Paradoxer Alltag Dass mir die ältere Dame, der ich fast jeden Morgen in meiner Lieblingsbäckerei begegne, fast jeden Morgen ungefragt erzählt, dass sie medikamentös optimal eingestellt ist, ist ein klares Indiz dafür, dass sie medikamentös nicht optimal eingestellt ist. Andreas Maier Sturmwarnung Wer Wind sät, wird gar nichts ernten, ihr dummen Städter! Dipl.agr.oec. Daniel Sibbe Banges Warten Nachdem wir Donald Trump als Politiker losgeworden sind, haben wir exakt 923 Jahre, bis wir ihn als Bösewicht in Kinderbüchern wiederentdecken. Teja Fischer Tragschluss, der Der Tragschluss ergibt sich aus dem Trugschluss, man käme bei einem Spaziergang mit Kleinkind schneller voran, wenn man ein Bobbycar oder ähnliches Gefährt mitnimmt, was zwangsläufig darin endet, dass man am Schluss beides, Kind wie Fahrzeug, trägt. Robert von Cube Haare am Rücken sind unbestreitbar etwas Unschönes. Das Tragische aber daran ist: Wer einem in den Rücken fällt, der landet auch noch weich. Tim Ulrich Angezählt Der Vorgang des Einkaufens, zumal, wenn er im Supermarkt zu erfolgen hat, ist ja schon nervtötend und zeitraubend genug. Schier unerträglich wird er aber dann, wenn man sich am äußersten Ende der Kassenschlange befindet, unter Zeitdruck steht und sich dann zu allem Überdruss an vorderster Front auch noch eine dieser gefürchteten »Passendzahlerinnen« in Form eines betagten Mütterchens befindet, die, alle anderen Kunden in Geiselhaft nehmend, dabei noch eine diebische Freude empfindet, sich ihres überzähligen Kupferschrotts auf Kosten der wertvollen Zeit ihrer Mitmenschen zu entledigen. (Klauen wäre in dieser Situation klar die bessere, weil sozialverträglichere Vorgehensweise.) In so einem, bei mir die übelsten Gewaltphantasien hervorrufenden Moment wird mir schlagartig bewusst: Der vielzitierte Firnis der Zivilisation ist bisweilen dünner als eine Zwei-Cent-Münze. Eine ebensolche gibt die Kassierin der Frau dann auch wieder zurück. Die Dame hatte sich auch noch verzählt! Burkhard Niehues Badezimmerdrama, D, 2018 »Wenn der Sohnemann zweimal spült (und man selbst duscht)« Felix Scharlau Dekoratives Literatur-Syndrom Wie schlimm es um die Leselust in der Bevölkerung steht, sieht man am anschaulichsten in diversen Möbelhäusern, welche aufzusuchen mich meine renovierungswütige Gattin derzeit ständig nötigt: Da offenbar keine Diebstahlgefahr mehr besteht, wurden Buchattrappen erstmals durch echte Romane ersetzt. Volker Schwarz Bilden Sie mal einen Satz mit Anomalie Vermögend war der Opa nie, weil er sein Geld an Oma lie. Jürgen Miedl Trickfrage Was ist schwerer: ein Kilo Federn oder zwei Kilo Blei? Adrian Schulz Message in four Bottles Da man selten all seine Freunde mit nur einem Messenger erreichen kann, sammeln sich irgendwann vier dieser Apps auf dem Handy. Geschickt eingesetzt, kann man mit ihnen allerdings völlig abhörsicher Nachrichten verschicken, indem man zwischen den Worten den Messenger wechselt. Liest dann zwar keiner mehr, liest allerdings auch keiner mehr mit. Tobias Speckin Stolze Mama Meine Mutter gibt jetzt immer mit meinen grauen Haaren an. Sie erzählt allen, ich sei schon sehr weit für mein Alter. Volker Gahrmann Pfandwerte Ich verstehe gar nicht, was Leute immer beim Pfandleiher wollen. Wenn ich Pfand brauche, trinke ich einfach meine Mehrwegflaschen leer. Günter Flott Geschafft Dass ich es weit im Leben gebracht hatte, wurde mir an jenem Abend klar, an dem ich die Anfrage eines geschäftigen Freundes, ob man sich morgen nach Feierabend so gegen 18 Uhr auf ein Bier treffen wolle, bejahte, dann zum Handy griff und den Wecker stellte. Cornelius W.M. Oettle Nachnahme ausgeschlossen Die Schweizer sind von Natur aus ein misstrauisches und geldfixiertes Volk. Sogar beim assistierten Suizid verlangen sie Vorkasse. Sascha Dornhöfer Anatomie 4.0 So ein Körper ist doch eh nur ein unzulängliches Hilfsmittel, da kommt man ohne Improvisation eh nicht weit. Aber trotzdem weiß ich jetzt schon, dass ich ihn vermissen werde, den alten Racker, wenn ich demnächst digitalisiert werde. Theobald Fuchs Eine Auszeichnung als sinnlosester Gegenstand in meinem Besitz erhält – ein Füllfederhalter, den ich beim Literaturpreis meiner Schule, dem »LGG«, einst gewann. Der Füller sieht mit seiner blauschimmernd-silbernen Optik durchaus nett aus, und ich würde ihn auch bestimmt einmal verwenden, bräuchte man nicht ein Tintenfässchen (!) dazu. Das Design wird außerdem durch den Schriftzug »Carlo Hoffmann – LGG-Literaturpreis« maßgeblich verschlechtert. Die Großbuchstaben »LGG« sind auch in Schreibschift groß geschrieben, was eine außerordentliche Layoutsünde darstellt. Dieser Schriftzug macht es mir leider auch unmöglich, den Stift, der laut Internet immerhin 50 Euro wert ist, jemals zu verkaufen. Carlo Hoffmann Polen Ich war mit Antje in Polen. Wir haben viele Fotos gemacht. Zwischendurch haben wir die Fotos schon mal in einem Express-Laden entwickeln lassen. Wir haben gedacht, das wäre billig in Polen, war es aber gar nicht. Als wir die Fotos abholten, waren die Farben auf den Fotos alle zu farbig, knackebunt, wie ein Comic. Irgendwas ist beim Entwickeln schief gelaufen. »Scheiß Entwicklungsland«, sagte Antje. Kirsten Fuchs Alptraum Geträumt, dass Wolfgang Niedecken mit BAP noch mal durchstarten will und jetzt ein K-Pop-Album aufzeichnet – BIBIM BAP. Schweißgebadet aufgewacht. Leo Fischer Weitergedacht Ich finde ja, wir dürfen den Heimatbegriff nicht den Rechten überlassen, und wenn man mal ganz ehrlich ist: den Rassebegriff auch nicht. Mark-Stefan Tietze Alter Neulich hatte ich mich vor und nach dem abendlichen Gang ins Bad gewogen und bilanziere die 200g messende Gewichtsdifferenz nun so: Eine Hälfte wird dem mühsam den prostataischen Widerständen abgerungene Urin, die andere den nach dem Zähneputzen fehlenden Speiseresten in den Lücken und Kavitäten zuzuschreiben sein. Helge Möhn Gewissensgründe Mein Therapeut sagt, Alkohol gegen Einsamkeit zu trinken sei sehr gefährlich. Jetzt sitze ich jeden Abend in meiner Küche und trinke Alkohol gegen Atomwaffen. Ringo Trutschke Der Graf könnte nach seiner Gesangskarriere eigentlich bei der Post arbeiten – dort ist er dann »Uneilig«. Felix Bellermann Filmidee für Christiane Hörbiger Christiane Hörbiger lässt sich nach dem Tod ihres Mannes zu einem Terminator umbauen, um in Österreich ihr Unwesen zu treiben. Titel: Witwe Bot. Elias Hauck Beitragsnavigation Briefe an die Leser | August 2018 August 2018