Humorkritik | April 2014

April 2014

Das Leben ist ein Ponyhof

Unter dem Titel »Mädchenworld« erschien in den Jahren 2003 bis 2006 ein wöchentlicher Comicstrip von Fil in der Jungle World. Diesen hat der hier schon mehrfach gelobte Künstler überarbeitet, komplettiert und wiederveröffentlicht, und zwar als »ganz geile Graphic Novel«, wie es mit einigem Recht auf dem Cover heißt (Zitty-Verlag). Die 130 Folgen des Strips fügen sich nämlich auf ebensovielen Seiten zu einer Art Entwicklungsroman, in dessen Mittelpunkt das junge Mädchen Gemma steht.

Die patente Tochter schwuler Elektropunks muß erleben, wie sich ihr geliebter Ponyhof nach und nach in eine asoziale Hölle verwandelt. Sie wird von der garstigen Betreiberin getriezt, von deren widerlichem Neffen sexuell bedrängt, von der bösen Cordula gemobbt und schließlich unter dem Beifall ihrer Freundinnen vom Ponyhof verbannt. Eine Elfe in Gestalt der Popsängerin Pink rät ihr, in die Phantasiewelt eines Märchenreichs zu fliehen. Dort findet Gemma ihr Glück mit dem Stallburschen Kasimir, der sich später als Königssohn Jonathan entpuppt und beste Beziehungen zu Robbie Williams und dem Ehepaar Beckham hat – bis sie sich endlich zurückkämpft in die Realität. Um die böse Cordula stellen zu können, muß Gemma allerdings die Selbstermächtigungsphrasen der Pop-Elfen Madonna, Pink und Shakira (»Use your body in order to gain your goals, it will only make you stronger«) genauso hinter sich lassen wie die traditionelle Problemlösungsstrategie, die sie bei der Mutter einer Freundin belauscht: »Mama, was soll ich bloß machen?« – »Yoga, wie ich.«

Diese Geschichte von weiblicher Teenagerverzweiflung und mählicher Reife wird von Fil narrativ wie visuell äußerst sprunghaft, schlagend komisch und verblüffend herzenswarm erzählt. Gut gefallen haben mir obendrein die unzähligen hübschen (und absichtlich falsch geschriebenen) »Sticker’s«, die den Kopf jeder Folge schmücken und zum Schluß hin immer abgedrehter präsentiert werden (»gibt’s was schickers als Sticker’s?«, »mit Sticker’s von überirdischer Reinheit«, »Liebling, ich habe die Sticker’s geschrumpf’t!«). Was schickers als »Mädchenworld« werden Märchenfreunde jedenfalls nicht so schnell finden.

  

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Wie bitte, Extremismusforscher Matthias Quent?

Im Interview mit der Tagesschau vertraten Sie die Meinung, Deutschland habe »viel gelernt im Umgang mit Hanau«. Anlass war der Jahrestag des rassistischen Anschlags dort. Das wüssten wir jetzt aber doch gern genauer: Vertuschung von schrecklichem Polizeiverhalten und institutionellem Rassismus konnte Deutschland doch vorher auch schon ganz gut, oder?

Hat aus Ihren Aussagen leider wenig gelernt: Titanic

 Also wirklich, »Spiegel«!

Bei kleinen Rechtschreibfehlern drücken wir ja ein Auge zu, aber wenn Du schreibst: »Der selbst ernannte Anarchokapitalist Javier Milei übt eine seltsame Faszination auf deutsche Liberale aus. Dabei macht der Rechtspopulist keinen Hehl daraus, dass er sich mit der Demokratie nur arrangiert«, obwohl es korrekt heißen müsste: »Weil der Rechtspopulist keinen Hehl daraus macht, dass er sich mit der Demokratie nur arrangiert«, müssen wir es doch anmerken.

Fasziniert von so viel Naivität gegenüber deutschen Liberalen zeigt sich

Deine Titanic

 Ciao, Luisa Neubauer!

»Massendemonstrationen sind kein Pizza-Lieferant«, lasen wir in Ihrem Gastartikel auf Zeit online. »Man wird nicht einmal laut und bekommt alles, was man will.«

Was bei uns massenhaft Fragen aufwirft. Etwa die, wie Sie eigentlich Pizza bestellen. Oder was Sie von einem Pizzalieferanten noch »alles« wollen außer – nun ja – Pizza. Ganz zu schweigen von der Frage, wer in Ihrem Bild denn nun eigentlich etwas bestellt und wer etwas liefert bzw. eben gerade nicht. Sicher, in der Masse kann man schon mal den Überblick verlieren. Aber kann es sein, dass Ihre Aussage einfach mindestens vierfacher Käse ist?

Fragt hungrig: Titanic

 Ziemlich beunruhigt, Benjamin Jendro,

lässt uns Ihr vielzitiertes Statement zur Verhaftung des ehemaligen RAF-Mitglieds Daniela Klette zurück. Zu dem beeindruckenden Ermittlungserfolg erklärten Sie als Sprecher der Gewerkschaft der Polizei: »Dass sich die Gesuchte in Kreuzberg aufhielt, ist ein weiterer Beleg dafür, dass Berlin nach wie vor eine Hochburg für eine gut vernetzte, bundesweit und global agierende linksextreme Szene ist.«

Auch wir, Jendro, erkennen die Zeichen der Zeit. Spätestens seit die linken Schreihälse zu Hunderttausenden auf die Straße gehen, ist klar: Die bolschewistische Weltrevolution steht im Grunde kurz bevor. Umso wichtiger also, dass Ihre Kolleg/innen dagegenhalten und sich ihrerseits fleißig in Chatgruppen mit Gleichgesinnten vernetzen.

Bei diesem Gedanken schon zuversichtlicher: Titanic

 Hey, »Zeit«,

Deine Überschrift »Mit 50 kann man noch genauso fit sein wie mit 20«, die stimmt vor allem, wenn man mit 20 bemerkenswert unfit ist, oder?

Schaut jetzt gelassener in die Zukunft:

Deine Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Kapitaler Kalauer

Da man mit billigen Wortspielen ja nicht geizen soll, möchte ich hier an ein großes deutsches Geldinstitut erinnern, das exakt von 1830 bis 1848 existierte: die Vormärzbank.

Andreas Maier

 Überraschung

Avocados sind auch nur Ü-Eier für Erwachsene.

Loreen Bauer

 Neulich

erwartete ich in der Zeit unter dem Titel »Glückwunsch, Braunlage!« eigentlich eine Ode auf den beschaulichen Luftkurort im Oberharz. Die kam aber nicht. Kein Wunder, wenn die Überschrift des Artikels eigentlich »Glückwunsch, Braunalge!« lautet!

Axel Schwacke

 Teigiger Selfcaretipp

Wenn du etwas wirklich liebst, lass es gehen. Zum Beispiel dich selbst.

Sebastian Maschuw

 Nichts aufm Kerbholz

Dass »jemanden Lügen strafen« eine doch sehr antiquierte Redewendung ist, wurde mir spätestens bewusst, als mir die Suchmaschine mitteilte, dass »lügen grundsätzlich nicht strafbar« sei.

Ronnie Zumbühl

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
18.04.2024 Berlin, Heimathafen Neukölln Max Goldt
18.04.2024 Hamburg, Centralkomitee Ella Carina Werner
19.04.2024 Wuppertal, Börse Hauck & Bauer
20.04.2024 Eberswalde, Märchenvilla Max Goldt