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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 14

Liebe Leser:innen,

ich denke, ihr als kulturell informiertes Publikum habt es sowieso mitbekommen: Der für seinen gepfefferten Sprechgesang bekannte Musiker "Danger Dan" hat vor einigen Tagen einen Song veröffentlicht, in dem er sich nicht nur sehr kritisch mit einigen Influencern der neurechten Szene auseinandersetzt, sondern indirekt auch Kritik an der Polizei übt. Kein überproduziertes Effektfeuerwek, kein Beat, kein Overdub: Einfach nur ein Mann und sein im Antilopenmuster geairbrushtes Klavier mit einem Song, der nun sowohl im Internet als auch im linearen Fernsehen rauf und runter gespielt wird. Ein fast schon perfide harmlos daherkommendes Gesamtprodukt, das auf den ersten Blick keine Fragen offen lässt und nüchtern feststellt: "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt."

Doch stimmt das wirklich? 

Es ist allgemein bekannt, dass Hip-Hop 1986 von der Stuttgarter Band "Die Fantastischen Vier" erfunden wurde, einer Clique von Entrepreneuren und Programmierern, die eher zufällig ins Musikgeschäft stolperten. Damals setzten sich Michi Beck, Thomas Dürr, And.Ypsilon und Smudo in einer Reihenhaushälfte zusammen und definierten die vier Elemente des Hip-Hop: Gute Laune, clevere Wortspiele, Stuggitown und digitale Lösungen für die gesellschaftspolitischen Herausforderungen der Zukunft. Weitsichtig haben die vier bereits damals sperrige Reflexionen zur Kunstfreiheit oder populistische Pauschalurteile über die deutschen Sicherheitsbehörden außen vor gelassen. Mit den vier Elementen des Hip-Hop ließe sich über "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" argumentieren: Die Polizei anscheißen, obwohl roundabout 99,9 Prozent der Bediensteten einen Riesenjob machen? Das hat mit Rap leider nichts zu tun. Da ist man auch auf einer Linie mit dem CDU-Influencer Wolfgang Bosbach.

Und so schmeckt der musikalische Impfstoff, den Danger Dan derzeit verimpft, einigen so gar nicht. Auch die Polizei selbst hat es trotz ihres aktuell extremen workloads geschafft, in den infamen Clip reinzuklicken. Der Zufall wollte es, dass sich auch unter den Engeln in Grün ein gestandener Rapper mit dem Künstlernamen "Zett Zinnotec" tummelt. Und der verabreichte Danger Dan gestern in einem Reaction-Video seine eigene Medizin. In der description box des Videos liefert der Künstler die backstory zu seinem Werk besser, als ich es zusammenfassen könnte: "[I]ch hab mich einfach auf einen schönen Abend nach einem schwierigen Dienst gefreut, etwas Spaß und etwas das schlechte Gefühl mehr für die Gesellschaft tun zu müssen, Politische Satire eben...und dann der Song Danger Dan 'Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt' ich glaube ich kann und habe auch schon so manches ertragen aber das, dass hat mein persönliches Limit überschritten, zumindest an jenem Abend." Die Ansprache ist emotional und atemlos; clever, denn so sind wir, die Hörer:innen, nach diesem Intro sofort mittendrin. 

Doch nach der Lektüre der Videobeschreibung und dem anschließenden Klick auf die Play-Taste lässt uns Zett Zinnotec zunächst zappeln: Denn darin liest er als erstes noch einmal den Titel des Youtube-Videos vor, das wir ohnehin gerade anschauen: "Reaktionsvideo auf Danger Dans Song 'Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt'". Der Künstler thematisiert die Gemachtheit des Werks im Werk selbst, und so beginnt ein metafiktionales Vexierspiel um die zentrale Frage: Wer spricht hier eigentlich gerade? Der Polizist, der Mensch oder der Rapper? Visuell wird dieses Spannungsverhältnis durch ein JPG in der oberen linken Ecke des Videos verstärkt, denn dort sieht man eine Polizeijacke und eine Polizeimütze an einen Kleiderhaken drapiert, was mich an das berühmte Buch "Außer Dienst: Eine Bilanz" von Bundeskanzler Helmut Schmidt erinnert. Er fehlt.

Dann beginnt der Track: "Ja mein lieber Danger denn, für dich wär' ich wirklich genn." Es ist die direkte Ansprache des Gegners, die wir bereits aus dem musikalischen Genre des "Battleraps" kennen – welche streng genommen jedoch auch nicht vereinbar ist mit den vier Elementen des Rap von 1986. Sei’s drum. Hervorzuheben scheint mir außerdem, dass Zett seinen Text mit Anleihen aus dem Hopeländischen garniert ("Danger Denn", "wirklich genn"), einer Kunstsprache, die seinerzeit die isländische Band Sigur Rós entwickelte, um noch effektiver von Elfen und Geysiren singen zu können. Ein subtiles Zitat im Zitat sozusagen, das dem Krawallo-Rapper Danger Dan ohne Lektüreschlüssel sicher verborgen geblieben wäre. Und dann kommt auch schon der eigentliche Höhepunkt des Videos, in dem Zinnotec das Stilmittel der hyperironischen Figurenrede für sich beansprucht: "Schlag mir in die Fresse rein, ich bin dein Bullenschwein." Gnadenloser wurden linksgrüne Gewaltfantasien gegen den Staat und die Ordnungsmacht noch nicht karikiert. Komplett Gänsehaut.

Und so stellt man sich nach diesen intensiven 111 Sekunden (womit Zinnotec auf subtilste Weise, nämlich auf der Ebene der Form, die Frage diskutiert, ob wir wirklich in einem Land leben wollen, in dem wir weder unter der 110 noch unter der 112 jemanden erreichen würden) eigentlich nur noch die Frage, warum sich Zett Zinnotec damals für die Polizei- statt der Rapkarriere entschieden hat. Und wie nicht anders zu erwarten war, beantwortet Zinnotec diese Frage mit seinem Song eigentlich gleich mit:

Weil es um unser Land geht.

 

Hip-Hop-Grüße gehen raus: Dax Werner




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Briefe an die Leser

 Also wirklich, »Spiegel«!

Bei kleinen Rechtschreibfehlern drücken wir ja ein Auge zu, aber wenn Du schreibst: »Der selbst ernannte Anarchokapitalist Javier Milei übt eine seltsame Faszination auf deutsche Liberale aus. Dabei macht der Rechtspopulist keinen Hehl daraus, dass er sich mit der Demokratie nur arrangiert«, obwohl es korrekt heißen müsste: »Weil der Rechtspopulist keinen Hehl daraus macht, dass er sich mit der Demokratie nur arrangiert«, müssen wir es doch anmerken.

Fasziniert von so viel Naivität gegenüber deutschen Liberalen zeigt sich

Deine Titanic

 Lustiger Zufall, »Tagesspiegel«!

»Bett, Bücher, Bargeld – wie es in der Kreuzberger Wohnung von Ex-RAF-Terroristin Daniela Klette aussah«. Mit dieser Schlagzeile überschreibst Du Deine Homestory aus Berlin. Ha, exakt so sieht es in unseren Wohnungen auch aus! Komm doch gern mal vorbei und schreib drüber. Aber bitte nicht vorher die Polizei vorbeischicken!

Dankend: Titanic

 Du, »Deutsche Welle«,

betiteltest einen Beitrag mit den Worten: »Europäer arbeiten immer weniger – muss das sein?« Nun, wir haben es uns wirklich nicht leicht gemacht, ewig und drei Tage überlegt, langjährige Vertraute um Rat gebeten und nach einem durchgearbeiteten Wochenende schließlich die einzig plausible Antwort gefunden. Sie lautet: ja.

Dass Du jetzt bitte nicht zu enttäuscht bist, hoffen die Workaholics auf

Deiner Titanic

 Sie, Victoria Beckham,

Sie, Victoria Beckham,

behaupteten in der Netflix-Doku »Beckham«, Sie seien »working class« aufgewachsen. Auf die Frage Ihres Ehemanns, mit welchem Auto Sie zur Schule gefahren worden seien, gaben Sie nach einigem Herumdrucksen zu, es habe sich um einen Rolls-Royce gehandelt. Nun verkaufen Sie T-Shirts mit dem Aufdruck »My Dad had a Rolls-Royce« für um die 130 Euro und werden für Ihre Selbstironie gelobt. Wir persönlich fänden es sogar noch mutiger und erfrischender, wenn Sie augenzwinkernd Shirts mit der Aufschrift »My Husband was the Ambassador for the World Cup in Qatar« anbieten würden, um den Kritiker/innen so richtig den Wind aus den Segeln zu nehmen.

In der Selbstkritik ausschließlich ironisch: Titanic

 Und übrigens, Weltgeist …

Adam Driver in der Rolle des Enzo Ferrari – das ist mal wieder großes Kino!

Grazie mille von Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Treffer, versenkt

Neulich Jugendliche in der U-Bahn belauscht, Diskussion und gegenseitiges Überbieten in der Frage, wer von ihnen einen gemeinsamen Kumpel am längsten kennt, Siegerin: etwa 15jähriges Mädchen, Zitat: »Ey, ich kenn den schon, seit ich mir in die Hosen scheiße!«

Julia Mateus

 Pendlerpauschale

Meine Fahrt zur Arbeit führt mich täglich an der Frankfurt School of Finance & Management vorbei. Dass ich letztens einen Studenten beim Aussteigen an der dortigen Bushaltestelle mit Blick auf sein I-Phone laut habe fluchen hören: »Scheiße, nur noch 9 Prozent!« hat mich nachdenklich gemacht. Vielleicht wäre meine eigene Zinsstrategie selbst bei angehenden Investmentbankern besser aufgehoben.

Daniel Sibbe

 Nichts aufm Kerbholz

Dass »jemanden Lügen strafen« eine doch sehr antiquierte Redewendung ist, wurde mir spätestens bewusst, als mir die Suchmaschine mitteilte, dass »lügen grundsätzlich nicht strafbar« sei.

Ronnie Zumbühl

 Einmal und nie wieder

Kugelfisch wurde falsch zubereitet. Das war definitiv meine letzte Bestellung.

Fabian Lichter

 Man spürt das

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in New York. Was soll ich sagen: Da war sofort dieses Gefühl, als ich zum ersten Mal die 5th Avenue hinunterflanierte! Entweder man spürt das in New York oder man spürt es eben nicht. Bei mir war sie gleich da, die Gewissheit, dass diese Stadt einfach null Charme hat. Da kann ich genauso gut zu Hause in Frankfurt-Höchst bleiben.

Leo Riegel

Vermischtes

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Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
18.04.2024 Berlin, Heimathafen Neukölln Max Goldt
18.04.2024 Hamburg, Centralkomitee Ella Carina Werner
19.04.2024 Wuppertal, Börse Hauck & Bauer
20.04.2024 Eberswalde, Märchenvilla Max Goldt