Newsticker

Nur diese Kategorie anzeigen:Meinung Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Meditation und Markt mit Dax Werner

Erinnerung, sprich

Liebe Leser_innen,

im Februar dieses Jahres hatte ich das große Glück, einen leisure day in der Ländle-Metropole Stuttgart (oder wie ich als Kenner inzwischen sage: 0711 Stuggi-Benz-Town) zu verbringen, noch bevor ein paar Dutzend Halbstarke das schwäbische Kleinod in Schutt und Asche legten. Die Rede ist natürlich von dem Wochenende, das als "Stuttgarts Stunde Null" ins kollektive Gedächtnis eingehen sollte. 9/11 im Ländle.

Nachrichten aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt erreichen uns bekanntlich seither nur noch unregelmäßig, die seltenen Tweets des aus Stuttgart stammenden Kollegen Cornelius W. M. Oettle lesen sich noch kryptischer, diffuser als ohnehin sonst: So zwitscherte Oettle zuletzt vor 16 Stunden "Als echter Stuttgarter trinke ich natürlich STUGGI SCHORLE" an seine 15 000 Follower. Gedanken, ja fast Beschwörungen von einem, der das new normal noch nicht akzeptieren kann oder will: Das Stuttgart, wie wir es kannten, existiert nicht mehr.

Umso kostbarer erscheinen mir heute die Erinnerungen an das Stuttgart, wie es inzwischen nur noch auf Postkarten existiert. Rückblende, Februar 2020: Die A8 runterjagend lassen wir Nürtingen links liegen, im Autoradio läuft das neue Album von Max Herre, gemeinsam mit dem immerjungen Lockenkopf träumen wir uns nach “Athen”. Die Sonne geht langsam auf, wir liegen gut in der Zeit. Und steuern einen Second-Hand-Laden an, in dem ich einige Jeanshemden mit Tiermotiven anprobiere, dann aber doch nicht kaufe, weil mir 120 Euro für ein Textil mit edlen Pferden, welche einen Fluss passieren, einfach als verdächtig wenig Geld erscheint.

In Gedanken war ich noch ganz bei den Hannoveranern, die wild entschlossen den Bach bezwingen, als ich im Hinterhof in ein Fotoshooting mit zwei Frauen stolpere. Erst viel später erklärt mir unser Guide: Das im Hinterhof waren die beiden Internet-Stars Lisa und Lena, die zu Spitzenzeiten mal über 32 Millionen Follower_innen auf TikTok hatten.

Ich hatte von den beiden noch nie vorher gehört, und unter uns Millennials gehörte es bis vor kurzem ja auch noch zum guten Ton, "echt nicht zu wissen, was da auf TikTok abgeht!", aber seien wir ehrlich: Spätestens seit selbst 7-Zwerge-Star Martin "Maddin" Schneider (Baujahr 1964) mit seinem rätselhaften bis gruseligen Content eine halbe Million Follower_innen beim chinesischen Datenvampir erspielt hat (mancherorts nennt man ihn schon den "El Hotzo von TikTok"), geht auch bei uns nach 1985 Geborenen die Angst um: Ist die augenzwinkernde Caption über dem erotischen Robert-Habeck-Foto mit 200 Favs offenbar doch gar nicht mehr der heißeste Scheiß im Internet? Mutieren wir zu den neuen Boomern? Die Social-Media-Uhr tickt gnadenlos.

TikTok ist neben allem anderen auch die Plattform, die Menschen eine Reichweite verschafft, die in Deutschland noch nicht den Führerschein machen dürften. Erst neulich machte ein TikTok die Runde, in der eine Vertreterin der Generation Z – also der nach 2000 zur Welt gekommenen – den Finger gnadenlos in die Millennial-Wunde hielt: Unser Harry-Potter-Buzzfeed-Lifestyle-Liberalismus ist nicht woke, sondern peinlich. Rumms, Treffer. Der sitzt.

Doch wir Millennials geben nicht so schnell auf und schlagen mit unseren Millennialwaffen zurück: Unterbezahlte Artikel für irrelevante Medien schreiben und diese dann auf unseren randständigen sozialen Plattformen posten. "Demokratisierung der dance culture hin oder her, der Chinese will nur ans Öl des 21. Jahrhunderts: unsere Daten." Fertig ist der Artikel, ab dafür ins Internet. 

Allein, man fragt sich, wie lang das noch so gut gehen kann. Wir "Jahrtausender" lebten zwar lange (wie jetzt immer noch) ohne Geld und Karrierechancen, hatten aber wenigstens die Deutungshoheit im Internet, verwalteten relativ ungestört unsere kulturelle Hegemonie zwischen Bits und Bytes. Stuttgarts 9/11 vor zwei Wochen zeigt jedoch, wie hart die Realität mitunter hitten kann.



Take care, fellow millennials.

Euer Dax Werner

Kategorie: Meinung



Eintrag versenden Newstickereintrag versenden…
Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

optionale Mitteilung an den Empfänger:

E-Mail-Adresse des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*
(mehrere Adressen durch Semikolon trennen, max. 10):

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Winfried Kretschmann!

Winfried Kretschmann!

Bei einer Debatte über Künstliche Intelligenz und Ethik beim Katholikentag in Stuttgart sagten Sie: »Ich schaue mir gern Opern auf Youtube an. Das Tolle ist und auch das Beängstigende: Diese Maschine kennt uns ja nach kurzer Zeit, sie weiß, wo mein Geschmack liegt.« Und über den Algorithmus befanden Sie: »Und dann ist er noch so raffiniert, weil er wahrscheinlich rausgefunden hat, dass ich ein Mann bin, denn ab und zu kommt ein Porno dazwischen. Und ich denke, was ist jetzt das?«

Bon, Kretschmann, aber verhält es sich nicht anders herum? Sie sind ein Mann und schauen gern Pornos auf Youporn an. Das Tolle ist und auch das Beängstigende: Diese Maschine kennt Sie ja nach kurzer Zeit und weiß, wo Ihr Geschmack liegt. Und dann ist sie noch so raffiniert und hat wahrscheinlich rausgefunden, dass Sie Opernfreund sind, denn ab und zu kommt »Tosca« oder »Fidelio« dazwischen. Und Sie denken, was ist jetzt das?

Da nicht für: Titanic

 Computercracks der ersten Stunde!

Als wir neulich die Oma ins Sanitätshaus begleiteten, vertrieben wir uns die Wartezeit mit dem Lesen der Namen von Rollatoren und staunten nicht schlecht: Es gab ein Modell »Pixel«, eins hieß »Server«, ein drittes war nach dem Prozessor »Athlon« benannt.

Da die Benennung von Gehhilfen vermutlich wie bei allen anderen Waren auch auf der Basis von Zielgruppenanalysen entsteht, fragen wir uns nun und hier auch Euch: Ist es schon so weit mit Euch? Gerade noch die Wochenenden im WDR Computerclub durchgemacht und anschließend gleich weiter zu den Kumpels, um bei den Summer Games den Joystick im Staffellauf zum Glühen zu bringen, und nun schiebt Ihr Euch nur mühsam vorwärts? Bei »Civilisation« einen Kontinent nach dem anderen erobert, jetzt inkontinent? Den ehemaligen Königen im Assembler-Programmieren musste ein Chirurg den gesplitterten Oberschenkelhals wieder zusammensetzen? Statt »Resident Evil« zocken in der Seniorenresidenz hocken?

Und kommt es Euch eigentlich auch so vor, als sei die Lebenszeituhr ziemlich übertaktet? Titanic

 Unangenehm, »Spiegel«!

In Deinem Porträt der Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker weißt Du uns das Folgende zu berichten: »Wenn man ein paar Stunden mit Decker verbringt, kann man sich gut vorstellen, warum sie viele Freunde hat. Man kann mit ihr aufs Klo gehen und neben ihr pinkeln, ohne dass es sich komisch anfühlt.«

Damit hast Du, Spiegel, einen neuen Lackmustest für Freundschaften etabliert. Nach vielen Litern Bier haben wir unsere Freund/innen antanzen lassen und müssen nun traurig zugeben, dass es sich jedes Mal komisch angefühlt hat, vor ihnen zu pinkeln.

Leergepisst und schrecklich einsam: Titanic

 Hotel Detva, Detva, Slowakei,

in Deiner Hausordnung schreibst Du: »Das Umssstellen der Mobel ist verboten. Bei Zuwiderhandlung Berechnen wir EUR 3,32.« Und, Hotel Detva, für EUR 6,64 darf man auch das Nachbarzimmer umräumen?

Frage für die Urlaubsplanung von Titanic

 Vonovia!

In einem Schreiben an Deine Mieter formulierst Du hilfsbereit: »Uns ist bewusst, dass die Mieterhöhung für einige Mieter finanziell sehr belastend sein kann. Falls dies bei Ihnen der Fall ist, wenden Sie sich bitte an das Vonovia Mietenmanagement. Vielleicht können wir bei der Suche nach einer Lösung behilflich sein, zum Beispiel, indem wir Ihnen eine kostengünstigere Wohnung anbieten.«

Wie gutherzig, Vonovia! Du scheinst in Sorge zu sein, Du könntest zahlende Kundschaft, die sich Deine Miete nicht mehr leisten kann, endgültig verlieren. Aber kostengünstigere Wohnungen? Ernsthaft? Vermietest Du noch keine Parkbänke und Schlafplätze unter Brücken, die von ihres Wohnraums Beraubten bald aufgesucht werden müssen?

Tapeziert bereits die Hundehütte: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Fragment

Kafka war schon deshalb ein größerer Autor als Proust, weil dieser zu Lebzeiten nur einen einzigen Meisterroman nicht vollenden konnte, Kafka hingegen gleich drei unabgeschlossen ließ? Äußerst reizvolle These! Aber irgendwie unfertig …

Andreas Maier

 Kein Mitgefühl

In Leute, die keine Empathie empfinden, kann ich mich einfach nicht hineinversetzen.

Laura Brinkmann

 Der Fehler im Rogen

Ich kann mir nicht helfen: Jedes Mal, wenn ich Kaviar esse, habe ich ein Störgefühl.

Lukas Haberland

 Selbsterkenntnis

Dass ich dann doch ein ziemlich verwöhntes Arschloch bin, habe ich gemerkt, als ich neben einem schlafenden Obdachlosen eine geschenkte Tüte Nachos sah und ganz kurz dachte »Was soll er damit? Er hat doch gar keinen Dip.«

Karl Franz

 Frühwarnsystem

Aufgrund meines spärlichen Haupthaars merke ich stets als Erster, dass es zu regnen beginnt.

Fabio Kühnemuth

Vermischtes

Friedemann Weise: "Die Welt aus der Sicht von schräg hinten"
Laut seiner Homepage ist er der "King of Understatement" und der "lustigste Mensch im deutschsprachigen Internet". Er ist aber auch Gitarrenmann, Viralblogger (15000 Follower!), Gagautor und Promiexperte mit Diplom. Die Rede ist von Friedemann Weise, dem Mann mit dem Namen! Der Mann, der den "Satiropop" erfand. Und jetzt auch noch ein Buch vorlegt. Ob das gutgeht? Ordern Sie diese Prämie und teilen Sie Ihr vernichtendes Urteil bitte zeitnah der TITANIC-Redaktion mit.Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKatz & Goldt: "Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?"
Stephan Katz und Max Goldt: Ihr monatlicher Comic ist der einzige Bestandteil von TITANIC, an dem nie jemand etwas auszusetzen hat. In diesem Prachtband findet sich also das Beste aus dem endgültigen Satiremagazin und noch besseres, das bisher zurückgehalten wurde. Gewicht: schwer. Anmutung: hochwertig. Preis: zu gering. Bewertung: alle Sterne.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EUR
Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 08.08.: Moritz Hürtgen und Dax Werner sprachen mi dem hr zum Thema "Sind wir alle zu ironisch?!"
Titanic unterwegs
10.08.2022 Hamburg, Grüner Jäger Ella Carina Werner
16.08.2022 Berlin, Pfefferberg Theater Max Goldt
17.08.2022 Frankfurt, Museum für Komische Kunst Buchpräsentation »Die große Marie Marcks«
19.08.2022 Zeven, Volksbank Gerhard Henschel