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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 31

Liebe Leser:innen,  

da bin ich letzten Sonntag fast vom Hocker gefallen: In der Halbzeitpause des EM-Finals hüpfte doch tatsächlich Bundeskanzler Olaf Scholz vors ARD-Mikro und analysierte die erste Halbzeit des Spiels Deutschland gegen England in gewohnt vager Manier. Das prominente Halbzeitinterview wird in der Regel relativ kurzfristig besetzt, oftmals mit Promis, bei denen es gerade vielleicht nicht ganz so gut läuft oder die zufällig in der Nähe der Kamera herumlungern. Doch das Interview mit Scholz reiht sich ein in eine ganze Serie merkwürdiger Kanzler-Momente.  

So besuchte er unter der Woche sehr zur Überraschung von uns politischen Beobachtern eine Gas-Turbine bei Siemens in Mülheim an der Ruhr. Das erinnerte mich wiederum daran, wie ich als Dreikäsehoch staunend den großen Passagierflugzeugen in Köln-Bonn von der Besucherplattform nachschwelgte. Wo sie wohl hinfliegen würden? Ein schöner Zeitvertreib für technikbegeisterte Kids am Sonntagnachmittag - aber mitten unter der Woche als Kanzler? Auch aus dem im Anschluss kolportierten Scholz-Statement wurde niemand wirklich schlau: "Es ist gewissermaßen klar und einfach", so der Kanzler. "Die Turbine ist da, sie kann geliefert werden. Es muss nur jemand sagen, ich möchte sie haben, dann ist sie ganz schnell da."  

"Klar" und "einfach" sind Beschreibungen, deren Bedeutungen schon im Kontext einer eBay-Kleinanzeige schnell verschwimmen können: Wer holt das feilgebotene Produkt wann wo zu welchem Preis ab? Eigentlich wird genau andersherum ein Schuh daraus: Bei Kanzler Olaf Scholz und der Sache mit dieser Turbine ist so gut wie nichts klar. Stattdessen legte er auf Instagram mit einer geheimnisvollen Botschaft nach: "Ich bin dankbar, die Turbine heute bei @siemens mit eigenen Augen gesehen zu haben." Wie bitte? Was besucht der Kanzler denn als Nächstes: Ausgemusterte Rotorblätter in einem Windpark in Schleswig-Holstein ("Danke für den Riesenjob!") oder einen Stapel Reifen in Stuttgart ("Ob Winter- oder Sommerreifen: Sie alle tun pflichtbewusst ihren Dienst fürs Vaterland.")?  

Wenn offenbar eh schon alles egal ist, würde ich ihn als NRWler gern noch mal in der WDR-Nachmittagssendung Hier und Heute mit ein paar schönen Bastelideen im Gepäck erleben - oder mit einer raffinierten Pasta samt hanseatischer Nachspeise bei Kochen mit Martina und Moritz.  

Wünscht euch ein bärenstarkes Rest-Wochenende: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW29

Liebe Leser:innen,  

in meiner Vorstellung sitzt die*der ideale Debattenrückspiegel-Leser:in am Sonntagvormittag mit einem köstlichen dampfenden Koffeinnektar auf der Couch, ready and loaded, sich den neuesten Rückspiegel mit einem wohlwollenden und einem kritischen Ohr von Alexa vorlesen zu lassen. So dampfend wie die Tasse Bohnentrunk in diesem angenehmen Bild muss man sich derzeit jedoch auch die Stimmung in der Ampel-Koalition vorstellen, insbesondere den Bundesarbeitsminister Hubertus Heil: Er will nun, nur 17 Jahre nach Einführung, "Hartz IV" ablösen – und zwar durch das neue Bürgergeld "Heil V". Das sorgt natürlich für Ärger in der Koalition. Wie kommt die Ampel sauber raus aus der Nummer? Eine Idee. 

Wenn es nach dem Willen des Arbeitsministers und früheren Schlagerstars Hubertus Heil geht, ist die Erfolgsstory Hartz IV ab dem kommenden Jahr Geschichte. Der Zeitpunkt ist mindestens merkwürdig: Der Chefarchitekt der Reform, Peter Hartz aus St. Ingbert, erfährt bekanntlich bundesweit immer noch gottgleiche Verehrung wie sonst nur Helmut Schmidt und Millionen Deutsche vertrauen auf die Grundsicherungsleistung - warum also das SPD-Aushängeschild schlechthin abschaffen? Wofür stehen die Sozialdemokraten nach dem Ende von Hartz IV überhaupt noch?

Fragen, die sich Hubertus Heil natürlich auch schon lange vor mir gestellt hat. Und reagiert hat: Das Bürgergeld wird sich hinsichtlich der Leistung vermutlich um nicht viel mehr als 50 Euro von Hartz IV unterscheiden, auch die Sanktionen sollen im Großen und Ganzen bleiben. Für die SPD-Kernwählerschaft ändert sich also im Prinzip gar nichts, sie können sich weiterhin daran erlaben, dass Menschen, die ärmer sind als sie selbst, tagtäglich terrorisiert werden.

Der einzige, der mal wieder nach dem Haar in der Suppe sucht, ist Christian Lindner und stellt sich in einem Interview quer. Der will nämlich weiter Sanktionen ohne Moratorium und erklärt: "Solidarität muss immer auch die Gegenleistung einbeziehen, die Hilfe der Gesellschaft nur so weit wie nötig in Anspruch zu nehmen." Und vermutlich weiß niemand besser Christian Lindner, was es mit einem macht, wenn man mehr Hilfe in Anspruch nimmt als man eigentlich braucht: Sein Startup Moomax meldete 2001 nach nur einem Jahr Insolvenz an, nachdem insgesamt 1,4 Mio. Euro Steuergeld ins Unternehmen geflossen waren.

Vielleicht mag er einfach viele Menschen vor dieser furchtbaren Erfahrung bewahren? Mein Vorschlag für eine schnelle Einigung zwischen der SPD und der FDP in Sachen Bürgergeld ist jedenfalls klar: In der Geschichte der Bundesrepublik hat es nämlich meiner Meinung nach noch keinen Konflikt gegeben, der sich nicht mit einem Tisch, zwei Stühlen und zwei köstlich zubereiteten bohnigen Wachmachern hätte lösen lassen können.

Gut Bohn: Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW27

Liebe Leser*innen,  

die letzten drei Male als ich in Markus Lanz reinzappte dauerte es immer nur wenige Sekunden, bis irgendwer in der Runde von "deutschen Panzerhaubitzen" redete. So bin ich in den letzten Wochen dazu übergegangen, mir statt der Live-Show auf YouTube ausgewählte Pre-Corona-Folgen Deutschlands erfolgreichster Talkshow mit Reinhold Messner oder Thomas Middelhoff anzusehen: Launige Runden vor Studiopublikum mit einem Markus, für den sauber gearbeiteter Boulevard noch nichts Schlechtes war, Wolfgang Bosbach in himmelblau auf links, weinende Unternehmer, Räuberpistolen vom Nanga Parbat.

Für uns Millennials, die zwischen der Gen X, die mit der Ampel das gesellschaftliche Ruder übernommen hat, und der Gen Z, die in jeder Hinsicht cooler und politischer ist als wir, zur langweiligsten Generation überhaupt geworden sind, ist das nun "die gute alte Zeit": Die Zehner Jahre, in denen wir noch werberelevante Zielgruppe waren, Indieparties mit mehr als 20 Gästen, Angela Merkel, Jogi Löw, Ironie. Inzwischen haben wir den Harald Schmidt gemacht und uns ins Private zurückgezogen, wo wir im Prinzip nichts anderes mehr machen, als gut gelaunt um unser eigenes Millennialtum zu kreisen.

Und auch wenn viele von uns treue Leser*innen des sonntäglichen Nils Minkmar Newsletters "Der siebte Tag" sind: Dass wir uns gerade in mehreren gigantischen Krisen zeitgleich befinden, droht man, drohe ich mit der oben beschriebenen Methode natürlich slightly zu verschlafen. Oder um es mit einem von Slavoj Žižek persönlich ausgedachten Zitat von Antonio Grasmsci zu sagen: "Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Minion-Memes."

Wie wird diese neue Welt wohl aussehen? Wird das Kliemannsland offiziell zur Sonderwirtschaftszone nach chinesischem Vorbild - also das, was es de facto schon länger ist? Streift sich Wolfgang Kubicki im Herbst mit den Kumpels aus seiner Stammkneipe die gelbe Weste über? Verpflichtet Christian Lindner Langzeitarbeitslose demnächst dazu, in der Eifel-Kaserne Gerolstein Munition zu zählen? Werden wir in unseren Co-Working Spaces MacBooks verbrennen, weil das immer noch günstiger sein wird als mit Gas zu heizen?

Wir wissen es nicht. Doch was auch immer passieren mag: Ich hoffe und bete, dass der "Markus Lanz Fan Kanal" auf YouTube online bleibt.

Einen schönen Start in die neue Woche wünscht euch euer: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW26

Liebe Leser:innen,  

es war sicherlich die bis hierhin aufregendste Reise, die ich am Donnerstag mit dem Neun-Euro-Ticket unternahm. Der Himmel verdunkelte sich bereits als ich mich von Wuppertal in Richtung Rheinland aufmachte: da oben braute sich was zusammen, so hatte es auch Kachelmann Wetter schon am Mittag verlässlich angetwittert. Über die DB Navigator App meldete der RE7 bereits entspannte 40 Minuten Verspätung und ließ so Raum für viele eigene Überlegungen und Gedanken. Kurzum: Es versprach schon früh, ein aufregender Bahntag zu werden.  

Langsam nahm das Unwetter Gestalt an und während ich nochmal durch ein paar meiner Lieblingsfolgen "Allgemein gebildet", den Politik-Podcast von Ralph Ruthe und Sally Starken skippte, machte der RE7 plötzlich außerplanmäßig Endstation in Neuss:  Umgestürzte Bäume sorgten dafür, dass zwischen Platz 54 der größten Städte Deutschlands und der Samt- und Seidenstadt Krefeld eisenbahntechnisch erst ein mal gar nichts mehr ging. Was tun? Als inzwischen erfahrener Neun-Euro-Ticketler spürte ich: Die Nummer hier würde vermutlich den ganzen Abend dauern, auch wenn die DB Family im Hintergrund mit Sicherheit schon an einer pragmatischen Lösung arbeitete.  

Ich plante on the fly einen smarten Workaround: Mit der U-Bahn bis Belsenplatz, von dort weiter mit der U76 bis ans Ziel. Sollten die anderen doch auf ihre Ersatzbusse warten, als Bahnfan musste man sein Schicksal eben manchmal auch in die eigenen Hände nehmen. Die U-Bahn war fast vollständig leer, nur vorne stand ein junger Mann direkt an der Fahrerkabine, leicht vornüber gebeugt und, wie ich später heraushörte, mit dem Fahrer in ein intensives Gespräch über Bahnsimulatoren vertieft. Was für eine bewundernswerte Obsession, dachte ich bei mir, machte aber weiterhin ein Gesicht, als würde ich den Politik-Podcast von Ralph Ruthe hören. Menschen, die den oder die Bahnfahrer:in trotz der unzweideutigen Rechtslage in ein Gespräch verwickeln, faszinieren mich schon, seit ich als kleiner Bub den ersten Fuß in eine Bahn setzte, schon damals fragte ich mich: Wie spiele ich dieses Level frei, ab wann stehe ich über dem Gesetz, wie werde ich selbst zum Outlaw?  

Plötzlich war jedoch auch mit der U-Bahn Schluss: Endstation Strandbad Lörrick. Ein Satz wie ein stressiger Kurzfilm frühmorgens im ZDF, nachdem man bei einer dieser  völlig nichtssagenden Lanz-Ausgaben mit Gregor Gysi oder Edmund Stoiber eingeschlafen ist.  

Inzwischen war es Nacht, wir hatten auf freier Strecke gehalten. "Bäume auf der Strecke, dieser Zug fährt zurück ins Depot. Ausstieg auf eigene Gefahr!" Unsicher stolperten wir über die Gleise in Richtung der womöglich vom Unwetter verwüsteten Stadt, wir organisierten uns in kleinen, schlagkräftigen Gruppen von je drei oder vier Menschen, die ganze Szenerie hatte etwas von "The Walking Dead". Endzeitstimmung in NRW.  

Unsicher rief ich in die Dunkelheit, ob jemand noch einen TITANIC-Kolumnisten in seinem Team bräuchte. Stille. Nur Schuhe, die durch nassen Kies stapften.  

Good night and good luck: Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW25

Liebe Leser:innen,  

sie gehören zu den Klassikern des politischen Humors: Videos von Politikern – es sind meist Männer – als Partylöwen, DJs und Dancefloor-Biester. Wir erinnern uns an Karl Theodor Guttenberg mit aberwitziger T-Shirt-über-Hemd-Kombination als DJ wahllos Regler an einem Mischpult verstellend. Oder Andreas "Andy" Scheuer, dem als Verkehrsminister irgendwann einfach alles so egal war, dass er damit begann, irrelevante Großraumdiskotheken in der bayerischen Provinz zu eröffnen. Einfach, weil er es kann. Jetzt macht ein harmloses Hochkantvideo von Friedrich Merz die Runde, in dem er auf einem Dancefloor selbstvergessen vor sich hin stapft. Und wieder dreht das Internet frei. Was fasziniert die Menschen so an der Kombination aus Politikern und Clubkultur? Eine Spurensuche.  

Zeit für meinen ganz persönlichen Gedankenpalast: Wer fühlt eigentlich noch irgendwas, wenn er den von Friedrich Merz selbstständig ins Netz gestellten Clip mit einem neuen Lied unterlegt und auf seinen Instagram Account hochlädt? Meine These: Niemand mehr. Das Weiter- und Um-Memen derart clever platzierten Menschel-Contents direkt vom Dancefloor des CDU-Sommerfests muss man sich heutzutage als einen weitestgehend automatisierten Vorgang denken. Und an keinem Punkt der Wertschöpfungskette wird auch nur eine Miene verzogen, denn das Lachen wird hier *räusper* nun ja, regelrecht outgesourct an gelb lachende Emojis.  

Vielleicht irre ich mich ja, aber mein Eindruck ist: Wir memen uns am geilen Merz-Video ab, aber können nicht so richtig sagen, warum. Und alles, was wir sagen können, ist dass wir’s nicht wüssten, uns aber irgendetwas befiehlt, dass wir’s müssten. Meiner Meinung nach muss das nicht sein. Ich zum Beispiel möchte Friedrich Merz ohnehin lieber als Menschen in Erinnerung behalten, der sich bei einem Obdachlosen, der sein Notebook an einem Taxistand fand und ordnungsgemäß zurückgab, mit einem Exemplar seines Buchs "Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion - Kursbestimmung für unsere Zukunft" bedankte. Oder 1997 gegen den Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe stimmte.   

Zieht sich jetzt ein paar Minion-Memes zur Erholung rein: 

Euer Dax Werner   

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW24

Liebe Leser:innen,  

diese Woche ist ein Google-Mitarbeiter entlassen worden, nachdem ein von ihm programmierter Chatbot seiner Meinung nach die Schwelle zum "fühlenden Wesen" überschritten habe. Die künstliche Intelligenz mit dem Namen LaMDA habe eine Seele entwickelt, so der Google-Ingenieur. Sein Arbeitgeber hält ihn wiederum offenbar für jemanden, der solange in die KI geschaut, bis die KI irgendwann in ihn zurückgeschaut hat. Anyway: Eine Nachricht, die mir willkommenen Anlass zum Sinnieren bietet.

Dass die Unterscheidung zwischen menschlichen Wesen und künstlicher Intelligenz an der Schwelle zum eigenen Bewusstsein immer schwerer fällt, beweisen nicht zuletzt Christian Lindner und Marco Buschmann von der FDP Woche für Woche aufs Neue und ganz unter uns: Ich frage mich, für wie viel Euro ich diese Punchline an Volker Pispers hätte verkaufen können, wenn dieser nicht im Februar 2021 auf pispers.com seinen Abschied von der Bühne bekannt gegeben hätte – allerdings ohne Datumsangabe.

Vermutlich ein letzter diebischer Spaß des Altmeisters, denn seither ist #Pispers nach meiner Zählung mindestens sechsmal auf Twitter getrendet, also im Prinzip jedes Mal, wenn ein Fan die Pispers-Homepage angesteuert hat, aus dem Nichts mit dem Abschiedstext konfrontiert wurde und diesen dann anschließend in den sozialen Netzwerken (Pispers würde natürlich sagen: asoziale Netzwerke) als Neuigkeit verkauft hat. Und ich sag’s mal so: Ein Bot hätte sich das Veröffentlichungsdatum ohne Mühe aus dem von Volker noch per Hand getippten HTML-Text gezogen.

In puncto KI "fährt" die Elektroauto-Firma Tesla einen anderen Ansatz: Wie die Washington Post diese Woche berichtet, ist der Tesla-Autopilot so programmiert, dass er sich Sekunden vor einem Unfall selbst ausschaltet, so dass der Fahrer und nicht Tesla die Schuld trägt. Versicherungstechnisch gewiss die geschmeidigste, wenn nicht gar: flutschigste Lösung, aber selbst für Elon-Musk-Verhältnisse wirkt das alles doch etwas sehr sketchy.

Und es erinnert mich an so einige Bonmots meiner Großtante, die in Sachen positiver PR den großen Agenturen von heute in nichts nachstand: Über einen ihrer Neffen, der im offenkundig angetrunkenen Zustand einen Autounfall fabrizierte, verbreitete sie den einprägsamen Halbsatz "Dem haben’se was in die Cola getan." Und ihr Satz "Irjendswann war der Gehirnskasten einfach voll" über einen anderen Verwandten, der entnervt das Studium abbrach, ist für mich immer noch die griffigste Definition dessen, was uns Menschen nun eigentlich von der KI unterscheidet – Google’s LaMDA hin oder her.

Flirtet jetzt eine Runde mit dem Chatbot auf der Musicstore-Homepage: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW23

Liebe Leser:innen,

wenn es eine Sache gibt, die in den ersten 12 Juni-Tagen vollständig mein Leben bestimmt, dann das Neun-Euro-Ticket. Es ist für mich die WM 2006 als QR-Code in meiner DB Navigator App, mein Passierschein Richtung Freiheit, jawohl, vielleicht ist das Neun-Euro-Ticket in gewisser Weise der Mauerfall-Moment unserer Generation. Doch jede neu erkämpfte Freiheit hat ihren Preis.

Seit dem 1. Juni nutze ich jede verfügbare Minute, um mit dem Neun-Euro-Ticket irgendwohin zu reisen, viele meiner Zugfahrten ergeben sogar objektiv gar keinen Sinn. Meine Mission: Der Ein-Mann-Stresstest der Deutschen Bahn. So auch diese Woche. Freitagmittag, RE1 von Düsseldorf in Richtung Aachen: Eine Familie mit vier Kindern inklusive Kinderwagen macht Anstalten, zuzusteigen. Das Abteil ist jedoch schon überfüllt, der Zug hat schon einige Minuten Verspätung eingefahren und ein Pärchen (vermutlich erster Gen X Jahrgang), das allein schon gut 15 Prozent der Transportfläche mit ihren Trekkingbikes und Deuter-Wanderrucksäcken blockiert, brüllt den Vater der Familie mit hasserfüllten Blicken an. Ihre Position: Die Familie solle doch bitte den nächsten Zug nehmen, da dieser hier bereits überfüllt sei. Der Firnis der Zivilisation ist bekanntlich dünn, ich spüre, wie die beiden eine gewisse Lust an der Eskalation überkommt, auf jedes "Raus hier!" von ihm setzt sie ein "Ganz einfach!" nach, vielleicht planen die beiden ja gar keine Fahrradtour zum Dreiländereck Aachen, sondern beleben einfach ihre Beziehung neu.

Die Familie blieb ruhig, schraubte nicht noch weiter an der Eskalationsspirale und schaffte es trotzdem noch irgendwie zu uns in den Zug. Durch ihr besonnenes Verhalten boten sie den beiden Riesen-Arschlöchern einen gesichtswahrenden way out aus der Sackgasse namens spontan kulminierter Alltagsgewalt. Gut so. Dennoch zeigt diese Anekdote gleich dreierlei. Erstens: Entgegen der landläufigen Meinung sind Bahnfahrer:innen keineswegs automatisch die besseren Menschen. Ich habe den starken Verdacht, dass das Gen-X-Pärchen es im Prinzip nur der Gnade der späten Geburt verdankt, 1933 nicht mitmarschiert zu sein. Zweitens: Warum habe ich im entscheidenden Moment geschwiegen und verarbeite das Geschehene nun auf dem Rücken der von mir hochverehrten TITANIC-Leser:innen? Diese Frage ist ganz leicht zu beantworten: Ich hörte gerade eine spannende Stelle im Zeit-Verbrechen-Podcast mit Sabine Rückert und war nicht bereit, den Pause-Button zu hitten – möglicherweise eine gelungene Metapher für die seit Jahren voranschreitende Individualisierung und Entsolidarisierung in "der Gesellschaft".

Und drittens: Das Neun-Euro-Ticket bringt das System Bahn an die Belastungsgrenze. Es wird deswegen dringend Zeit, dass wir über eine sinnvolle Alternative zum Schienenverkehr nachdenken. Wir verfügen über ein starkes Autobahnnetz mitten in Europa: Warum probieren wir es nicht mit einer neuen Abwrackprämie und einem überarbeiteten Tankrabatt? Daran, dass die erste Fassung der Spritpreis-Senkungs-Offensive nur so halb funktioniert, trifft die FDP keine Schuld: Niemand hätte ahnen können, dass sich die Mineralölkonzerne den Tankrabatt einfach in die eigene Tasche stecken, statt an die Verbraucher:innen weiterzugeben. Wer anderes behauptet, lügt. Und wo sind eigentlich die anderen Parteien, wenn es um den Preiskrieg an der Zapfsäule geht? Von Tobias Hans hat man seit seinem Handy-Video vor der Aral-Tankstelle in St. Ingbert jedenfalls nichts mehr gehört.

Besitzt weder ein Auto noch Führerschein, versteht sich aber als nicht selbst betroffener Ally aller Autofahrer:innen: Dax Werner

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Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Computercracks der ersten Stunde!

Als wir neulich die Oma ins Sanitätshaus begleiteten, vertrieben wir uns die Wartezeit mit dem Lesen der Namen von Rollatoren und staunten nicht schlecht: Es gab ein Modell »Pixel«, eins hieß »Server«, ein drittes war nach dem Prozessor »Athlon« benannt.

Da die Benennung von Gehhilfen vermutlich wie bei allen anderen Waren auch auf der Basis von Zielgruppenanalysen entsteht, fragen wir uns nun und hier auch Euch: Ist es schon so weit mit Euch? Gerade noch die Wochenenden im WDR Computerclub durchgemacht und anschließend gleich weiter zu den Kumpels, um bei den Summer Games den Joystick im Staffellauf zum Glühen zu bringen, und nun schiebt Ihr Euch nur mühsam vorwärts? Bei »Civilisation« einen Kontinent nach dem anderen erobert, jetzt inkontinent? Den ehemaligen Königen im Assembler-Programmieren musste ein Chirurg den gesplitterten Oberschenkelhals wieder zusammensetzen? Statt »Resident Evil« zocken in der Seniorenresidenz hocken?

Und kommt es Euch eigentlich auch so vor, als sei die Lebenszeituhr ziemlich übertaktet? Titanic

 Winfried Kretschmann!

Winfried Kretschmann!

Bei einer Debatte über Künstliche Intelligenz und Ethik beim Katholikentag in Stuttgart sagten Sie: »Ich schaue mir gern Opern auf Youtube an. Das Tolle ist und auch das Beängstigende: Diese Maschine kennt uns ja nach kurzer Zeit, sie weiß, wo mein Geschmack liegt.« Und über den Algorithmus befanden Sie: »Und dann ist er noch so raffiniert, weil er wahrscheinlich rausgefunden hat, dass ich ein Mann bin, denn ab und zu kommt ein Porno dazwischen. Und ich denke, was ist jetzt das?«

Bon, Kretschmann, aber verhält es sich nicht anders herum? Sie sind ein Mann und schauen gern Pornos auf Youporn an. Das Tolle ist und auch das Beängstigende: Diese Maschine kennt Sie ja nach kurzer Zeit und weiß, wo Ihr Geschmack liegt. Und dann ist sie noch so raffiniert und hat wahrscheinlich rausgefunden, dass Sie Opernfreund sind, denn ab und zu kommt »Tosca« oder »Fidelio« dazwischen. Und Sie denken, was ist jetzt das?

Da nicht für: Titanic

 Hotel Detva, Detva, Slowakei,

in Deiner Hausordnung schreibst Du: »Das Umssstellen der Mobel ist verboten. Bei Zuwiderhandlung Berechnen wir EUR 3,32.« Und, Hotel Detva, für EUR 6,64 darf man auch das Nachbarzimmer umräumen?

Frage für die Urlaubsplanung von Titanic

 Vonovia!

In einem Schreiben an Deine Mieter formulierst Du hilfsbereit: »Uns ist bewusst, dass die Mieterhöhung für einige Mieter finanziell sehr belastend sein kann. Falls dies bei Ihnen der Fall ist, wenden Sie sich bitte an das Vonovia Mietenmanagement. Vielleicht können wir bei der Suche nach einer Lösung behilflich sein, zum Beispiel, indem wir Ihnen eine kostengünstigere Wohnung anbieten.«

Wie gutherzig, Vonovia! Du scheinst in Sorge zu sein, Du könntest zahlende Kundschaft, die sich Deine Miete nicht mehr leisten kann, endgültig verlieren. Aber kostengünstigere Wohnungen? Ernsthaft? Vermietest Du noch keine Parkbänke und Schlafplätze unter Brücken, die von ihres Wohnraums Beraubten bald aufgesucht werden müssen?

Tapeziert bereits die Hundehütte: Titanic

 Unangenehm, »Spiegel«!

In Deinem Porträt der Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker weißt Du uns das Folgende zu berichten: »Wenn man ein paar Stunden mit Decker verbringt, kann man sich gut vorstellen, warum sie viele Freunde hat. Man kann mit ihr aufs Klo gehen und neben ihr pinkeln, ohne dass es sich komisch anfühlt.«

Damit hast Du, Spiegel, einen neuen Lackmustest für Freundschaften etabliert. Nach vielen Litern Bier haben wir unsere Freund/innen antanzen lassen und müssen nun traurig zugeben, dass es sich jedes Mal komisch angefühlt hat, vor ihnen zu pinkeln.

Leergepisst und schrecklich einsam: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Selbsterkenntnis

Dass ich dann doch ein ziemlich verwöhntes Arschloch bin, habe ich gemerkt, als ich neben einem schlafenden Obdachlosen eine geschenkte Tüte Nachos sah und ganz kurz dachte »Was soll er damit? Er hat doch gar keinen Dip.«

Karl Franz

 Der Fehler im Rogen

Ich kann mir nicht helfen: Jedes Mal, wenn ich Kaviar esse, habe ich ein Störgefühl.

Lukas Haberland

 Frühwarnsystem

Aufgrund meines spärlichen Haupthaars merke ich stets als Erster, dass es zu regnen beginnt.

Fabio Kühnemuth

 Kein Mitgefühl

In Leute, die keine Empathie empfinden, kann ich mich einfach nicht hineinversetzen.

Laura Brinkmann

 Fragment

Kafka war schon deshalb ein größerer Autor als Proust, weil dieser zu Lebzeiten nur einen einzigen Meisterroman nicht vollenden konnte, Kafka hingegen gleich drei unabgeschlossen ließ? Äußerst reizvolle These! Aber irgendwie unfertig …

Andreas Maier

Vermischtes

Kamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURFriedemann Weise: "Die Welt aus der Sicht von schräg hinten"
Laut seiner Homepage ist er der "King of Understatement" und der "lustigste Mensch im deutschsprachigen Internet". Er ist aber auch Gitarrenmann, Viralblogger (15000 Follower!), Gagautor und Promiexperte mit Diplom. Die Rede ist von Friedemann Weise, dem Mann mit dem Namen! Der Mann, der den "Satiropop" erfand. Und jetzt auch noch ein Buch vorlegt. Ob das gutgeht? Ordern Sie diese Prämie und teilen Sie Ihr vernichtendes Urteil bitte zeitnah der TITANIC-Redaktion mit.Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKatz & Goldt: "Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?"
Stephan Katz und Max Goldt: Ihr monatlicher Comic ist der einzige Bestandteil von TITANIC, an dem nie jemand etwas auszusetzen hat. In diesem Prachtband findet sich also das Beste aus dem endgültigen Satiremagazin und noch besseres, das bisher zurückgehalten wurde. Gewicht: schwer. Anmutung: hochwertig. Preis: zu gering. Bewertung: alle Sterne.
Zweijahres-Abo: 117,80 EUR
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Das schreiben die anderen

  • 08.08.: Moritz Hürtgen und Dax Werner sprachen mi dem hr zum Thema "Sind wir alle zu ironisch?!"
  • 25.07.:

    Merkur.de fasst die Reaktionen auf einen Uwe-Seeler-Cartoon von TITANIC zusammen.

  • 23.07.:

    Tag24 berichtet, dass TITANIC den Tod Uwe Seelers für einen "fragwürdigen Witz missbraucht" hat.

  • 08.06.:

    Christian Y. Schmidt lehrt bei Arte Karambolage Wissenswertes über den Gießkannenhalter auf deutschen Friedhöfen.

  • 19.05.:

    Herausgeberchefin Ella Carina Werner verrät im Fragebogen vom Medium Magazin ihre Zukunftsideen für TITANIC.

Titanic unterwegs
16.08.2022 Berlin, Pfefferberg Theater Max Goldt
17.08.2022 Frankfurt, Museum für Komische Kunst Buchpräsentation »Die große Marie Marcks«
19.08.2022 Zeven, Volksbank Gerhard Henschel
24.08.2022 Chemnitz, Villa Esche Tim Wolff