Das Zeichen des Schlafs (2. Teil) Als Handlungszeitpunkt meiner Geschichte wählte ich den Abend vor Allerheiligen. Mai mußte nicht befürchten, daß ihm Kinderhorden mit Halloween-Gebräuchen zur Last fallen würden, denn damals ahnte in Deutschland noch niemand etwas davon. Wie an jedem Abend hörte er Musik und versetzte sich in den Zustand milder Berauschung. Es war kurz nach neunzehn Uhr, er hatte soeben den ersten Schluck Wein getrunken. Da klingelte es an der Haustür. Mai ging öffnen, eine fremde junge Frau von zu Herzen gehend reiner Schönheit stand draußen. Gerade als sie den Mund öffnete und etwas sagen wollte, war der Familienspaziergang zu Ende. Wir waren wieder beim Haus der Großeltern angekommen. Meine Tante lief zu den anderen, ich blieb allein zurück mit meiner unvollendet in der Luft hängenden Geschichte. Die Enttäuschung darüber hielt sich allerdings in Grenzen, denn mein Erzählfluß wäre bald sowieso ins Stocken geraten. Zwar hatte ich noch ein paar Ideen, aber ich wußte nicht, wie ich sie zusammenbringen sollte. Die Besucherin konnte von einem Verlag geschickt worden sein, um mit Mai über dessen zu verfassende Biographie zu sprechen. Eventuell kam sie auch wegen der Volkszählung. Irgendwie sollte der alte Zeichner durch ihre Gegenwart immer jünger werden, schließlich mit ihr aufs Beilager sinken und dabei auf dem nackten Rücken der Frau eine große Tätowierung sehen: seine Zeichnung „Das Zeichen des Schlafs“ in erstaunlich guter Wiedergabe. Ein Schluß fehlte mir noch. Ich überlegte, ob es gut wäre, wenn Mai in den Armen seiner Todesfee stürbe. Vielleicht würde mir abends im Bett etwas einfallen. Nun gab es zuerst einmal Abendbrot mit der Familie. Beitragsnavigation „Wirtschaftswende Deutschland“ – Die Outtakes Werbeunterbrechung