Newsticker

Nur diese Kategorie anzeigen:Gärtners Sonntagsfrühstück Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Diskurse in dieser Gesellschaft

Im Frankfurter Hauptbahnhof stößt ein Mann ein Kind und seine Mutter vor einen einfahrenden ICE. Die Mutter kann sich retten, das Kind stirbt, und abends steht die Tagesthemen-Frau Atalay im Fernsehen und hat einen Aufmacher: „Es gibt Verbrechen, die uns so erschüttern, dass sie uns fast die Sprache verschlagen“, am Stammtisch etwa oder in den Tagesthemen, aber eben nur fast. „Der mutmaßliche Täter ist ein 40jähriger aus Eritrea. … So steht die Öffentlichkeit fassungslos vor Taten, die nicht zu begreifen sind“, schon gar nicht einen halben Tag nachdem die Taten überhaupt erst passiert sind. Da es fürs erste nichts zu begreifen gibt, kann der Filmbeitrag auch nur den Sachverhalt schildern, der Eritreer ist festgenommen und schweigt. Später wird ein Psychiater ihn begutachten.

Weil aber die Öffentlichkeit gerade so schön fassungslos ist, widmet sich gleich der nächste Beitrag der wachsenden Zahl von Fällen, in denen „junge Männer, die oft einen Migrationshintergrund haben“, im Freibad randalieren. „Pauschale Vorverurteilungen lehnen Experten ab“, relativiert der Filmbericht weiter, „nicht immer handele es sich zum Beispiel um Jugendliche mit einem Migrationshintergrund“, und trotzdem wollen Politiker natürlich Aufenthaltsrechte prüfen und hat ein Schwimmbad einen iranischen Bademeister eingestellt. Dessen Chef sagt: „Die Südländer ham ne andere Mentalität als wir Deutschen, und wenn man da jemand hinschickt, der die gleiche Sprache spricht, kann man das schnell aufn Teppich wieder zurückholen.“

Da Vorverurteilungen mithin abzulehnen sind und es sich nicht immer, sondern nur oft um junge Männer mit Migrationshintergrund handelt, spricht Atalay dann „mit dem Integrationsexperten und Psychologen Ahmed Mansour“, der wie immer und sehr gekonnt vor pauschalen Urteilen warnt, um sie dann doch zu servieren. Frage: „Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach der Migrationshintergrund der jungen Männer?“ – „Eine Rolle von vielen.  Also, viele Migranten, die zu uns kommen, bringen ganz andere Sozialisationen mit, patriarchalische Strukturen, Männlichkeitsbilder, die natürlich auch in Extremfällen zu Gewalt führen. Gewalt, die wir in den letzten Tagen erlebt haben, hat nicht nur mit Flüchtlingen und Migration zu tun, sondern auch mit Jugendkultur, mit den Diskursen in dieser Gesellschaft, die aggressiver geworden sind.“

Bei soviel Übersicht muss Atalay aufpassen, dass Ihr schönes Interview keine falsche Richtung nimmt, und fragt also nicht nach dem gesamtgesellschaftlichen Aggressionsdiskurs, in dem kurzbehoste deutsche Kleinbürger z.B. zu pöbeln anfangen, nur weil im Fahrradmarkt die Reparaturannahme ausnahmsweise nicht unterm Schild „Reparaturannahme“ stattfindet, sondern lieber nach den ausländerrechtlichen Konsequenzen und ob die denn hülfen. Mansour weiß, was verlangt wird: „Bei manchen Fällen ist das natürlich sehr gut, einfach die Rechtsstaatlichkeit konsequent durchzuziehen, und auch denjenigen, die zu uns kommen, die Gastfreundschaft, die Asyl sozusagen ausnutzen, instrumentalisieren, um hier Gewalt auszuleben, einfach die Konsequenzen auch zu zeigen und sie mit Botschaften auch abschieben zu können.“ Etwa einer Botschaft wie: Wer das Gastrecht, das es gar nicht gibt, ausnutzt, um sich im Freibad danebenzubenehmen, der muss sich in Afghanistan dann halt ggf. hinrichten lassen. „Das Problem, das wir in den letzten Jahren erleben“, gerade wenn wir die „Bild“-Zeitung lesen, „ist, dass der Rechtsstaat einfach als schwach wahrgenommen wird, und in manchen Fällen wären solche Botschaften sehr notwendig, um den Jugendlichen einfach zu zeigen, dass Gewalt kein Bagatelldelikt ist, dass das bestraft wird und in Extremfällen auch mit Abschiebung bedroht wird.“ Einem Extremfall wie dem von Düsseldorf, wo sich hundert junge Blödmänner mit den Bademeistern anlegten.

„Doch weil ich dich hier nicht versteh, / Leiste ich Gesellschaft dir nicht und geh / Verloren traurig ist sie schon / Unsere bittersüße Non-Konversation.“ Keimzeit, 2000

Aber da wollen wir, will Atalay ja hin: dass, wer rechtzeitig abgeschoben ist, nichts mehr anstellen kann. „In Voerde stieß ein Mann eine Frau vor einen Zug, auch er hat Migrationshintergrund.“ Laut SZ vom Folgetag ist der Täter von Voerde ein „in Deutschland geborener Kosovo-Serbe“ und hat also einen sozusagen blutsmäßigen Migrationshintergrund und eine andere Mentalität als Südländer. „In der öffentlichen Wahrnehmung kommt an, unfassbare Taten, begangen von Menschen mit ausländischen Wurzeln“, barmt Atalay, deren Dummheit sie vor dem Vorwurf bewahren mag, eine Heuchlerin zu sein. „Nun frag ich mich als die, die darüber berichtet“, und zwar so, dass in der öffentlichen Wahrnehmung ankommt, unfassbare Taten, begangen von Menschen mit ausländischen Wurzeln, „was macht das mit unserer Gesellschaft, mit dem Umgang mit solchen Taten? – „Also erst mal sind das Realitäten“, hilft Mansour gern, „die vielen Menschen angst machen. Der zweite Schritt wäre, zu differenzieren und einfach den Rechten die Argumente wegzunehmen“, auch durch Abschiebungen im Extremfall. Der dritte: „Wir müssen diese Debatte führen, wir können sie nicht tabuisieren, die Tabuisierung wird dazu führen, dass die Rechten davon profitieren.“

Im Anschluss an die Tagesthemen ein Report über Polizeigewalt in Deutschland: 2000 Fälle werden Jahr für Jahr angezeigt, davon landen 40 vor Gericht, 20 enden mit einer Verurteilung, die Dunkelziffer wird auf 12 000 Fälle geschätzt. Vermutet werden dürfen patriarchalische Strukturen, Männlichkeitsbilder, die natürlich auch in extremen Fällen zu Gewalt führen. Geradezu sehr vielen.




Eintrag versenden Newstickereintrag versenden…
Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

optionale Mitteilung an den Empfänger:

E-Mail-Adresse des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*
(mehrere Adressen durch Semikolon trennen, max. 10):

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Ciao, Luisa Neubauer!

»Massendemonstrationen sind kein Pizza-Lieferant«, lasen wir in Ihrem Gastartikel auf Zeit online. »Man wird nicht einmal laut und bekommt alles, was man will.«

Was bei uns massenhaft Fragen aufwirft. Etwa die, wie Sie eigentlich Pizza bestellen. Oder was Sie von einem Pizzalieferanten noch »alles« wollen außer – nun ja – Pizza. Ganz zu schweigen von der Frage, wer in Ihrem Bild denn nun eigentlich etwas bestellt und wer etwas liefert bzw. eben gerade nicht. Sicher, in der Masse kann man schon mal den Überblick verlieren. Aber kann es sein, dass Ihre Aussage einfach mindestens vierfacher Käse ist?

Fragt hungrig: Titanic

 Und übrigens, Weltgeist …

Adam Driver in der Rolle des Enzo Ferrari – das ist mal wieder großes Kino!

Grazie mille von Titanic

 Mmmmh, Thomas de Maizière,

Mmmmh, Thomas de Maizière,

über den Beschluss der CDU vom Dezember 2018, nicht mit der Linkspartei oder der AfD zusammenzuarbeiten, an dem Sie selbst mitgewirkt hatten, sagten Sie bei Caren Miosga: »Mit einem Abgrenzungsbeschluss gegen zwei Parteien ist keine Gleichsetzung verbunden! Wenn ich Eisbein nicht mag und Kohlroulade nicht mag, dann sind doch nicht Eisbein und Kohlroulade dasselbe!«

Danke für diese Veranschaulichung, de Maizière, ohne die wir die vorausgegangene Aussage sicher nicht verstanden hätten! Aber wenn Sie schon Parteien mit Essen vergleichen, welches der beiden deutschen Traditionsgerichte ist dann die AfD und welches die Linke? Sollte Letztere nicht eher – zumindest in den urbanen Zentren – ein Sellerieschnitzel oder eine »Beyond Kohlroulade«-Kohlroulade sein? Und wenn das die Alternative zu einem deftigen Eisbein ist – was speist man bei Ihnen in der vermeintlichen Mitte dann wohl lieber?

Guten Appo!

Wünscht Titanic

 Eine Frage, Miriam Meckel …

Im Spiegel-Interview sprechen Sie über mögliche Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf die Arbeitswelt. Auf die Frage, ob die Leute in Zukunft noch ihr Leben lang im gleichen Beruf arbeiten werden, antworten Sie: »Das ist ja heute schon eher die Ausnahme. Ich zum Beispiel habe als Journalistin angefangen. Jetzt bin ich Professorin und Unternehmerin. Ich finde das toll, ich liebe die Abwechslung.« Ja, manchmal braucht es einfach einen beruflichen Tapetenwechsel, zum Beispiel vom Journalismus in den Fachbereich Professorin! Aber gibt es auch Berufe, die trotz KI Bestand haben werden? »Klempner zum Beispiel. Es gibt bislang keinen Roboter mit noch so ausgefeilter KI auf der Welt, der Klos reparieren kann.«

Das mag sein, Meckel. Aber was, wenn die Klempner/innen irgendwann keine Lust mehr auf den Handwerkeralltag haben und flugs eine Umschulung zum Professor machen? Wer repariert dann die Klos? Sie?

Bittet jetzt schon mal um einen Termin: Titanic

 Persönlich, Ex-Bundespräsident Joachim Gauck,

nehmen Sie inzwischen offenbar alles. Über den russischen Präsidenten sagten Sie im Spiegel: »Putin war in den Achtzigerjahren die Stütze meiner Unterdrücker.« Meinen Sie, dass der Ex-KGBler Putin und die DDR es wirklich allein auf Sie abgesehen hatten, exklusiv? In dem Gespräch betonten Sie weiter, dass Sie »diesen Typus« Putin »lesen« könnten: »Ich kann deren Herrschaftstechnik nachts auswendig aufsagen«.

Allerdings hielten Sie sich bei dessen Antrittsbesuch im Schloss Bellevue dann »natürlich« doch an die »diplomatischen Gepflogenheiten«, hätten ihm aber »schon zu verstehen gegeben, was ich von ihm halte«. Das hat Putin wahrscheinlich sehr erschreckt. So richtig Wirkung entfaltet hat es aber nicht, wenn wir das richtig lesen können. Wie wär’s also, Gauck, wenn Sie es jetzt noch mal versuchen würden? Lassen Sie andere Rentner/innen mit dem Spiegel reden, schauen Sie persönlich in Moskau vorbei und quatschen Sie Putin total undiplomatisch unter seinen langen Tisch.

Würden als Dank auf die Gepflogenheit verzichten, Ihr Gerede zu kommentieren:

die Diplomat/innen von der Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Treffer, versenkt

Neulich Jugendliche in der U-Bahn belauscht, Diskussion und gegenseitiges Überbieten in der Frage, wer von ihnen einen gemeinsamen Kumpel am längsten kennt, Siegerin: etwa 15jähriges Mädchen, Zitat: »Ey, ich kenn den schon, seit ich mir in die Hosen scheiße!«

Julia Mateus

 Teigiger Selfcaretipp

Wenn du etwas wirklich liebst, lass es gehen. Zum Beispiel dich selbst.

Sebastian Maschuw

 Frühlingsgefühle

Wenn am Himmel Vögel flattern,
wenn in Parks Familien schnattern,
wenn Paare sich mit Zunge küssen,
weil sie das im Frühling müssen,
wenn überall Narzissen blühen,
selbst Zyniker vor Frohsinn glühen,
Schwalben »Coco Jamboo« singen
und Senioren Seilchen springen,
sehne ich mich derbst
nach Herbst.

Ella Carina Werner

 Man spürt das

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in New York. Was soll ich sagen: Da war sofort dieses Gefühl, als ich zum ersten Mal die 5th Avenue hinunterflanierte! Entweder man spürt das in New York oder man spürt es eben nicht. Bei mir war sie gleich da, die Gewissheit, dass diese Stadt einfach null Charme hat. Da kann ich genauso gut zu Hause in Frankfurt-Höchst bleiben.

Leo Riegel

 Überraschung

Avocados sind auch nur Ü-Eier für Erwachsene.

Loreen Bauer

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
24.04.2024 Trier, Tuchfabrik Max Goldt
25.04.2024 Köln, Comedia Max Goldt
27.04.2024 Schwerin, Zenit Martin Sonneborn mit Sibylle Berg
28.04.2024 Lübeck, Kolosseum Martin Sonneborn mit Sibylle Berg