Intifada-Pop

War das Unangenehmste auf Festivals früher in der Regel, sich morgens auf einem Zeltplatz zwischen leeren Raviolidosen und Flaschen seinen Weg durch den Matsch zur Dixi-Toilette zu bahnen, findet es heute vor allem auf der Bühne statt: etwa wenn Bob Vylan auf dem Glastonbury Festival ganz aus dem Häuschen über die Bühne hüpft und »Death to the IDF« ins Mikrofon keift, während Tausende ihm dabei in endgültiger Umnachtung mit Palästinaflaggen zuwedeln, als hätte es das Massaker auf dem Nova-Festival nie gegeben.

Bob Dylan, dessen Namen sich Vylan schändlicherweise noch bedient, hat mit dem Song Neighborhood Bully einst den Staat Israel besungen, der niemals schlafen kann, da er sich immer schon umzingelt sieht von jener Rohheit und Mordlust, die man sich heute auch abseits des Glastonbury-Festivals als popkulturellen Chic angeeignet hat. Neben Vylan waren auch Kneecap eingeladen, bekannt u. a. für ihren Israelhass und dafür, dass Rapper Mo Chara jüngst mit Hisbollah-Flagge auftrat. Denn der Terrorismusfimmel auf der Bühne und wehende Kufiyas davor gehören heute augenscheinlich zur Festivalerfahrung dazu.

Während Konzerttermine von Vylan und Kneecap hierzulande abgesagt wurden, darf Macklemore, der bekannt für seinen Auftritt in antisemitischer Verkleidung mit Plastik-Hakennase ist, an der auch jeder Neonazi seine Freude hätte, nach Kritik an der Einladung nun doch sein Konzert auf dem Deichbrand-Festival spielen. Kritische Artikel und Posts dazu werden von Fans und Sympathisanten bereits empört kommentiert. Es ist in vielen Fällen wohl auch der Endpunkt einer so oberflächlichen wie radikalen Bubble-Politisierung. Das Resultat der Verwurstung von Geschichte, Politik und Theorie in Social-Media-kompatible Ressentiment-Häppchen.

Mit der Folge, dass ein Milieu, das sich bis gestern noch leidenschaftlich über die diversen Formen von Diskriminierung und Ungerechtigkeiten ereifern konnte, plötzlich so gar keine Probleme damit hat, islamistischen Terror und Antisemitismus zu verharmlosen und sich in eine popkulturelle Intifada einzureihen.