Abonnieren Sie das Magazin!

Die endgültige Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Neuen Deutschen Rechtschreibung:

Die Entstehungsgeschichte – eine Reform lernt laufen:

Von Anfang an geht es bei den Diskussionen über die neuen Regeln rauh zu: Einige Sprachwissenschaftler der Heinrich-Heine-Universität plädieren schon im Herbst 1993 dafür, die Konvention, nach der zukünftig die Verwendung von »ss« und »ß« geregelt wird, nicht Heysesche s-Schreibung, sondern Heyßeßche ß-Sschreibung zu nennen. Die Gruppe setzt die Öffentlichkeit mit einem Paper unter Druck, das linguistisch lükkenlos beweist, dass die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt eigentlich Düßeldorf heissen müsse. Der Aufsatz liegt bis heute im Giftschrank des germanistischen Instituts der Hochschule und trägt mutmasslich zu ihrem aussergewöhnlich hohen Etat bei.

Im Juni 1996, nur wenige Tage vor Inkrafttreten der Reform, kommt es in der Mittagspause und einer Gruppe um Karl-Heinz Reck, den Präsidenten der Kultusministerkonferenz, zum Streit: Man ist sich uneinig, welches der drei f in Schifffahrt eigentlich immer gestrichen wurde. Reck selbst vertritt lautstark die Meinung, man habe immer den ersten Konsonanten getilgt, der nun bald wieder seinen rechtmäßigen Platz einnehmen dürfe. Daraufhin wirft eine spitzfindige Sekretärin ein, dass die Regel ja wohl kaum »Man tilgt immer den ersten Konsonanten« gelautet habe: Dann wäre ja immer der nachrückende Konsonant der erste gewesen und hätte dementsprechend gestrichen werden müssen. Denke man Recks Idee weiter, wären am Ende Konstrukte wie Schiahrt herausgekommen! Besonders wahnsinnig ist der Vorschlag vom zufällig anwesenden Kulturstaatsminister Michael Naumann. Dieser meint, dass jeder Konsonant zu einem Drittel gestrichen und der Rest dann zu zwei vollständigen Buchstaben zusammengesetzt worden sei. Bei dem anschließenden Streitgespräch, dass es nach den neuen Rechtschreibregeln ja Dritttel heißen müsse, verliert Reck zwei Backenzähne.

Das Stammprinzip, nach dem man den Stamm aller Wörter einer Familie gleich schreibt, soll laut der geplanten Reform häufiger zum Einsatz kommen. Das schmeckt nicht jedem: Eine besonders erboste Mitarbeiterin des linguistischen Lehrstuhls der Universität Hamburg, die weiter »behende« und »Stengel« schreiben will, bezeichnet die Mitglieder der KMK im Frühjahr 1996 in einem Drohbrief etwas inkonsistent als »belemmerte Arschcakse« und wird bei der daran anschließenden Hausdurchsuchung Opfer von Polizeigewalt.

Die Versäumnisse – Lücken der Reform:

Nach der Einführung im Sommer 1996 wird schnell klar, dass die KMK einige Fauxpas begangen hat: Sie hatte zwar daran gedacht, Begriffe wie Coulisse, Bureau und Shawl einzudeutschen, aber andere Wörter wie Krossong, Indscheniör und Fopa vergessen. Tausende köstliche Sprachglossen Hunderter Feuilletonredakteure sind schn…