[23.11.2014]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Zum Teufel mit Prada

Das war nun abermals so ein Zufall, daß ich nur was für den Einkaufszettel brauchte und plötzlich den Wirtschaftsteil in der Hand hatte; und sicher soll man über Dummheit und Elend nicht lachen, aber hier, bei einem Bericht über die Produktionsbedingungen bei der Gutverdiener-Funktionsjackenfirma Moncler, ließ es sich nicht vermeiden: „… führt ein italienisches Fernsehteam an einen Ursprungsort der Kultjacken. Die Reise geht nach Ungarn, zu den Gänsen, deren Daunen die Käufer der angesagten Modeteile wärmen werden. Die Bilder aus der weißen Federwelt sind schwer mit der Aura exklusiver Luxusboutiquen vereinbar. Die versteckte Kamera des italienischen Fernsehsenders RAI filmt in einem Stall. Frauen und Männer sitzen auf niedrigen Schemeln entlang der Wand und rupfen das Gefieder der zwischen ihren Beinen zappelnden Tiere aus. Im Akkord. 10000 lebenden Gänsen sollen sie in diesem Betrieb die Federn ausreißen. In vier Tagen. Sie bekommen 30 Cent pro Gans. Das geht, wie vier Millionen Fernsehzuschauer der Sendung ,Report‘ sahen, nicht ohne zum Teil schwere Blessuren ab. Ungarn ist nach China der größte Daunenhersteller der Welt. Seine Hauptabnehmer sind Italien und Deutschland. Die Lebendrupfung ist in der Europäischen Union verboten ... Anzeigen und Proteste werden von den EU-Behörden seit Jahren abgebügelt.“

„Eine Weltfabrik / zum Beispiel Hemden / lassen wir in Hongkong machen / Autos in Brasilien / und schwarze Mädchen in Südafrika / verpacken Aspirin / die ganze Erde wird ein Supermarkt / mit Rock und Pop und Rumtata / … sicher / Ungerechtigkeiten / oder besser noch Disparitäten / wird's dabei natürlich geben“ Degenhardt, 1977

Daß Sie mich nicht für roh halten: Hier habe ich noch nicht gelacht; aber hier: „Die reinen Herstellungskosten eines Wintermodells – Ladenpreis: 1200 Euro – betragen nach Schätzung eines ehemaligen leitenden Moncler-Mitarbeiters 45 Euro. Den Daunenwert taxiert er auf neun Euro.“ Sind wir bei 54 Euro Herstellungskosten für etwas, das für 1200 Euro verkauft wird, und der gewissen, nun ja, Diskrepanz zwischen dem dreifachen Hartz-IV-Satz, den irgendein Esel, eine Eselin für eine „Kultjacke“ (SZ) ausgibt, und den 30 Cent, die ein osteuropäischer Niedrigstlohnsklave dafür bekommt, einem noch Schwächeren die Gewalt anzutun, ohne die es eben nicht abgeht, wenn im harten Preiskampf –

Moment. Preiskampf? Bei einer Marge von (Zwischenhandel eingerechnet) 2000 Prozent? Bei einem Preis, der für die Esel und Eselinnen dieser Welt nicht hoch genug sein kann, weil allein der Preis das Objekt als „Kult“ statuiert? Und da kann man nicht warten, bis das Federvieh geschlachtet ist, und da kann man dem Rupfer und der Rupferin nicht einen halbwegs würdigen Stundenlohn zahlen? Weil 2000 Prozent halt besser sind als bloß 1500? „Zusammen mit der Finanzpolizei besichtigte ,Report‘ vor ein paar Jahren bei Neapel eine Werkstatt, in der Nylontaschen für Prada in Schwarzarbeit hergestellt wurden. Die Firma erhielt 28 Euro pro Tasche, im Laden kostete sie 400 Euro … Nun ärgerte sich Prada-Chef Patrizio Bertelli wieder mal [über die Berichterstattung]. Das Auslagern von Teilen der Produktion ließe sich auf einem freien Markt nicht unterbinden.“

Das mag sogar stimmen. Und wenn das aber stimmt: dann nimmt man das hin und hofft, im nächsten Leben nicht als ungarischer Gänserupfer auf die Welt zu kommen. Oder man schickt den freien Markt, so wie er ist und dem Anschein nach bleiben wird, zum Teufel.




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Das schreiben die anderen
  • 26.09.:

    Bei Arte im Portrait: Ex-TITANIC-Chef und PARTEI-EU-Abgeordneter Martin Sonneborn.

Titanic unterwegs
28.09.2016 Hanau, Café des Vereins Lebensgestaltung
  Thomas Gsella
28.09.2016 Wiesbaden, Gemeindezentrum
  Gerhard Henschel
29.09.2016 Sassnitz, Grundtvighaus
  Max Goldt
29.09.2016 Madrid, Cafeteria der Deutschen Schule
  Thomas Gsella

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Briefe an die Leser

 Walter Hildebrandt, deutscher Vater!

Als Direktor eines Steinbeis-Instituts für Digitale Verblödung, nein: Innovation in Berlin rauschen einem naturgemäß die krudesten Dinge durchs Hirnkastl. Bei Podiumsgesprächen lassen Sie Ihre Umwelt daran teilhaben und sagen dann solche Sachen: »Ich als deutscher Vater glaube, daß wir die Digitalisierung des Kindes hinkriegen.« Bei der Digitalisierung Ihrer deutschen Brut wünschen wir Ihnen viel Erfolg, wie auch immer Sie sie bewerkstelligen mögen. Techno-Faschisten wie Ihnen würde trotzdem gerne die Stecker ziehen: Titanic

 ARD- und NDR-Moderator Alexander Bommes!

Vom Tagesspiegel gefragt, was Sie von Millionengagen für prominente Ex-Sportler als Kommentatoren im Fernsehen halten und ob Sie selbst schon Millionär seien, sagten Sie: »Wer die Besten haben will, der muß auch etwas dafür bezahlen. Und wenn man die Besten hat, könnte man ja auch stolz darauf sein, wie wäre es damit?« Was ja bedeutet, daß Sie umsonst arbeiten und niemand stolz auf Sie ist!

So viel Ehrlichkeit hätte Ihnen nicht mal für Millionen zugetraut

Ihre Titanic

 Unser Zuhause, Linda-Luise Bickenbach und Bente Schipp,

ist der wichtigste Ort in unserem Leben. Deshalb stimmen wir dem Atlantik-Verlag zu, der in seiner Vorschau die Bewerbung Eures Buches »Sachen richtig machen« mit den richtig gemachten Worten »Unser Zuhause ist der wichtigste Ort in unserem Leben« einleitet. Man denke aber nicht, daß man an ebenjenem Ort sorglos vor sich hinleben und sich wie zu Hause fühlen kann! Vielmehr hat man Sorgen, denn »ständig tauchen neue Fragen auf«, z.B.: »Wie pflege ich meine Handtaschen und Designermöbel? Was ist ein gut sortierter Kleiderschrank?« und die allerwichtigste: »Welche Drinks sollte man unbedingt mixen können?«

Zu fragen, ob sich mit Eurem »lässigen Buch für ein lässigeres Leben« ein breites Publikum erreichen läßt, unterläßt: Titanic

 Und Du, Bäckerei Bosselmann,

forderst uns mittels Deiner Brötchentüten dazu auf, nicht etwa Deine Backwaren, sondern Deine Mitarbeiterinnen zu bewerten. So kann man auf den Tüten wahlweise ankreuzen:

☐ freundlich
☐ normal/nichts besonderes
☐ unfreundlich

Außerdem ist dort noch Platz für »Mein Lob / Meine Reklamation«.

Wirklich schauerlich, sich vorzustellen, wie Leute ihre Brötchentüten zücken, sie mit Kreuzchen und Denunziationen versehen und dann Deiner Marketingabteilung zuschicken, dabei gleich noch schamlos ihre Adreßdaten preisgeben (denn Du willst Dich ja für das kooperative Verhalten »bedanken können«) und denken, sie hätten nun alles richtig gemacht.

Weißt Du, wie wir das finden, Bäckerei Bosselmann? Such’s Dir aus:

☐ unappetitlich
☐ unfein
☐ zum Kotzen Titanic

 Amazon-Boss Jeff Bezos!

Amazon-Boss Jeff Bezos!

Unter der vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage doch seltsam euphorisch klingenden Überschrift »Auf unsere Zukunft« kündigte uns die Welt auf der Titelseite ein ausführliches Interview mit Ihnen an: »Amazon-Gründer Jeff Bezos ist beeindruckend optimistisch. Erfindungen und Innovationen sind seine Leidenschaft. Der Unternehmer hat trotz der schwierigen Zeiten enormes Vertrauen in die Zukunft.« Und weiter: »Die derzeitigen Probleme sind erheblich, sagt er, aber unsere Fähigkeiten sie zu lösen, sind noch viel größer.« Die Menschheit stehe am Anfang einer goldenen Epoche! Damit meinen Sie, Bezos, wohl vor allem die in der Summe gigantischen Fähigkeiten der für Sie rund um die Uhr schuftenden Billigarbeiter, dank deren unermüdlichem Einsatz Sie ja schon einmal die schwer verdiente goldene Nase in ebenjenes glorreiche Zeitalter hineinstecken konnten, gell? Darum vergeben wir drei goldene Sterne für Sie und Ihre Träume von neuen Absatzmärkten – im Weltraum. Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Walter Benjamin

suchte als Philosoph oft Halt bei Haschisch und Huren. Viel Handfestes kam nicht dabei heraus. Auch nicht bei seinen Beschreibungen von Paris, wo es Orte gebe, die aussähen, »als sei über das Photo einer« (abgebrochen). Über den Charme der Stadt dürfe man sagen, es liege »in dieser Atmosphäre eine weise abgewogene Mischung, daß einer« (abgebrochen). Den Charme von Benjamins Schreibweise hingegen kann jeder erfassen, der schon einmal unter Cannabis-Einfluß z.B. Schatten für »eine Brücke über den Lichtstrom der Straße« gehalten hat. Mir aber bleibt es überlassen, das Flanieren als Methode zum Entdecken des Unerwarteten

Ludger Fischer

 Zeichen und Wunder

Kürzlich stutzte ich, als ich auf meiner neuen PC-Tastatur direkt unter dem »F« noch ein kleines rundes Zeichen entdeckte. Ein Smiley? Oder ein zusätzliches @? Weder zusammen mit ALT, CTRL oder sonst einer Kombination ließ sich etwas auf den Bildschirm zaubern. Lange dauerte der klappernde Versuch jedoch nicht, dann wurde mir klar: Man sollte einfach während des Zähneputzens keine E-Mails checken.

Tobias Jelen

 Abgelehntes Stadtmotto

»Im Westen nichts: Neuss«

Torsten Gaitzsch

 Beim Beobachten der Jugend

Ich bin nicht überrascht, als ein junger Mann im Rewe eine Getränkedose aus der Palette nimmt und in zwei Zügen austrinkt. Schließlich sieht man ja immer öfter angebrochene Tafeln Schokolade, Kekspackungen oder Weinflaschen in Supermärkten. Gestaunt habe ich aber, als er dann ganz selbstverständlich die leere Dose in den Rücknahmeautomaten gesteckt und anschließend den erhaltenen Bon an der Kasse eingelöst hat.

Wolfgang Beck

 Erfassung

Jetzt mal bitte alle die Hände hoch, die nicht gerne an Umfragen teilnehmen.

Ernst Jordan