Mental Load »Wie machen das denn andere Kinder?« Thorben ist 5 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 13 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre »Mütersöhnchen«. Ich habe noch keinen Fünfjährigen kennengelernt, der so belastbar ist wie mein Sohn Thorben. Es ist beeindruckend, wie er es schafft, jeden Vormittag in die Kita zu gehen, und anschließend noch seinen Tiktok-Kanal und den Nebenjob als Wahrsager unter einen Hut bekommt. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass es daran liegt, dass Thorben der Sohn eines Mentalisten ist. Dabei ist es ganz logisch: Mentalisten haben übernatürliche Fähigkeiten und können daher ganz einfach Dinge unter einem Hut verschwinden lassen. Ich war mir so sicher, dass Thorben unter Mental Load leidet. Heutzutage sagt man »Ich habe Mental Load«, wenn man sich psychisch überfordert fühlt. Ich bin wie Thorben ziemlich strapazierfähig. Das beweisen die vielen Chorauftritte von Gideon, die ich ertragen habe, ohne zu schreien. Trotzdem ist es mir nicht unangenehm, zuzugeben, dass auch ich mal Gideon und Henry wegen Mental Load nicht von der Schule abgeholt habe. Es ist ganz typisch, dass Frauen im Alltag mehr mentale Arbeit übernehmen als Männer. Auch bei mir war das so. Es hat viel Mental Load erfordert, meine Affäre mit dem Mentalisten Stefan vor meinem Exmann geheim zu halten. Das Wiedersehen mit Stefan habe ich mir oft ausgemalt. Schließlich war es noch überwältigender als gedacht, als ich eines Morgens nichtsahnend die Garage entrümpelte und meine Ex-Affäre im Fußraum meines Autos vorfand. »Du kannst mich sehen?« fragte er nur, bevor er mich fest an sich drückte. Die ganze Sache, dass Europol hinter ihm her sei – anscheinend nur ein Missverständnis, ein Defekt in seinen Zukunftsvisionen. Ich kann das nicht beurteilen, da mich Technik nicht interessiert. So sehr ich mich auch über seine Rückkehr freue: Ich vermutete, dass Thorben wegen seines Vaters psychisch überlastet war. Stefan kann sehr vereinnahmend sein. Manchmal ist er schon vor dem Frühstück beleidigt, weil man sich nicht von ihm die Zukunft aus seiner ausgespuckten Zahnpasta hat lesen lassen. Deshalb putze ich mir morgens nicht mehr die Zähne. Bei Thorben kommt hinzu, dass Stefan sich als sein Mentor versteht. Ständig will er mit ihm üben. Ich habe Thorben neulich gefragt, ob es ihm denn nichts ausmache, dass er zu Hause nicht entspannen könne. Als Elternkolumnistin kann ich immerhin ein Lied davon singen, wie es ist, die Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Und zwar kein schönes, sondern eines von Gideons selbstgeschriebenen. Thorben schien gar nicht zu verstehen, was ich meinte: »Wie machen das denn andere Kinder?« In diesem Moment verstand ich, warum Mental Load für Thorben kein Thema ist. Er kann sie verschwinden lassen. Ich habe Stefan immer darum beneidet, dass er keinen Stress mit Umsatzsteuervoranmeldungen hat. Das liegt daran, dass er durch ein Medium Kontakt zu einer Mitarbeiterin im Finanzamt aufgenommen hat, die ihm mitgeteilt hat, dass er keine Steuern zahlen müsse. Vielleicht hat es auch etwas Gutes, dass Stefan seinen Sohn so fordert. Beitragsnavigation Premiumdenker der Gegenwart Der Fall Gelbhaar und die Unschuldsvermutung