Newsticker

Nur diese Kategorie anzeigen:Gärtners Sonntagsfrühstück Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Akzente

Es ist nicht immer zu vermeiden, aber man soll nicht tausend andere Sachen machen, bevor man sich an seine Kolumne setzt. Jetzt ist es Samstag, viertel nach drei, und ich war schon in der Apotheke, beim Bäcker und im Blumenladen, wo die Kundin neben mir in Grönland gewesen war, um dem Eis beim Schmelzen zuzusehen. Kein polemischer Witz: Sie war in Grönland, sagt sie, und alles schmolz, und leider hat die Blumenfrau nicht „Spannend“ gesagt, sondern bloß, dass sie morgen nach Sardinien fährt. Sie hat wirklich gesagt, „wir fahren“, aber sie wird natürlich fliegen, und erstaunlich wiederum, dass der Spießerurlaub von einst (mit dem vollgepackten Auto, siehe G. Polt) ökologisch geradezu vorteilhaft wird.

Jedenfalls schwirrt mir jetzt der Schädel, und ich muss mich direkt zusammenreißen, dass ich wieder weiß, wie ich beginnen wollte, nämlich mit einer Erinnerung an meine Französisch-Lehrerin, die Französin war und uns regelmäßig zum „Bin-dän“ aufforderte, während es im Morgenblatt schon wieder um Bi- oder Trilingualität ging bzw. darum, dass irgendwo in Indonesien die Kinder problemlos zwölf Sprachen sprechen und irgendwelche Zeitfenster, die zur Akzentfreiheit führen, nur ganz früh im Leben offenstehen. Mme Mühl-Guitard hat in Zeiten, als man das noch gar nicht wusste, durch dieses Zeitfenster nicht hindurchgeschaut und ist mir just deshalb in Erinnerung geblieben. Weil sie immer „bin-dän!“ sagte und nicht „binden“, so wie das Fräulein in der Schöfferhofer-Reklame sich einst am „Prickeln in meine Bauchnabel“ freute.

„Ohne die Peitsche der Konkurrenz fangen die Menschen zu denken an!“ Horkheimer, 1957

Wer heute jung ist, soll akzentfrei werden, was natürlich für sich schon eine hübsche Pointe ist, auf die darum auch alle Bemühungen des Hauses Bertelsmann zielen. Wer nicht gerade fremdsprachige Eltern hat, ist da im Nachteil, weshalb ein CDU-Mann mit der Forderung hervorgetreten ist, Kinder nichtdeutscher Zunge vom Grundschulbesuch zurückzustellen, was die Fachwelt geschlossen für Schwachsinn hält, aber darum geht es natürlich gar nicht. Es geht ums Draußenhalten, denn ganz objektiv ist es so, dass „in der globalisierten Welt“ („Tichys Einblick“) Sprachen nützen, und wenn es überhaupt noch um irgendetwas geht, dann um den Nutzen. Weil aber in der offenen Konkurrenzgesellschaft das, was dem einen nützt, der anderen schadet, soll man Migrantenkinder, wo sie schon diese unlernbaren Sprachen aus dem Effeff beherrschen, dann wenigstens erst mal unter sich lassen, damit ihnen Deutsch möglichst Fremdsprache bleibe. Jenes Deutsch, das sich immer vorbehaltloser, ja freudiger auf eine Sprache verwalteter Welt reduziert, auf den zeitnah-zeitgleichen, massiv nachvollziehbaren Reflex- und Schrottsprech der Apparate, wobei es vermutlich so ist, dass man noch der simpelsten KI beibringen könnte, weniger restringiert herumzuächzen als die Zeitgenossen, die nicht nur so bedruckt sind wie unsere Leistungssportler und -sportlerinnen, sondern auch so reden. „Das Glück ist von Sprache nicht zu trennen“ (Horkheimer): Man hört’s.

Und haargenau darum hat die Grundschule meiner Nichte jetzt „Lerncoaches“, wie mein Bruder konsterniert feststellte, und wird, in München wie überall, jener Ewige Jude angespuckt, dessen ortlose Akzentfreiheit man hassen muss, weil man sie lieben soll, wiewohl es schon Adorno schien, „die Menschen in Deutschland“ lebten „in einer immerwährenden Angst um ihre nationale Identität“. Soll Schluss mit dem allen sein, gehören Akzente gesetzt, und die Enteignung Bertelsmanns wäre sozusagen der accent auf der révolution.




Eintrag versenden Newstickereintrag versenden…
Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

optionale Mitteilung an den Empfänger:

E-Mail-Adresse des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*
(mehrere Adressen durch Semikolon trennen, max. 10):

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Nichts für ungut, Tasmanischer Tiger!

Nachdem wir Menschen Dich vor circa 100 Jahren absichtlich ein bisschen ausgerottet haben, um unsere Schafe zu schützen, machen wir den Fehltritt jetzt sofort wieder gut, versprochen! Du hast uns glücklicherweise etwas in Alkohol eingelegtes Erbgut zurückgelassen, und das dröseln wir nun auf, lassen Dich dann von einer Dickschwänzigen Schmalfußbeutelmaus in Melbourne austragen, wildern Dich in Australien aus und fangen dann ziemlich sicher an, Dich wieder abzuknallen, wie wir es mit den mühsam wiederangesiedelten Wölfen ja auch machen. Irgendjemand muss ja auch an die Schafe denken.

Aber trotzdem alles wieder vergeben und vergessen, gell?

Finden zumindest Deine dünnschwänzigen Breitfußjournalist/innen von der Titanic

 Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Nichts läge uns ferner, als über Ihren Steuerhinterziehungsprozess zu scherzen, der für Sie mit drei Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe geendet hat. Etwas ganz anderes möchten wir ansprechen, nämlich Ihre Einlassung am zweiten von insgesamt vier Verhandlungstagen, während der Sie laut Handelsblatt »lang und breit über die Vorzüge« von Ingwer palaverten, »aber auch über Knoblauch, Kardamom oder Rosmarin«, bis Sie schließlich einsahen: »Ich könnte stundenlang über Gewürze reden, aber das ist wohl der falsche Zeitpunkt.«

Und ob das der falsche Zeitpunkt war! Mensch, Schuhbeck, die gute alte Gewürz-Verteidigung, die hebt man sich doch für ganz zum Schluss auf, die pfeffert man dem Gericht (!) nach den Kreuzkümmelverhören prisenweise entgegen. Wozu zahlen Sie denn gleich zwei Anwälten gesalzene Stundensätze? Bleibt zu hoffen, dass Sie bei der Revision die Safranfäden in der Hand behalten!

Die Gewürzmühlen der Justiz mahlen langsam, weiß Titanic

 Sicher, Matthew Healy,

dass Sie, Sänger der britischen Band The 1975, die Dinge einigermaßen korrekt zusammenkriegen? Der Süddeutschen Zeitung sagten Sie einerseits: »Ich habe ›Krieg und Frieden‹ gelesen, weil ich die Person sein wollte, die ›Krieg und Frieden‹ gelesen hat.« Und andererseits: »Wir sind vielleicht die journalistischste Band da draußen.« Kein Journalist und keine Journalistin da draußen hat »Krieg und Frieden« gelesen, wollten mal gesagt haben:

Ihre Bücherwürmer von der Titanic

 Stillgestanden, »Spiegel«!

»Macht sich in den USA Kriegsmüdigkeit breit?« fragst Du in einer Artikelüberschrift. Ja, wo kämen wir hin, wenn die USA die Ukraine nur nüchtern-rational, aus Verantwortungsbewusstsein oder gar zögerlich mit Kriegsgerät unterstützten und nicht euphorisch und mit Schaum vor dem Mund, wie es sich für eine anständige Kriegspartei gehört?

Spiegel-müde grüßt Titanic

 Helfen Sie uns weiter, Innenministerin Nancy Faeser!

Auf Ihrem Twitter-Kanal haben Sie angemerkt, wir seien alle gemeinsam in der Verantwortung, »illegale Einreisen zu stoppen, damit wir weiter den Menschen helfen können, die dringend unsere Unterstützung brauchen«. Das wirft bei uns einige Fragen auf: Zunächst ist uns unklar, wie genau Sie sich vorstellen, dass Bürgerinnen und Bürger illegale Einreisen stoppen. Etwa mit der Flinte, wie es einst Ihre Bundestagskollegin von Storch forderte? Das können Sie als selbsternannte Antifaschistin ja sicher nicht gemeint haben, oder? Außerdem ist uns der Zusammenhang zwischen dem Stoppen illegaler Einreisen und der Hilfe für notleidende Menschen schleierhaft.

Außer natürlich Sie meinen damit, dass die von Ihrem Amtsvorgänger und der EU vorangetriebene Kriminalisierung von Flucht gestoppt werden müsse, damit Menschen, die dringend unsere Unterstützung brauchen, geholfen wird.

Kann sich Ihre Aussage nicht anders erklären: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Auf dem Markt

– Oh, Ihr Doldenblütler verkauft sich aber gut!
– Ja, das ist unser Bestsellerie!

Cornelius W.M. Oettle

 Sprichwörter im Zoonosen-Zeitalter

Wer nichts wird, wird Fehlwirt.

Julia Mateus

 Heimatgrüße

Neulich hatte ich einen Flyer im Briefkasten: »Neu: Dezember Special! Alle Champions-League-Spiele auf 15 Flatscreens!!!« Traurig, zu welchen Methoden Mutter greift, damit ich öfter zu Besuch komme.

Leo Riegel

 Vom Kunstfreund

Erst neulich war es, als ich, anlässlich des Besuchs einer Vernissage zeitgenössischer Kunst, während der Eröffnungsrede den Sinn des alten Sprichworts erfasste: Ein paar tausend Worte sagen eben doch mehr als nur ein Bild.

Theobald Fuchs

 Schwimmbäder

Eine chlorreiche Erfindung.

Alice Brücher-Herpel

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

  • 19.10.:

    Stefan Gärtner bespricht in der Buchmessenbeilage der Jungen Welt Moritz Hürtgens Roman "Der Boulevard des Schreckens".

  • 12.10.: Der Tagesspiegel informiert über den anstehenden Chefredaktionswechsel bei TITANIC.
Titanic unterwegs
06.12.2022 Kassel, Staatstheater Hauck & Bauer mit Kristof Magnusson
06.12.2022 Frankfurt am Main, Club Voltaire TITANIC-Nikolaus-Lesung
08.12.2022 Köln, Senftöpfchentheater Moritz Hürtgen
09.12.2022 Dresden, Alter Schlachthof Martin Sonneborn mit Gregor Gysi