[21.02.2016]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Wunderlicher Volksfreund

Rein statistisch habe ich noch 32 Jahre vor mir; macht ca. 1000 korrektheitskritische Aufsätze von der Art, wie sie gestern dem süddeutschen Kulturbeobachter Hilmar Klute gelungen ist und wo es um die Unmöglichkeit ging, „ganz normal miteinander zu diskutieren“, weil die „Sprach-Türsteher“ jedes Wort „fünfmal in Watte packen“ und den anderen daraufhin „der sprachliche Tabubruch ein tägliches Fest ist“: „Die Begriffe werden wie Falschgeld unters Licht gehalten. Wer Zuwanderer mit Migranten verwechselt, hat schon den ersten Schritt in Richtung Denunziation unternommen, und wer sich im Begriffsgeflecht ,Asylant’ und ,Asylbewerber’ verstrickt, darf, wenn er Glück hat, als ahnungsloser Tölpel bestaunt werden.“ Und da weiß Klute freilich, wovon er spricht. Trinkt er jetzt auch noch? Oder ist das ein Versuch, sich im Geflecht von Ironie und höherer Bedeutung zu verstricken?

„Es ist auch ein elender Krampf, jegliche Wendung, welche die Stellung von Menschen in einer Gesellschaft beschreibt“, wie z.B. Bimbo, Fotze oder Schwuli, „unter Schutzatmosphäre zu verpacken. Wer jedem auf die Finger haut, der ein Wort verwendet, das möglicherweise diese oder jene Gruppe verletzten könnte“, zu der der Klute, versteht sich, nicht gehört, „macht sich zum Parkwächter eines logozentrischen Ideengartens: Sage mir, wie du das Wort ,Migrant’ benutzt, und ich sage dir, ob du dich schämen mußt oder weiterreden darfst.“ Bloß daß die Opfer von Klutes Parkwächtern gar nie „Migrant“ sagen, sondern „Asylantenpack“ oder „Gesindel“.

„Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse.“ Klemperer, 1947

„Daß Fernsehsender, Zeitungen und Magazine die Flüchtlingswahrheit angeblich verschweigen oder verzerren würden – diese Ansicht teilen inzwischen auch Bürger, die sich nicht oder noch nicht radikalisiert haben. Sie werden bestätigt durch öffentlich zur Schau getragene Bedenkenträgerei.“ Denn zuerst ist der Mensch hilfreich und gut, dann kommen die Bedenkenträger von links, und dann werden die guten Menschen vor lauter Wut zu Nazis. (Und wo wir schon beim Bedenkentragen sind: „Daß Fernsehsender, Zeitungen und Magazine die Flüchtlingswahrheit angeblich verschweigen oder verzerren würden“ ist keine Formulierung, die, wenn ich was zu sagen hätte, zur Arbeit in einer überregionalen Qualitätszeitung berechtigen müßte, lautet der Argwohn doch schlicht, daß Fernsehsender, Zeitungen und Magazine die Flüchtlingswahrheit verschweigen oder verzerren, und nicht, daß sie's angeblich tun bzw., doppelt falsch, sogar angeblich täten/tun würden.)

Und also sind nicht etwa zuerst die Ressentiments da, die sich die eine Partei mehr als die anderen zu kitzeln traut, weshalb diese Partei dann zweistellige Wahlergebnisse erwarten darf, nein: „logisches und faktisches Prius“ (Ernst Nolte) ist die politische Korrektheit (als Bitte, über rassistische, sexistische oder sonstwie gewalttätige Verwendung von Sprache einmal nachzudenken), über die sich der Ku-Klux-Klan, im Grunde mehr so was wie eine friedliche Interessenvereinigung, dann (zu Recht!) derart aufregt, daß wieder der Neger am Baum hängt und nicht der Afroamerikaner. „Den Tabubruch“, weiß hingegen Klute, „kann man gelassen aushalten“, wenn man nicht gerade Asylant ist, dem der Tabubruch als Stein oder Molli um die Ohren fliegt; „man kann ihn als Erkennungsmerkmal wunderlicher Volksfreunde begreifen und ihn zum Anlaß nehmen, diese Leute lächerlich und damit kleiner zu machen“, was in Klutens Kreisen funktionieren mag, am Stammtisch, wo man gerade noch darauf gewartet hat, von linksliberal maskierten Volksfreunden lächerlich gemacht zu werden, eher nicht.

Und gerade weil (!) die AfD vor hohen Gewinnen steht, „wäre es eine kluge Übung zu sagen: Hört euch an, was sie sagen, wie sie es sagen, und denkt bitte daran: Es handelt sich bei ihnen um bizarre Politikdarsteller ohne Macht und Mandat. Und das sollten sie unbedingt bleiben.“ Denn auch den Klute gibt es ja nur als Lärm, den er produziert; wie zu Tucholskys Zeiten die bizarren, lächerlichen Politikdarsteller dann aber durchaus noch zu Macht und Mandat kamen, und „von denen, die damals lachten, lachen unzählige nicht mehr. Die jetzt noch lachen, werden in einiger Zeit vielleicht auch nicht mehr lachen“ (Hitler). Und das gönne ich nicht mal dem Klute, jedenfalls weniger als ein Schlußwort in eigener Sache: „Ist es nicht besser, seltsame Menschen reden seltsames Zeug, anhand dessen man sie identifizieren kann?“

Wenn Sie mich fragen: nein.




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Das schreiben die anderen
  • 26.09.:

    Bei Arte im Portrait: Ex-TITANIC-Chef und PARTEI-EU-Abgeordneter Martin Sonneborn.

  • 18.09.:

    Mark-Stefan Tietze in der Taz über den Niedergang der deutschen Plastiktüten-Manufakturen.

  • 15.09.:

    PARTEI-Führer Martin Sonneborn hält im Europaparlament eine gefeierte Rede zum "State of da Union".

  • 14.09.:

    Die Frankfurter Neue Presse gratuliert Eckhard Henscheid zum 75. TITANIC schließt sich an.

  • 14.09.:

    Oliver Maria Schmitt in der FAS über Liebesschrott an Brücken.

Titanic unterwegs
03.10.2016 Hamburg, Akademie der Künste
  Gerhard Henschel, Olli Dittrich, Gregor Gysi, u.a.
03.10.2016 Hannover, Cumberlandsche Galerie
  Mark-Stefan Tietze
04.10.2016 Frankfurt am Main, Club Voltaire
  TITANIC-Sternstunde
05.10.2016 Köln, Comedia
  Max Goldt

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Briefe an die Leser

 »Süddeutsche Zeitung«!

In Deinem Portrait des Fußballers Mario Gomez schreibst Du: »Ausgerechnet der Ort, an dem Gomez wieder zu Sicherheit in seinem Spiel gefunden hat, ist zu einem der unsichersten des Planeten geworden.«

Ei was, Süddeutsche! Da halten die Militärputscher von Istanbul nicht vorher inne, schlagen sich die flachen Hände gegen die Putschistenstirn und rufen: »Halt! Der Ort, an dem Mario Gomez wieder zu Sicherheit im Spiel gefunden hat, muß einer der sichersten des Planeten bleiben. Nur so kann Marios Sicherheit im Spiel stetig ansteigen, und gegenüber Marios Sicherheit im Spiel sind unsere Putschwünsche lächerlich unbedeutend und nachrangig, und wir wollen unseren Aufstand verschieben oder überhaupt nie mehr an ihn denken«!? Sind halt extrem ichbezogen und rücksichtsarm, diese Umstürzler.

Findet ausgerechnet: Titanic

 Prost, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU)!

Laut Medienberichten wollen Sie das Alkohol-Interlock-System einführen, sprich: eine Wegfahrsperre für Alkoholsünder. Hervorragende Idee! Es bleiben allerdings ein paar Fragen offen. Zum Beispiel: Wieso nicht erst mal ein Test mit einem Alkohol-Interlock-System für Ausländer? Wann kommt endlich das Interlock-System für Ihr Brillenetui? Und vor allem: Wie sollen die Deutschen, speziell die mit CSU-Parteiausweis, denn künftig Auto fahren?

Hicks! Titanic

 Buon giorno, Bischof Domenico Pompili!

Bei der Trauerfeier für die Erdbebenopfer im italienischen Amatrice mahnten Sie in Ihrer sicherlich tief bewegenden Predigt: »Gott darf nicht zum Sündenbock werden.« Leider blieben Sie die Antwort auf die Frage schuldig, wer, wenn nicht der per definitionem Allmächtige, denn sonst verantwortlich zu machen sei. Sollte man vielleicht mal wieder ein paar Seismologen wegsperren?

Fragt ungerührt: Titanic

 Liebe Leser!

Gegendarstellung: Die bedauernswerte Dame, die von Popstar Robbie Williams eine geschmacklose Geburtstagstorte mit der Aufschrift »Congrats, you’re the oldest person I’ve slept with« geschenkt bekommen hat, war nicht, wie in einer der letzten Ausgaben von »Briefe an die Leser« fälschlich behauptet, seine »Ex«. Und die sensationell stillose Torte wurde dem Ex-Popstar auch nicht von seiner Ex-, sondern seltsamerweise immer noch angetrauten Gattin leider nicht in die seinerseits auffällig alt gewordene (42) Goschn geklatscht. Was wiederum menschlich tadellos gefunden hätte: Titanic

 Hallo, Gema!

Wir möchten uns hiermit selbst anzeigen: Heute morgen beim regulären Gang zur Toilette entfleuchten einem unserer Mitarbeiter die ersten fünf Töne des White-Stripes-Hits »Seven Nation Army«. Wir bitten daher um Berechnung der gesetzmäßigen Gebühr gemäß folgender Parameter: Raumgröße 6 m², Anzahl Zuhörer: 1, Spitzenlautstärke 76 Dezibel, Eintritt auf Spendenbasis. Es wurde nicht getanzt. Meinst Du, wir kommen da mit unter 1000 Euro davon?

Mit total schechtem Gewissen: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Notiz an mich selbst

Als ich neulich eine Pause machte und auf dem Sofa ein wenig einschlummerte, fragte ich mich im Halbschlaf irritiert, warum oben rechts in meinem Blickfeld keine Uhr zu sehen ist. Ich sollte weniger am Rechner arbeiten!

Tibor Rácskai

 Die Bremer Stadtmusikanten mal anders:

Fleisch im Fleisch im Fleisch im Fleisch.

Julia Mateus

 Walter Benjamin

suchte als Philosoph oft Halt bei Haschisch und Huren. Viel Handfestes kam nicht dabei heraus. Auch nicht bei seinen Beschreibungen von Paris, wo es Orte gebe, die aussähen, »als sei über das Photo einer« (abgebrochen). Über den Charme der Stadt dürfe man sagen, es liege »in dieser Atmosphäre eine weise abgewogene Mischung, daß einer« (abgebrochen). Den Charme von Benjamins Schreibweise hingegen kann jeder erfassen, der schon einmal unter Cannabis-Einfluß z.B. Schatten für »eine Brücke über den Lichtstrom der Straße« gehalten hat. Mir aber bleibt es überlassen, das Flanieren als Methode zum Entdecken des Unerwarteten

Ludger Fischer

 Zeichen und Wunder

Kürzlich stutzte ich, als ich auf meiner neuen PC-Tastatur direkt unter dem »F« noch ein kleines rundes Zeichen entdeckte. Ein Smiley? Oder ein zusätzliches @? Weder zusammen mit ALT, CTRL oder sonst einer Kombination ließ sich etwas auf den Bildschirm zaubern. Lange dauerte der klappernde Versuch jedoch nicht, dann wurde mir klar: Man sollte einfach während des Zähneputzens keine E-Mails checken.

Tobias Jelen

 Abgelehntes Stadtmotto

»Im Westen nichts: Neuss«

Torsten Gaitzsch