Eugen Egners »Gift gibt Kraft«
Abends im Freien unterwegs (Teil 2)
Ich traute mich nicht zu fragen, womit wir anfangen konnten. Der Pfarrer stellte für meine ganze Familie eine über jeden Zweifel erhabene Autorität dar, ihm nicht zu folgen, würde mir unweigerlich Ärger einbringen. Ich hasste mich selbst dafür, aber ich gab nach und ging zu dem Wohnwagen. Wenn der Gottesmann ein Irrer oder ein Verbrecher war, hatte ich Pech. Meine Mutter hätte gewollt, dass ich ihm gegenüber folgsam war, dachte ich, während ich die hölzerne Treppe zur Tür des Wagens hinaufstieg. Das Licht, auf das ich zuging, fand ich plötzlich so verlockend, dass ich alle Bedenken vergaß. Als ich eintrat, machte mich der Pfarrer mit dem älteren Herrn bekannt: „Das ist der Monddoktor.“ Ich nannte meinen Namen, verstand ihn aber selbst nicht.
„Angenehm“, sprach der sogenannte Monddoktor zu mir, „darf ich Ihnen meine Tochter vorstellen?“ Indem er dies sagte, entstand in der Luft vor mir ein Mädchen, vielleicht zwei, drei Jahre älter als ich und, wie ich fand, mit dem Aussehen eines Engels. Ihr Blick widersprach diesem Eindruck allerdings. Etwas hilflos versuchte ich, den Raum, in dem ich stand, optisch zu erfassen. Dabei kam ich nur bis zu einem kleinen Affen, der links von mir vor einer Lampenfassung saß und Glühbirnen ein- und ausschraubte. Ich konnte mich nicht einmal angemessen darüber wundern, denn der Pfarrer erklärte das Mädchen und mich überraschend zu Mann und Frau. Anschließend schob mich der „Monddoktor“ zur Tür hinaus und sagte: „Nun geh heim und grüß schön.“
Im nächsten Moment lief ich draußen die Holztreppe wieder hinunter. Ich verstand gar nichts. War ich nicht viel zu jung zum Heiraten? Und warum ging ich allein nach Hause, wenn ich frischverheiratet war? Wo war das Mädchen? Was sollte das alles? Darüber dachte ich auf meinem Weg nach.