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In Hofheim am Taunus steht neben einer Aldi-Filiale an der Ausfahrtsstraße Richtung Kelkheim ein Wellness-Hotel. Das Gebäude ist ein funktionaler Neubau mit eierschalenfarbener Außenwand, drei Stockwerke hoch. Auf dem Flachdach des Hotels befindet sich eine Bar, in der sehr laute R&B-Musik läuft. Die Bar ist rund und verglast. In der Mitte steht eine blau beleuchtete Theke. Darum herum stehen in einem Kreis circa ein Dutzend gut gepolsterte Sitzecken. Ich weiß dies alles, weil ich in dieser Bar an einem Nachmittag im Juli einen Caesar-Salad gegessen habe. Ich bin 450 Kilometer angereist, um hier zu speisen, denn die gepolsterten Sitzecken stehen auf einer großen Scheibe, die sich in 47 Minuten einmal im Kreis dreht. »Ich will eine Reportage über Drehrestaurants schreiben«, habe ich ihnen gesagt. »Ich will sie alle besuchen, dort speisen, mich drehen.« Sie waren gut zu mir. »Fahr hin!« haben sie gesagt.

Einst gehörten Drehrestaurants zu Deutschland wie Apfelrotkohl und Asylrechtsverschärfungen. Doch von den unzähligen Restaurants, die sich früher in diesem Land drehten, sind nur noch fünf übrig. Ist es nicht meine Pflicht, dieses Stück Kulturgeschichte zu konservieren? Wenn meine Urenkel mich eines Tages fragen, ob ich mich damals, als es noch möglich war, speisend gedreht habe, ob ich in der Drehung gespeist habe, möchte ich sagen können: ja.

Hofheim also. Langsam drehe ich mich gegen den Uhrzeigersinn an den Fenstern vorbei. »Diese Aussicht dürfte einmalig sein in Frankfurt und Umgebung«, schreibt das Hofheimer Hotel auf seiner Internetseite. Ich blicke auf die Ausläufer des Taunus, auf das runde Glasdach der hoteleigenen Therme, auf den Hotelparkplatz. Da unten spazieren die Gäste der Therme zu ihren Autos, nach Chlor und Shampoo duftend. Und, oh, ganz da hinten, hinter dem Umspannwerk Kriftel, hinter den goldenen Feldern, auf denen wie verschüttete Perlen die Heuballen liegen, ganz da hinten glitzert die Skyline von Frankfurt am Main.

Ich notiere mir meine Rundenzeiten. Erste Runde, 17:21 Uhr bis 18:08 Uhr, zweite Runde, 18:08 Uhr bis 18:55 Uhr. Eine Etage unter mir sitzt auf dem Balkon ihres Hotelzimmers eine Frau in einem schwarzen Kleid mit weißen Punkten und blickt auf den Parkplatz. Dritte Runde, 18:55 Uhr bis 19:42 Uhr. Die gepunktete Kleiderfrau ist verschwunden. Stattdessen hängen auf ihrem Balkon jetzt zwei Handtücher. Vierte Runde, 19:42 Uhr bis 20:29 Uhr. Über dem Vordertaunus setzt die Dämmerung ein. Auf einmal steht die Frau mit dem Punktekleid vor mir am Fenster und dreht sich mit mir. Was wäre, denke ich, wenn sich in Wahrheit nicht dieses Drehrestaurant bewegt, sondern die Welt ringsum? Wenn dieses kleine Drehrestaurant auf dem Dach des Wellness-Hotels der eine Punkt wäre, um den herum sich alles dreht? Plötzlich fühle ich mich eng verbunden mit der gepunkteten Dame. Wir beide sind der Mittelpunkt der Welt. Ich suche sie im Drehrund, will sie vor Freude umarmen, aber sie ist nicht mehr zu sehen. Ei…