Weil was passieren muss: Bemerkungen zum Dammbruch in Sachsen-Anhalt Von Stefan Gärtner Eine Wahrheit über politische Wahlen ist, dass die Leute Sieger mögen; das führt zu dem, was man mit Anleihen bei der Sportreportage das »Momentum« nennen kann. Wer siegt, hat recht, und eine Partei, die erst einmal bei zwanzig oder mehr Prozent liegt, kann so schlimm, so falsch nicht sein; von einer, die die Vierzig-Prozent-Marke knackt, zu schweigen. Da kann das Wahl- bzw. »Regierungsprogramm« der AfD in Sachsen-Anhalt noch so viele Forderungen enthalten, »die eklatant gegen demokratische Prinzipien verstoßen oder Grund- und Menschenrechte ignorieren« (Legal Tribune Online), gelesen hat es niemand; es reicht zu wissen, dass es gegens Schwache, Linke, Schwule geht, und im Übrigen gilt: Fahne hoch und Fidschis weg. Das und die reale Aussicht, Geschichte zu schreiben, hat Menschen, von denen es immer heißt, sie seien nicht sämtlich Neonazis, in Scharen an die Urne getrieben und eine Partei mit einem soliden neonazistischen Unterbau wählen lassen. Ein altes Haffner-Wort lautet, die Stabilität der BRD beruhe darauf, dass sie, anders als Weimar, keine »staatsablehnende Rechte« habe und dass niemand, der sich auf Hitler berufe, »auch nur die kleinste Außenseiterchance« besitze. Die Zeiten sind, wie es aussieht, vorbei, auch wenn Spitzenkandidat Siegmund bloß wie der Mann vom Autohaus auftritt, immer freundlich, immer jovial, schnell beim Du, und seine Meinung zur Singularität der Shoah interessiert, außer den volksverräterischen Eliten, natürlich ebenfalls keinen: »Das maße ich mir nicht an zu bewerten, weil ich die gesamte Menschheit nicht aufarbeiten kann und aus allen Verbrechen dieser Menschheit natürlich lernen muss.« Das ist schön gesagt und kann auch jene Identitätslinken freuen, die argwöhnen, der Singularitätskult um »Auschwitz, Majdanek und Holocaust und Pipapo« (Franz Josef Degenhardt) diene bloß Israel dazu, seinen (durch Hilfslieferungen und Bombardementswarnungen listig verschleierten) Völkermord in Gaza zu rechtfertigen. Beitragsnavigation Katz und Goldt: Sonntagnachmittags zur blöden Burgruine