Roh, roh, roh

Roh geht es zu in der Fressbubble auf Instagram und Co.: Da sitzen junge Männer vor der Kamera, schieben sich heldenhaft rohe Leber und rohes Hack in den Schlund und prahlen sogleich mit stolzgeschwellter Brust, eine weitere Ernährungslüge von Big Pharma debunked zu haben, weil sie nicht umgehend vom Stuhl kippen. Maskulinität bedeutet heute offenbar, sich zu ernähren wie eine ausgehungerte Hyäne.

Vorbild sind dafür hierzulande z. B. Social-Media-Gurus wie die der Rohgang, berichtet jüngst u. a. das Y-Kollektiv, also jener Clique von Ernährungs-Influencern, die man als eine Kreuzung von Rudolf-Steiner-Fans und Ken Jebsens beschreiben könnte. Vom Studio Joe Rogans bis in die Junggesellenzimmer der Bio-Hools deutscher Provenienz heißen die Dauerbrennerthemen des jungen Mannes von heute Rohmilch, dubiose Fleischdiäten und – guck an – Parasitenentfernung.

Da der Irrationalismus in all dem schon von Anfang an haust, verwundert es nicht, dass auf den gängigen Kanälen auch immer wieder der übliche Verschwörungsduktus dazukommt, man sich von der Pharma- und Lebensmittelindustrie verfolgt und gegängelt fühlt, das aber zeitgemäß gleich mitironisiert und zu vermarkten weiß (»Ich ess’ die Butter auch pur / glaub mir, dein Darm vergisst nicht / Esst paar Demeter-Blaubeer’n / wenn sie die Chemtrails spritzen« – aus dem Song »Jung Brutal Gesund« der Rohgang und des Hip-Hop-Duos Genetikk).

Die Follower sind begeistert, teilen Aussteigerfantasien vom Farmleben und vom Rückzug zur Scholle. Nur man selbst, die Liebsten und eine Verdauung wie ein junger Gott. Ein »Zurück zur Natur«, das zugleich das Voran in die entsolidarisierte Selfcarehölle der Atomisierten ist. Wenn RFK Jr. in den USA bereits die medizinische Forschung kassiert, wenn die libertäre Ideologie von klein auf über Social Media eingesaugt wird wie Rohmilch und von der Welt nichts mehr erwartet wird, zieht man sich auf den eigenen Körper zurück. Und fürchtet lieber Samenöle als den autoritären Umbau.