Humorkritik | April 2017

April 2017

Humor kann man nicht lernen. Das ist wie beim Jazz, ein innerer Takt. Man hat ihn oder man hat ihn nicht.
Guy Bedos

Late Leid

Die allgemeine Einschätzung, Donald Trump sei ein Geschenk für Komiker und Satiriker, kann ich nicht teilen. Zumindest nicht beim Blick auf die zahlreichen amerikanischen Spätunterhaltungsprogramme. Klar, dieser Präsident liefert in seiner erstaunlichen, anscheinend grenzenlosen Lächerlichkeit mitsamt seiner meist nur marginal respektableren Zuarbeiter mehr als ausreichend Anlässe für Spott, jedoch war die Figur Trump im Late-Night-Zirkus schon tausendfach durchgewitzelt, bevor der Mann überhaupt für das höchste Amt kandidierte. Und so bleibt nach allen Scherzen von John Oliver, Stephen Colbert, Seth Meyers, bei Trevor Noahs »Daily Show«, selbst bei der fulminanten Samantha Bee (»Full Frontal«) vor allem der Eindruck, hier sei ein ganzer Berufsstand ratlos, fast verbittert darüber, daß er diese Witzfigur als Präsidenten nicht hat verhindern können. An Trump gibt es nichts zu entlarven, nicht mal vorzuführen; der Wahnsinn ist offensichtlich, jede spaßende Verlängerung trägt dazu bei, diesen als neue Normalität zu etablieren. Nun ist aber gerade die aktuelle Generation amerikanischer Fernsehkomiker in der Nachfolge von Jon Stewarts »Daily Show« (Oliver, Colbert, Bee sind ehemalige »Korrespondenten«) deutlich satirischer, als es die vorherige Riege war. Das, was in den Bush-Jahren und auch unter Obama noch eine zeitgemäße Politisierung des prominenten Komikbetriebs darstellte, wirkt zusehends wie Kleinkrämerei und spielt der Erzählung der zur Macht gelangten extremen Rechten in die Hände, wonach Lockerheit und Spaß nun bei ihnen zu Hause sind. Eine Attitüde, mit der etwa auch der gerade in Ungnade gefallene Breitbart-Provokateur Milo Yiannopoulos erstaunlich weit kam. Besonders problematisch: Wenn Satiriker sich ständig genötigt fühlen, das »eigentliche« Amerika gegen den Präsidenten zu verteidigen, also einen besseren Patriotismus zu etablieren, statt eine der wichtigsten Aufgaben des Satirikers wahrzunehmen: die nationalen Mythen des eigenen Kulturraumes lächerlich zu machen. Spätestens dann ist selbst die handwerklich beste Komik nur noch Mittel einer politischen Agenda – statt schlicht die Politik als Fundus für komisches Material zu nutzen.

Wenn der Late-Night-Emeritus David Letterman in einem seiner raren Interviews mitteilt: »Wir brauchen keine weitere Bestätigung dafür, daß etwas falsch ist bei Donald Trump«, hat er auf mehreren Ebenen recht. Denn wenn man Trump wirklich ärgern will, muß man sich wohl auf die Kraft des plumpen Witzes besinnen, das Gebaren des weltweit erfolgreichsten Twitter-Trottels rechtfertigt ohnehin jede Niveauabsenkung (was nicht gleichbedeutend mit schlechtem Handwerk ist; für so etwas wie Dieter Hallervordens Trump-Song gibt es z.B. keine Rechtfertigung). Wie man ihn am besten erwischt, zeigt der vor kurzem noch vor der endgültigen Bedeutungslosigkeit stehende Sketch-Gemischtwarenladen »Saturday Night Live«: mit groben Parodien und simplen Kniffen, wie etwa den, Trumps Pressesprecher Sean Spicer von einer Frau spielen zu lassen. Die präsidialen Tweets belegen: Das verletzt die vermeintliche Ehre des infantilen Machos Trump mehr als jeder Nachweis von Inkonsistenzen seiner Politik. Diese kennt er vermutlich selber gut genug, und er schert sich einen Dreck um sie.

  

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Herrschaftszeiten, Wladimir Putin!

Herrschaftszeiten, Wladimir Putin!

Offenbar als einen der letzten Versuche, im über Dein marodes Reich reinbrechenden Embargo- und Sanktions-Tsunami noch irgendwie Haltung zu wahren, hast Du zum Beginn des Monats die Verträge für russische Gaslieferungen auf Rubel umstellen lassen. Konkret heißt das, wie wir dem Handelsblatt entnehmen, dass die Abnehmenden (also die nicht befreundeten Staaten) »zwei Konten – ein Fremdwährungskonto und ein Rubel-Konto – bei der Gazprombank unterhalten … Gazprom-Kunden überweisen dann ihre Zahlungen in ausländischer Währung auf das entsprechende Konto, woraufhin die Bank an der Moskauer Börse Rubel dafür kauft. Diese werden dem Rubel-Konto des Käufers gutgeschrieben und auf ein Konto des Lieferanten Gazprom nach Russland überwiesen.«

Pff, wie langweilig! Bist Du statt eiskalter Auto- jetzt auch Bürokrat? Wir hatten uns das so vorgestellt, dass Robert Habeck einen Sack mit Euroscheinen zum Roten Platz schleift, den Inhalt in der nächsten Wechselstube (Operatsionnaya Kassa) zum Tageskurs in Rubel umtauscht, diese dann zum Kreml rollt und dafür unter den strengen Augen einer Deiner Apparatschiks persönlich für ein paar Minuten den Gashahn aufdrehen darf. Das wäre eines Superschurken würdig! Und krumme Geschäfte tätigt man in unserem Kulturkreis noch immer mit großen, unmarkierten Banknoten; frag mal Briederchen Gerd.

Den Witz mit der IWAN-Nummer spart sich diesmal: Titanic

 Huhu, »Süddeutsche Zeitung«,

unter der Überschrift »So sparen Urlauber Geld« notiertest Du die »zehn wichtigsten Tipps für einen günstigen Urlaub«. Die lauten beispielsweise: »Frühzeitig buchen«, »Preiswerte Reiseländer und Regionen aussuchen«, »Günstige Unterkünfte auswählen«, »Schnäppchenportale nutzen«, »Günstig an- und abreisen«. Danke, Süddeutsche! Wir dachten bisher immer, dass man als Urlauber Geld spart, wenn man kostspielig an- und abreist, teure Reiseländer, Regionen und Unterkünfte aussucht und um Schnäppchenportale einen großen Bogen macht. Baff: Titanic

 Sind Sie, Landwirtschaftsminister Cem Özdemir,

Sind Sie, Landwirtschaftsminister Cem Özdemir,

gerade ein bisschen schlecht drauf? Auf die Frage der Taz jedenfalls, ob es vorstellbar sei, dass Sie im Alter zurück aufs Land gehen würden, sagten Sie: »Ich weiß es nicht. Meine Eltern sind beide in meinem Geburtsort Bad Urach beerdigt worden.« Und weiter: »Ich habe das für mich noch nicht entschieden, wo ich mal beigesetzt werden möchte. Aber ich würde jetzt nicht ausschließen, dass das am Ende auch der Ort wird, wo ich geboren bin und auch sehr schöne Jahre meines Lebens verbracht habe.« Aufs Land gehen ist für Sie demnach mehr ein ins bzw. sogar unter Land gehen. Für einen Landwirtschaftsminister ist das zwar recht konsequent, aber wie schön Ihre auf dem Land verbrachten Jahre tatsächlich waren, dass Sie sich das dann lieber von unten anschauen, will am Ende echt nicht wissen: Titanic

 Du, »Focus Online«,

lieferst in Deiner Rubrik »Praxistipps« sicherlich viele brauchbare Ratschläge. In erster Linie versuchst Du Dich dort aber freilich im Clickbaiting. Mit folgender Schlagzeile bist Du allerdings bei uns abgeblitzt: »Katze gurrt: Das steckt dahinter«. Zu eindeutig liegt hier auf der Hand, was dahintersteckt: eine verschluckte Taube. Taube Ohren für Dich hat stets: Titanic

 Mit Ihren Buchtiteln, Peter Hahne,

haben wir uns zugegebenermaßen immer ein bisschen schwergetan. Sie heißen »Nicht auf unsere Kosten!«, »Seid ihr noch ganz bei Trost!«, »Schluss mit euren ewigen Mogelpackungen!«, »Finger weg von unserem Bargeld!«, »Niemals aufgeben!« Anders steht es um den Ihres neuen Buches: »Das Maß ist voll« (ohne Ausrufungszeichen!) bzw. genau genommen um den Untertitel: »In Krisenzeiten hilft keine Volksverdummung«. Denn da, Hahne, müssen wir Ihnen ausnahmsweise vollumfänglich zustimmen: Auch wir sind der Meinung, dass Volksverdummung in Krisenzeiten rein gar nichts bringt. In normalen Zeiten dagegen? Erklären Sie's uns! In Sachen Verdummung sind Sie schließlich Experte. Maßvoll wie immer: Titanic
Vom Fachmann für Kenner

 Alte Weisheit (aktualisiert)

Gib einem Hungernden einen Fisch und er wird einmal satt, lehre ihn Phishing, und er wird nie mehr hungern.

Ronnie Zumbühl

 Versöhnt mit dem Ich

Im Rahmen eines TV-Interviews hat Papst Franziskus neulich verraten, dass er als Kind, statt sich zum Priester weihen zu lassen, eigentlich den Beruf des Metzgers ergreifen wollte. Schön für ihn, dass es am Ende doch noch »irgendwas mit Fleischeslust« geworden ist.

Patric Hemgesberg

 Entwarnung

Ich habe neulich zum ersten Mal eine Vorsorgeuntersuchung beim Urologen gemacht. Ergebnis: Alles bestens, der Mann ist kerngesund.

Cornelius WM Oettle

 Zusammenhalt & Freundschaft

Haben siamesische Zwillinge eigentlich auch immer eine bessere Hälfte?

Nick Hertzberg

 Schlecht gealtert

Bin mit 32 beim Alkoholkauf nach dem Ausweis gefragt worden. Begründung der Kassiererin: »Ja, mit der Maske kann man Ihr Alter wirklich schlecht einschätzen.« Was glaubt sie denn? Dass ich darunter ’nen Schnuller im Mund haben könnte?

Loreen Bauer

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 11.05.: Der Falter mit einer kleinen Blattkritik zur Maiausgabe
  • 02.03.: TITANIC-Herausgeber Tim Wolff bei Übermedien über Satire in Kriegszeiten
  • 03.02.: Der hr präsentiert den üppigen Humor-und-Satire-Dreiteiler "Radikal Komisch" mit Ella Carina Werner, Oliver Maria Schmitt, Martin Sonneborn u. v. v. a. m., mit 100 schönen TITANIC-Titeln – und in Teil 3 tauchen auch noch Hintner, Burmeier, Eilert und Martina Werner auf – live in der ARD-Mediathek.
  • 01.02.: Bei der Taz versucht sich Moritz Hürtgen am Olympischen Gedanken.
  • 20.01.: In Göttingen eröffnete die große Eugen-Egner-Ausstellung im Alten Rathaus. Bilder vom Event zeigt das Göttinger Tageblatt und die Stadt Göttingen hat alles aufgezeichnet.
Titanic unterwegs
19.05.2022 Bamberg, Dr. Pfleger Stiftung Max Goldt
20.05.2022 Nürnberg, Hubertussaal Max Goldt
21.05.2022 Penig/Niedersteinbach, Kulturgewölbe Kalé Max Goldt
25.05.2022 Flensburg, Stadttheater Max Goldt