[18.10.2015]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Buchmessensonntagsfrühstück: Außer Lesen nichts gewesen

„Immer mehr Menschen ...“ – fängt ein Zeitungssatz so an, folgt selten Gutes. Dann folgt nämlich ein Trend. „Immer mehr Menschen klagen, sie könnten sich nicht mehr auf ein gutes Buch konzentrieren. In der ,Slow Reading’-Bewegung trifft man sich daher zu einem stillen Stündchen ohne digitale Ablenkung“. Und zwar, versteht sich, in einem Café, damit noch jemand Geld daran verdient, daß moderne Menschen nicht in der Lage sind, irgend etwas zu betreiben, ohne daß es ein Service ist oder Eventcharakter hat. Der möglichst auch noch Geld kostet, denn was nichts kostet, ist nichts wert.

Nun hat es also auch das Lesen erwischt, zu dem man die „zwischen vielen abendlichen Internetstunden und vierhundert amerikanischen Qualitätsfernsehserien“ eingeklemmten Großstadtbewohner ans Gängelband nehmen muß, weil sie nämlich „selbst keine Lücke mehr finden für etwas, das sie eigentlich wahnsinnig gerne tun oder getan haben, nämlich gute Bücher zu lesen … In den zehn Tips, die der Slow Reading Club im neuseeländischen Wellington Neueinsteigern an die Hand gibt, heißt es denn auch, man solle vor Beginn der Lektürestunde die Augen schließen und fünfmal tief durchatmen.“ Da atme ich jetzt einmal tief durch, bevor ich 1. der SZ den „Neueinsteiger“ als Doppelmoppel hinreibe und 2. der Überzeugung Ausdruck verleihe, daß, wer zum Lesen besondere Umstände braucht, die über Ruhe und eine Kanne Tee hinausgehen, es auch bleiben lassen kann. Wie vielleicht überhaupt einmal eine Lanze wider das Lesen gebrochen werden muß. Schon gar wider das Lesen „guter Bücher“.

„Beim Ferienleseclub fängt schon bei Einigen der Endspurt an, da wird jeden Tag gelesen, damit noch Silber oder Gold erreicht wird. 80 Kinder und Jugendliche haben sich angemeldet und weit über 300 Bücher wurden schon verschlungen und abgefragt; die Kissen im Strandkorb sind von den vielen Gesprächen schon platt gesessen.“ Gemeindebücherei Gettorf/Schleswig-Holstein, 2014

Denn Lesen, die einsame Lektüre, der Rückzug ins Kämmerchen, aufs Sofa, auf die Wiese oder egal wo in den Schmöker ist doch per se (und sei’s ungewußter) Widerstand gegens drängend-fordernd Allgemeine, Gesellschaftliche, darin Autoritäre, und die Urerfahrung der Lesenden ist, daß sie nicht zum Abendbrot kommen kann, ehe sie weiß, ob Kalle Blomquist noch der rettende Einfall kommt; wie der früheste intellektuelle Widerstand jener ist, der sich als heimliches Lesen unter der Bettdecke äußert. Es wird schon da verkehrt, wo die Mittelschicht, auch hierin hysterisch, die „Leselust“ ihrer Kinder fördert und Kulturreferate (wirklich wahr) Urkunden vergeben, die ausdrücklich die Masse der in den Sommerferien gefressenen Bücher würdigen; und gleichzeitig ist jeder fünfte Fünfzehnjährige funktionaler Analphabet und wird alles dafür getan, den freien Geist möglichst zu behindern, ihn mit Kompetenzen abzufüllen und zur unkritischen Hinnahme von Vorgekautem abzurichten; und bereitet Bertelsmann (wer sonst) längst die Duchdigitalisierung der Klassenzimmer vor. Gegen die dann eine sog. Slow Reading-Bewegung zum „guten Buch“ zurückführen kann, damit das juste milieu dieses zentralen Distinktionsmittels nicht verlustig gehe: Denn so wie Ahmet nicht liest, liest Charlotte selbstverständlich, und was das gute Buch sei, erklärt ihr Volker Weidermann.

Man lese alleine; man schere sich nicht um Kanons, Urkunden, Atemübungen. Und man vergesse nicht, daß das spezifische Unglück des Vaterlandes nicht zuletzt daher rührt, daß sein Bildungsbürgertum lieber den Kopf in den Bücherwolken hatte, als mal seinen Monarchen heimzuleuchten. Ein Bücherwurm sein, als Existenzideal: prima. Als gesellschaftliches Leitbild: verdächtig. Und jedenfalls verlogen.




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Das schreiben die anderen
  • 28.07.:

    Leo Fischer schreibt beim Bildblog über den Bild-Sparkassenazubi Julian Reichelt.

Titanic unterwegs
13.08.2016 Eschwege, Open Flair (Kleinkunstzelt)
  Oliver Maria Schmitt, Bernd Gieseking, Frank Goose
14.08.2016 Frankfurt, Elfer
  Mark-Stefan Tietze
18.08.2016 Berlin, Das ERNST
  »Das Herz in der Hose«
26.08.2016 Klütz, Literaturhaus Uwe Johnson
  Gerhard Henschel

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Briefe an die Leser

 Es leuchtet, Ingeborg Pils,

schon ein, daß gerade Sie ein Buch mit dem Titel »Deutsche Biere« geschrieben haben. Aber ohne Vorwort von Bild-Büchse Donata Hopfen oder wenigstens Tagesspiegel-Flasche Sebastian Leber bleibt die Pointe einfach zu trocken.

Hat heute leider keine Tulpe für Sie: Titanic

 Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

»Obwohl die Signatur als ›Kowalski‹ zu entziffern ist, wurde diese Rastszene mit Pferden nicht von ihm gemalt«, steht es im Online-Archiv der für ihren Sachverstand geschätzten Sendung »Kunst & Krempel« über das »qualitätsvolle Kabinettstück« aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. So weit, so gewohnt gediegen. Aber was hat Dich denn bitteschön geritten, den mit 1500 Euro taxierten Dachbodenfund wie folgt zu übertiteln:

Fragt als Liebhaber prächtiger Schinken: Titanic

 Werter Andreas Scheuer!

»Dort, wo Millionen von Deutschen Urlaub machen, da geh ich davon aus, daß es sich um sichere Herkunftsstaaten handelt!« Im Bierzelt des Schierlinger Volksfestes erhielten Sie für diesen Satz Beifall. Doch wir wären uns da nicht so sicher. Als CSU-Generalsekretär ist es zwar nachgerade Ihre Pflicht, holzschnittartig zu vereinfachen. Nur … nein, wir wollen jetzt nicht auf das bei den Deutschen so beliebte Urlaubsland Türkei hinaus, dessen Rechtsstaatsdefizite niemand schärfer anprangert als die CSU. Wir meinen vielmehr die 43 Millionen Übernachtungen, die Bayern im Sommerhalbjahr 2015 aus anderen deutschen Bundesländern verzeichnet hat. Demnach wäre Bayern: ein sicheres Herkunftsland! Und das können Sie ja wohl nicht im Ernst gemeint haben! Titanic

 Kuckuck, Eckart von Hirschhausen!

Groß war unsere Erleichterung, als wir neulich auf Stern.de den Satz »Eckart von Hirschhausen zieht ins Altenheim« lasen, noch größer die Enttäuschung, als sich dann herausstellte, daß Ihr Heimaufenthalt schon wieder vorbei war und doch nur der Recherche diente. Im besten Reportagestil (»Irgendwo klingelt ein Wecker«) berichten Sie über Demenz und das Abenteuer Altenheim, stellen erfrischend ehrliche Reflexionen an (»Hirnabbau kommt nicht über Nacht«) und schwärmen nach einem Tänzchen mit einer Heimbewohnerin von »Musik als Medikament«, das man einfach – Schmerz laß nach! – »ohr-al« zu verabreichen brauche. Schließlich stellen Sie voll Lob auf das so facettenreiche Leben fest: »Unfreiwillig komisch sind Menschen, die mit 60 immer noch die gleichen Ziele verfolgen wie mit 20 – in den gleichen Klamotten.«

Und auch wenn Sie das sicher schon oft gehört haben: Hätten Sie mal lieber Ihren Arztkittel anbehalten und wären gut versteckt in irgendeinem Krankenhaus geblieben, dann hätte vielleicht sogar noch etwas halbwegs Unterhaltsames aus Ihnen werden können, denn »unfreiwillig komisch« ist halt doch immerhin irgendwie komisch.

Ihr Pflegepersonal von Titanic

 Andrea Berg, Teuerste!

Andrea Berg, Teuerste!

Anläßlich Ihrer neuen Platte »Spesen fehlen«, nein: »Besenheben«, nein: »Seelenbeben« luden Sie, na klar, zur Homestory die Bunte ein, die dann auch gleich zur Stelle war. Und so berichteten Sie also von Songs, die »Sternenträumer« heißen, von Ihrem neuen Plattenlabel Bergrecords, von Ihren Fans, die auf Ihren Konzerten »lachen, weinen, Party machen« sollen, und auch von Ihrer 17jährigen Tochter. 17 Jahr’, blondes Haar … und ein schwieriges Alter, nicht wahr? Gerade deswegen möchten Sie Ihre Tochter »auch beschützen und ihr möglichen Kummer ersparen«, sie habe nämlich ab und an durchaus unter Ihrem Beruf als Schlagersängerin zu leiden.

Klar, Frau Berg, auf dem Schulhof ist derzeit nämlich viel eher Helene Fischer angesagt und nicht eine alte Schlagernudel wie Sie. Dennoch dürfe man seine »Kinder nicht in Watte packen«, weswegen Sie der Bunten auch gleich eifrig steckten, daß Ihre Tochter derzeit »frisch verliebt« sei. So ist’s richtig: »Eigene Erfahrungen« müssen die Teens machen, wie Sie sagen. Wer nicht lernt, wie es sich anfühlt, wenn in Klatschmagazinen von den eigenen Liebschaften berichtet wird, der kann später kein tiefsinniges »Seelenbeben« schaffen und für die Fans damit Momente, »in denen sich ihre Seele ausruhen kann«. Rabenmutter! Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Richtigstellung

Schon lange möchte ich die allgemeine Lebensweisheit korrigieren, nach der es die kleinen Dinge sind, die das Leben erst schön machen. Es sind nämlich ebenso die kleinen Dinge, die das Leben auch richtig zur Hölle machen können: kneifende Unterhosen, Pop-up-Fenster, im Automat feststeckende Getränkedosen, Mückensummen beim Einschlafen etc. Denken Sie bitte weiter darüber nach.

Leonard Riegel

 Dreieckshoroskopisches

Astrologie ist eine höchst subjektive Angelegenheit. Die Ansicht zum Beispiel, daß Stier und Skorpion sich aufs vorzüglichste ergänzen, teilen meine Frau (Stier) und meine Geliebte (Skorpion) auf keinen Fall. Ich hingegen schon.

Karsten Wollny

 Selbstverwirklichung

Wenn einer ein Trottel ist, gebe ich ihm die Chance, es zu zeigen. Das gilt auch und in erster Linie für mich selbst.

Tibor Rácskai

 Kundenrezension

Heute zum ersten Mal die »Steinofen-Pizza Hawaii« von Tegut gekauft. Konnte es überhaupt nicht fassen, wie fade die Pizza schmeckte! Erst beim vorletzten Stück fiel mir ein, daß ich ja immer noch Schnupfen habe. Testnote: weiß nicht.

Dominik Bauer

 Vergeblich

Unter den vielen Talenten, die mir nur geringfügig gegeben sind, ist die Schlagfertigkeit am geringsten ausgeprägt. Beispiel: Seit guten 16 Jahren nehme ich mir vor, wenigstens ein einziges Mal mit »Danke, ich trinke nicht!« zu antworten, wenn mir irgend jemand ein Glas Wasser anbietet. Es ist mir bis heute nicht gelungen.

Teja Fischer