Tattoos

“Es ist doch nur ein cooles Kreuz”

Henry ist 13 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”.

Keine Mutter kommt einfach so auf die Idee, ihrem minderjährigen Kind ein Gesichtstattoo stechen zu lassen. Ohrlöcher natürlich, vielleicht sogar ein Helix- oder ein Septum-Piercing, wenn es ihm denn steht. Bei Henry kam nichts davon je infrage. Weil ich weiß, dass er mit langwierigen Entzündungen zu kämpfen hätte. Er kann einfach nicht anders, als Chips ungarisch überall hinzukrümeln, auch in die offenen Wunden.

Trotzdem glaube ich, dass ich auf meinen mütterlichen Instinkt gehört habe, als ich Henry einen Termin für ein Gesichtstattoo gemacht habe. Ich habe neulich gelesen, dass die Wissenschaft sagt, es gebe keinen Mutterinstinkt. In dem Fall lügt die Wissenschaft. Denn ich bin mir sicher, sein Vater hätte nicht gewusst, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Gesichtstattoo ist. Und zwar, um Henry zu beschützen.

Und warum? Weil er neulich mit einem Tattoo auf dem Unterarm nach Hause kam. Ich bin froh, dass sein Tattoo wenigstens nicht auf den ersten Blick verfassungsfeindlich ist. Auf den ersten Blick sieht es aus wie der Frühlingskranz, den ich neulich nach Pinterest-Anleitung aus alten Kaffeefiltern, bunten Eierschalen und ein paar ausrangierten Schlüpfern gebastelt habe. Auf den zweiten Blick ist leider eindeutig zu erkennen, dass es sich bei seinem Tattoo um ein Keltenkreuz handelt.

Den Tätowierer hat Henry bei Fortnite kennengelernt. Mehr weiß ich nicht. Er hat es zwar ausführlich erzählt, aber ich kann Henry nie lange zuhören. Das liegt daran, dass mich seine Stimme an die von Günther Jauch erinnert. Immer, wenn ich Günther Jauch länger zuhöre, überkommt mich eine so starke Langeweile, dass ich das Bedürfnis verspüre, die Gefriertruhe abzutauen.

Das Motiv hat Henry bei unserem letzten Schwimmbadbesuch auf dem Knöchel des Bademeisters entdeckt. Und ich dachte damals, er sitzt am Beckenrand und kritzelt in sein Notizheft, weil er wie jeder normale Teenager Brüste zeichnet. “Es ist doch nur ein cooles Kreuz”, sagte er, während ich die Gefriertruhe ausräumte. In diesem Moment wurde mir bewusst, was mich am meisten an seinem Tattoo störte. Nicht die Sache mit der Verfassung. Wer weiß, was die Zukunft bringt. Eine Verfassung kann sich so schnell ändern wie ein Trend auf Pinterest.

Mein Problem ist: Ich finde das Tattoo hässlich. “Wie wäre es, wenn du ein paar Tulpen drübertätowieren lässt?” schlage ich ihm vor. Henry schüttelt den Kopf. Es wäre unmenschlich, ihn zu zwingen, nur noch langärmlige Shirts zu tragen. Ich müsste dann nämlich noch häufiger Wäsche waschen. Mit einem Gesichtstattoo, so meine Überlegung, achtet niemand mehr auf sein hässliches Tattoo. Der eye catcher befindet sich dann in seinem Gesicht. Außerdem haben Menschen Angst vor Gesichtstattoos. Sie werden deshalb sowieso Abstand zu Henry halten. Das weiß ich, weil ich einen Mutterinstinkt habe. Der Termin ist für nächste Woche ausgemacht. Das geht im Fortnite-Chat mittlerweile ganz unkompliziert.