[16.11.2014]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Verschwörung

Das sind so Zufälle: Erst bittet mich ein Kollege, das Wort „Journaille“ nicht mehr so bedenkenlos zu verwenden, weil es neuerdings zur Kennzeichnung des „Verschwörungsschweinejournalismus“ diene, „den inzwischen die Hälfte der Bevölkerung wittert“; dann beende ich eine Kolumne mit der polemischen Frage, ob Journalisten eigentlich eher dumm sind oder sich nur dumm stellen, woraufhin Leser sofort auf Interviews verlinken, die der Verschwörungsjournalist U. Ulfkotte im Internet zum Thema „gekaufter Journalismus“ gegeben hat; dann schreibt Hans Leyendecker in der Süddeutschen über den (Internet-)Trend, Journalisten für die neuen Illuminaten zu halten, und dann weist mich ein weiterer Leser auf die verschwörungstheoretischen Umtriebe des von mir mit Wohlwollen zitierten Herrn Rügemer hin, die ich nicht kannte, weil ich den Herrn Rügemer nicht kannte.

Und wieder ist man wo hineingeraten.

Vielleicht ein Wort zur Klärung: Wenn an dieser Stelle, ex- oder implizit, von korruptem Journalismus die Rede ist, dann ist das nicht so gemeint, daß Thyssen oder BMW einmal im Monat einen Geldumschlag schicken oder das Innenministerium einen Freßkorb vorbeibringen läßt, wenn ein Kollege das Vaterland in einem besonders hellen Licht abbildet. Es ist, fürchte ich, nicht einmal mehr so, daß Journalisten schreiben, wie sie schreiben, weil sie gezwungen sind, ihre Meinung zu verkaufen, und zwar an Besitzende oder die Sachwalter von Besitzenden, und kein Verleger die Meinung drucken wird, daß Verleger zu enteignen seien. Wenn Journalismus, z.B., die Splitter im Auge des Auslands bekräht, die Balken im nationalen Auge aber übersieht, wenn er Erzählungen von Sommermärchen, beliebten Kanzlerinnen oder coolen Hauptstädten ventiliert und die entscheidende Frage, die immer die ist, wer was besitzt und warum, nie oder nur ausnahmsweise stellt, dann deshalb, weil Journalismus nicht darin besteht, sich eigene Gedanken zu machen, sondern die zu nehmen, die schon da sind und als gültig erkannt.

„Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“ Marx, 1843/44

Wer die herrschende Ideologie unbedingt eine Verschwörung nennen will, kann das natürlich tun. Dann muß er aber übersehen, daß Verschwörung eine Absprache voraussetzt, Ideologie aber keine benötigt. Man könnte sagen, Ideologie ist eine Absprache, die nicht mehr gewußt wird. Wenn Journalistinnen, weil z.B. die DDR seit einem Vierteljahrhundert tot ist, „Freiheit“ krähen, dann mag es eine von zehn geben, die trotzdem weiß, daß diese Freiheit nicht die Freiheit der Massen, sondern jene des Axel-Springer-Verlags ist. Die übrigen neun glauben daran. Sie kennen es nicht anders, sie haben nichts anderes gelernt, und wenn, haben sie gelernt, es zu vergessen. Wie gut sie ihr Klasseninteresse kennen, wissen sie gar nicht.

Hier wird die Zone allerdings grau, und ein Proselyt wie Reinhard Mohr, der früher über Springers Lügen schrieb und heute mit breiter Brust der Reaktion das Lied singt, ist im guten planen Sinn korrupt. Ebenso reaktionär sind aber die verschwörungstheoretischen Vorhalte gegen den Journalismus, weil sie, statt Ideologie zu diagnostizieren, Machenschaften vermuten, welche, sonst wären sie keine, die irgendwelcher Minderheiten (Juden) sind. „Weder links noch rechts“ seien jene, welche den Journalismus für eine Verschwörung halten, schreibt Leyendecker, und das stimmt eben nicht und nimmt, wie aus Versehen, die Reaktion in Schutz, die von Verschwörungsdenken immer profitiert. Doch ist der tapfere Aufklärer Leyendecker deshalb korrupt?

Nein. Er ist bloß gläubig. Er glaubt an die freiheitlich demokratische Grundordnung und den Journalismus, der ihr dient. Das soll ihm nur vorwerfen, wer der Ordnung etwas vorwerfen kann, das nichts mit Zion zu tun hat.




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Das schreiben die anderen
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13.08.2016 Eschwege, Open Flair (Kleinkunstzelt)
  Oliver Maria Schmitt, Bernd Gieseking, Frank Goose
14.08.2016 Frankfurt, Elfer
  Mark-Stefan Tietze
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  »Das Herz in der Hose«
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Briefe an die Leser

 Sie, letztlich torlos gebliebener Thomas Müller,

erklärten uns: »Tore sind nicht mein Benzin, eher der Lack auf dem Auto, der Speziallack, der nach außen gut aussieht… Mein Benzin ist mein Antrieb nach Erfolg.«

Einverstanden, Müller. Aber wäre es denn nicht möglich, daß Sie in Wahrheit gar nicht mit Benzin, sondern mit Diesel betrieben werden müssen? Sehen Sie doch mal am Tankdeckel nach!

Raten Ihnen herzlich Ihre Tankwarte von der Titanic

 Es leuchtet, Ingeborg Pils,

schon ein, daß gerade Sie ein Buch mit dem Titel »Deutsche Biere« geschrieben haben. Aber ohne Vorwort von Bild-Büchse Donata Hopfen oder wenigstens Tagesspiegel-Flasche Sebastian Leber bleibt die Pointe einfach zu trocken.

Hat heute leider keine Tulpe für Sie: Titanic

 Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

»Obwohl die Signatur als ›Kowalski‹ zu entziffern ist, wurde diese Rastszene mit Pferden nicht von ihm gemalt«, steht es im Online-Archiv der für ihren Sachverstand geschätzten Sendung »Kunst & Krempel« über das »qualitätsvolle Kabinettstück« aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. So weit, so gewohnt gediegen. Aber was hat Dich denn bitteschön geritten, den mit 1500 Euro taxierten Dachbodenfund wie folgt zu übertiteln:

Fragt als Liebhaber prächtiger Schinken: Titanic

 Werter Andreas Scheuer!

»Dort, wo Millionen von Deutschen Urlaub machen, da geh ich davon aus, daß es sich um sichere Herkunftsstaaten handelt!« Im Bierzelt des Schierlinger Volksfestes erhielten Sie für diesen Satz Beifall. Doch wir wären uns da nicht so sicher. Als CSU-Generalsekretär ist es zwar nachgerade Ihre Pflicht, holzschnittartig zu vereinfachen. Nur … nein, wir wollen jetzt nicht auf das bei den Deutschen so beliebte Urlaubsland Türkei hinaus, dessen Rechtsstaatsdefizite niemand schärfer anprangert als die CSU. Wir meinen vielmehr die 43 Millionen Übernachtungen, die Bayern im Sommerhalbjahr 2015 aus anderen deutschen Bundesländern verzeichnet hat. Demnach wäre Bayern: ein sicheres Herkunftsland! Und das können Sie ja wohl nicht im Ernst gemeint haben! Titanic

 Kuckuck, Eckart von Hirschhausen!

Groß war unsere Erleichterung, als wir neulich auf Stern.de den Satz »Eckart von Hirschhausen zieht ins Altenheim« lasen, noch größer die Enttäuschung, als sich dann herausstellte, daß Ihr Heimaufenthalt schon wieder vorbei war und doch nur der Recherche diente. Im besten Reportagestil (»Irgendwo klingelt ein Wecker«) berichten Sie über Demenz und das Abenteuer Altenheim, stellen erfrischend ehrliche Reflexionen an (»Hirnabbau kommt nicht über Nacht«) und schwärmen nach einem Tänzchen mit einer Heimbewohnerin von »Musik als Medikament«, das man einfach – Schmerz laß nach! – »ohr-al« zu verabreichen brauche. Schließlich stellen Sie voll Lob auf das so facettenreiche Leben fest: »Unfreiwillig komisch sind Menschen, die mit 60 immer noch die gleichen Ziele verfolgen wie mit 20 – in den gleichen Klamotten.«

Und auch wenn Sie das sicher schon oft gehört haben: Hätten Sie mal lieber Ihren Arztkittel anbehalten und wären gut versteckt in irgendeinem Krankenhaus geblieben, dann hätte vielleicht sogar noch etwas halbwegs Unterhaltsames aus Ihnen werden können, denn »unfreiwillig komisch« ist halt doch immerhin irgendwie komisch.

Ihr Pflegepersonal von Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Werbeslogan zu Ende gedacht

Backen ist Liebe, Braten ist Leidenschaft, Dampfgaren ist Gleichgültigkeit, Dünsten ist Haß.

Julia Mateus

 Richtigstellung

Schon lange möchte ich die allgemeine Lebensweisheit korrigieren, nach der es die kleinen Dinge sind, die das Leben erst schön machen. Es sind nämlich ebenso die kleinen Dinge, die das Leben auch richtig zur Hölle machen können: kneifende Unterhosen, Pop-up-Fenster, im Automat feststeckende Getränkedosen, Mückensummen beim Einschlafen etc. Denken Sie bitte weiter darüber nach.

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Astrologie ist eine höchst subjektive Angelegenheit. Die Ansicht zum Beispiel, daß Stier und Skorpion sich aufs vorzüglichste ergänzen, teilen meine Frau (Stier) und meine Geliebte (Skorpion) auf keinen Fall. Ich hingegen schon.

Karsten Wollny

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Wenn einer ein Trottel ist, gebe ich ihm die Chance, es zu zeigen. Das gilt auch und in erster Linie für mich selbst.

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Heute zum ersten Mal die »Steinofen-Pizza Hawaii« von Tegut gekauft. Konnte es überhaupt nicht fassen, wie fade die Pizza schmeckte! Erst beim vorletzten Stück fiel mir ein, daß ich ja immer noch Schnupfen habe. Testnote: weiß nicht.

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