»Literatur heißt Freude empfinden am unwahrscheinlich geglückten Verlauf des Lebens, daran, dass aus der Verzweiflung über deine Unfähigkeit, deinem Leben eine Form zu geben, auf verquere Weise doch noch etwas wie Glück, die Heiterkeit entspringt.« Angelika Meier, »Feierabend eines Fauns« Vom Dasein gezeichnet Vom fiktiven Horrorautor Garth Marenghi stammt die Erkenntnis, dass Subtext nur was für Schwächlinge ist. Der Hinweis verfängt im zeitgenössischen Gruselkino, das inzwischen erbarmungslos alles an die Oberfläche holt (manchmal auf ganz wörtliche Art, aktuell etwa im satirischen Metahorror »Teenage Sex and Death at Camp Miasma«). Dass auch komische Stoffe ihre eigene Analyse mitliefern, war mir neu, funktioniert aber zumindest im Fall der Cartoonklamotte »Coyote vs. Acme« erstaunlich gut. Hatte unsereins seit jeher den leisen Verdacht, der zur ewig erfolglosen Jagd auf den Roadrunner verdammte Kojote sei im Grund ein absurder Held, den wir uns wenn auch nicht als glücklichen Menschen, so doch zumindest als seiner Bestimmung gewissen Präriewolf vorstellen müssen, so macht der von Dave Green inszenierte Film die Sache restlos klar: Auf dem Plakat rollt der von keiner Explosion und keiner defekten Rakete totzukriegende Protagonist eine Cartoonbombe einen Hügel hinauf, die 98 Minuten enden mit einer Beschwörung des Kojoten als existentieller Leitfigur, und sicherheitshalber dreht sich der Plot auch noch um eine Verschwörung namens »Projekt Sisyphos«. Glücklicherweise richtet sich der Film nicht ausschließlich an Philosophie-Erstsemester, sondern auch an Looney-Tunes-Nostalgiker, die dem Konzept des Zeichentrick-Realfilm-Hybrids etwas abgewinnen können und es ungern an Basketballaballa-Murks wie »Space Jam« verschwendet sehen, dessen Machern das hauseigene Markenhandbuch heiliger als das Drehbuch ist. »Coyote vs. Acme« nimmt seine Prämisse – der Kojote verklagt die Firma Acme, die ihm seit Jahrzehnten pannenanfällige Gadgets und Waffen liefert – erfreulich ernst und funktioniert als Gerichtsthriller so gut wie Robert Zemeckis’ »Falsches Spiel mit Roger Rabbit« (1988) einst als Film noir in der Tradition von »Chinatown« (1974). Zudem geizt der Film weder mit Stürzen aus großer Höhe noch mit komplizierten Fallen in bester Rube-Goldberg-Tradition, er rehabilitiert (zumindest ein bisschen) die in Ungnade gefallenen Cartoon-Legenden Speedy Gonzales und Pepé Le Pew und gönnt dem Publikum sogar eine Hommage an Peter Lorre, dessen fischäugiges Alter Ego ein eigenes Kapitel in der Warner-Brothers-Animationsgeschichte füllt. Dass »Coyote vs. Acme« drei Jahre seiner Veröffentlichung harrte, weil ihn die neue Führungsetage von Warner lieber steuerlich abschreiben wollte, dann aber doch noch einen Verleih fand, hätte nicht nur dem von keinem Klippensturz zu erschütternden Stehaufmännchen Wile E. Coyote gefallen, sondern wird gerade von allen gefeiert, die gar nicht genug Hollywoodproduktionen sehen können, in denen raffgierige Konzerne zerschlagen werden. Von mir aus gern mit einem Zeichentrick-Amboss. Pfui und Quatsch im Reichsschutzgebiet Die Meinungen, ob man Samuel Becketts Roman »Murphy« oder sein Bühnenstück »Warten auf Godot« ernst oder komisch nehmen soll, gehen durcheinander; richtig ist wohl »und« statt »oder«. Das »und« ist auch am Platz, wenn man des Iren Tagebücher seiner Deutschlandreise 1937/38 durchschmökert, die der Suhrkamp-Verlag (»German Diaries. Englisch und deutsch«, übersetzt von Gaby Hartel) jetzt auf den Markt gewuchtet hat. Der 1353-Seiten-Wälzer dürfte sich an Beckett-Jünger und Zeithistoriker wenden, aber auch für den Humorkritiker wirft dieser Steinbruch ein paar Bröckchen ab – viele englisch, manche, denn Beckett war der Landessprache mächtig, deutsch. Er registriert Wörter, die ihn komisch oder kauzig dünken wie »Tintenkuli«, »Lustgondel«, »Speisebild« und »staffelförmig«, und erhält von einer Kunsthistorikerin Nachhilfe in Sachen schrulliger altdeutscher Briefkultur: »Sie können Gnädiges Fräulein schreiben, aber nicht Gnädiges Fräulein Schapire. Also: Geehrtes Fräulein Schapire oder Gnädiges Fräulein oder Geehrtes Gnädiges Fräulein.« Er notiert ähnlich alte Witze und Scherzverse und legt, wiewohl auf Englisch, sogar alte deutsche Empfindlichkeiten an den Tag, habe in Hamburg »zwei Tage nicht geschissen« und notiert in Berlin, dass die »Hose schmerzhaft am Loch klebt« und »die Ritze so schmerzhaft« ist, »dass ich kaum stehen kann«, dass der »Arsch in Fetzen« ist. Fürs Obenrum führt die Reise, auf der außerdem Dresden, Nürnberg und München besucht werden, in Gemäldegalerien, Theater, Konzerte, Kinos, Kirchen und Gasthäuser; Beckett besichtigt Kunstwerke samt ihren Bewunderern (»Herr Me… Beitragsnavigation Cartoons für: Gletscherschwund