Minimalismus “Es ist im Leben wichtig, loslassen zu können” Gideon ist 17 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 13 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”. Ich musste leider feststellen, dass Gideon seine Pitbull-CD entsorgt hat. Er hat sich letztes Weihnachten etwas zum Thema Nachhaltigkeit gewünscht, deshalb habe ich ihm das Album “Global Warming” geschenkt. Auch den Gesprächsband “Was Deutschlands Prominente glauben” hat er aussortiert. Dabei bin ich extra dafür noch am Tag seiner Erstkommunion zum nächstgelegenen Bücherschrank gefahren. Und damit nicht genug, zu meinem Entsetzen finde ich auch sein Playboy VIP Eau de Toilette im Müll. Man sagt ja immer: “Liebe geht durch die Nase”. Ich habe gehofft, ich würde Gideon lieber mögen, wenn er wie meine Ex-Affäre Stefan riecht. Frustriert steige ich aus dem Müllcontainer und schlage den Deckel mit einem lauten Knall zu. Gideon ist ein undankbarer Mensch. Das kann niemand leugnen. Er geizt sogar mit Trinkgeld, wenn ich ihm Zigaretten mitbringe. Schockiert bin ich vielmehr darüber, wie scheinheilig er sich zu rechtfertigen versucht. “Übermäßiger Besitz schränkt die persönliche Freiheit ein”, erklärt er, als ich meine Fundstücke aus dem Hausmüll auf seine Füße fallen lasse. Ich habe nichts gegen Minimalismus. Einige meiner besten Freunde haben schon mal alte Kleidung aussortiert. Obwohl sie wissen müssten, dass sich das nicht lohnt. Sogar UGG-Boots sind alle paar Jahre wieder im Trend. Aber Gideon besitzt viele Gegenstände. Und darunter genug, die er wirklich mal wegschmeißen könnte. Komisch, dass ich im Müllcontainer trotzdem nur meine Geschenke finde und keine seiner sieben Spiegelreflexkameras. Ich bin der festen Überzeugung: Selbst wenn ich Gideon zu Weihnachten etwas Immaterielles schenken würde wie Liebe und Anerkennung, würde er direkt fragen, ob er beides in der blauen oder gelben Tonne entsorgen könne. So ist Gideon eben. Deshalb fange ich gar nicht erst damit an, ihm Liebe und Anerkennung zu schenken. Von meinen Vorwürfen will er nichts wissen. “Es ist im Leben wichtig, loslassen zu können”, hält er unbeirrt an seiner Erzählung der Dinge fest. Dafür, dass er jetzt so vom Loslassen schwärmt, hat er mir aber noch ganz schön lange vorgeworfen, dass ich ihn im Alter von fünf Jahren mal an einer Kletterwand losgelassen habe. “Es steht dir frei, es auch einmal auszuprobieren. Das Loslassen, meine ich”, sagt er und legt dabei eine Hand auf meine Schulter. Ein Schauer durchfährt mich. Ich habe als Jugendliche viel gelesen. Hauptsächlich den ICQ-Status meiner Freunde. Ich bin daher in der Lage, zwischen den Zeilen zu lesen. Gideons Botschaft an mich ist nicht schwer zu entschlüsseln. Er möchte, dass ich mich von meinem Mann trenne. Ich halte diesen Ratschlag für übergriffig. Immerhin gibt er selbst nur vor, sich von Altem trennen zu wollen. Ich entscheide mich trotzdem dafür, Gideon in seinem Vorhaben zu unterstützen, loszulassen. Ich entwende sein Handy und schreibe seiner französischen Freundin Clémentine, dass er sich von ihr trennen wolle. Das, lieber Gideon, ist nämlich gelebter Minimalismus. Beitragsnavigation Der Nächste bitte! Sahras Kaderparteikader