Versöhnung

»Wenn’s sein muss«

Gideon ist 17 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 6 und 13 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre »Mütersöhnchen«.

Gideon gab mir nur widerwillig seine neue Adresse. Keine Sorge, versicherte ich ihm, ich wolle ihm doch nur einen Brief senden. Und nein, keine Großbestellung beim Erotikshop Orion in seinem Namen absetzen, wie ich es mal getan hatte, als er mit 13 Jahren für einen Schüleraustausch eine Woche in Belgien war. Damals wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, wie weit seine Humorlosigkeit bereits fortgeschritten war. Und die seiner belgischen Gastfamilie.

Dabei ging es um einen sehr wichtigen Brief. Um diese Kolumne nämlich, die ich schreibe, während ich mich in Untersuchungshaft befinde. Ja, richtig gelesen, ich sitze in U-Haft. Und zwar in Deutschland und nicht in Paraguay, wo ich mir eigentlich mit meinem jüngsten Sohn Thorben und meinem Lebensgefährten, dem Mentalisten Stefan, ein neues Leben aufbauen wollte. Doch eines Nachts, ich hatte gerade ein VPN aktiviert, um das RTL-Mittagsmagazin »Punkt 12« schauen zu können, hat man mich abgeholt und nach Frankfurt ausgeliefert. Eine Antwort auf die Frage, ob Danni Büchner sich vorstellen könne, noch mal zu heiraten, werde ich jetzt wohl nie erfahren.

Wenn Sie diese Kolumne lesen, hat Gideon sein Versprechen gehalten und sie in meinem Auftrag veröffentlicht. »Wenn’s sein muss«, gab Gideon nämlich irgendwann am Telefon klein bei. Wehleidig seufzend natürlich. Für Außenstehende mag das vielleicht herzlos klingen. Das tat es für mich zuerst auch. Bis ich darin Gideons Versuch erkannte, sich endlich mit seiner lieben Mutter zu versöhnen. Denn so umgangssprachlich hat er sich seit der Kita nicht mehr ausgedrückt. Und er weiß, wie unerträglich ich seine hochgestochene Sprache sonst finde.

Es sollte selbstverständlich sein und dennoch freue ich mich, dass Gideon in diesem Moment der Not zu seiner Familie hält. Ich sitze in U-Haft, weil mir einiges vorgeworfen wird. Jede einzelne Anschuldigung ist absurd: Gefährdung des Kindeswohls, Diebstahl, Steuerflucht, Beihilfe zur Kindesentführung, dann irgendwas mit gefährlicher Körperverletzung, obwohl Henrys Gesichtstattoo wirklich gut verheilt ist. Ich finde es unnötig, dass sie diese ganzen unverständlichen und komplizierten Rechtsbegriffe auflisten, wenn ich doch in Wahrheit als politische Gefangene hier bin. Stellvertretend für alle unkonventionellen Eltern-Blogger.

Eigentlich sollte ich gar nicht darauf angewiesen sein, dass Gideon diese Kolumne veröffentlicht. Das wäre die Aufgabe meiner Anwältin gewesen, also meiner ehemaligen Freundin Birgit. Sie hat zwar eine Beziehung mit meinem Exmann geführt, als wir noch verheiratet waren, aber dafür hat sie alle Staffeln »Suits« gesehen. Mal wieder wurde ich Opfer meiner eigenen Gutgläubigkeit. Birgit ist bisher zu keinem Termin erschienen. Immer mit der Ausrede, sie müsse zu Hause bleiben, um ein Zalando-Paket anzunehmen. Auch telefonisch ist sie nicht mehr erreichbar.

Meinen Lebensgefährten Stefan konnte ich nicht fragen. Der Mentalist ist zurück im Untergrund, wie damals, als er dachte, Europol sei hinter ihm her, obwohl er nur eine unbezahlte Rechnung bei Euronics hatte. Dieses Mal mit Thorben, der jetzt mit seinem leiblichen Vater als Torben in Venezuela lebt. Das würde mich jedenfalls glücklich machen. Deshalb ist meine einzige Hoffnung, dass Gideon es mit der Versöhnung wirklich ernst meint. »Wenn’s sein muss«, würdest du doch sogar antworten, Gideon, wenn ich dich fragen würde, ob du mein Anwalt sein willst, oder? Bis bald, deine Mutter.

Ende