Newsticker

Nur diese Kategorie anzeigen:Meinung Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Nur kein Gedäh! – von Martin Knepper

Alles in Dutt

Aufgewachsen bin ich in einer kleinen Stadt im Bergischen, die durch den Einfluss des nahen und sektenfrohen Wuppertal über eine starke evangelisch-freikirchliche Gemeinde gebietet. Auch die protestantische Amtskirche am Ort war von reformierter Strenge gekennzeichnet; in meinem Katechumenenunterricht gab es keine Gitarren oder Prophetensammelkarten, das war knallharter Drill; noch bis heute, dem Glauben lange entwachsen, schießen mir bei kirchlichen Anlässen (die in zunehmendem Maß Beerdigungen sind) plötzlich komplette zwölfstrophige Preisgesänge in den ergrauenden Schädel zurück, die ich dann aus sportivem Stolz ohne Blick in das Gesangbuch zu schmettern vermag. Doch die demütig zur Schau getragene Spröde vieler Gottesdienstbesucherinnen der Hauptkirche wurde stets getoppt durch die Freikirchlerinnen, oft Damen der bergischen Hautevolee, schon von weitem erkennbar an ihren Farbmixen aus grau- und stuhlfarbenen, zuweilen auch blaukarierten Grobstofflichkeiten, deren einzig freiliegendes Körperteil, den Kopf, oft noch ein Kopftuch barg. Und unter diesem herauswulstend: DER DUTT. Als Kind dachte ich, er müsse die Heimstatt lichtscheuer Kerbtiere sein; stand man jedoch einmal beim Bäcker hinter einer der spröden Gesellschaftsdamen, sah man ein Geflecht aus Haarklammern, das jegliches Leben im Keim erstickte.

Nach meinem Auszug aus der Stadt der Bibelarbeiterinnen hätte ich den Haarbalg fast aus den Augen verloren. Doch er war, so scheint es, nie tot, und findet sich in miniaturisierter Form längst auf vielen Köpfen wieder. Es gibt ironische Brillen, ironische Kopfbedeckungen, viel zu viele ironische T-Shirts, aber der Haarknoten ist eigentlich immer unironisch, er ist sogar die dinggewordene Ernsthaftigkeit. Eine ins Haarige gewendete Zwei-Reiche-Lehre: Hie Welt der Arbeit, gewissenhaft wird jegliches Haupthaar aus dem durch Zugkräfte gleich mitgestrafften Antlitz nach hinten gerafft; dort die Stunden der Freizeit, in denen kundige Hände den Knoten herausoperieren, und das Haar in die Sinnlichkeitsbereitschaft zurückführen. (Vergleichbar hiermit der Pferdeschwanz, Schnauzbartäquivalent aller Polizistinnen.) "Eine (…) Blüte erlebte der Haarknoten in den 1940er Jahren, als in der Kriegsindustrie arbeitende Frauen ihre Haare im Knoten trugen, um sie während der Arbeitszeit zu schützen." (Wiki) Heutzutage, im Zeitalter zwar unverknoteter Verteidigungsministerinnen, ist die Dienstbereitschaft in die freigelegten Gesichter eingeschrieben: Keine Catherine Deneuve, keine Gudrun Ensslin kaschiert mehr ihre Herzensabgründe hinter dem langen Vorhang ihrer seidigen Haare, während sie über unverlattetem Kaffee Notizen ihrer Liebhaber oder Anschlagsziele durchforstet; Gesichter, offen wie moderne Steakhausküchen, die vornehme Blässe verstärkt durch das Licht ihrer Handtelefone, markieren heute die Stunden angespannter Straffung, einem Abend entgegenlebend, da mit dem Lösen des Ballerinen- und sonstigen Knotens Weichheitsreste in die Antlitze der doppeltbelasteten Kriegsarbeiterinnen zurückfinden. Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod: Den Man-Bun, den Herrenhaartumor zu geißeln, bedarf es unerschrockenerer Schreiber, als ich es bin; hebe ich nur zu einem Gedanken an, so durchbohrt es meine Finger wie mit 1000 Haarnadeln – Darum muß der Kluge zur selben Zeit schweigen; denn es ist eine böse Zeit. (Amos 5,13. Wer kriegt sie noch aufgezählt, die kleinen Propheten?)

Kategorie: Meinung



Eintrag versenden Newstickereintrag versenden…
Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

optionale Mitteilung an den Empfänger:

E-Mail-Adresse des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*
(mehrere Adressen durch Semikolon trennen, max. 10):

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Höchst bedauerlich, Verkehrsunternehmen RVSOE,

dass Dir der Fachkräftemangel – wie so vielen anderen Unternehmen auch – zu schaffen macht. Also leuchtet es uns schon ein, dass Du bei der Suche nach neuem Personal nicht wählerisch sein kannst. Aber sag mal: Wie ernst ist es Dir mit der Aussage, dass sich »auch Quereinsteiger« melden könnten, um Deine Busse zu steuern? Passen die denn überhaupt durch die schmalen Türen?

Ist schon längst ausgestiegen: Titanic

 Vermeintlich smooth, Vichy,

bewirbst Du Deine Feuchtigkeitscreme mit dem Slogan »I got 100 problems, but dry skin ain’t one«. Dass Du »99 problems«, wie im Originalsong von Jay-Z, vermutlich nicht sagen durftest: geschenkt. Wir fragen uns allerdings: Wenn man inklusive trockener Haut 101 Probleme hat, sollte man dann wirklich an dieser Stelle ansetzen?

Grübelt spröde

Deine Titanic

 Sie, Daniela Behrens,

sind niedersächsische Innenministerin und machen sich gerade mit Ihren Maßnahmen bei den Ultras in norddeutschen Fußballstadien ziemlich unbeliebt. Aber auch Ihnen geht deren Zündeln gehörig auf die Nerven.

Wie aber, Frau Behrens, haben wir dann Ihre Aussage nach dem Derby zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 zu verstehen? »Die Fantrennung hat gut funktioniert. Aber was wieder nicht gut funktioniert hat, ist der Pyro-Einsatz«, klagten Sie, und wir fragen uns seither: Woher dieser plötzliche Sinneswandel?

Erholen sich gerade vom letzten Knalltrauma:

Ihre Ultras von der Titanic

 Auf einem Sharepic, »Handelsblatt«,

lasen wir: »460 Milliarden US-Dollar. So hoch ist das Gesamtvermögen der zehn reichsten Frauen der Welt« und erwarteten im Folgenden irgendwas in Richtung »Reiche werden reicher«. Doch falsch gedacht!

Schon in der Caption erfuhren wir, worum es Dir eigentlich ging: »Immer noch verdienen Frauen etwa 18 Prozent weniger als Männer.« Wir glauben ja, es gibt bessere Versinnbildlichungen für den Gender-Pay-Gap als die reichsten Menschen der Welt, aber hey, stay woke!

Schickt Dir reichlich Grüße: Titanic

 Verstörend, Tschetschenien!

Dein Kultusministerium hat Musik unter 80 und über 116 Beats pro Minute verboten. So soll Deine traditionelle Musikkultur bewahrt werden. Diese Maßnahme hätten wir gerade von Dir autoritär geführter und unter Putins Fuchtel stehender russischer Teilrepublik am allerwenigsten erwartet. Dass Du Deine Musiker/innen dazu zwingst, kompositorisch ihrem Kulturkreis treu zu bleiben, ist schließlich nichts anderes, als kulturelle Aneignung unter Strafe zu stellen. Da haben wir jahrelang dagegen andiskutiert und sie als rechtes Hirngespinst abgetan, um jetzt feststellen zu müssen: Es gibt sie doch, die Woke-Diktatur!

Senden hoffentlich weder zu schnelle noch zu langsame Grüße:

Deine politischen Beobachter/innen von Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Bräunungstagebuch 2017

Normalerweise kennt meine Haut nur drei Farbtöne: Glasnudel, Aschenbecher und Hummer. Zu meinem 37. wollte ich mal was Verrücktes machen und kaufte mir eine Flasche Bräunungscreme. Weil ich diese grandiose Idee im wärmsten August seit Beginn des Klimawandels hatte, kam ich von der Creme bald übel ins Schwitzen. Da saß ich nun auf der Couch, mit macchiatobraunem Leib und leuchtend gelbem Bart, triefend und hechelnd mit offenem Hemd, wie der sehr späte Jürgen Drews. Mein Verlangen nach Abenteuer war danach jedenfalls gestillt.

Dominik Wachsmann

 Alte Grabräuber-Weisheit

Das letzte Hemd hat keine Taschen und man kann ins Grab nichts mitnehmen. Was man aber sehr wohl kann: aus dem richtigen Grab viel herausholen.

Jürgen Miedl

 Frage an die bovine Orthopädie

Haben Buckelrinder überhaupt eine Chance, je die Haltungsform »Premium« zu erreichen?

Torsten Gaitzsch

 Verrücktes Kapitalismus-Experiment

Was würde wohl passieren, müssten alle Soldaten ihre Munition selbst bezahlen?

Katharina Greve

 Should I stay or should I go?

Kurz vor meinem ersten Backpacker-Urlaub seit dreißig Jahren habe ich beim Befüllen des Kulturbeutels festgestellt, dass statt der fünfunddreißig Kondome, die ich als Teenager in Erwartung amouröser Begegnungen eingepackt und natürlich originalverschweißt wieder mit nach Hause gebracht hatte, nun Tablettenschachteln, Cremes, Salben, Pflästerchen, Nahrungsergänzungsmittel und massenhaft Tütchen mit Gel gegen saures Aufstoßen das Gros meines Waschtascheninhalts ausmachen. Mein Problem: Bei aller Ernüchterung ist die Gewissheit, dass ich dieses Mal jedes einzelne Teil aufreißen und hemmungslos zur Anwendung bringen werde, für mich schon wieder so aufregend, dass ich am liebsten zu Hause bleiben würde.

Patric Hemgesberg

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
30.05.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst »POLO«
30.05.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst Hans Traxler: »Die Dünen der Dänen«
30.05.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst »F. W. Bernstein – Postkarten vom Ich«
01.06.2024 Hamburg, Altonale-Festival Ella Carina Werner