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»Erst mal frei sein«

Gideon ist 17 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 6 und 13 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre »Mütersöhnchen«.

Mit dieser Meinung bin ich sicherlich allein, aber ich finde, Kontaktabbruch sollte immer nur die Ultima Ratio sein. So bin ich erzogen worden und nach diesem Credo lebe ich. Häufig habe ich es daher noch nicht zum Äußersten kommen lassen. Der letzte Bruch war mit unserem Familienhund. Wir haben keinen Kontakt mehr, seit er vor neun Jahren als Welpe auf den handgeknüpften Perserteppich im Gästezimmer gepinkelt hat.

Nun musste ich bei Gideon die zwischenmenschliche Notbremse ziehen. Es war nicht das erste Mal, dass ich mit dem Gedanken gespielt habe, den Kontakt zu meinem ältesten Sohn abzubrechen. Als er letztes Jahr aus seinem Frankreichurlaub zurückgekehrt war und er mir keine Macarons mitgebracht hatte, habe ich ihn sogar bei WhatsApp blockiert. Und als neulich bei einer seiner Weinverkostungen ein Glas zerbrochen ist, habe ich mal getestet, wie es sich anfühlt, ihn über mehrere Wochen zu ignorieren. Fazit: gut.

»Ich werde nicht mehr in der Schule erscheinen«, war dann jedoch ein Satz, der für mich eine Grenze erreichte. Nicht falsch verstehen: Von mir aus muss man nicht immer alles durchziehen. Ich bin das beste Beispiel. Ich habe weder meine Ehe durchgezogen noch die Erziehung meiner beiden ältesten Söhne. Ich bin normalerweise auch sehr tolerant. Das haben mir schon viele Leute bestätigt. Zuletzt ein Polizist, den ich neulich am Rande einer Demonstration gefragt habe, was denn hier los sei. Er hatte wenig Toleranz gegenüber den Menschen, die gegen Friedrich Merz demonstrierten, mir waren sie egal.

Aber ein paar Wochen vor den Abiturprüfungen die Schule abbrechen? Um ein Sabbatical in Berlin zu machen? Das ist meiner Meinung nach der ultimative Beweis dafür, dass Gideon keine guten Entscheidungen treffen kann. Und ich möchte nichts mit Leuten zu tun haben, die keine guten Entscheidungen treffen können. Deshalb steht auch aktuell die Beziehung zu meinem Lebensgefährten, dem Mentalisten Stefan, stark auf der Kippe. Er könnte es ganz einfach ändern, indem er aufhört, im Restaurant Vanilla Coke zu bestellen. Aber das ist ein anderes Thema.

Was genau Gideon in Berlin machen wolle, wusste er selbst noch nicht genau: »Erst mal frei sein.« Die Schule ersticke seine Kreativität. »Ich ziehe zu Roland in die WG«, sagte er. Roland habe er erst letzte Woche bei einer Faschingsparty kennengelernt. Roland sei als Karl Marx verkleidet gewesen und Gideon als Friedrich Engels. So seien die beiden ins Gespräch gekommen.

Wenn die beiden unbedingt zusammenwohnen wollen, dann natürlich in Berlin, denke ich. Karl Marx und Friedrich Engels kann ich mir nicht in einer WG in Paderborn vorstellen. Meine einzigen Bedenken sind, dass Gideon noch nicht volljährig ist. Wie reagiere ich, wenn das Jugendamt anklopft und mir vorwirft, meiner Aufsichtspflicht nicht nachzugehen? Tue ich so, als würde ich Gideon nicht kennen? Verleugne ich ihn? Ja, natürlich! Denn wir haben keinen Kontakt mehr.