,Nutzt bitte weniger Strom’ bis zur Forderung nach einem wöchentlichen Veggie-Day laufen ins Leere. … Und weil auch Verbote keine befriedigende Lösung sind, kommt den Unternehmen eine zentrale Rolle zu. Sie haben die Aufgabe, die vorhandenen Produkte besser zu machen.“ So wie der Bock die Aufgabe hat, den Garten besser zu machen; und so bringt man den Nachwuchs per Bus und Bahn zum Schwimmkurs und trifft, ist der Kurs um, von den bis zu fünfzehn Miteltern grundsätzlich niemanden – in Worten: 0 – an der Straßenbahnhaltestelle, obwohl die vor der Tür ist und die Tram keine Viertelstunde ins Stadtzentrum braucht. Verzicht, es ist wahr, funktioniert nicht, weil in der Zeitung steht, dass Verzicht nicht funktioniert und weil auch niemand Bock auf schlechtes Gewissen hat, das freilich nur in Meinungsbeiträgen wider das schlechte Gewissen existiert und so schlecht nicht sein kann, wenn die Lufthansa ein Rekordergebnis nach dem anderen einfliegt und ganz offenbar eine gewissenlose Nachfrage nach SUVs im Van-Sinn besteht. (Und wo die stolzen Eltern der Zukunftsfreitagskinder Urlaub machen werden, will ich im Ernst gar nicht wissen.)

„Jetzt bin ich Mitte vierzig und will meine Ruhe vor diesen Arschgesichtern, ehrlich, ich verachte sie … und wenn ich jetzt noch eins draufsetze und anmerke, dass diejenigen in der Runde, die den ganzen [Eltern-]Abend über nichts gesagt haben, jüngere Frauen mit roten Schuhen und Filzjacken waren und dass sowohl bei den Schuhen als auch Jacken die Nähte auf lustige Art außen saßen, dann denkst du vielleicht, … das tue nichts zur Sache, doch das sind entscheidende Hinweise, Hinweise auf die Wirklichkeit …“ Anke Stelling, 2018

Gewissen ist das, was jede mit sich selbst abmachen muss, mithin Teil jener Individualität, die unser Gemeinwesen so vorbildlich ausmacht. Dass, wo die freie Selbstentfaltung andere zu Schaden kommen lässt, ein schlechtes Gewissen nicht am Platze ist, ist kein Widerspruch, wenn wir die Sache mit der freien Entwicklung des einzelnen als Voraussetzung usw. vergessen und an das frühe Urteil Krausens denken, wonach die Individualität, die alle haben, immer bloß dieselbe ist. Dann wird Gewissen zum Geschwister dessen, was da einmal „sozialistische Moral“ hieß, nämlich zur kapitalistischen Moral, und deren erste (und letzte) Maxime lautet: Verzicht bringt nichts. Der Fa. Rügenwalder zum Beispiel.

Weshalb ich auf die ewig gleichen Vorwürfe auch nicht verzichten kann.

PS. Eben lese ich, ein grüner Bundestagsabgeordneter habe ein jährliches Pro-Kopf-Flugreisenbudget von drei (!) Hin- und Rückflügen (international) vorgeschlagen – und sich von „Bild“ und FDP sofort der „Bevormundung“ zeihen lassen müssen. Es ist natürlich, wie so vieles, Wahnsinn mit Methode; aber kriminell ist es eben auch.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Beim Bäcker

Die Welt besteht nicht nur aus Blödianen. Nicht nur, dass mir Leser H. eine überaus freundliche Ansichtskarte aus Burkina Faso geschickt hat; als mein Vorderrad Mitte der Woche in eine Straßenbahnschiene geriet und ein spektakulärer Sturz folgte, eilten mir nicht weniger als drei besorgte Hannoveraner zu Hilfe, und jetzt muss ich zwar ein wenig humpeln, freue mich aber, dass den Leuten dann doch nicht alles wurscht ist. Und meine zwanzig Jahre alte Brille den hohen Bogen unbeschadet überstanden hat.

Derart gestärkt, kann ich mich wieder den Blödianen widmen, und im Morgenblatt ist der Martin Zips, irgendwie fürs Vermischte, immer aber fürs Anzügliche zuständig, einer der verlässlichsten. US-amerikanische Forscherinnen haben herausgefunden, dass nicht bloß Hip-Hop-Texte mit Sex und Gewalt operieren, sondern sich in populärer Musik ganz allgemein und genauso häufig „Anspielungen auf Gewalt“ fänden. Zips nun übersetzt uns nicht nur, auf welche Weise (nämlich mit welchem Objekt) Sex und Gewalt zueinanderfinden, er hilft uns auch bei der Einordnung: „Nicht analysiert wurden Texte des Nockalm Quintetts (,Zieh dich an und geh, bevor was geschieht’), der Gruppe Sofaplanet (,Wir würden einfach liebficken, ficken für vier/Du auf dem Rücken und ich über dir’) sowie von Andreas Gabalier (,Fesche Madl brauchn flotte Buam hollero, zum Zuwadruckn, Liabm und zum Gspiarn’.)“

Köstlich. Bzw. Liabm und Gspiarn und Mann über Frau, wo ist da das Problem? Sexualisierte Gewalt in der populären Kultur, das ist doch wieder Genderquatsch, und wenn FPÖ-Gabalier mal zuwadruckn will, dann sollen die feschen Madl doch froh sein!

Zips Kollege Thomas Steinfeld aus dem Feuilleton ist wiederum kein Blödian, und was ihn aber in Rage bringt, ist die Gendersprache, was ein bisschen seltsam ist, weil sie, was er zugibt, in höherer Öffentlichkeit kaum stattfindet, sieht man ab von den „Wählerinnen und Wählern“ oder vereinzelten „Autofahrerinnen und -fahrern“ (Zeit.de). Die einzige größere Zeitung, die gendert, ist die Taz, und Hannover ist die erste Kommune, die das gendern in Amtstexten vorsieht, das aber nicht totalitär meint, sondern freundlich.

„Na, dann müssen wir es packen / einfach frei nach Schnauze backen“ Rolf Zuckowski, 1987

Steinfelds jüngster Feuilletonbeitrag zum Thema – einen Tag nachdem die Leserbriefseite klassisch vier Männer contra und eine Frau pro Gendersprache versammelte – hebt dagegen mit dem Verweis auf nationalistische Sprachreiniger im Ersten Weltkrieg an, wendet sich gegen „revolutionären Furor“ und ein „Aufseherwesen“, von dem man gern wüsste, wo es wirklich herrscht, und leitet daraus die Forderung ab, Sprache und Politik zu trennen – gern, aber dann bitte auch „Arbeitgeber“ abschaffen und die Konformvokabel „nachvollziehen“ bannen –, wie denn auch das generische Maskulinum kein biologisches, sondern grammatisches sei: So wie „der Tisch“ keine Eier hat, sind „Journalisten“ Wesen, die Texte für Zeitungen schreiben. „Wer ,ich gehe zum Bäcker sagt’, denkt dabei nicht notwendig an einen Mann.“ (Sagt ein Teil der Forschung: Eben doch. Derselbe, der findet, bei „der/die Kranke“ sei’s mit der Trennung grammatisch/biologisch Essig.) Diese grammatische Übergeschlechtlichkeit als nämlich Indifferenz wäre, nicht nur aus Gründen der Eleganz, zu bewahren, damit man sich „in einer Gemeinschaft freier Geister bewegen könnte, … ohne Rücksicht auf biologische Voraussetzungen“, was freilich ein haargenauso „idealistisches Vorhaben“ ist wie lt. Steinfeld das Gendern.

„So aber ist die geschlechtergerechte Sprache, wie sie bislang propagiert wird, nicht beschaffen. Statt dessen stößt sie jeden Mann und jede Frau auf seine oder ihre biologische Bedingtheit zurück.“ Wenn vielleicht auch nicht halb so ruppig wie ein Schlagertext oder der Martin Zips oder ein deutscher Firmenvorstand oder die pinke Regalwand in der Spielwarenabteilung oder Kinder- und Jugendbücher, die stur zwischen Abenteuer und Piraten hie und Prinzessin und Pferden da unterscheiden. Aber schuld ist nur der Bossa nova oder jedenfalls „das geschlechtspolitisch alarmierte Sprachempfinden“, unter dessen „Aufsicht“ sich „auch der letzte nur grammatisch als männlich markierte ,Bäcker’ in etwas biologisch Maskulines verwandelt. Gegen ein solches Empfinden ist nur schlecht zu argumentieren – zumal das Ableitungsverhältnis zwischen ,Leser’ und ,Leserin’ bestehen bleibt: Der Dominanz des Männlichen entkommt man im Deutschen nicht. Sie ist mit der Sprache gegeben.“

Und halt nicht nur mit der. Gehe ich nämlich zum Bäcker, dann gehe ich um die Ecke zum Bäcker „(Thomas) Göing“, oder vielleicht zu „Tom Maas“, oder ich besuche „(Cord) Buck’s Backparadies“, und in 999 von tausend Fällen werde ich von Frauen bedient. „Der einzig mögliche Ausweg wird darin liegen, … einen freien, souveränen Umgang der Geschlechter (in allen Varianten) im Praktischen anzustreben, anstatt ihn über eine Regelung der Sprache … erzwingen zu wollen.“ Da strebe ich gern mit und plädiere dafür, den Zips mal zum Brötchenschmieren in die Kantine abzuordnen, wo er sich mit den garantiert weiblichen Fachkräften über so etwas Lachhaftes wie Geschlecht und Gewalt beömmeln kann; oder über die Ironie, dass in der SZ meine Hannoveraner Helfer als biologisch männliche gar nicht kenntlich würden.

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Helfen Sie uns weiter, Innenministerin Nancy Faeser!

Auf Ihrem Twitter-Kanal haben Sie angemerkt, wir seien alle gemeinsam in der Verantwortung, »illegale Einreisen zu stoppen, damit wir weiter den Menschen helfen können, die dringend unsere Unterstützung brauchen«. Das wirft bei uns einige Fragen auf: Zunächst ist uns unklar, wie genau Sie sich vorstellen, dass Bürgerinnen und Bürger illegale Einreisen stoppen. Etwa mit der Flinte, wie es einst Ihre Bundestagskollegin von Storch forderte? Das können Sie als selbsternannte Antifaschistin ja sicher nicht gemeint haben, oder? Außerdem ist uns der Zusammenhang zwischen dem Stoppen illegaler Einreisen und der Hilfe für notleidende Menschen schleierhaft.

Außer natürlich Sie meinen damit, dass die von Ihrem Amtsvorgänger und der EU vorangetriebene Kriminalisierung von Flucht gestoppt werden müsse, damit Menschen, die dringend unsere Unterstützung brauchen, geholfen wird.

Kann sich Ihre Aussage nicht anders erklären: Titanic

 Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Nichts läge uns ferner, als über Ihren Steuerhinterziehungsprozess zu scherzen, der für Sie mit drei Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe geendet hat. Etwas ganz anderes möchten wir ansprechen, nämlich Ihre Einlassung am zweiten von insgesamt vier Verhandlungstagen, während der Sie laut Handelsblatt »lang und breit über die Vorzüge« von Ingwer palaverten, »aber auch über Knoblauch, Kardamom oder Rosmarin«, bis Sie schließlich einsahen: »Ich könnte stundenlang über Gewürze reden, aber das ist wohl der falsche Zeitpunkt.«

Und ob das der falsche Zeitpunkt war! Mensch, Schuhbeck, die gute alte Gewürz-Verteidigung, die hebt man sich doch für ganz zum Schluss auf, die pfeffert man dem Gericht (!) nach den Kreuzkümmelverhören prisenweise entgegen. Wozu zahlen Sie denn gleich zwei Anwälten gesalzene Stundensätze? Bleibt zu hoffen, dass Sie bei der Revision die Safranfäden in der Hand behalten!

Die Gewürzmühlen der Justiz mahlen langsam, weiß Titanic

 Stillgestanden, »Spiegel«!

»Macht sich in den USA Kriegsmüdigkeit breit?« fragst Du in einer Artikelüberschrift. Ja, wo kämen wir hin, wenn die USA die Ukraine nur nüchtern-rational, aus Verantwortungsbewusstsein oder gar zögerlich mit Kriegsgerät unterstützten und nicht euphorisch und mit Schaum vor dem Mund, wie es sich für eine anständige Kriegspartei gehört?

Spiegel-müde grüßt Titanic

 Sicher, Matthew Healy,

dass Sie, Sänger der britischen Band The 1975, die Dinge einigermaßen korrekt zusammenkriegen? Der Süddeutschen Zeitung sagten Sie einerseits: »Ich habe ›Krieg und Frieden‹ gelesen, weil ich die Person sein wollte, die ›Krieg und Frieden‹ gelesen hat.« Und andererseits: »Wir sind vielleicht die journalistischste Band da draußen.« Kein Journalist und keine Journalistin da draußen hat »Krieg und Frieden« gelesen, wollten mal gesagt haben:

Ihre Bücherwürmer von der Titanic

 Nichts für ungut, Tasmanischer Tiger!

Nachdem wir Menschen Dich vor circa 100 Jahren absichtlich ein bisschen ausgerottet haben, um unsere Schafe zu schützen, machen wir den Fehltritt jetzt sofort wieder gut, versprochen! Du hast uns glücklicherweise etwas in Alkohol eingelegtes Erbgut zurückgelassen, und das dröseln wir nun auf, lassen Dich dann von einer Dickschwänzigen Schmalfußbeutelmaus in Melbourne austragen, wildern Dich in Australien aus und fangen dann ziemlich sicher an, Dich wieder abzuknallen, wie wir es mit den mühsam wiederangesiedelten Wölfen ja auch machen. Irgendjemand muss ja auch an die Schafe denken.

Aber trotzdem alles wieder vergeben und vergessen, gell?

Finden zumindest Deine dünnschwänzigen Breitfußjournalist/innen von der Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Heimatgrüße

Neulich hatte ich einen Flyer im Briefkasten: »Neu: Dezember Special! Alle Champions-League-Spiele auf 15 Flatscreens!!!« Traurig, zu welchen Methoden Mutter greift, damit ich öfter zu Besuch komme.

Leo Riegel

 Sprichwörter im Zoonosen-Zeitalter

Wer nichts wird, wird Fehlwirt.

Julia Mateus

 Auf dem Markt

– Oh, Ihr Doldenblütler verkauft sich aber gut!
– Ja, das ist unser Bestsellerie!

Cornelius W.M. Oettle

 Schwimmbäder

Eine chlorreiche Erfindung.

Alice Brücher-Herpel

 Vom Kunstfreund

Erst neulich war es, als ich, anlässlich des Besuchs einer Vernissage zeitgenössischer Kunst, während der Eröffnungsrede den Sinn des alten Sprichworts erfasste: Ein paar tausend Worte sagen eben doch mehr als nur ein Bild.

Theobald Fuchs

Vermischtes

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Das schreiben die anderen

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

  • 19.10.:

    Stefan Gärtner bespricht in der Buchmessenbeilage der Jungen Welt Moritz Hürtgens Roman "Der Boulevard des Schreckens".

  • 12.10.: Der Tagesspiegel informiert über den anstehenden Chefredaktionswechsel bei TITANIC.
Titanic unterwegs
04.12.2022 Enkenbach-Alsenborn, Klangwerkstatt Thomas Gsella mit den Untieren
06.12.2022 Kassel, Staatstheater Hauck & Bauer mit Kristof Magnusson
06.12.2022 Frankfurt am Main, Club Voltaire TITANIC-Nikolaus-Lesung
08.12.2022 Köln, Senftöpfchentheater Moritz Hürtgen