Das Zeichen des Schlafs (1. Teil) Heute glaube ich, daß meine Tante mir gar nicht zuhörte, sondern an etwas ganz anderes dachte, als ich während des langen Familienspaziergangs hemmungslos auf sie einredete. Für mich, einen kaum Dreizehnjährigen mit Neigung zum Fabulieren, war es sehr inspirierend, daß eine mehr als doppelt so alte, für meine Begriffe aber keineswegs alt wirkende, Frau sich stundenlang ohne Unterbrechung etwas von mir erzählen ließ. Um ihr zu imponieren, wuchs ich bei meinem Vortrag über mich hinaus. Was ich da spontan erfand, während wir einige Meter hinter meinen Eltern, meinem Onkel und den Großeltern durch die Sommerlandschaft gingen, waren keine Abenteuer irgendwelcher Helden mit übernatürlichen Kräften oder etwas anderes Jugendtypisches. Ganz im Gegenteil handelte meine Geschichte von einem alten Mann, einem lebensüberdrüssigen Zeichner. Zu erklären ist das damit, daß ich in meiner Familie als zeichnerisches Wunderkind galt und bereits von „romantischen“, an der Welt leidenden Künstlern fasziniert war. Besagter Zeichner hieß Mai und war ein einsamer, resignierter Mensch. Längst war die Welt, vor der er sich versteckte, nicht mehr die seine. Die meisten Menschen, die ihm etwas bedeutet hatten, waren gestorben oder hatten sich von ihm abgewandt. Ich ließ Mai des öfteren von einer für ihn unsichtbaren Frau träumen, die ihm etwas auf den Rücken malte, das er ebenfalls nie zu sehen bekam. Eigentlich ist es kaum zu glauben, daß ich Halbwüchsiger meiner Tante so etwas erzählte! Mai wohnte allein in einem kleinen alten Haus, in dem er auch sein Atelier hatte. Wegen der hohen Bäume im verwilderten Garten hinter dem Haus herrschte immer Halbdunkel in den Räumen. Ein solches Ambiente stellte ich mir besonders reizvoll vor und hätte gern selbst so gewohnt. Mai zeichnete nicht mehr viel, er hatte die Lust dazu verloren. Hauptsächlich war er damit beschäftigt, sein künstlerisches Lebenswerk zu sichten (ich gebrauchte an dieser Stelle sogar die Formulierung „seinen Nachlaß zu ordnen“). Dabei stellte er fest, daß ein älteres, ihm besonders wichtiges Blatt fehlte. Es trug den Titel „Das Zeichen des Schlafs“ und stammte aus Mais künstlerisch fruchtbarster Zeit. Mai war sich vollkommen sicher, diese Zeichnung niemals verkauft oder auch nur verliehen zu haben. Sie mußte daher in einer seiner Mappen sein. Doch obwohl er mehrmals an allen in Frage kommenden Stellen gründlich nach ihr suchte, blieb sie unauffindbar. Mai empfand nicht nur wachsenden Ärger darüber, sondern zweifelte allmählich an seinem Verstand. Ich konnte mich einigermaßen in den Gemütszustand des alten Manns versetzen, denn ich selbst hatte schon vergeblich Gegenstände gesucht und zuletzt nicht mehr gewußt, ob sie vielleicht nur Erzeugnisse meiner Einbildung gewesen waren. (Wird fortgesetzt) Beitragsnavigation Das neue Heft ist da! “Four more years, four more years!”