[29.12.2013]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Geschichte übern Gartenzaun

Joachim Gauck ist ein guter Mann. Pünktlich zum jährlichen Besinnlichkeitshöhepunkt mahnte er, doch bitte die armen Flüchtlinge nicht zu vergessen, das seien, so Gauck in etwa wörtlich, doch schließlich auch Menschen.

Die CSU dagegen ist eine böse Partei. Pünktlich zum Ausklang des jährlichen Besinnlichkeitshöhepunkts will sie einen lt. Zeitung „deutlich härteren Kurs gegen Armutsmigranten aus anderen EU-Staaten“ fahren, also gegen das ganze Zigeunergschwerl, das mit der beginnenden Freizügigkeit für bulgarische und rumänische Erwerbssuchende zum Jahresbeginn in Deutschland erwartet wird.

Die Pointe dieses kleinen Ausflugs ins Manichäische ist freilich, daß der Gauck der eigentlich Böse ist, weil er das schmutzige Tagesgeschäft als eines verkauft, das nicht so schmutzig sein müßte, wenn wir denn alle Englein wären. Das Tagesgeschäft aber ist so schmutzig, weil in Bayern schon wieder Wahlkampf ist, und weil in der repräsentativen Demokratie immer irgendwo Wahlkampf ist, wird es schmutzig bleiben, denn Wahlkampf heißt, die Leute da abholen, wo sie stehen, und sie stehen nun mal hinterm Gartenzaun und wollen nicht behelligt sein, schon gar nicht von irgendwelchem Gesindel, das „Armutszuwanderung“ als „Mißbrauch der europäischen Freizügigkeit“ (CSU) betreibt.

„Die EU ist lange Zeit als reine Wirtschaftsgemeinschaft mißverstanden worden. Obwohl die Wirtschaft in der EU eine wichtige Rolle spielt, darf nicht vergessen werden, daß die EU in erster Linie eine Wertegemeinschaft ist.“ Bundeszentrale für politische Bildung, 2009

Übersetzen wir uns das: Europäische Freizügigkeit heißt nicht, daß, wie noch im Mittelalter der Landflüchtling, der freie Stadtluft atmen wollte, ein armer EU-Bürger dahin zieht, wo er auf weniger Armut und ein besseres Leben hoffen darf. Sie heißt, daß ein armer Spanier oder eine depravierte Griechin nach Deutschland kommen kann, wenn in Deutschland gerade Facharbeiter fehlen. Denn europäische Freizügigkeit ist der schrankenlose Verkehr von Dienstleitungen und Waren, weswegen der Spanier, die Griechin als zu vernutzende Arbeitskräfte willkommen sind, irgendwelche Sinti, die das rassistische Vorurteil nicht einmal als Tagelöhner gebrauchen will, aber nicht, selbst wenn sie am Ende gar nicht kommen. 

Das „Europa der Werte“ (Hanns-Seidel-Stiftung/CSU), das lehrt diese Episode, funktioniert wie folgt: Rumänien und Bulgarien werden Mitglieder der EU, weil sie Absatzmärkte für kerneuropäische (deutsche) Waren bilden, ohne selber Konkurrenz zu sein. Für Rumänen und Bulgaren hat das unter anderem den Vorteil, daß sie ihre Armen und Unerwünschten exportieren können, zum Beispiel nach Deutschland, wo die Kommunen, klamm, aber fürs Soziale zuständig, mit den neuen Armen und Unerwünschten genauso allein gelassen werden wie mit den alten. Und wenn dann die Volksseele wieder kocht, weil vorm Jägerzaun der Müll aus dem Fenster der Behelfsunterkunft fliegt, steht schon irgendeine Abordnung der Repräsentativdemokratie bereit, um an der politischen Willensbildung mitzuwirken. Gewinner (wie immer): die Bourgeoisie. Verlierer (wie immer): die arme Sau, die das Pech hatte, als osteuropäischer Rom auf die Welt gekommen zu sein, den man hier sowenig haben will wie dort. Und der sich von Figuren wie dem Bundesoberheuchler Gauck auch noch verarschen lassen muß.

Auf ein gutes neues Jahr also? Die Deutschen, so liest man, sind optimistisch wie lange nicht. Mich hat man nicht gefragt.




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Das schreiben die anderen
  • 26.09.:

    Bei Arte im Portrait: Ex-TITANIC-Chef und PARTEI-EU-Abgeordneter Martin Sonneborn.

Titanic unterwegs
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  Thomas Gsella

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Briefe an die Leser

 Hallo, Gema!

Wir möchten uns hiermit selbst anzeigen: Heute morgen beim regulären Gang zur Toilette entfleuchten einem unserer Mitarbeiter die ersten fünf Töne des White-Stripes-Hits »Seven Nation Army«. Wir bitten daher um Berechnung der gesetzmäßigen Gebühr gemäß folgender Parameter: Raumgröße 6 m², Anzahl Zuhörer: 1, Spitzenlautstärke 76 Dezibel, Eintritt auf Spendenbasis. Es wurde nicht getanzt. Meinst Du, wir kommen da mit unter 1000 Euro davon?

Mit total schechtem Gewissen: Titanic

 Kann es sein, Weinhaus Gröhl in Hamburg-Eppendorf,

daß Du die Philosophie des kultivierten Weintrinkens nicht wirklich verinnerlicht hast? Oder bist Du einfach nur darauf aus, die ewige Begeisterung für promilleselige Massenveranstaltungen auszunutzen, um in den entsprechenden Kreisen Kunden zu akquirieren?

In diesem Fall solltest Du vielleicht doch lieber auf Bier umsatteln. Meinen zumindest die Önologen auf der Titanic

 Herrgottsakra, Söder (CSU), wie genial!

»Der beste Schutz vor Terrorismus ist, keine Terroristen ins Land zu lassen«, verkündeten Sie in der Münchener Abendzeitung. Hätte man das doch nur schon bei der RAF gewußt! Oder beim NSU! Und wäre die Pränataldiagnostik des Verfassungsschutzes damals schon soweit gewesen. Dann hätte man die kleinen Verbrecher, noch ehe sie das Land betreten haben, ohne Umschweife dahin zurückschicken können, wo sie hergekommen sind!

Nichts gegen Ihre Mutter, aber dahin wünscht Sie auch manchmal: Titanic

 Walter Hildebrandt, deutscher Vater!

Als Direktor eines Steinbeis-Instituts für Digitale Verblödung, nein: Innovation in Berlin rauschen einem naturgemäß die krudesten Dinge durchs Hirnkastl. Bei Podiumsgesprächen lassen Sie Ihre Umwelt daran teilhaben und sagen dann solche Sachen: »Ich als deutscher Vater glaube, daß wir die Digitalisierung des Kindes hinkriegen.« Bei der Digitalisierung Ihrer deutschen Brut wünschen wir Ihnen viel Erfolg, wie auch immer Sie sie bewerkstelligen mögen. Techno-Faschisten wie Ihnen würde trotzdem gerne die Stecker ziehen: Titanic

 ARD- und NDR-Moderator Alexander Bommes!

Vom Tagesspiegel gefragt, was Sie von Millionengagen für prominente Ex-Sportler als Kommentatoren im Fernsehen halten und ob Sie selbst schon Millionär seien, sagten Sie: »Wer die Besten haben will, der muß auch etwas dafür bezahlen. Und wenn man die Besten hat, könnte man ja auch stolz darauf sein, wie wäre es damit?« Was ja bedeutet, daß Sie umsonst arbeiten und niemand stolz auf Sie ist!

So viel Ehrlichkeit hätte Ihnen nicht mal für Millionen zugetraut

Ihre Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Walter Benjamin

suchte als Philosoph oft Halt bei Haschisch und Huren. Viel Handfestes kam nicht dabei heraus. Auch nicht bei seinen Beschreibungen von Paris, wo es Orte gebe, die aussähen, »als sei über das Photo einer« (abgebrochen). Über den Charme der Stadt dürfe man sagen, es liege »in dieser Atmosphäre eine weise abgewogene Mischung, daß einer« (abgebrochen). Den Charme von Benjamins Schreibweise hingegen kann jeder erfassen, der schon einmal unter Cannabis-Einfluß z.B. Schatten für »eine Brücke über den Lichtstrom der Straße« gehalten hat. Mir aber bleibt es überlassen, das Flanieren als Methode zum Entdecken des Unerwarteten

Ludger Fischer

 Zeichen und Wunder

Kürzlich stutzte ich, als ich auf meiner neuen PC-Tastatur direkt unter dem »F« noch ein kleines rundes Zeichen entdeckte. Ein Smiley? Oder ein zusätzliches @? Weder zusammen mit ALT, CTRL oder sonst einer Kombination ließ sich etwas auf den Bildschirm zaubern. Lange dauerte der klappernde Versuch jedoch nicht, dann wurde mir klar: Man sollte einfach während des Zähneputzens keine E-Mails checken.

Tobias Jelen

 Abgelehntes Stadtmotto

»Im Westen nichts: Neuss«

Torsten Gaitzsch

 Beim Beobachten der Jugend

Ich bin nicht überrascht, als ein junger Mann im Rewe eine Getränkedose aus der Palette nimmt und in zwei Zügen austrinkt. Schließlich sieht man ja immer öfter angebrochene Tafeln Schokolade, Kekspackungen oder Weinflaschen in Supermärkten. Gestaunt habe ich aber, als er dann ganz selbstverständlich die leere Dose in den Rücknahmeautomaten gesteckt und anschließend den erhaltenen Bon an der Kasse eingelöst hat.

Wolfgang Beck

 Erfassung

Jetzt mal bitte alle die Hände hoch, die nicht gerne an Umfragen teilnehmen.

Ernst Jordan