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Gärtners kritisches Vorweihnachtsfrühstück: Geschichten

admin

Bildung ist ja immer auch Angabe, und eines meiner liebsten Angeberstücke ist, auf Gottfried Benns Einschätzung des damals noch recht neuen „Spiegels“ hinzuweisen, dieser sei eine „Revolverwochenschrift, aber unterhaltlich“ (an Oelze, 14.3.1950).
In dieser unterhaltlichen Revolverwochenschrift hat nun ein junger, gleichwohl bereits hochdekorierter Mann 14 gefälschte Reportagen veröffentlicht, an denen, schreibt der kommende Mit-Chefredakteur Fichtner, „vieles wohl erdacht, erfunden, gelogen“ ist, „Zitate, Orte, Szenen, vermeintliche Menschen aus Fleisch und Blut. Fake.“ Der Kollege habe „viele der Protagonisten nie getroffen oder gesprochen, von denen er erzählt und die er zitiert“. Vielmehr habe er sich aus zweiter Hand bedient und „Charakter-Collagen real existierender Figuren“ mit „fiktiver Biografie“ angefertigt. Außerdem erfand er Dialoge und Zitate.“ Der junge Mann hat alles zugeben und bereits seinen Schreibtisch geräumt, beim „Spiegel“, liest man, wird jetzt alles sehr gründlich aufgearbeitet.

Denn darauf ist der „Spiegel“ stolz, dass seine „Geschichten“ (FAZ) die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sind, und wenn das Publikum einst etwa erfahren durfte, bei der Kanzlerin gebe es „Kartoffelsuppe, wieder gibt es Kartoffelsuppe. Angela Merkel kocht gern selbst Kartoffelsuppe“ („Spiegel“ 48/2011), dann konnte es hundertprozentig darauf zählen, dass es bei Merkels immer wieder Kartoffelsuppe gibt und nicht immer wieder Kartoffelpuffer oder Linseneintopf. „Warum ich den ,Spiegel’ nicht mehr lese“ hieß mal ein TITANIC-Text von Robert Gernhardt, in dem er eine üblich alarmistische „Spiegel“-Seite über den Einzug von, glaube ich, Videorecordern in Indien zitierte, der, hieß es, dabei sei, das Land aus den Angeln zu heben, aber wenige Wochen später war Indien noch genau dasselbe Indien wie zuvor. Und alles nur so revolverwochenschriftlich aufgeblasener Quatsch gewesen wie die Reportage „Ein Kinderspiel“, in dem der junge „Spiegel“-Star einen Jungen ausfindig gemacht haben wollte, der überzeugt davon war, mit einem Jungenstreich den syrischen Bürgerkrieg ausgelöst zu haben. Für diese Schnurre gab es dann den Deutschen Reporterpreis 2018, und der ist jetzt natürlich futsch.

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