[19.01.2014]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Leviathan

Der neue Bioladen in unserem Viertel, ein Kettenprodukt, hat ein Zeitschriftenregal, und wer das Land, in dem zu leben wir die Aufgabe haben, auf den Begriff gebracht haben möchte, der kämpfe den Ekel nieder und sehe sich das an, diese durchaus repräsentative Mischung aus Landleben, Esoterik, Service und Scheißkram, in der sich das Lebensideal der bürgerlichen Bio-Mitte abgebildet findet, deren Horizont da aufhören darf, wo der (ebenfalls ausliegende) Spiegel Klugheit diagnostiziert als eine, die nicht durch Arno Schmidt noch Dietmar Dath befördert wird, sondern durch Computerspiele. Weil die halt gut für die Reflexe sind.

Direkt aus diesem (im kritisch-theoretischen Sinne) totalen Elend kommend, liest man die nicht eben neue, aber seitenlange SZ-Klage übers öffentlich-rechtliche Sedier- und Knallkopf-Fernsehen mit seinem gebührenfinanzierten Krimigedöns noch einmal anders; denn bildet dieses etwas anderes ab als den Inhalt jenes Zeitschriftenregals? Und nämlich die lokal besonders ausgeprägte Neigung zu fanatischer Regression und willigem Jasagen? Und was bedeutet es, daß das golden age of television fast ausschließlich ein angelsächsisches ist, während man in Deutschland, ist man noch bei Trost, ganz einfach nicht mehr fernsehen kann? Wie denkbar wäre „Breaking Bad“, diese epische kapitalistische Allegorie, in einem Land, in dem Systemfragen nicht einmal mehr in Nebensätzen gestellt werden und die komplette Journalistik sich auf staatsfrommes Blödeln verständigt hat? Wie vorstellbar „House of Cards“ in einem Umfeld, das wirkt wie ein Goebbelscher Ufa-Schwarzweißfilm?

„Aber ,Konformismus' ? : das ist die selbstgewollte Uniformität in der Restauration !“ Arno Schmidt, 1957

Nun ist auch gutes Fernsehen Kulturindustrie, und der Kapitalismus in den USA und Großbritannien ist ja nicht freundlicher als hierzulande, im Gegenteil. Aber er ist ein vergleichsweise ehrlicher; und während der Ami, bei allem patriotischen Gelärme, Staatlichkeit als feindlich auffaßt und der Tommy Personalausweise weder kennt noch wünscht, ist die nationale Sache hierzulande Sache einer Volksgemeinschaft, die von Kapitalismus, Klassengesellschaft und den zugehörigen Widersprüchen nichts wissen will. Wenn sich der Gauck öffentlich mehr Neoliberalismus wünscht, dann springt ihm die freie Presse bei und erinnert an den „Neu-Liberalen“ Walter Eucken, den Erfinder der sog. sozialen Marktwirtschaft, der, als sei das ein und dasselbe, „die Zentralwirtschaft des NS-Staates und des Sozialismus“ abgelehnt habe, und sucht dieselbe Presse bona fide Beispiele für gelungenes deutsches Serienfernsehen, dann fallen ihr „Weißensee“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“ ein, also Stasi-Kitsch und offen revisionistischer Dreck.

Kunst, und finde sie auch als Fernsehen statt, braucht Distanz und Haltung. Nichts davon hat auch nur irgendeiner (m/w), der beim deutschen Fernsehen beschäftigt ist, wie überhaupt Distanz und Haltung nicht eben Zutaten des deutschen Volkscharakters sind. Je mehr „Nazi=on“ (Schmidt), desto tiefer die Provinz in den Köpfen, und wo die Freiheit des Denkens nottäte, gibt’s nur die Freiheit des Gauck. Das hiesige Fernsehen, über das sich die sich klüger Dünkenden beschweren, ist nichts weiter als ein paßgenau deutsches, und wer sich für dieses Land ein anderes Fernsehen wünscht, der muß sich ein anderes Land wünschen.




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Das schreiben die anderen
  • 18.09.:

    Mark-Stefan Tietze in der Taz über den Niedergang der deutschen Plastiktüten-Manufakturen.

  • 15.09.:

    PARTEI-Führer Martin Sonneborn hält im Europaparlament eine gefeierte Rede zum "State of da Union".

  • 14.09.:

    Die Frankfurter Neue Presse gratuliert Eckhard Henscheid zum 75. TITANIC schließt sich an.

  • 14.09.:

    Oliver Maria Schmitt in der FAS über Liebesschrott an Brücken.

  • 07.09.:

    Der RBB huldigt den Spitzenkandidaten der PARTEI Berlin: Nico und Maxim von K.I.Z.

Titanic unterwegs
25.09.2016 Rennerod, Stadthalle
  Thomas Gsella
25.09.2016 Köln, Klüngelpütz
  Hauck & Bauer
28.09.2016 Hanau, Café des Vereins Lebensgestaltung
  Thomas Gsella
28.09.2016 Wiesbaden, Gemeindezentrum
  Gerhard Henschel

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Briefe an die Leser

 Unser Zuhause, Linda-Luise Bickenbach und Bente Schipp,

ist der wichtigste Ort in unserem Leben. Deshalb stimmen wir dem Atlantik-Verlag zu, der in seiner Vorschau die Bewerbung Eures Buches »Sachen richtig machen« mit den richtig gemachten Worten »Unser Zuhause ist der wichtigste Ort in unserem Leben« einleitet. Man denke aber nicht, daß man an ebenjenem Ort sorglos vor sich hinleben und sich wie zu Hause fühlen kann! Vielmehr hat man Sorgen, denn »ständig tauchen neue Fragen auf«, z.B.: »Wie pflege ich meine Handtaschen und Designermöbel? Was ist ein gut sortierter Kleiderschrank?« und die allerwichtigste: »Welche Drinks sollte man unbedingt mixen können?«

Zu fragen, ob sich mit Eurem »lässigen Buch für ein lässigeres Leben« ein breites Publikum erreichen läßt, unterläßt: Titanic

 Und Du, Bäckerei Bosselmann,

forderst uns mittels Deiner Brötchentüten dazu auf, nicht etwa Deine Backwaren, sondern Deine Mitarbeiterinnen zu bewerten. So kann man auf den Tüten wahlweise ankreuzen:

☐ freundlich
☐ normal/nichts besonderes
☐ unfreundlich

Außerdem ist dort noch Platz für »Mein Lob / Meine Reklamation«.

Wirklich schauerlich, sich vorzustellen, wie Leute ihre Brötchentüten zücken, sie mit Kreuzchen und Denunziationen versehen und dann Deiner Marketingabteilung zuschicken, dabei gleich noch schamlos ihre Adreßdaten preisgeben (denn Du willst Dich ja für das kooperative Verhalten »bedanken können«) und denken, sie hätten nun alles richtig gemacht.

Weißt Du, wie wir das finden, Bäckerei Bosselmann? Such’s Dir aus:

☐ unappetitlich
☐ unfein
☐ zum Kotzen Titanic

 Amazon-Boss Jeff Bezos!

Amazon-Boss Jeff Bezos!

Unter der vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage doch seltsam euphorisch klingenden Überschrift »Auf unsere Zukunft« kündigte uns die Welt auf der Titelseite ein ausführliches Interview mit Ihnen an: »Amazon-Gründer Jeff Bezos ist beeindruckend optimistisch. Erfindungen und Innovationen sind seine Leidenschaft. Der Unternehmer hat trotz der schwierigen Zeiten enormes Vertrauen in die Zukunft.« Und weiter: »Die derzeitigen Probleme sind erheblich, sagt er, aber unsere Fähigkeiten sie zu lösen, sind noch viel größer.« Die Menschheit stehe am Anfang einer goldenen Epoche! Damit meinen Sie, Bezos, wohl vor allem die in der Summe gigantischen Fähigkeiten der für Sie rund um die Uhr schuftenden Billigarbeiter, dank deren unermüdlichem Einsatz Sie ja schon einmal die schwer verdiente goldene Nase in ebenjenes glorreiche Zeitalter hineinstecken konnten, gell? Darum vergeben wir drei goldene Sterne für Sie und Ihre Träume von neuen Absatzmärkten – im Weltraum. Titanic

 Immer verehrtere »SZ«!

»Ausgerechnet im unbezahlbaren München entstehen immer mehr Wohngenossenschaften« – statt nämlich, wie man erwarten könnte, im ohne weiteres bezahlbaren Guben.

Achach. So schwer mit dem Denkdenk? Oder fehlt’s halt sonst an Sensation?

Ausgerechnet Deine Titanic

 Tübinger Querdenker Boris Palmer!

Mit Aussagen wie »Wenn sich jemand nicht an elementare Regeln hält, sind wir berechtigt zu sagen, für euch greift das Asylrecht nicht mehr« und Forderungen, auch nach Syrien abzuschieben, haben Sie sich in die Herzen grüner bis brauner Protofaschisten getönt. Doch ist Ihnen das provinzschwäbische Heldentum im Kampf gegen Hilfesuchende nicht genug, wie Sie dem Schwäbischen Tagblatt verrieten: »Reizvoller als andere politische Ämter fände ich die Herausforderung, in der Wirtschaft etwas zu bewegen.«

Aber das ist doch keine Herausforderung für Sie! Wir haben es praktisch schon vor Augen: Als grünes Haupt der Bewegung werden Sie Firmen wie Krauss-Maffei Wegmann, Heckler & Koch und den großen Nummern des Frachttransportwesens und der Bestattungsindustrie ganz lässig den dringend benötigten Öko-Anstrich geben, keine Sorge.

Weiterhin viel Spaß auf dem Weg von rechts unten nach rechts oben wünscht Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Zeichen und Wunder

Kürzlich stutzte ich, als ich auf meiner neuen PC-Tastatur direkt unter dem »F« noch ein kleines rundes Zeichen entdeckte. Ein Smiley? Oder ein zusätzliches @? Weder zusammen mit ALT, CTRL oder sonst einer Kombination ließ sich etwas auf den Bildschirm zaubern. Lange dauerte der klappernde Versuch jedoch nicht, dann wurde mir klar: Man sollte einfach während des Zähneputzens keine E-Mails checken.

Tobias Jelen

 Abgelehntes Stadtmotto

»Im Westen nichts: Neuss«

Torsten Gaitzsch

 Beim Beobachten der Jugend

Ich bin nicht überrascht, als ein junger Mann im Rewe eine Getränkedose aus der Palette nimmt und in zwei Zügen austrinkt. Schließlich sieht man ja immer öfter angebrochene Tafeln Schokolade, Kekspackungen oder Weinflaschen in Supermärkten. Gestaunt habe ich aber, als er dann ganz selbstverständlich die leere Dose in den Rücknahmeautomaten gesteckt und anschließend den erhaltenen Bon an der Kasse eingelöst hat.

Wolfgang Beck

 Erfassung

Jetzt mal bitte alle die Hände hoch, die nicht gerne an Umfragen teilnehmen.

Ernst Jordan

 Fahrradverleih

Ein Ehepaar kommt zurück mit den eben schon einmal reklamierten Rädern. Der Mann: »Also technisch ist jetzt alles in Ordnung, aber meine Frau ist immer noch unzufrieden!«

Miriam Wurster