Newsticker

Nur diese Kategorie anzeigen:Gärtners Sonntagsfrühstück Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Zum Teufel mit Prada

Das war nun abermals so ein Zufall, daß ich nur was für den Einkaufszettel brauchte und plötzlich den Wirtschaftsteil in der Hand hatte; und sicher soll man über Dummheit und Elend nicht lachen, aber hier, bei einem Bericht über die Produktionsbedingungen bei der Gutverdiener-Funktionsjackenfirma Moncler, ließ es sich nicht vermeiden: „… führt ein italienisches Fernsehteam an einen Ursprungsort der Kultjacken. Die Reise geht nach Ungarn, zu den Gänsen, deren Daunen die Käufer der angesagten Modeteile wärmen werden. Die Bilder aus der weißen Federwelt sind schwer mit der Aura exklusiver Luxusboutiquen vereinbar. Die versteckte Kamera des italienischen Fernsehsenders RAI filmt in einem Stall. Frauen und Männer sitzen auf niedrigen Schemeln entlang der Wand und rupfen das Gefieder der zwischen ihren Beinen zappelnden Tiere aus. Im Akkord. 10000 lebenden Gänsen sollen sie in diesem Betrieb die Federn ausreißen. In vier Tagen. Sie bekommen 30 Cent pro Gans. Das geht, wie vier Millionen Fernsehzuschauer der Sendung ,Report‘ sahen, nicht ohne zum Teil schwere Blessuren ab. Ungarn ist nach China der größte Daunenhersteller der Welt. Seine Hauptabnehmer sind Italien und Deutschland. Die Lebendrupfung ist in der Europäischen Union verboten ... Anzeigen und Proteste werden von den EU-Behörden seit Jahren abgebügelt.“

„Eine Weltfabrik / zum Beispiel Hemden / lassen wir in Hongkong machen / Autos in Brasilien / und schwarze Mädchen in Südafrika / verpacken Aspirin / die ganze Erde wird ein Supermarkt / mit Rock und Pop und Rumtata / … sicher / Ungerechtigkeiten / oder besser noch Disparitäten / wird's dabei natürlich geben“ Degenhardt, 1977

Daß Sie mich nicht für roh halten: Hier habe ich noch nicht gelacht; aber hier: „Die reinen Herstellungskosten eines Wintermodells – Ladenpreis: 1200 Euro – betragen nach Schätzung eines ehemaligen leitenden Moncler-Mitarbeiters 45 Euro. Den Daunenwert taxiert er auf neun Euro.“ Sind wir bei 54 Euro Herstellungskosten für etwas, das für 1200 Euro verkauft wird, und der gewissen, nun ja, Diskrepanz zwischen dem dreifachen Hartz-IV-Satz, den irgendein Esel, eine Eselin für eine „Kultjacke“ (SZ) ausgibt, und den 30 Cent, die ein osteuropäischer Niedrigstlohnsklave dafür bekommt, einem noch Schwächeren die Gewalt anzutun, ohne die es eben nicht abgeht, wenn im harten Preiskampf –

Moment. Preiskampf? Bei einer Marge von (Zwischenhandel eingerechnet) 2000 Prozent? Bei einem Preis, der für die Esel und Eselinnen dieser Welt nicht hoch genug sein kann, weil allein der Preis das Objekt als „Kult“ statuiert? Und da kann man nicht warten, bis das Federvieh geschlachtet ist, und da kann man dem Rupfer und der Rupferin nicht einen halbwegs würdigen Stundenlohn zahlen? Weil 2000 Prozent halt besser sind als bloß 1500? „Zusammen mit der Finanzpolizei besichtigte ,Report‘ vor ein paar Jahren bei Neapel eine Werkstatt, in der Nylontaschen für Prada in Schwarzarbeit hergestellt wurden. Die Firma erhielt 28 Euro pro Tasche, im Laden kostete sie 400 Euro … Nun ärgerte sich Prada-Chef Patrizio Bertelli wieder mal [über die Berichterstattung]. Das Auslagern von Teilen der Produktion ließe sich auf einem freien Markt nicht unterbinden.“

Das mag sogar stimmen. Und wenn das aber stimmt: dann nimmt man das hin und hofft, im nächsten Leben nicht als ungarischer Gänserupfer auf die Welt zu kommen. Oder man schickt den freien Markt, so wie er ist und dem Anschein nach bleiben wird, zum Teufel.




Eintrag versenden Newstickereintrag versenden…
Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

optionale Mitteilung an den Empfänger:

E-Mail-Adresse des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*
(mehrere Adressen durch Semikolon trennen, max. 10):

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Ach so, Jella Haase!

Ach so, Jella Haase!

Auf das Thema patriarchale Strukturen in der Filmbranche angesprochen, sagten Sie: »Frauen sind Teil meiner Filmfamilie geworden.«

Wir freuen uns schon auf Ihre nächsten Interviews mit ähnlich aussagekräftigen Zitaten wie: »Stühle sind Teil meiner Einrichtung geworden«, »Kohlenhydrate sind Teil meiner Ernährung geworden« oder »Dämliche Statements rauszuhauen, ist Teil meiner Tätigkeit als Schauspielerin geworden«!

Grüßt erwartungsvoll: Ihr Briefeteil der Redaktionsfamilie Titanic

 Verstörend, Tschetschenien!

Dein Kultusministerium hat Musik unter 80 und über 116 Beats pro Minute verboten. So soll Deine traditionelle Musikkultur bewahrt werden. Diese Maßnahme hätten wir gerade von Dir autoritär geführter und unter Putins Fuchtel stehender russischer Teilrepublik am allerwenigsten erwartet. Dass Du Deine Musiker/innen dazu zwingst, kompositorisch ihrem Kulturkreis treu zu bleiben, ist schließlich nichts anderes, als kulturelle Aneignung unter Strafe zu stellen. Da haben wir jahrelang dagegen andiskutiert und sie als rechtes Hirngespinst abgetan, um jetzt feststellen zu müssen: Es gibt sie doch, die Woke-Diktatur!

Senden hoffentlich weder zu schnelle noch zu langsame Grüße:

Deine politischen Beobachter/innen von Titanic

 Cześć, Koma-Transporte aus Polen!

Wir sind ja nicht anspruchsvoll, aber von einem Speditionsunternehmen erwarten wir schon, dass die Fahrer/innen zumindest zwischendurch mal bei Bewusstsein sind.

Da entscheiden wir uns doch lieber für die Konkurrenz von Sekundenschlaf-Logistik!

Wache Grüße von Titanic

 So sieht’s aus, Kai Wegner (CDU)!

Über ein Jahr schon arbeiten Sie als Berlins Regierender Bürgermeister daran, in der deutschen Hauptstadt für Zucht und Ordnung zu sorgen. Längst könnten Magnetschwebebahnen und Flugtaxis über die eingezäunten (oder wie Ihre Verwaltung sie nennt: befriedeten) Parkanlagen der Metropole hinweggleiten – würden sich nicht irgendwelche grünen Bezirksbürgermeister/innen und Initiativen dem Fortschritt in den Weg stellten.

Jetzt weihen Sie den RBB in die Machtfantasien ein, die Sie in schwachen Momenten überkommen: »Ich würde mir manchmal wünschen, ich sage heute: ›Morgen passiert das.‹« Aber: »Aber: Dass wir demokratische Strukturen, Prozesse haben, wo einer nicht allein alles sofort entscheiden kann, ist, glaube ich, schon ganz gut.«

So und nicht anders, Wegner, klingt ein flammendes Plädoyer für die Demokratie aus dem Munde eines leidenschaftlichen Demokraten. Glauben wir. Vielleicht.

Ganz gute Grüße von Titanic

 Grüß Gott, Jan-Christian Dreesen!

Als Vorstandsvorsitzender vom FC Bayern München fanden Sie nach dem Ausscheiden aus der Champions League gegen Real Madrid die richtigen Worte: »Das ist das, was die FC-Bayern-Familie auszeichnet – dass wir nach so bitteren Niederlagen stärker als zuvor zurückkommen. Das ist das, was wir als unseren Mia-san-mia-Reflex bezeichnen.«

Wir sind, Dreesen, medizinisch und anatomisch nicht so firm. Aber dieser »Mia-san-mia-Reflex« – ist das jener, der 2017 dafür sorgte, dass Sie sich bei einem Jagdunfall den eigenen Zeigefinger weggeballert haben? Klick-peng!

Mia san neugierig: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Frage an die bovine Orthopädie

Haben Buckelrinder überhaupt eine Chance, je die Haltungsform »Premium« zu erreichen?

Torsten Gaitzsch

 Bräunungstagebuch 2017

Normalerweise kennt meine Haut nur drei Farbtöne: Glasnudel, Aschenbecher und Hummer. Zu meinem 37. wollte ich mal was Verrücktes machen und kaufte mir eine Flasche Bräunungscreme. Weil ich diese grandiose Idee im wärmsten August seit Beginn des Klimawandels hatte, kam ich von der Creme bald übel ins Schwitzen. Da saß ich nun auf der Couch, mit macchiatobraunem Leib und leuchtend gelbem Bart, triefend und hechelnd mit offenem Hemd, wie der sehr späte Jürgen Drews. Mein Verlangen nach Abenteuer war danach jedenfalls gestillt.

Dominik Wachsmann

 Neuer Schüttelreim

Soeben in fünf Minuten erzwungener Wartezeit vor dem Limette-Minze-Mandarine-Aufguss die ausführliche Saunaordnung meines Stadtteilschwimmbades an der Wand studiert. In dem peniblen Regelwerk unter anderem erfahren, dass in den Räumlichkeiten neben Wäschewaschen und anzüglichen Bemerkungen auch Kratzen und »Schweißschaben« verboten sind, was immer das sein mag. Sofort Gedichtidee gehabt: »Wer denkt sich ein Wort aus wie Schweißschaben? / Das waren bestimmt diese« – na, ihr könnt es euch ja denken.

Mark-Stefan Tietze

 Neue Metaphern braucht das Land

Selbst wenn mir der Klimawandel egal ist, kann ich das angesichts der verdorrten Wälder und Felder leider nicht mehr damit veranschaulichen, dass »nach mir die Sintflut« kommen könne.

Tibor Rácskai

 Alte Grabräuber-Weisheit

Das letzte Hemd hat keine Taschen und man kann ins Grab nichts mitnehmen. Was man aber sehr wohl kann: aus dem richtigen Grab viel herausholen.

Jürgen Miedl

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
30.05.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst »POLO«
30.05.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst Hans Traxler: »Die Dünen der Dänen«
30.05.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst »F. W. Bernstein – Postkarten vom Ich«
01.06.2024 Hamburg, Altonale-Festival Ella Carina Werner