Newsticker

Nur diese Kategorie anzeigen:Gärtners Sonntagsfrühstück Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Eine Geschichte voller Missverständnisse

Wenn es einem Esel wie mir zu wohl ist, wagt er sich aufs Eis, aber warum, frage ich mich, weil es sich die feministische Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch fragt und mit ihr das interviewende Morgenblatt, steht auf Monatsprodukten bloß immer „Hygiene“ drauf und nicht „Periode“? Und wie groß ist also der Fortschritt, dass eine Supermarktkette in Neuseeland nun Klartext reden will, denn „Menstruation sei eine natürliche Körperfunktion und müsse nicht versteckt werden, sagte eine Sprecherin“?

„Das Thema ist noch immer schambehaftet“, beginnt die Pusch-Nachricht. „Frauen schmuggeln Tampons in der Faust aufs Klo, obwohl sie verpackt sind. Weil ein Tampon an Menstruation und Blut erinnert, und das gilt als eklig. Die Industrie folgt hier den Gepflogenheiten der Kultur: Sie passt sich an und erklärt eine Produktgruppe zum Tabu, macht aber dennoch ein gewaltiges Geschäft.“ Das freilich nicht kleiner werden wird, wenn nun plötzlich „Periode“ auf der Packung steht; wär’s nämlich so, würde die Industrie von diesem Schritt sicher absehen. „Die Menstruation von Schamgefühl zu befreien ist ein letzter Schritt (der) sexuellen Revolution … Denkbar wäre etwa, eine Menstruationsbeauftragte ins Familien- und Gesundheitsministerium zu integrieren … Diese ganzen ,Hygieneprodukte’ lassen eine millionenfache Tatsache einfach so verschwinden. Frauen tanzen in weißen Kleidern über Blumenwiesen, ihre Menstruationsflüssigkeit in der Werbung ist blau. Ich finde das unheimlich, man fragt sich: Ist die Frau krank oder vergiftet? Menstruationshygiene sollte etwas Selbstverständliches sein, so selbstverständlich wie Zahnhygiene.“

Ob es Monatshygiene aber selbstverständlicher macht, wenn die Menstruationsbeauftragte dafür sorgt, dass Frauen sich in der Fernsehwerbung, statt über Blumenwiesen zu tanzen, mit benutzten Tampons bewerfen, ist die Frage, wie die ganzen „Hygieneprodukte“ eine Sache nicht dadurch verschwinden lassen, dass sie in jeder Drogerie zentnerweise und gut sichtbar im Regal liegen und auf der Tamponpackung auch „Tampon“ draufsteht. Ob es tatsächlich der letzte Schritt der sexuellen Revolution ist, da nun „Tampon (für Monatsblut)“ draufzuschreiben? Und ist die blaue Flüssigkeit wirklich das Verschweigen einer millionenfachen Tatsache oder eher eine freundliche Abstraktion? Einer halben Erinnerung zufolge stand in den Spots sogar immer „Testflüssigkeit“ drunter, so wie in der Babywindelwerbung auch, und vielleicht ist es ja bloß diskret, Körperflüssigkeiten in der Öffentlichkeit durch Testflüssigkeiten zu ersetzen. Es ist nämlich, fragt man mich, schon genug Körper in der Öffentlichkeit.

„Distanz und Scham lassen sich nicht in die beschleunigten Kreisläufe des Kapitals, der Information und der Kommunikation integrieren. So werden alle diskreten Rückzugsräume im Namen der Transparenz beseitigt. Sie werden ausgeleuchtet und ausgebeutet. Die Welt wird dadurch schamloser und nackter.“ Byung-Chul Han, 2017

Das bedeutet weder, dass menstruierende Frauen, wie in der Welt leider noch üblich, zuhause bleiben sollen, noch dass sich wer für seine Flüssigkeiten schämen muss, so wie sich auch keiner für seine Meinungen, seine Freunde und deren Meinungen zu schämen braucht, ohne dass es gleich revolutionär wäre, Handygespräche über Lautsprecher zu führen. Es ist tatsächlich Gepflogenheit von Kultur, dass Blut, Sperma, Kot, Urin keine öffentlichen Angelegenheiten seien, und sowenig ich mich fürs Furzen als natürliche Körperfunktion schäme, sowenig muss ich’s doch in der Straßenbahn tun. Frauen kriegen ihre Regel, gut, doch wenn sie das ins Handy schreien, damit der Bus dran teilhat, ist zwar etwas vollendet, aber nicht die sexuelle Revolution.

Über Jahrtausende waren Frauen Opfer männlicher Körperpolitik, und dass jetzt „Periode“ auf der Packung steht, wird vielleicht tatsächlich als Befreiung empfunden. Aber das triumphale Tabubruchs- und Raus-damit-Gekrähe scheint mir doch zu übersehen, dass schambefreite Körperfreude längst etwas Reaktionäres hat und Perioden-Power schlechterenfalls nicht Emanzipation, sondern bloß Neue Weiblichkeit markiert. „Als Linguistin finde ich aber auch die Syntax bemerkenswert: Ich habe Migräne, Durchfall, meine Tage – als wäre es eine Krankheit. Man könnte auch sagen: Ich erlebe meine Tage.“ Ganz bewusst vermutlich, so wie es Frauen tun, die ihre Plazenta in den Garten buddeln oder nicht zum ersten Mal unsinnige Analogien finden: Denn Frau haben genausogut gute Laune, den Durchblick oder sogar Glück.

Wenigstens hoffe ich das; i-ah.




Eintrag versenden Newstickereintrag versenden…
Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

optionale Mitteilung an den Empfänger:

E-Mail-Adresse des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*
(mehrere Adressen durch Semikolon trennen, max. 10):

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Liebe britische Fallschirmspringer/innen!

Bei der diesjährigen D-Day-Gedenkfeier habt Ihr die Landung in der Normandie nachgestellt. Wegen des Brexits musstet Ihr aber direkt im Anschluss zur Passkontrolle. Danach erst ging’s weiter zur Feier.

Jetzt wollten wir mal ganz lieb fragen, ob Ihr angesichts des ganzen Rechtsrucks in Europa beim nächsten Mal dann wieder auf solche Formalitäten verzichten und stattdessen Nazis abknallen könnt?

Mit ganz großen Augen: Titanic

 Sie, Thomas Müller,

Sie, Thomas Müller,

haben während eines Länderspiels ein Paar Fußballschuhe getragen, dessen linkes Exemplar der mit Filzstift geschriebene Name Ihrer Frau Lisa zierte, was die Bild-Zeitung als geheime Liebesbotschaft wertete. Nun kennen wir uns in Ihrer Beziehung nicht so aus, aber da Sie in der Regel beidfüßig nach allem treten, was Ihnen in die Quere rollt, läuft oder stolpert, und dabei auch durchaus mal dreckig spielen, liegt es doch eigentlich viel näher, hinter der »Lisa«-Kritzelei etwas anderes zu vermuten: eine offensichtlich misogyne Hassbotschaft.

Wird auch oft missverstanden: Titanic

 Was geht ab, sächsische Steuerverwaltung?

Bei der Jugend anscheinend nicht so viel – jedenfalls träumen Deinen Erhebungen zufolge, man soll es kaum für möglich halten, nicht alle Schulabsolvent/innen den großen Traum von einer Karriere in der Finanzbuchhaltung.

Um junge Menschen trotzdem für aufregende Expeditionen in die Welt der Prozentrechnung und der Pendlerpauschalen zu begeistern, hast Du Dir einen Slogan überlegt: »Lust auf ein AbenSteuer?«

Wir freuen uns also jetzt schon darauf, wie Superheld Taxman in seiner nächsten Soli-Mission allen außergewöhnlichen Belastungen trotzt und nur knapp einem mörderischen Ehegatten-Splitting entgeht! Und zwar gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, dass Superschurke Dr. Elster die Welt in die kalte Progression stürzt.

Schreibt Dich dieses Jahr sicher wieder ab: Titanic

 Ey, Unbekannter!

Über Sie schreibt T-Online: »Mann masturbiert vor Frau im Zug«. Wie unhöflich! Noch nie was von »Ladies first« gehört?

Fragt gentlemanlike Ihre Titanic

 Byung-Chul Han!

Gern lasen wir in den letzten Jahren Ihre kritisch-theoretischen Bändchen über die »Müdigkeitsgesellschaft« und die »Transparenzgesellschaft« und hielten jetzt die vierte (!), 2022 erschienene Auflage Ihrer »Palliativgesellschaft« in den Händen, allwo Sie, der Sie natürlich Adornos Wort kennen, dass auf dem Grunde der herrschenden Gesundheit der Tod liege, vor einer Hygienediktatur warnten: »Die Quarantäne ist eine virale Variante des Lagers, in dem das nackte Leben herrscht. Das neoliberale Arbeitslager in Zeiten der Pandemie heißt ›Home-Office‹. Nur die Ideologie der Gesundheit und die paradoxe Freiheit der Selbstausbeutung unterscheiden es vom Arbeitslager des despotischen Regimes«, außerdem der Kaffee-Vollautomat, schnelles Internet und ein weiches Bett, die Plattensammlung und der volle Kühl-, Kleider- und Schuhschrank sowie der Lesesessel, in dem sich dann erfahren lässt, dass es im Gulag wenigstens keine Ideologie der Gesundheit gibt.

Könnte Nawalny es bestätigen, er tät’s!

Darauf noch einen Macchiato: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Klare Empfehlung

Dank der Paarberatung gelang es uns, unsere Beziehung gemeinsam sanft und behutsam in die Tonne zu legen anstatt zu kloppen.

Leo Riegel

 Letzte Runde

Nach einer Woche Kneipentour hat mich die Katze zu Hause vor verendete Tatsachen gestellt.

Alexander Grupe

 Ratschlag

Nach dem Essen, vor dem Paaren
niemals deinen Leib enthaaren!
Lieber schön beim Lakenfleddern
ineinander tief verheddern,
richtiggehend geil verstricken,
durch das Buschwerk nicht mehr blicken
und nach sieben langen Nächten
sorgsam auseinanderflechten.

Ella Carina Werner

 Morning Routine

Obst zum Frühstück ermöglicht einen gesunden Start in den Tag, aber wer keine Lust hat, sich schon morgens in die Küche zu stellen und Früchte zu schnippeln, dem empfehle ich stattdessen Snoozies.

Loreen Bauer

 Beim Marktstand mit dem schlechten Verkäufer

»Entschuldigung, dürfte ich die zwei Gurken da hinten links haben und drei kleine Äpfel?«

»Nein!«

Laura Brinkmann

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
04.08.2024 Frankfurt/M., Museum für Komische Kunst Die Dünen der Dänen – Das Neueste von Hans Traxler
04.08.2024 Frankfurt/M., Museum für Komische Kunst »F. W. Bernstein – Postkarten vom ICH«
18.08.2024 Aschaffenburg, Kunsthalle Jesuitenkirche Greser & Lenz: »Homo sapiens raus!«
01.09.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst »POLO«