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Meditation und Markt mit Dax Werner

Augmented reality

Liebe Leser_innen,

bitte einmal kurze Rückmeldung per Mail: Wer von euch war damals auch so Pokémon-Go-süchtig? Wir erinnern uns: Man lief stundenlang mit Smartphone und Powerbank durch die Gegend und ständig erschienen aus dem Nichts wilde Evoli, Karpadors und Pummeluffs. Pokéball draufgecurved, in den Pokédex registriert und weiter ging die geile Jagd! Das Geheimnis des Pokémon-Go-Erfolgs: Die App legte sozusagen einen neuen, viel spannenderen Layer über die bis dahin bekannte Realität. Stichwort augmented reality.

Der große Pokémon-Hype ist zwar fürs Erste schon wieder vorbei, aber das Prinzip der erweiterten Realität ist geblieben. Zum Beispiel mit der Corona-Warn-App ("Funktioniert sie oder funktioniert sie nicht? Hab ich’s vielleicht schon gehabt? Aufregend!"), aber auch in Bezug auf Verschwörungstheorien (oder wie wir im Internet inzwischen woker sagen: Verschwörungsmythos!). Noch das Bedeutungsloseste sieht man mithilfe von Verschwörungsmythen plötzlich in einem zwar komplett ausgedachten, dennoch viel phantasievolleren Bedeutungszusammenhang, 5G-Masten werden von Einrichtungen des neuesten Mobilfunkstandards zu Covid-19-Verstärkern, Donald Trump zum Retter der Menschheit und Bill Gates zum Impf-Endgegner: Für Verschwörungsmystiker_innen ist die Welt in Zeiten der Pandemie ein riesiges interaktives Rollenspiel geworden.

Dieses Live-Action-Roleplay (LARP) ist nun aber spätestens seit der Corona-Pandemie kein Exklusiv-Zeitvertreib von ohnehin auch sonst wenig zurechnungsfähigen Zeitgenossen mehr: Bei der Anti-Corona-Demo in Berlin am vergangenen Wochenende tummelte sich neben QAnons, Hippies, Rechtsextremen und Nudisten eben auch das pensionierte Lehrer-Ehepaar aus Stuttgart-Zuffenhausen, durch die explosive Mischung aus Lockdown-Langeweile und Youtube-Algorithmus binnen Wochen von den besten Volker-Pispers-Auftritten über die Nachdenkseiten zu KenFM und Coronaverschwörung hochgelevelt. Oder wie man auch sagen könnte: Gamifiziert.

Und noch bevor du factcheck buchstabieren kannst, findest du dich an einem heißen Samstag auf der Straße des 17. Juni neben einem in Pluderhose und Merinowolle-Oberteil gegen 5G-Masten anflötenden Medizinmann wieder und tanzt dich zu Heiko Schrangs Enthüllungen in Trance.

Schwamm drüber, kann passieren. Auch ich verbringe manchmal viel Zeit im Internet. Wenn man den intellektuellen Vordenker_innen der Republik glauben darf (und ich will ihnen glauben), ist es für uns Netflix-Globalisten und hyperironische Internet-Satiriker jetzt nicht an der Zeit für die üblichen Reflexe (Memes, Faktenchecks, change.org-Petitionen), die inzwischen nur noch so hilflos wirken wie Trumps Covid-19-Krisenmanagement; nein, für uns steht jetzt ein bullet point ganz oben auf der To-Do-Liste: Wir müssen das Gespräch mit denen suchen, die noch nicht ganz abgedriftet sind, die aufgewachten Schafe wieder einfangen und neues Feuer entfachen für das faktenbasierte liberale Projekt. Wenn wir die Deutschland AG nach den jüngsten Katastrophen-Quartalszahlen wieder auf Kurs bringen wollen, ja wenn Peter Altmaiers Traum vom wiedereinsetzenden Wirtschaftswachstum ab Oktober nicht bloß Traum bleiben soll, dann müssen wir zuallererst eines akzeptieren: Der Ball liegt in unserer Spielhälfte. Es geht um unser Land.

Wieder einmal machen die entrepreneurs in den Staaten und dem Silicon Valley vor, wie es gehen kann: Während in Deutschland noch heiß debattiert wird, ob Thalia die Bücher von Attila Hildmann verkaufen darf, generiert Amazon-Boss Jeff Bezos mit den bahnbrechenden Studien Heiko Schrangs ("Die Jahrhundertlüge, die nur Insider kennen", 24,90 €, gebunden, bitte so schnell es geht mit Prime an mich) und der QAnon-Bibel "An Invitation to The Great Awakening" (führte letztes Jahr die Amazon-Toplisten an) an Cancel-Twitter vorbei ein nicht gerade kleines passives Nebeneinkommen. If you can't beat them, join them. Hoffentlich hat Bezos bald genug verdient, um sein Raumschiff zu bauen!

Vielleicht müssen wir diesen ganzen Wahnsinn einfach proaktiv umarmen, so wie der reichste Mann der Welt. Mehr noch: Vielleicht endet das Spiel ja in dem Augenblick, wenn Fr. Merkel laissez-faire in einem ihrer Regierungspodcasts verkündet, dass alles, was sich die truther so ausdenken, wirklich wahr ist. Dass sie die ganze Zeit – mit was auch immer – Recht hatten. Dann hätten sie ihr Spiel gewonnen, wir unsere Ruhe und wir könnten uns alle gemeinsam wieder dem widmen, was wirklich wichtig ist: Wertschöpfung und Innovation für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Der Pokémon-Go-Hype endete damals für mich, als die Arenakämpfe immer verbissener wurden. Lasst uns die ideologischen Waffen ablegen und zusammen in eine neue sonnige Zukunft blinzeln.

Pack ma's, euer Dax Werner

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Inside TITANIC (30)

Intime Einblicke in das Innere der TITANIC-Redaktion und ihrer Mitglieder. Heute: Redakteur Leo Riegel über "Schöne Tage" und perfektes Timing.

Oft ist es bei der Komik ja alles eine Frage des Timings. Wie lang ist die Pause vor der entscheidenden Zeile im Dialog? Wie stark spitzt sich die Erzählung vor der Pointe zu? Muss die Pointe überhaupt ans Ende? Man feilt so vor sich hin und freut sich, wenn's gelingt. Manchmal, wenn auch selten, ereignet sich so ein präziser Schlagabtausch auch im echten Leben. Ein Teil der TITANIC-Redaktion stand vor kurzem rauchend und Bier trinkend in dem von weiteren Anwohnern genutzten Innenhof und spielte irgendeine Witzidee durch. Anscheinend ziemlich lange, jedenfalls kam Korrekturleserin Kristin Eilert von unserem immer wieder aufbrandenden Gelächter genervt irgendwann hinausgeeilt. Ob uns schon mal in den Sinn gekommen sei, dass wir möglicherweise die Nachbarn stören? Da entstand eine peinliche Stille, die wiederum von dem Quietschen eines schräg über uns sich öffnenden Fensters beendet wurde. Es war die Nachbarin, die uns mit einer Flasche in der Hand fröhlich zuträllerte: "Wer will Eierliköhöör?" Wenig überraschend, dass das Gelächter daraufhin doppelt so laut wieder losbrach. Nur die Nachbarin, die nicht ahnte, mit welch sketchreifem Timing sie auf der Bildfläche erschienen war, schaute etwas verdutzt drein.

Nachtrag: Falls es Sie verwundert, dass am helllichten Arbeitstag in der TITANIC-Redaktion Alkohol getrunken wird, möchte ich von einer Praxis aus früheren TITANIC-Zeiten erzählen, von der ich selbst erst vor kurzem hörte, nämlich von dem "Schönen Tag". Der "Schöne Tag", so wurde mir erklärt, beginnt damit, dass ein Redaktionsmitglied ins Büro kommt und vorschlägt, einen "Schönen Tag" zu machen, woraufhin die Redaktion den Rest des Tages saufend im Biergarten verbringt. Ende. Leider ist von dieser Praxis nicht viel übrig geblieben. "Halbe schöne Nachmittage" kommen aber durchaus noch vor. Der oben erwähnte und dankend entgegengenommene Eierlikör hat den Tag zumindest nicht überlebt.

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Meditation und Markt mit Dax Werner

Kaufmann der Gefühle

Liebe Leser_innen,

neulich musste ich richtig staunen: Der britische "Guardian" hat ein 100 Seiten langes Porträt über Julian Reichelt veröffentlicht und nennt ihn darin einen "emotional entrepreneur". Ich dachte, um es mit einem Roman von Biker-Legende Thomas Glavinic zu sagen: Das bin doch ich! Ein Großhändler der Regung! Doch bevor ich der wurde, der ich heute bin, gab es ein Leben davor. Eines, von dem ich heute berichten möchte.

Denn da war ich noch jemand ohne Reichweite im Netz, der mit seinen Meinungen und Thesen zu allen möglichen Themen lediglich seinen Mitbewohner_innen und den 14 Freund_innen auf Facebook auf die Nerven gehen konnte.

Sagen wir es, wie es ist: Ich war ein Underperformer, ein Low-Achiever, einer von denen, die ihre eigene Unzulänglichkeit auf ihre Umwelt projizieren, weder mit sich noch mit irgendetwas anderem im Reinen. Mehr noch: Ich stand meinem eigenen Erfolg selber im Weg.

Ich brauchte einen kleinen Stups vom Schicksal. Und dieser erreichte mich in Form einer heruntergekommenen Litfaßsäule auf einem dreckigen Bahnhofvorplatz: "Call-Center-Agent gesucht! Attraktive Provisionsmodelle! Einstieg sofort!"

Für viele ignorante Menschen sind Call-Center ja nachgerade die formvollendetsten Manifestationen des Spätkapitalismus, Labyrinthe aus Zuständigkeiten, in denen man nie die eine Person an den Apparat bekommt, die einem wirklich weiterhelfen kann.

Ja, so dachte ich damals auch. Die ersten Wochen waren mühsam, ich machte kaum Scheine, zweifelte von früh bis spät an mir selbst. Während meine Kolleg_innen sich morgens um 8 die erste Monster Energy reinjagten, bis 18 Uhr durchtelefonierten und alles Mögliche und Unmögliche am Telefon verkauften, träumte ich mich immer wieder durch die Fensterscheiben unseres Großraumbüros zurück in mein altes Leben. Doch auch da war kein Platz mehr für mich: Ich war zu einem Wanderer zwischen den Welten geworden.

Und dann, an einem Dienstag im April, nahm mich unser Sales Coach Richie zur Seite und gab mir diese eine entscheidende Frage mit auf den Weg, von der ich bis heute zehre: "Du musst den Kunden direkt fragen: 'Kunde, bist du glücklich?' Und dann sagt er: 'Ja, ich bin glücklich!'" Fiebertraum, Epiphanie, endlich sah ich klar: Ich bin ein Händler der Gefühle, ein Kaufmann der Emotionen! Das war meine Bestimmung, mein destiny!

Mein Weg führte mich rasch an die Spitze der Verkaufscharts und schnell danach raus aus dem Call-Center, auf meinen eigenen Weg. Doch diese eine Sache habe ich in den wenigen Tagen als Mobilfunkvertragshändler gelernt: Telefoniert wird immer, Kaffee wird immer getrunken und emotionaler Content wird immer gebraucht!

Vielleicht konnte ich dir heute mit dieser kleinen Anekdote weiterhelfen.

Dein Dax Werner

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Inside TITANIC (29)

Intime Einblicke in das Innere der TITANIC-Redaktion und ihrer Mitglieder. Heute: Redaktionspraktikant Teja Fischer über scharfe Zungen in weichen Zügen.

Die ersten Kommentare meiner Kollegen:

Prima!
Spitze!
Weiter so!
Hut ab!

Und dies bereits, nachdem ich wie verabredet gegen 11 Uhr in die angenehm verschattet gelegene Redaktion gefunden hatte.

Normalerweise weicht der Schreck über eine neue soziale Umgebung nach etwa einer Woche aus meinem Gesicht. Hier musste ich schon am zweiten Tag nur noch einstellig auf Toilette. Unter den – auch temporären – Mitgliedern der TITANIC-Redaktion scheint eine auf spezielle Weise defizitäre Atmosphäre zu herrschen. Die überaus leidenschaftliche Satire-Arbeit zieht offenbar so viel Schärfe, Angriffslust und Empörungskräfte aus ihren zarten Gemütern, dass sie füreinander nur noch gute Laune übrig haben.

Ich muss das noch weiter vertiefen, aber einige Details im Umgang miteinander scheinen meine Theorie zu stützen: Man redet nicht übereinander, sondern miteinander – oder mit sich selbst. Die einzige Macht im Haus zirkuliert paritätisch zwischen den beiden, die aktuell die Toiletten besetzen. Es gibt ganze 0,25 Kühlschränke pro Mitarbeiter, in denen meistens sogar was Kühles drin ist. Und über Geld spricht man nicht – aber nur, weil eh jeder gleich viel bekommt, egal ob Redakteur, Assistent oder Praktikant.

Im Prinzip also die exakten Koordinaten für ein Arbeiten, wie es sein sollte. Die ewige Utopie, von der wir alle träumen, während wir vor Sonnenaufgang willfährig ins Büro stolpern, das El Dorado für unsere verkümmerten Seelen – es liegt mitten in Frankfurt.

Und bringt auch mich selbst so überraschend gut drauf, dass ich mich nicht mal mehr darüber aufregen kann, wie unverschämt lang die Rotphasen für Fußgänger in dieser Stadt sind. 

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Meditation und Markt mit Dax Werner

Erinnerung, sprich

Liebe Leser_innen,

im Februar dieses Jahres hatte ich das große Glück, einen leisure day in der Ländle-Metropole Stuttgart (oder wie ich als Kenner inzwischen sage: 0711 Stuggi-Benz-Town) zu verbringen, noch bevor ein paar Dutzend Halbstarke das schwäbische Kleinod in Schutt und Asche legten. Die Rede ist natürlich von dem Wochenende, das als "Stuttgarts Stunde Null" ins kollektive Gedächtnis eingehen sollte. 9/11 im Ländle.

Nachrichten aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt erreichen uns bekanntlich seither nur noch unregelmäßig, die seltenen Tweets des aus Stuttgart stammenden Kollegen Cornelius W. M. Oettle lesen sich noch kryptischer, diffuser als ohnehin sonst: So zwitscherte Oettle zuletzt vor 16 Stunden "Als echter Stuttgarter trinke ich natürlich STUGGI SCHORLE" an seine 15 000 Follower. Gedanken, ja fast Beschwörungen von einem, der das new normal noch nicht akzeptieren kann oder will: Das Stuttgart, wie wir es kannten, existiert nicht mehr.

Umso kostbarer erscheinen mir heute die Erinnerungen an das Stuttgart, wie es inzwischen nur noch auf Postkarten existiert. Rückblende, Februar 2020: Die A8 runterjagend lassen wir Nürtingen links liegen, im Autoradio läuft das neue Album von Max Herre, gemeinsam mit dem immerjungen Lockenkopf träumen wir uns nach “Athen”. Die Sonne geht langsam auf, wir liegen gut in der Zeit. Und steuern einen Second-Hand-Laden an, in dem ich einige Jeanshemden mit Tiermotiven anprobiere, dann aber doch nicht kaufe, weil mir 120 Euro für ein Textil mit edlen Pferden, welche einen Fluss passieren, einfach als verdächtig wenig Geld erscheint.

In Gedanken war ich noch ganz bei den Hannoveranern, die wild entschlossen den Bach bezwingen, als ich im Hinterhof in ein Fotoshooting mit zwei Frauen stolpere. Erst viel später erklärt mir unser Guide: Das im Hinterhof waren die beiden Internet-Stars Lisa und Lena, die zu Spitzenzeiten mal über 32 Millionen Follower_innen auf TikTok hatten.

Ich hatte von den beiden noch nie vorher gehört, und unter uns Millennials gehörte es bis vor kurzem ja auch noch zum guten Ton, "echt nicht zu wissen, was da auf TikTok abgeht!", aber seien wir ehrlich: Spätestens seit selbst 7-Zwerge-Star Martin "Maddin" Schneider (Baujahr 1964) mit seinem rätselhaften bis gruseligen Content eine halbe Million Follower_innen beim chinesischen Datenvampir erspielt hat (mancherorts nennt man ihn schon den "El Hotzo von TikTok"), geht auch bei uns nach 1985 Geborenen die Angst um: Ist die augenzwinkernde Caption über dem erotischen Robert-Habeck-Foto mit 200 Favs offenbar doch gar nicht mehr der heißeste Scheiß im Internet? Mutieren wir zu den neuen Boomern? Die Social-Media-Uhr tickt gnadenlos.

TikTok ist neben allem anderen auch die Plattform, die Menschen eine Reichweite verschafft, die in Deutschland noch nicht den Führerschein machen dürften. Erst neulich machte ein TikTok die Runde, in der eine Vertreterin der Generation Z – also der nach 2000 zur Welt gekommenen – den Finger gnadenlos in die Millennial-Wunde hielt: Unser Harry-Potter-Buzzfeed-Lifestyle-Liberalismus ist nicht woke, sondern peinlich. Rumms, Treffer. Der sitzt.

Doch wir Millennials geben nicht so schnell auf und schlagen mit unseren Millennialwaffen zurück: Unterbezahlte Artikel für irrelevante Medien schreiben und diese dann auf unseren randständigen sozialen Plattformen posten. "Demokratisierung der dance culture hin oder her, der Chinese will nur ans Öl des 21. Jahrhunderts: unsere Daten." Fertig ist der Artikel, ab dafür ins Internet. 

Allein, man fragt sich, wie lang das noch so gut gehen kann. Wir "Jahrtausender" lebten zwar lange (wie jetzt immer noch) ohne Geld und Karrierechancen, hatten aber wenigstens die Deutungshoheit im Internet, verwalteten relativ ungestört unsere kulturelle Hegemonie zwischen Bits und Bytes. Stuttgarts 9/11 vor zwei Wochen zeigt jedoch, wie hart die Realität mitunter hitten kann.



Take care, fellow millennials.

Euer Dax Werner

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Inside TITANIC (28)

Intime Einblicke in das Innere der TITANIC-Redaktion und ihrer Mitglieder. Heute: Redakteurin Paula Irmschler über das geheime richtige Leben der Kollegen und wie das die Kreativität befruchtet.

Von dem was die Redaktionsmitglieder im Büro und daneben machen, haben wir in den vergangenen Folgen ja schon genug "gehört". Was viele jedoch nicht wissen: Es sind gar nicht immer alle da. Einige kommen nur sehr selten "mal kurz rein", auf manche wartet man ewig und von anderen kann man die "Fresse nun echt nicht mehr sehen" (anonymer Brief aus dem Kummerkasten).

Also, was passiert, bevor alle im Geschäft eintrudeln, was bringen sie mit, wo gehen sie nachher hin? Haben Sie noch weitere Jobs oder gar ein richtiges Leben? Was passiert "outside TITANIC"?

Es ist zum Beispiel so, dass die meisten TITANIC-Mitarbeiter nicht mal in Frankfurt oder gar in Deutschland wohnen. Ella Carina Werner verbringt den Großteil des Jahres auf einer Mallorca-Finca mit ihrer Frau und einigen Hunden. Ein paar Tage im Jahr kommt sie mit dem Privatflugzeug in die Redaktion "reingejettet" und bringt allerlei spanische Köstlichkeiten vorbei. Dann müssen wir erzählen, was wir wieder Verrücktes vorhaben und sie lacht über uns einfache Holzköpfe und sagt dann an, was wirklich Themen von Welt sind. Toll.

Martina Werner führt auch ein gutes Leben. Neben ihrer Layouttätigkeit, die sie "zum Abschalten" macht, führt sie eine erfolgreiche Whisky-Bar in Hamburg-Nord. Dort lässt sie schon lange nur noch für sich arbeiten und sich das Trinkgeld der Mitarbeiter schicken, um es direkt in die Kaffeekasse bei TITANIC zu werfen. Lieb!

Torsten Gaitzsch bringt von seinem Nebenjob das Intellektuelle mit. Er doziert als Professor an der Uni Gießen über "Primitive Witztechniken" und "Pferde" und verheimlicht dort seine Tätigkeiten beim Frankfurter Satiremagazin. Ein Hobby, das ihm mittlerweile Geld und Probleme bringt, ist das Fangen und Verkaufen von Wildvögeln an seiner Pendelwohnung in Sachsenhausen. Ein Verfahren läuft. Komische Gestalten besuchen uns neuerdings an der Redaktion und wollen Gaitzsch dringend sprechen. Er kommt schon länger nicht mehr.

Fabian Lichter und Moritz Hürtgen sind richtige Frankfurter und leben gemeinsam in einem linksradikalen Wohnprojekt in Offenbach. VoKü, Plena und Co-Parenting, das ist ihre Welt. Und das spürt man auch in den Konferenzen. "Mehr Haltung" fordern sie immer wieder im Einklang, diskutieren aber auch viel untereinander über Materialismus und Identitätspolitik, schneiden Artikel aus Zeitungen aus, die sie sich gegenseitig auf den Schreibtisch legen. Schade, aber auch ziemlich süß. Dauernd müssen sie auf irgendwelche Demos und tippen konspirative Nachrichten über den Messengerservice "Signal". Wenn sie erstmal in unser Alter kommen, werden sie schon sehen, wie schwer das mit der Weltrettung ist, aber auch wir brauchen die verrückten jungen Leute, warum nicht.

Über die anderen Redaktionsmitglieder werde ich irgendwann in einem zweiten Teil berichten, die muss ich erstmal auf einen gemeinsamen Kaffee "erwischen". Aber ich ahne da schon einiges … Stichwort Aktien (Hardy Burmeier), Hochzeitsband (Leo Riegel), Bauernhof in der Eiffel (Tom Hintner) und so weiter (Drogensucht). Ich selbst hingegen lebe nur für TITANIC und bin immer da.

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Meditation und Markt mit Dax Werner

Irgendwo in Gütersloh

Liebe Leser*innen,

TITANIC-Boss Moritz Hürtgen zwitscherte es gestern auf den Punkt: "Wie unsere Leserschaft wüsste auch ich gerne, wie es vor Ort aussieht – aber als Chefredakteur kann ich es aktuell nicht verantworten, einen meiner Reporter ins völlig zerstörte Stuttgart zu schicken." Auch das Satiregeschäft, das macht Hürtgen hier deutlich, ist ein immerwährendes Austarieren von der Pflicht, zu sagen, was ist, und dem Schutz der eigenen Mannschaft. Nach den Jahrhundertkrawallen im Ländle vorerst auf Berichterstattung aus BaWü zu verzichten? Klare Kiste, wenn natürlich schweren Herzens.

Parallel brennt aber auch in NRW der Buchsbaum, genauer: in Gütersloh. Aufgrund des Corona-Ausbruchs in der Wurstfirma von Schalke-Mäzen Clemens Tönnies hat NRW-MP Laschet den Lockdown über den gesamten Kreis verhängt. Macher-Politik mit dem ganz großen Pinsel. Als Nordrhein-Westfale, der um sein Bundesland bangt und Gütersloh zumindest schon mal gehört hat, empfinde ich es aller Sicherheitsbedenken zum Trotz als meine Pflicht, zu berichten. Koste es, was es wolle.

Wie geht man so eine Aufgabe an? Es beginnt mit Arbeit am Mindset, ich nenne es den "Jenke von Wilmsdorff-Modus": Reingehen in das Auge des Orkans, dem möglichen Tod ins Auge sehen, Last-Man-Standing-Vibes. Das heißt konkret: Mund-Nasen-Bedeckung – oder wie wir am Niederrhein sagen: Bürgermaulkorb – aufgesetzt und ab in den Livestream der Laschet-Pressekonferenz auf WDR Aktuell. Irgendwie hat sich eine Ton-Bild-Schere in den Stream geschlichen, oder haben unseren MP die letzten Wochen einfach zu sehr mitgenommen?

Nein, davon kann keine Rede sein. Rein nonverbal steht der Ministerpräsident wieder mit beiden Beinen im Saft, erinnert zeitweise an den Law-and-Order-Laschet aus dem Landtagswahlkampf 2017: Impulsivität, Furor, hohe sexuelle Energie. "Hier ist einer bereit, den Kampf gegen die Chinaseuche aufzunehmen", notiere ich nachdenklich in mein Notizbuch. Dann ein neuer hübscher Gedanke: Die Pandemie als endlose Aneinanderreihung von Pressekonferenzen, der Ausnahmezustand als new normal. Auch das notiere ich fix, vielleicht lässt es sich irgendwo noch für 50 Euro verbloggen.

Zurück nach Gütersloh. Laschet dreht jetzt voll auf, legt sich sogar mit dem Wurstmagnaten an, poltert: "Die Kooperationsbereitschaft der Firma Tönnies hätte größer sein können." Ein Statement, das seine ganze Power erst entfalten kann, wenn man die rund 150 000 Euro, die Tönnies in den letzten letzten 15 Jahren an die CDU überwiesen hat, einpreist. Showdown im Regierungsbezirk Detmold?

Armin Laschet will es jetzt offenbar wissen, deutet mögliche Schadensersatzzahlungen von Tönnies nach der Krise an. So ergibt auch die bereits vor ein paar Tagen hinzugezogene Bundeswehr in Gütersloh Sinn: Der MP will Stärke gegen den Fleischmagnaten demonstrieren; es sind Szenen, die an das von Pablo Escobar terrorisierte Kolumbien der Achtziger- und Neunzigerjahre erinnern. Unschöne Bilder, ein Mexican Standoff mitten in Westfalen. Eines ist mit dem heutigen Tag und den markigen Sprüchen des MPs gewiss: Laschet hat das Kanzleramt noch nicht abgeschrieben. Doch sein Weg nach Berlin führt über ein erfolgreiches Containment der Wurstfabrik und damit über: Clemens Tönnies. Vielleicht entscheidet sich das politische Schicksal des Aacheners in den kommenden Tagen genau hier, im Regierungsbezirk Detmold: Irgendwo in Gütersloh.

Euer Dax Werner

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Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Vorbildlich, Landwirtschaftsminister Cem Özdemir,

finden wir ja Ihren Vorstoß, Containern zu legalisieren. Wir hoffen allerdings doch sehr, dass dies nicht schon die von Ihnen als »Deutschlanddiät« angekündigte Kampagne für bezahlbares Essen ist?

Muss auch so genug Müll schlucken: Titanic

 Hmmm, Ex-FIFA-Boss Sepp Blatter,

zu Ihrer Rolle bei der Vergabe der Männerfußball-WM an Katar sagen Sie heute: »Die Leute stellen sich Einflussnahme immer wie in Gangsterfilmen vor – mit Koffern voller Geld, die an einem geheimen Ort übergeben werden. So war das aber nicht.« Ach: So war das nicht – na dann! Eine Frage, Blatter: Wie sehr mussten Sie sich konzentrieren, um nicht versehentlich die Beschaffenheit der besagten Geldkoffer und den Übergabeort zu beschreiben?

Fragen sich

Ihre Detektiv/innen von Titanic

 Wie wenig, »Spiegel«,

muss man eigentlich tun, um von Dir als nicht rechts entlastet zu werden? Liest man Deine Reportage über die SPD-Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori, wohl sehr wenig. Denn dort schreibst Du, Cademartori sei »keine Rechte. Sie steht für eine diverse Gesellschaft, wenn bei Veranstaltungen Altherrenwitze gerissen werden, rollt sie mit den Augen.« Oha, mit den Augen rollt sie, na dann. Lass uns raten: Wer Zunge schnalzend an einem brennenden Flüchtlingsheim vorbeiläuft, ist kein Nazi, und wer »pfft« macht während einer AfD-Kundgebung, kein Faschist?

Presst entschieden die Lippen aufeinander: Titanic

 Eine Frage, Dating-App Bumble …

Welchen Sinn hat es, dass Du in einer Werbung eine Nutzerin Deines Dienstes wahnsinnig davon beeindruckt zeigst, dass ein Lukas laut eigenen Angaben »Abenteuer und Kaffee« liebt? Was möchtest Du uns damit vermitteln, dass sie ihn sofort anschreibt und ein Treffen vorschlägt? Willst Du uns unbedingt den langweiligsten Typen andrehen, den es auf Deiner Plattform gibt? Oder ist das – bedenkt man die begeisterte Reaktion der Frau – etwa noch der interessanteste, den du zu bieten hast?

Sind vor der Antwort trotz Kaffee eingeschlafen:

Deine anspruchsvollen Großstadtsingles von der Titanic

 Ihnen, Steve Jobs,

Ihnen, Steve Jobs,

wird es wahrscheinlich egal sein, aber wir wollten Sie dennoch informieren, dass Ihr Vermächtnis auf Erden recht vielgestaltig ausgefallen ist. So lasen wir bei stern.de: »Alte Schlappen für über 20 000 US-Dollar: Birkenstock-Sandalen von Steve Jobs stehen zum Verkauf.«

Dieser Reliquienhandel ist übrigens ein wahres Geschäftsmodell geworden: »Die Schuhe sind nur ein kleiner Teil von Jobs’ mehr oder weniger freiwilligem Nachlass. Seine Angestellten leerten die Mülltonnen offenbar mehrfach gründlich. Die Beute habe man mit den Gärtnern, Freunden oder Second-Hand-Geschäften geteilt.« Sollte es nun bald an Ihren Sargdeckel klopfen, Jobs, dann wissen Sie: Da braucht wer Nachschub. Aber als Ex-CEO kennen Sie sich ja aus mit der dubiosen Beschaffung von Ressourcen!

Grüße ins ewige Business von Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Taktik für 8

Besuch bei Tante und Onkel, beide sehr betagt. Beim Scrabblespiel liegen sie zu Beginn etwas zurück, es fallen ihnen nur kurze Worte wie »EIN« ein. Nach dem abgeschmetterten Versuch, den schon daliegenden Artikel »DER« in das zusammenhängende Wort »DERRABE« zu verwandeln, bekommt das Spiel eine Wendung: Die Senioren entdecken den S-Buchstaben und den Genitiv für sich und heimsen viele Punkte ein mit »MOPSES«, »STRUMPFLOCHS«, »RATTENZAHNS«, alles ist wieder offen …

Miriam Wurster

 Täter-Opfer-Umkehr

Nächte im Krankenhaus sind nie besonders schön. Diesmal aber war es der reine Horror. Mein hochmodernes Bett ließ sich nicht um einen Millimeter verstellen, egal, wie oft und wie verzweifelt ich immer wieder auf die Tasten der Fernbedienung drückte. Und die Tatsache, dass alle paar Minuten eine arme Seele im Nebenzimmer vor Schmerzen laut schrie und jammerte, machte die Situation nicht besser. Am nächsten Morgen klärte mich das Pflegepersonal darüber auf, dass ich nicht zu dumm zum Drücken einer Taste sei, sondern dass es sich einfach um die falsche Fernbedienung gehandelt habe, nämlich um die eines anderen Bettes! Jetzt finde ich: Auch wenn man frisch operiert die ganze Nacht komplett ferngesteuert in seinem Bett hin- und her- und hoch- und runtergefahren wird, ist das noch lange kein Grund, so zu schreien, dass die anderen Patienten nicht schlafen können.

Martina Werner

 Konsequent

Wer Ananas sagt, muss auch Abnabnabs sagen!

Daniel Sibbe

 Lasst mich in Ruhe!

Sollten jemals Zeitreisen möglich sein, müsste man fast Mitleid mit dem jungen Hitler haben. Ohne etwas getan zu haben, würde er in ständiger Angst leben, weil andauernd Fremde versuchten, ihn umzubringen.

Karl Franz

 Waldbaderegel Nr. 1

Nicht vom Waldrand springen!

Tom Breitenfeldt

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 10.01.: "Der Teufel vom Dachboden" – Eine persönliche Pardon-Geschichte in der Jungen Welt von Christian Y. Schmidt.
  • 13.12.:

    Anlässlich des 85. Geburtstages Robert Gernhardts erinnert Christian Y. Schmidt in der Jungen Welt an den Satiriker und Vermieter.

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

Titanic unterwegs
02.02.2023 Halle, Objekt 5 Max Goldt
02.02.2023 Nürnberg, Z-Bau Moritz Hürtgen
05.02.2023 Berlin, Kino International Max Goldt
05.02.2023 Berlin, Babylon:Mitte Martin Sonneborn