“Warum sollte ich nervös sein?”

Thorben ist 5 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 13 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”.

Eine Leidenschaft mit dem eigenen Kind zu teilen, gehört zu den größten Freuden des Lebens. Umso bedauerlicher ist es, dass Thorben meine größte Leidenschaft nicht teilt: eine Hetzkampagne gegen meinen Hausarzt zu spinnen. Wahrscheinlich, weil er den Schmerz nicht kennt, wenn die eigenen Yahoo-Recherchen zu Krankheitssymptomen nicht wertgeschätzt werden. Irgendwann wird auch er lernen, was es bedeutet, unbezahlte Care-Arbeit zu leisten.

Dafür teilen wir eine andere Leidenschaft: Wir gehen beide gerne in Geschäfte. Und wir beiden verlassen sie gerne mit Lebensmitteln, Dekoelementen oder anderen Gegenständen, die wir dort gefunden haben. Der Unterschied ist: Ich liebe es zu shoppen, Thorben liebt es zu klauen.

Anfangs hat mir unser gemeinsames Mutter-Kind-Klauen viel bedeutet. Der Nervenkitzel, das Adrenalin, der Reiz des Verbotenen — all das schweißt uns noch enger zusammen, so dachte ich. Bis mir eine Langzeit-Blutdruckmessung, die ich bei Thorben durchführte, bewies, dass er beim Klauen gar keinen Nervenkitzel verspürte. “Warum sollte ich nervös sein?”, fragte er nur trocken. Klar, Diebstahl war für ihn etwas so Alltägliches wie Volksverhetzung für Henry. Ich hingegen musste wegen der Angst, erwischt zu werden, meine Blutdrucktabletten schon mehrmals höher dosieren. Und stehe deshalb kurz vor einer Bypass-Operation und schwerem Fußpilz. Laut Yahoo.

Ich habe neulich gelesen, dass man Kindern frühzeitig einen vernünftigen Umgang mit Geld vermitteln soll. Thorben kann von mir lernen, dass sich Geld auszugeben so auf den Körper auswirken kann wie eine Meditation. Ich bin nicht besonders spirituell. Wenn ich aber mehrere Stunden am Stück QVC schaue, habe ich das Gefühl, eine Beziehung mit Gott einzugehen. “Wie äußert sich eine Kaufsucht?”, fragte ich ChatGPT einmal in einem schwachen Moment. Es erschien eine Fehlermeldung. Mein Account wurde wohl gesperrt, nachdem ich die KI mehrmals darum gebeten hatte, erotische Fotografien von mir per Gedankenübertragung an meine Ex-Affäre, den Mentalisten Stefan, zu schicken. Wenn ich wirklich kaufsüchtig wäre, hätte ChatGPT sich wohl nicht so angestellt.

Einfach war es nicht, Thorben für meine Leidenschaft zu begeistern. “Das dauert doch viel länger”, beschwerte er sich, als ich ihm vorschlug, den Feldhockeyschläger an der Kasse zu bezahlen. Er hatte ja recht. Klauen war effizienter. Mittlerweile stecke ich Thorben regelmäßig 50-Euro-Scheine zu. Er muss sich erst mal an den Vorgang des Kaufens gewöhnen. Wir Menschen sind nicht geboren, um zu kaufen, das sang schon der Sänger von Unheilig.

Die 50 Euro sind kein zusätzliches Taschengeld, wie seine Brüder beklagen. Gideon bezahle ich schließlich auch ein Blinkist-Abo, damit er endlich lernt, dass man Bücher nicht wirklich lesen muss. Und Thorben lernte schnell. Er kauft jetzt Sachen. Große Sachen, die nicht in seine Jackenärmel passen. DIN-A4-Taschen, Rucksäcke und Koffer. Dabei begleite ich ihn gerne. Wenn er das nächste Mal im Geschäft den Rucksack mit Playmobil-Figuren füllt und an der Kasse vorbeigeht, bleibe ich lieber zuhause. Ich denke, wir haben einen guten Kompromiss gefunden.